Der Westen gegen den Rest - Huntingtons Dichotomie auf dem Prüfstand


Seminararbeit, 2000
31 Seiten, Note: noch sehr gut (1,3)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. “The West and the Rest” Huntingtons Zweiteilung auf einen Blick
1. Die ausschlaggebende Bruchlinie der Makroebene
2. Die drei relevanten Streitfragen

III. Methodische Defizite

IV. Der Westen gegen den Rest zwischen Anspruch und Wirklichkeit
1. Der Westen - ein völlig homogener Akteur?
1.1 Kulturelle Dynamik
1.2 Wertedifferenzen und europäisches Selbstbewusstsein
2. Der konfuzianische Akteur
2.1 China und sein außenpolitisches Umfeld
2.2 Der Westen und China
3. Die islamische Gefahr
4. Gibt es eine konfuzianisch-islamsiche Koalition?

V. Schlussfolgerungen

VI. Anhang

VII. Literaurverzeichnis

I. Einleitung

Mit seinem in der amerikanischen Außenpolitikbibel „Foreign Affairs“ erschienenen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“ und dem später veröffentlichten Buch „The Clash of Civilizations“[1] hat Samuel P. Huntington eine große sicherheitspolitische Diskussion eröffnet. Sein Werk war der erste Versuch, die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges in ein Konfliktschema zu zwängen. Wenn es Huntingtons Absicht war, im Zuge der Diskussion in aller Munde zu sein, so hat er dies sicherlich geschafft. Nicht geschafft hat er, ein anwendbares Schema zu entwickeln, das heutige und zukünftige Konfliktszenarien erklären kann; zumindest wenn man seinen Kritikern Glauben schenkt.

Erste Verwirrungen in Deutschland entstanden durch die problematische Übersetzung des Buches, da die anglikanischen Begriffe „civilization“ und „culture“ nicht ihrem deutschen Pendant „Zivilisation“ und „Kultur“ entsprechen. Mit Umschreibungen wie Hochkultur, Zivilisation, Kulturkreise, usw. wurde der Schlüsselbegriff des Werkes „civilization“ nicht immer glücklich übersetzt.[2] Die Übersetzungsprobleme sind jedoch nicht primär ursächlich für die kontroverse Diskussion, die der „Kampf der Kulturen“ entfacht hat. Vielmehr erwies sich die Theorie selbst als Stein des Anstoßes.

Ziel dieses Aufsatzes ist es, eine der Kernthesen der Kulturknall-Theorie, die Dichotomie des „Westens gegen den Rest“, auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Dieses Kapitel bildet das Herzstück und ist somit von besonderer Bedeutung für die Bewertung der Theorie als Ganzes. Einleitend werde ich die Huntington’sche Argumentation im Kapitel „Der Westen gegen den Rest“ vorstellen. Dabei wird die bedeutendste zivilisatorische Bruchlinie skizziert und die drei relevanten Streitfragen dargestellt. Unter der Unterschrift „Methodische Defizite“ beleuchte ich Huntingtons unzulängliches Forschungsvorgehen näher. Die größte Bedeutung wird im Folgenden der Falsifikation von Einzelaussagen beigemessen, die der Validitätsprüfung des ganzen Kapitels dient. Insbesondere soll geklärt werden, ob die neuen „Schreckgespenster“ der westlichen Welt, der Islam und der „Konfuzianismus“ (was immer das sein mag) zurecht zu den neuen Feinden des Westens erklärt wurden.

Besondere Beachtung finden im Rahmen dieses Aufsatzes die Kritikansätze von Harald Müller, Leiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), der sich zumindest in Deutschland als hartnäckiger Kritiker Huntingtons profiliert hat.

II. “The West and the Rest” Huntingtons Zweiteilung auf einen Blick

1. Die ausschlaggebende Bruchlinie der Makroebene

Im vierten Kapitel seines Buches unterscheidet Huntington Streitfragen und Konflikte auf der Mikroebene von solchen auf der Makroebene. Der Islam ist auf der Mikroebene durch seine „blutigen Grenzen“ der dominante Akteur, wohingegen die Dichotomie des Westens gegen den Rest auf der Makroebene den Kampf der Kulturen dominieren wird.

