Westmächte im Transkaukasus (1918-1920)


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Oktoberrevolution und westliche Erdölinteressen

2. Die Friedensverhandlungen von Batum

3. Deutsche Interessen in Georgien und die Unabhängigkeit der Region

4. Der Vertrag von Batum und die junge Republik Armenien

5. Britische Intervention

6. Hoffnung auf Freiheit für Armenien

7. Die Konferenz von Paris

8. Die politische und wirtschaftliche Situation Armeniens 1918-1919

9. Die Konferenzen von London und San Remo

10. Die letzten Monate der Autonomie

Zusammenfassung

Literatur

Einleitung

Die Südflanke der ehemaligen Sowjetunion ist eine alte, geschichtlich gewachsene Konfliktregion. Hier kreuzten sich bereits vor Jahrhunderten türkische, persische und russische Interessen. Nachdem sich Russland im Verlauf des 19. Jahrhunderts Mittelasien einverleibt hatte wuchs die Rivalität mit dem englischen Kolonialreich um den Export von Baumwolle und später um das Erdöl. Erdöl, das in der Region Baku bereits seit alters her bekannt war und in bescheidenem Umfang im Wesentlichen als Beleuchtungs- und Brennstoff diente, wurde für Russland erst nach dem Ende des Krim-Krieges, also nach 1856, von immer größerer wirtschaftlicher Bedeutung. Das Krim-Debakel offenbarte schonungslos die Rückständigkeit Russlands in Verwaltung, Wirtschaft und Armee, die Modernisierung des Zarenreichs wurde unausweichlich. Die Industrialisierung verwandelte Russland in ein Treibhaus des Kapitalismus. Zu dem rasanten Umbau der russischen Wirtschaft trugen wesentlich Kapitalimporte – insbesondere privates Aktienkapital und Anleihen, sowie Erlöse aus Agrarexporten bei. Größter Kapitalexporteur war Frankreich, gefolgt von Großbritannien, Deutschland und Belgien. Die russische Regierung erkannte schnell die Bedeutung des Erdöls für den Staatshaushalt. Das aus dem Erdöl gewonnene Petroleum war als Lampenöl begehrt. Ein riesiger Binnen und Exportmarkt stand bereit. Die Petroleumlampe hatte in Russland und Europa wie auch in den USA zu einer Umwälzung im öffentlichen und privaten Leben geführt, durchaus z. B. mit der des Kühlschranks vergleichbar. Bereits 1873 gab es in Baku nicht weniger als 23 Raffinerien. Größtes Problem für den Absatz der Produkte war jedoch die fehlende Anbindung Bakus an den südrussischen Markt und den Welthandel.

Mit der transkaspischen Bahnlinie wurde die Verbindung zwischen Baku und Batumi am Schwarzen Meer geschaffen. Sie war nicht nur von großer wirtschaftlicher Bedeutung – ab 1906 noch verstärkt durch eine parallel verlaufende Erdölleitung – sie verstärkte auch den russischen Einfluss in Aserbeidschan und besaß zugleich militärische Bedeutung. Russland hatte hier nicht nur das Osmanische und Iranische Reich zum

Gegner, zugleich wuchs auch seit der weitgehenden Annexion von Mittelasien im Jahre 1864 die Rivalität mit England. Mit der Bahnlinie kam auch die Stunde des Einstiegs für Banken und Konzerne in das Ölgeschäft. Russland wurde zwischen 1898 und 1901 kurzzeitig, beherrscht von westeuropäischem Kapital, zum größten Ölzentrum der Erde. Öl wurde wirtschaftlich und militärisch immer wichtiger, vor allem als Treibstoff für die Kriegsflotten der Großmächte. Um die Rohstoffbeschaffung für die englische Kriegsflotte sicherstellen zu können, kaufte der Royal-Dutch-Shell Konzern 1912 die Besitzungen des französischen Bankiers Rothschild am Kaspischen Meer. Damit hatte englisches Kapital die Vorhand in diesem Gebiet.[1] Im Verlauf dieser Arbeit soll das europäische und insbesondere das britische Interesse an den Gebieten des Transkaukasus betrachtet werden. Von besonderem Interesse sind dabei die Gebiete Armeniens und Aserbaidschans inklusive der Region um Berg-Karabach, da die reichhaltigen Ölvorkommen dieser Region für alle Großmächte, die Mächte der Entente, Russland und die Türkei von großer ökonomischer aber auch militärischer Bedeutung waren.