Nach der Huntington’schen Auffassung ist die Verteilung des globalen Einflusses ein Nullsummenspiel, in dem der Westen mit seinem Kernstaat USA in jüngster Zeit mehr und mehr an Anteilen verliert. Der entstehende Konflikt zwischen dem Rest der Welt und dem westlichen Kulturhegemon wird verstärkt durch dessen ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, das zu einem beträchtlichen Teil durch den Sieg der „freien Welt“ im Kalten Krieg entstanden ist. Westlicher Universalismus und Kulturimperialismus sind die Schlagworte des Widerstandes, der sich in den -mit liberaler Demokratie, freien Märkten, Menschenrechten, Individualismus und Rechtstaatlichkeit- zu bekehrenden Kulturkreisen regt.[3]

Die westliche Kultur ist mit einer auf Seiten des Rests prädominaten Koalition zwischen dem Islam und dem konfuzianischen China konfrontiert, die sich anschickt, einen Gegenpol zur Hegemonie des Westens zu bilden.[4] Die Staaten Lateinamerikas und Afrikas befinden sich in einem speziellen Einflussbereich des Westens:

Lateinamerika ist inzwischen soweit domestiziert, dass sich Huntington nicht sicher ist, ob hier noch eine eigene Kultur vorliegt, oder ob das christlich-westliche System bereits adaptiert worden ist. Desweiteren ist diese Region -und vor allem auch Afrika- in einer wirtschaftlichen Dependenzposition, so dass in den Beziehungen zu diesen Gebieten keine großen Konfliktlinien zu erwarten sind.

Andere wichtigen Regionalmächte wie z.B. Russland[5], Japan und Indien sind nach der dichotomen Theorie Pendlerstaaten, die von den beiden Polen hin und her gerissen werden, sich aber in der entscheidenden Zeit zu einem der beiden Zentren hin orientieren werden.

Thematisch gründet die Konfrontation auf der unterschiedlichen Auffassung bezüglich dreier Streitfragen. Differenzen im Bereich der Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen und dem Versuch Demokratie und Menschenrechte westlicher Prägung in andere Länder zu transplantieren sowie die für den Westen ungünstigen demographischen Veränderungen führen zu der besagten Konstellation.[6] Im Folgenden werden die Kernpunkte dieser Streitfragen kurz dargelegt.

Schaubild 1[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Die drei relevanten Streitfragen

Die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen als erste der drei Streitfragen ist im interkulturellen Konfliktgeschehen von größter Wichtigkeit, da der quantitative Vorteil des Westens in diesem Bereich einen zentralen Bestandteil seiner Hegemoniestellung ausmacht. Aufgrund der zeit- und kostenintensiven Entwicklung von konventionellen Waffenpotentialen wird der Westen und insbesondere die USA hier ihre Vormachtstellung kurz- und mittelfristig nicht verlieren. Die mit den Vereinigten Staaten konkurrierenden Nationen verfolgen demnach das Ziel, die egalisierenden Nuklearkapazitäten zu erlangen oder die eigenen Bestände an atomaren Waffen aufzustocken. Dieser rüstungspolitische Paradigmenwechsel wurde in der Folge des Golfkriegs ersichtlich: Hätte der Irak mit seiner Invasion in Kuwait gewartet, bis er in Besitz von Atomwaffen gewesen wäre, so hätten die USA und ihre westlichen Alliierten diesen Krieg sicherlich nicht in der geschehenen Art und Weise führen können, und der Irak wäre wohl heute im Besitz der kuwaitischen Ölfelder.

Ein hoher indischer Militär leitete daraufhin die klare Regel ab:

Führe nicht Krieg mit den USA, wenn du keine Kernwaffen hast.[8]

Diese Stellungnahme beschreibt anschaulich die veränderte Funktion von Nuklearwaffen in der Welt nach dem Kalten Krieg. Sie dienen Staaten und kulturellen Allianzen, um sich gegen den militärischen Einfluss der USA zu immunisieren. Der fortschreitende Machtverlust des Westens soll durch eine weltweit limitierte Verbreitung eingedämmt oder zumindest verlangsamt werden.

Um eine extensive Verbreitung ist der Westen im Bereich der Demokratie und Menschenrechte bemüht. Euphorisch vom Sieg im Kalten Krieg, wurde die Eindämmungspolitik gegenüber dem Kommunismus verworfen und die Förderung des weltweiten Sieges der Demokratie ganz oben auf den außenpolitischen Zielekatalog gesetzt.[9] Gegen den christlichen Werteimperialismus wendete sich vor allem die asiatisch-islamische Koalition : Die Terminologien „islamische Resurgenz“ und „asiatische Affirmation“ avancierten zu den Leitbegriffen des Widerstandes.

Das „Ende der Geschichte“ in der Form einer demokratischen Welt wurde und wird durch den schon beschriebenen relativen Machtverlust und die dadurch bedingte Verringerung der politischen Druckmittel verhindert.

Zwei Gründe sind für die westliche Hilflosigkeit maßgebend:

Zum einen wollen die Unternehmen im eigenen Land ihre Handels- sowie

Investitionsaktivitäten auf die Wachstumsregionen ausweiten und setzen somit ihre jeweilige

Landesregierung unter Druck, die Wirtschaftsbeziehungen nicht zu belasten.

Zum anderen beschreibt Huntington eine Solidarität der asiatisch-islamischen Länder untereinander, die in gegenseitiger Hilfeleistung bezüglich der Probleme mit dem Westen zum Tragen kommt.

Das eigentliche Ziel der Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten ist momentan nicht im gewollten Umfang durchsetzbar, woraufhin nach Huntingtons Ansicht eine konfliktreiche Streitfrage zwischen dem Westen und seinem asiatisch-islamischen Opponenten prognostiziert werden kann.[10]

Samuel Huntingtons dritte und letzte große interkulturelle Konfliktlinie betrifft aus europäischer Betrachtung die muslimischen und aus Sicht der USA die hispanischen Einwanderer. Vergleichbar mit dem Prozess einer feindlichen Übernahme in der Wirtschaft, erfolgt die Verschiebung der Bevölkerungsanteile langsam und schrittweise, bis schließlich die originäre Heimkultur enteignet wird.

Ernsthaft wahrgenommen wurde diese Gefahr erst mit einem einwanderungspolitischen Paradigmenwechsel Ende der 80er Jahre. Die einst immigrationsfreundliche Politik der USA und Europas wurde durch eine deutlich restriktivere substituiert. Äußerlicher Anlass der Neuorientierung waren zum einen die vornehmlich in Europa immer defizitärer werdenden Sozialsysteme und zum anderen eine erschwerte Arbeitsmarktsituation mit einer gestiegenen Arbeitslosigkeit und der gängigen Begründung, dass die Einwanderer ursächlich für die eigene Erwerbslosigkeit seien.

Europa läuft Gefahr, seine westliche Substanz durch eine islamischen Immigrationswelle vor allem aus den Ländern Nordafrikas und der Türkei zu verlieren. Die Versuche, die Türken in Deutschland und die Algerier in Frankreich zu integrieren, sind Musterbeispiele, um den drohenden Substanzverlust zu verdeutlichen.

Die politischen Folgen sind deutlich an verschiedenen Kommunal- und Landeswahlergebnissen abzulesen: Die Republikaner in Deutschland, die Nationale Front in Frankreich, die Freiheitlichen in Österreich, der Flämische Block und die Nationale Front in Belgien und weitere europäische Parteien des rechten Spektrums erregten mit teilweise enormen Stimmenzuwächsen Aufsehen, indem sie die Ängste der Bevölkerung vor Einwanderung schürten und daraus Profit schlugen. Aber auch in der Politik der großen europäischen Volksparteien hat ein merklicher Protektionismus Einzug erhalten.

Nicht der Islam, sondern die Mexikaner sind das demographische Schreckgespenst der Vereinigten Staaten. Obwohl die kulturellen Unterschiede im Vergleich zum europäischen Problem hier nicht so signifikant sind, förderte das Selbstverständnis der Amerikaner als europäische Erben den gesellschaftlichen Separatismus. Politisch wurde auf das hispanische Problem ähnlich wie in Europa mit restriktiven Maßnahmen reagiert.[11]

III. Methodische Defizite

Die Kritik an Huntingtons Globalthese vom Kampf der Kulturen setzt oftmals schon an seinem methodischen Vorgehen an, dem ein Zuschneiden des empirischen Materials auf die Theorie nachgesagt wird.[12] Im Rahmen dieses Aufsatzes wird dieser Punkt nur knapp und in aller Kürze behandelt, da der analytische Schwerpunkt auf der inhaltlichen Kritik an der Huntington’schen Dichotomie des Westens gegen den Rest liegt. Die verknappte Mängeldarlegung ist jedoch aufgrund der Wichtigkeit für die weitere inhaltliche Analyse unumgänglich. Die inhaltliche Kritik wird mit Kenntnis der methodischen Defizite ungleich deutlicher und kann nur ernsthaft auf dieser Basis ansetzen.