1. Die Oktoberrevolution und westliche Erdölinteressen

Bis zum Jahre 1915 hatten armenische Freiwilligeneinheiten in der Armee des russischen Zaren gekämpft. Diskussionen unter den Armeniern um den Wunsch einer eigenen nationalen Identität führten dann zur Unterdrückung dieser politischen Ziele und zur Auflösung der Spezialeinheiten und ihrer Integration in das reguläre russische Regiment. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1916 konnte die zaristische Armee die wichtigsten Städte Armeniens, Erzerum im Westen, Trapesunt (heute Trabzon, Anm. d. Verf.) im Osten und Erzincan (beide heutige Türkei) erobern. Nach der Oktoberrevolution von 1917 entstand eine neue Situation. Im Transkaukasus wurde die Revolution willkommen geheißen. Unter Georgiern stand der menschewikische Bolschewismus hoch im Kurs und einige der gebildeten Tartaren des südöstlichen Transkaukasus schlossen sich der „Gleichheitspartei“ an. Auch in Baku und Tiflis fand der Bolschewismus Unterstützung, im Rest des Landes hingegen weniger.[2] England unterstützte zur Wahrung seiner Interessen am kaspischen Öl den antibolschewikischen Widerstand in Russland. Bereits 1916 hatten England und Frankreich in einem Geheimabkommen ihre Interessensphären abgegrenzt. Danach gehörten der gesamte Kaukasus und der transkaspische Raum zum englischen Einflussgebiet. Dementsprechend hatte England bereits mit dem Ausbruch der Oktoberrevolution das angrenzende Persien besetzt um seine strategischen Interessen zu sichern.[3] Auch Deutschland unternahm noch kurz vor der Niederlage im Ersten Weltkrieg einen ersten Anlauf um Zugang zu den Bodenschätzen und dem Erdöl Transkaukasiens zu erhalten. Und zwar über den Weg als Protektoratsmacht des unabhängigen Georgiens. In einem Geheimabkommen zwischen England und Russland hatten sich beide Seiten im Jahre 1916 darauf verständigt, dass im Falle eines Sieges der Alliierten die meisten Gebiete Türkisch-Armeniens unter russische Administration kommen sollten und Russland plante die Besetzung des Landes durch Siedler. Nach der Oktoberrevolution war dieses Abkommen obsolet, die Ansiedlung russischer Arbeiter und Soldaten wurde jedoch in die Tat umgesetzt. In Tiflis herrschten nun die Menschewiken, in Baku die Bolschwiken unter ihrem Führer Stepan Shahumian.[4] Im Gebiet des Transkaukasus wurde ein Komitee, bekannt als der Ozakom, eingerichtet, der wiederum eine liberale Regierung in Türkisch-Armenien einsetzte. Die Provinzen des Sees Van, Erzerum, Bitlis und Trapesunt wurden von einheimischen Armeniern verwaltet, was der Bevölkerung als Hoffnungslicht nach der ottomanischen Unterdrückung erschienen sein muss. Die türkische Armee gab sich hingegen nicht geschlagen und konnte Moush und Bitlis zurückerobern. Im Frühjahr 1917 versuchte die Übergangsregierung die Schwierigkeiten an der kaukasischen Front zu lösen, indem sie russische durch armenische Soldaten ersetzte und in sie die Hoffnung setzte, der Kampf um das eigene Land könne ihre Stärke potenzieren. Nach der Ankunft in Baku verweigerten die armenischen Soldaten jedoch die Weiterfahrt. Sowohl die zentrale Übergangsregierung in Moskau als auch die transkaukasische Lokalverwaltung, der vorgeworfen wurde sie sei weder repräsentativ noch effektiv, befanden sich nun in einer ernsten Lage. Zwei Versammlungen im Oktober 1917 zeigten, dass die armenische und die bolschewikische Seite begannen auseinander zu fallen. Der Regionalkongress der kaukasisch-bolschewikischen Organisationen verlangte lokale Selbstbestimmung aber verweigerte eine Trennung von Russland. Der armenische Nationalkongress traf sich in Tiflis. Der Kongress war ein provisorisches Parlament, bestehend aus 200 Delegierten, die auf einer repräsentativen Basis ermittelt worden waren und der alle Armenier in russischen Gebieten vertrat. Der Kongress beschäftigte sich mit Fragen über die Möglichkeiten eine Demokratie zu errichten und Wahlen abzuhalten, sowie über ein autonomes Armenien und die möglichen Grenzen. Der Kongress verabschiedete die Gründung einer Nationalversammlung als Legislative für alle russischen Armenier und eines Nationalkonzils, welches als Exekutive fungieren sollte, falls die bestehenden politischen Verhältnisse drohten zusammen zu brechen. Nach der Revolution verhielten die transkaukasischen Gebiete sich abwartend. Die Bolschewiken waren nur eine Minderheit und die Mehrheit der Armenier wollte sich ihnen nicht anschließen, andererseits hatte man Angst vor einer Trennung von Russland, hätte diese Schwäche doch die alten ottomanischen Gegner wieder auf den Plan gerufen.[5] Am 18. Dezember 1917 unterzeichneten Vertreter des Transkaukasischen Rates, einer Übergangsregierung, und der türkischen Regierung einen Waffenstillstand. Dieser hielt jedoch nicht lang, im Februar 1918 nahmen die Türken Erzindjan ein und vertrieben die Bevölkerung. Der Waffenstillstand hatte sich als nutzlos erwiesen und nun sollte die Gründung einer Nationalversammlung den Weg in den Frieden weisen. Mit dem Mandat der Nationalversammlung wurde eine Delegation zu Friedensverhandlungen nach Trapesunt geschickt. Noch am selben Tag erreichte die Nationalversammlung die Nachricht vom Brest-Litovsk-Vertrag auf den sich Deutschland und Russland geeinigt hatten und der die Übergabe der Gebiete von Kars, Adahan und Batum an die Türkei verfügte. Die Bolschewiken erhofften sich dadurch Ruhe für die Weiterführung und Durchsetzung der Revolution und einen Rückzug aus dem Krieg.[6] Noch bevor die Verhandlungen begannen fiel Erzerum an die türkischen Truppen und 120 Zivilisten wurden massakriert. Die Verhandlungen in Trapesunt gestalteten sich zäh, da die türkische Seite die armenische zur Definition ihres eigenen Status zwingen wollte. Sollten sie weiterhin als Teil Russlands bestehen, wäre der Vertrag von Brest-Litovsk zum Tragen gekommen, im Falle einer Unabhängigkeit hätte man eine leichte, ungeschützte Beute und mehr als die im Vertrag garantierten Gebiete vor sich gehabt. Als die türkische Delegation des Verhandelns leid war setzte sie ein 48-stündiges Ultimatum und Tiflis akzeptierte den Vertrag von Brest-Litovsk. Die Massaker der Türken an den Armeniern und die der Armenier an den aserbaidschanischen Tartaren gingen in unverminderter Härte weiter. Unter diesen Umständen wurde das transkaukasische Kabinett gebildet, mit dem Ziel eine Verfassung zu erlassen, Grenzen des Landes festzusetzen und den Krieg zu beenden.

2. Die Friedensverhandlungen von Batum

Am 11. Mai 1918 begannen die Friedensverhandlungen von Batum. Die transkaukasische Delegation bestand aus der absurden Anzahl von 45 bis 50 Diplomaten um die verschiedenen Nationalitäten des Landes repräsentieren zu können. Die türkische Delegation bestand aus dem Justizminister Khalil Bey und dem Kommandeur der Ostfront, Vehib Pasha. Als Zeichen, dass deutsche und türkische Interessen divergieren könnten, waren auch einige hochrangige deutsche Offiziere wie General von Lossow, Militärattaché von Konstantinopel, sowie Otto von Wesendonck, Berater in kaukasischen Angelegenheiten, mit von der Partie. Kurz nach Beginn der Verhandlungen machte Khalil Bey deutlich, dass die türkische Seite die Verträge von Brest-Litovsk nicht länger als Verhandlungsgrundlage betrachtete. Khalil Bey forderte die Gegend von Surmalu in der Provinz Yerevan bis zur Stadt Alexandropol inklusive der Eisenbahnstrecke von Kars nach Julfa. Von der Provinz Tiflis forderten sie die Umgebung von Akhalkalak und Achaltsikhe, in der der Großteil der Bevölkerung armenischer Abstammung war. Die transkaukasische Delegation schlug die Vermittlung durch die Deutschen vor, in der Hoffnung die imperialistische Gier der Türken im Zaum halten zu können, was Bey jedoch ablehnte. Am 13. Mai informierte dieser den transkaukasischen Verhandlungsführer Chkhenkeli, dass er im Angesicht des Scheiterns der Verhandlungen am kommenden Morgen seinen Truppen den Befehl zum Einmarsch in die Region Julfa geben würde. Er begründete diesen Schritt mit der drohenden Gefahr durch die Briten, die nach Nordpersien eingedrungen waren, das wahre Ziel waren jedoch die pantürkischen Pläne, die eine türkische Herrschaft von Baku bis nach Zentralasien vorsahen.[7] Als die Türken Alexandropol erreichten versuchte der armenische General Nazarbekian die Stadt bis zur abgeschlossenen

[...]


[1] Bimboes, S. 1f

[2] Walker, S. 243

[3] Rauch, S. 10ff

[4] Walker, S. 244

[5] Walker, S. 246

[6] ebd., S. 248

[7] Walker, S. 254

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Westmächte im Transkaukasus (1918-1920)
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V151732
ISBN (eBook)
9783640633715
ISBN (Buch)
9783640633944
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transkaukasus, Kaukasus, Öl, Petroleum, Armenien, Türkei, Russland, 1918, 1919, 1920, Entente, Westmächte, Georgien, Bolschewiken, Menschewiken, Batum, Baku, Lampenöl, Royal-Dutch-Shell, Shell, Konzern, Geschichte, Berg-Karabach, Karabach, Erzerum, Trapezum, Trabzon, transkaspisch, kaspisch, Shahumian, Ozakom, Brest-Litovsk-Vertrag, Kars, Adahan, Lossow, Khalil Bey, Wesendonck, Yerevan, Nazarbekian, Alexandropol, Dro, Dunsterville, Dunsterforce, Bicharakoff, Norperforce, Persian, Légion d’Orient, Allenby, Wilson, Amerika, Krieg, Guerilla, Curzon
Arbeit zitieren
MA Guido Maiwald (Autor), 2003, Westmächte im Transkaukasus (1918-1920), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151732

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