Harald Müller stellt in einer seiner ersten Kritik am „Kampf der Kulturen“ die paradigmatische sozialwissenschaftliche Theorie vor: Sie soll sparsam sein und den Anforderungen des kritischen Rationalismus à la Karl Popper gerecht werden. Den Aspekt der Sparsamkeit hat Samuel Huntington wörtlich genommen:

Die Komplexität der Welt wird (...) soweit reduziert, dass wichtige Variablen und Faktoren, die das politische Weltgeschehen entscheidend mitbestimmen, aus dem Blick geraten. [13]

Durch diese Simplifizierung und Übergeneralisierung wird der Kampf der Kulturen zu einem Torso, der mit der Morphologie der Realität nicht mehr viel zu tun hat.

Den hohen Ansprüchen des Popper’schen Falsifikationsverfahrens wird die Theorie ebenfalls nicht gerecht, da nach der Manier von Rechtsanwälten, wie Harald Müller es treffend ausdrückt, das empirische Material der Theorie oktroyiert und nicht umgekehrt die Theorie von der Empirie deduziert wurde.

Erster Hauptkritikpunkt an Huntingtons These muss also folglich die „Simplifizierung kultureller Komplexität“[14] sein.

Was bleibt von einer solchen, bereits im methodischen Bereich defizitären Theorie übrig?

Wohl nicht mehr als ein Versuch, in einer komplexen Welt mit komplexen Problemstellungen einen auf die Bedürfnisse des verwirrten Bürgers zugeschnittenen Kompass anzubieten.

[...]


[1] Bemerkenswert ist, dass im Titel des drei Jahre später veröffentlichten Buches das Fragezeichen verschwunden ist.

[2] vgl. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 14.

[3] vgl. Samuel Huntington, 1996, S. 294-296.

[4] vgl. Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations?, in: Foreign Affairs, No. 2/1993, S. 41.

[5] In der modernen amerikanischen Politikwissenschaft wird Russland als Haupterbe der Sowjetunion üblicherweise nur noch als Regionalmacht eingestuft (vgl. hierzu auch: Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Frankfurt 1999.)

[6] vgl. Samuel Huntington, 1996, S. 294-296.

[7] Quelle: Eigene Darstellung

Informationen entnommen aus: Samuel Huntington, 1996, S.293 - 294.

[8] Samuel Huntington, 1996, S. 297.

[9] Francis Fukuyamas “End of History” ist ein Beispiel für die euphorische und siegessichere Stimmung des Westens am Anfang der 90-er Jahre, die er persönlich bis heute nicht verloren hat (vgl. „Francis Fukuyama“ auf der Quellen-CD).

[10] vgl. Samuel Huntington, 1996, S. 303 - 316.

[11] vgl. Samuel Huntington, 1996, S.316 - 330.

[12] vgl. Senghaas, Dieter: Die fixe Idee vom Kampf der Kulturen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/1997, S.217.

[13] Müller, Harald: Der Mythos vom Kampf der Kulturen, in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit, 10/1998, S. 263

[14] Thompson, Mark: Demokratische Revolution statt Kampf der Kulturen, in: Internationale Politik, 4/2000, S.47.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Westen gegen den Rest - Huntingtons Dichotomie auf dem Prüfstand
Hochschule
Universität Trier  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Pol. Theorie und Ideengeschichte (Krieg und Frieden)
Note
noch sehr gut (1,3)
Autor
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V15185
ISBN (eBook)
9783638203760
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde zwar im Rahmen eines Theorieseminars angefertigt, ist jedoch gleichermaßen im Fachteil "Internationale Beziehungen" relevant. Samuel Huntingtons "Clash of Civilizations" ist auch heute noch in aller Munde. Die Diskussion um den "Kampf der Kulturen" erlebte gerade nach dem 11. September 2001 eine neue Intensität.
Schlagworte
Westen, Rest, Huntingtons, Dichotomie, Prüfstand, Proseminar, Theorie, Ideengeschichte, Frieden)
Arbeit zitieren
Henning Meyer (Autor), 2000, Der Westen gegen den Rest - Huntingtons Dichotomie auf dem Prüfstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15185

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Westen gegen den Rest - Huntingtons Dichotomie auf dem Prüfstand


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden