Armutsbekämpfung im Rahmen der Entwicklungshilfe mit Fallbeispiel zu Äthiopien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
71 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

GLIEDERUNG:

I. Einleitung

II. Armut
II. 1. Definitionen und Bemessungstechniken bezüglich Armut
11.1.1. Definition Armut
11.1.2. Indices zur Armutsbemessung
11.2. Armut als Mangel an Kapital
11.3. Verwundbarkeit
11.3.1. Definition Verwundbarkeit

III. Entwicklungshilfe
III. 1. Definitionen und Begriffsbestimmung
111.1.1. Definition Entwicklung
111.1.2. Arbeitsdefinition Entwicklungshilfe (+ Ziele)
111.1.3. Definition Entwicklungshilfe
111.1.4. Definition ,partizipative Entwicklung’
111.1.5. Definition Hilfe zur Selbsthilfe
111.1.6. Das Konzept der Grundbedürfnisbefriedigung
111.1.7. Entwicklungshilfe als Nahrungsmittelhilfe
111.1.8. Regionalentwicklung ,von unten’
111.1.9. Definition Least Developed Countries (LLDC)
III.2. Ehrgeizige Entwicklungsziele auf dem Weg ins neue Jahrtausend
111.2.1. Die ,Millennium Declaration’ der UNO
111.2.2. Die Millenniumsziele der Vereinten Nationen
111.3. Das Aktionsprogramm 2015 der deutschen Bundesregierung
111.4. Poverty Reduction Strategy Papers (PRSP)
111.5. Entwicklungszusammenarbeit, die UN- Konferenz über Entwicklungs­finanzierung und der Konsens von Monterrey
III. 5.1. Die UN- Konferenz von Monterrey

IV. Äthiopien
IV. 1. Allgemeine Daten zu Äthiopien
IV. 2. Geomorphologie Äthiopiens
IV. 3. Klimageographie Äthiopiens
IV. 4. Landesspezifische Hintergründe zum Armutsproblem in Äthiopien
IV. 4.1. Demographische, wirtschaftliche, politische und klimatische Faktoren
IV. 4.2. Verschuldung
IV.4.3. Ausländische Hilfe
IV.5. Nicht- Regierungsorganisationen (NRO)
IV.5.1. Die Anfänge der NRO- Tätigkeiten in Äthiopien IV.5.2. Die heutige Situation der NRO: Kategorisierung und Rollenverständnis IV.5.3. Kritische Einschätzung der entwicklungsorientierten Arbeit der NRO IV.6. Fallbeispiele
IV.6.1. Ländliches Entwicklungsprojekt Alitena, Provinz Tigre IV.6.2. Staatsfarm von Uke, Nekemte IV.6.3. World Vision
IV.6.3.1. Regionales Entwicklungsprojekt: Ephrata ADP IV.6.4. Die GTZ in Äthiopien
IV. 6.5. Konzeptionelle Fragen bei Entwicklungsprojekten in der Dritten Welt

V. Schlussbemerkung

VI. Bibliographie

I. EINLEITUNG

Zwei der bedeutendsten Schlagwörter der deutschen und internationalen politischen Agenda seit den 1960er Jahren sind sowohl Armutsbekämpfung, als auch Entwicklungshilfe. Mit den sogenannten ,millennium goals’ der Vereinten Nationen, sowie der 1996 gestarteten Kölner ,HIPC- Initiative’ zum Schuldenerlass der LLDC und u.a. dem Johannesburger Gipfel zur nachhaltigen Entwicklung, rückten beide nach dem ,verlorenen Jahrzehnt’ der 1980er Jahre wieder zunehmend ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit.

Führt man sich die globale Vermögensverteilung vor Augen, so fällt der eklatante Gegensatz zwischen Armen und Reichen dieser Welt, sowohl in relativen, als auch in absoluten Zahlen auf. Das reichste Fünftel der Weltbevölkerung besitzt 80% des Weltkapitals, wohingegen der Anteil der ärmsten 20% der Weltbevölkerung lediglich 1,4% des Weltbruttosozialprodukts ausmacht (Nuscheler 1998).

Innerhalb der Entwicklungspolitik stellt Armutsbekämpfung eine überwölbende Aufgabe dar, zu welcher Maßnahmen aus allen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung (soziale Gerechtigkeit, ökologische Verträglichkeit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sowie Maßnahmen zur Förderung von ,good governance’) berücksichtigt werden müssen. Diesbezüglich sollen die sechs vom Rio- Bericht von 1977 formulierten Leitprinzipien, entlang derer sich Entwicklung entfalten soll, als Orientierungspunkt dienen, die da lauten: Gleichheit, Freiheit, Demokratie und Partizipation, Solidarität, kulturelle Verschiedenheit und gesunde Umwelt. (Nuscheler 1993: 65)

Auf ein zunehmendes Interesse innerhalb der Armuts- und Entwicklungsdebatte stieß auch die Diskussion um die sogenannten vulnerable groups’, womit sozial marginalisierte Gruppen - vor allem Frauen (Stichwort „Feminisierung der Armut“1 ) und Kinder sowie ethnische, religiöse oder andere Minderheiten gemeint sind, welche besonders stark von Armut und Unterentwicklung2 betroffen sind.

Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich mich zunächst einem theoretischen Themenkomplex widmen, beginnend mit Definitionen und Erscheinungsformen der Armut (wobei ich diesbezüglich auf die Arbeit meiner Koreferentin Anna Matern verweisen möchte), gefolgt von den Definitionen und aktuellen Konzepten der Entwicklungshilfestrategien. Es folgen sodann die Millenniumsziele der Vereinten Nationen, das Aktionsprogramm 2015 der deutschen Bundesregierung und die UN­Konferenz über Entwicklungsfinanzierung von Monterrey. Mein zweiter Hauptteil ist mit Äthiopien dem ärmsten Land der Welt gewidmet. Nach einigen landesbezogenen Zahlen und Daten skizziere ich kurz die geomorphologischen und klimageographischen Gegebenheiten Äthiopiens, bevor ich dann auf die NRO- Tätigkeiten in Äthiopien und einige Fallbeispiele zu sprechen komme.

II. ARMUT

11.1. Definitionen und Bemessungstechniken bezüglich Armut

11.1.1. Definition Armut:

Die Menschenrechtskommission der UNO definiert Armut als „a human condition characterized by the sustained or chronic deprivation of the resources, capabilities, choices, security and power necessary for the enjoyment of an adequate standard of living and other fundamental civil, cultural, economic, political and social rights.” (UNHCR 2002)

Diese facettenreiche Armutsdefinition der Vereinten Nationen basiert auf einem breit gefächerten Konzept der Armutsproblematik. Sie entspringt einem tiefgreifenden Verständnis mit materieller Armut einhergehenden Freiheitseinschränkungen und Rechtsverlusten sowie einem sozialen Abstieg bis hin zur gesellschaftlichen Marginalisierung. Neben den rein ökonomisch-finanziellen Aspekten wird auch die soziale, politische und kulturelle Komponente der Armut betont.

Zur einfacheren Klassifizierung rein materieller Armut hat die Weltbank zwei Definitionen, die der ,extremen-’ und die der ,relativen Armut’, eingeführt, welche hier kurz genannt werden sollen.

a) absolute Armut:

Der ehemalige Präsident der Weltbank, Robert McNamara, beschrieb absolute Armut in seiner Nairobi- Rede 1973, als „einen Zustand solch entwürdigender Lebensbedingungen wie Krankheit, Analphabetentum, Unterernährung und Verwahrlosung (...), dass die Opfer (...) nicht einmal die grundlegendsten menschlichen Existenzbedürfnisse befriedigen können.“ (McNamara; In: Nohlen 1993: 32)

Nach den sogenannten ,Food- Adequacy- Standards’ der Weltbank gelten die Personengruppen als absolut arm, welche mehr als 70% ihres Einkommens für die Ernährung aufwenden müssen (vgl.: Kaloriengrenze = 2250 kcal/ Pers./ Tag). (Krings 2002: 6)

Je nach Länderindikator des betreffenden Landes unterscheidet die Weltbank zwischen einer ,unteren’ und einer ,oberen’; der „<1 US$/ Tag-“ und der „<2 US$/ Tag-“ Armutsgrenze, wobei Letztere vornehmlich bei Ländern mit mittlerem Einkommen angewandt wird.

b) relative Armut:

Hauser und Neumann (1993) definieren relative Armut als ein „Mangel an Mitteln (...), die zur Sicherung des Lebensbedarfes auf dem jeweils historisch geltenden, sozialen und kulturellen, typischen Standard einer jeweiligen Gesellschaft beruht.“ (Hauser/ Neumann; In: Sautter 1993: 10)

Relative Armutsbemessungen beziehen sich im Gegensatz zu den absoluten Armutsbemessungen nicht auf die Entwicklungs-, sondern auf die Industrieländer.

c) Armutsgrenze:

Die ,International Development Agency’ definiert die Armutsgrenze folgendermaßen: „jährliches Pro- Kopf- Einkommen unter 150 US$; täglicher Kalorienverbrauch unter 2160 bis 2670 kcal (je nach Land); Lebenserwartung unter 55 Jahren; Kindersterblichkeit über 33 pro Tausend; Geburtenrate über 25 pro Tausend.“ (Nohlen 1998: 63)

II.1.2. Indices zur Armutsbemessung:

- Physical Quality of Life Index (University of Denver): gemessen werden Analphabetenrate, Säuglingssterblichkeit und Lebenserwartung.
- Human Poverty Index for Developing Countries (UNDP): gemessen werden Lebenserwartung, Analphabetentum und Unterernährung von Kleinkindern
- Human Development Index (UNDP):

Der HDI ist der derzeit wohl wichtigste Indikator zur statistischen Erfassung des Entwicklungsstandes einer Gesellschaft.

Er setzt sich aus drei verschiedenen Faktoren zusammen. Als Indikator für die Lebensdauer dient die Lebenserwartung bei Geburt, für das Wissen zu zwei Dritteln die Alphabetisierungsrate und zu einem Drittel die Schulbesuchsquote. Zur Messung des Lebensstandards hat man die reale Kaufkraft (PPP) des Pro- Kopf­Einkommens (PKE), den Prozentsatz der Menschen, die keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und sauberem Trinkwasser haben, sowie den Anteil der Unterernährten Kinder unter fünf Jahren berücksichtigt. Die Werte von 174 Staaten für diese drei Indikatoren werden auf einer Skala von 0 bis 1 projiziert, indem z. B. die niedrigste Alphabetisierungsrate 0 und die höchste 1 gesetzt wird. Der Mittelwert aus den drei auf diese Weise gefundenen Messzahlen ergibt den HDI. (Dittrich 2003)

- Gender- related Development Index (UNDP):

Um die unterschiedlichen Entwicklungschancen von Männern und Frauen besser messen und beurteilen zu können, führte das UNDP 1995 den sogenannten GDI ein, welchem genau die gleichen Berechnungen wie dem HDI zugrunde liegen, allerdings wird hier ausschließlich die Situation der Frauen berücksichtigt. Äthiopiens GDI- Wert liegt bei lediglich 0, 313 (2000), womit es den 142. Rang unter 168 bewerteten Staaten belegt (Stiftung Entwicklung und Frieden 2003: 332; nach UNDP 2002/ BMZ 2003).

II.2. Armut als Mangel an Kapital (Weltbank 2001)

Die Weltbank (2001) definiert Armut als einen Mangel an Kapital, wobei sich dieses in fünf verschiedene Kapitalarten aufgliedert.

- Humankapital besteht aus dem Wissen, den Fähigkeiten, dem Arbeitsvermögen und der Gesundheit, die einen Menschen dazu befähigen, seinen Lebensstrategien nachzugehen. Auf der Haushaltsebene ist Humankapital ein Faktor des Ausmaßes und der Qualität der gesamten zur Verfügung stehenden Arbeitskraft. Humankapital bezieht seine existenzielle Bedeutung dadurch, dass es dazu befähigt, sich jegliche andere Kapitalart zu eigen zu machen. Es ist daher notwendig, aber nicht alleine ausreichend, um eine Verbesserung der Lebensqualität zu erlangen. Dabei kann eine Akkumulation des Humankapitals sowohl direkt, als auch indirekt unterstützt werden; direkt zum Beispiel durch Verbesserung der Infrastruktur im Gesundheits- und Bildungsbereich, indirekt über die Strukturen und Prozesse, zum Beispiel durch Reformen des Gesundheits- und Bildungswesens. (DFID 1999: 2.3.1.)
- Natürliches Kapital/ Naturkapital bildet sich aus den natürlichen Ressourcenflüssen, welche zur Lebenshaltung notwendig sind (z. B.: Land, Wasser, Luftqualität, Fauna, Ausmaß und Veränderungen der Biodiversität usw.). Naturkapital ist eminent wichtig, da Gesundheit und Lebensqualität direkt von funktionierenden Ökosystemen abhängig sind. Daher besteht auch eine sehr enge wechselseitige Beziehung zwischen Naturkapital und dem Verwundbarkeitskontext. Vermehrung des Naturkapitals ist direkt zum Beispiel durch Artenerhalt möglich, indirekt über die Strukturen und Prozesse, wie zum Beispiel die Unterstützung von Marktentwicklungen, die den Wert der land- und forstwirtschaftlichen Produkte sowie denen aus der Fischerei erhöhen. (dfid 1999: 2.3.3.)
- Physisches Kapital/ Sachkapital besteht aus grundlegender Infrastruktur und Gütern für die Produktion, welche für die Lebenserhaltung notwendig sind. Dazu zählen beispielsweise Transport, Unterkunft, Wasserversorgung und sanitäre Anlagen, Energie und Zugang zu Informationen. Fehlendes oder mangelndes Sachkapital wird oft als einer der wichtigsten Faktoren der Armut gesehen, da es dazu führt, dass viel Zeit und Energie für nicht­produktive Arbeiten aufgewendet werden muss. Sachkapital kann direkt, zum Beispiel durch die Bereitstellung von Infrastruktur, gefördert und im wahrsten Sinne des Wortes ausgebaut werden, ist allerdings sowohl bei der Bereitstellung, als auch beim Erhalt sehr kostenintensiv. (dfid 1999: 2.3.4.)
- Finanzielles Kapital kann aus zwei verschiedenen Quellen bezogen werden. Zum Einen kann es sich dabei um Ersparnisse (Bargeld, Konten, Viehbestand, Schmuck) handeln, welches den Vorteil bietet, dass es frei von Abhängigkeitsbeziehungen ist. Zum Anderen kann es sich um regelmäßige Einkommen wie Lohn, Renten und andere Gelder vom Staat handeln, welche oft eine nicht allzu verlässliche Einkommensquelle darstellen und zudem mit Abhängigkeitsbeziehungen verbunden sind. Finanzkapital ist die Kapitalart, welche am vielfältigsten einsetzbar ist, da es in andere Kapitalformen umgesetzt werden, oder direkt zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen kann. Zudem kann es auch in eine weitere Kapitalart, nämlich politisches Kapital, umgewandelt werden. Bezogen auf Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung sollte die Vermehrung des Finanzkapitals im Sinne der Nachhaltigkeit allerdings nicht direkt, also durch Zuschüsse, Spenden u. ä., sondern indirekt erfolgen, indem beispielsweise die Entwicklung von Institutionen, Organisationen und Verbänden des Finanzdienstleistungsbereichs (z. B. Versicherungen, Kredite) unterstützt und gefördert werden. (DFID 1999: 2.3.5.)
- Soziales Kapital besteht aus den „sozialen Ressourcen“, welche sich Menschen zu Nutze machen, um ihre Lebenshaltungsziele zu erreichen. Dies können zum Beispiel Netzwerke sein, welche das Vertrauen und die Fähigkeiten der Menschen, zusammenzuarbeiten, verbessern. Netzwerke können sowohl vertikal (z. B. Grundbesitzer/ Pächter), als auch horizontal (zwischen Individuen mit den gleichen Interessen) angeordnet sein. Des Weiteren fällt unter Sozialkapital auch die Mitgliedschaft in Gruppen und Vertrauensbeziehungen zu anderen. Sozialkapital ist daher wichtig, weil es die Kosten der Zusammenarbeit reduziert und damit direkten Einfluss auf andere Kapitalarten ausübt: auf das Naturkapital zum Beispiel durch verbessertes Management der gemeinsamen Ressourcen, auf das Finanzkapital beispielsweise durch eine Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen oder aber auf das physische Kapital (Sachkapital) beispielsweise durch verbesserte Pflege und Instandhaltung gemeinschaftlicher Infrastruktur. Durch das Stärken örtlicher Einrichtungen und Institutionen wird eine Vermehrung des Sozialkapitals gefördert. Allerdings muss einschränkend bedacht werden, dass Sozialkapital sowohl eine positive, als auch eine negative Komponente inne hat, da Mitgliedschaften in Gruppen, Vereinen u. ä. stets auch eine verbindliche Seite hat, die zu negativen Einschränkungen führen kann. (DFID 1999: 2.3.2.) (vgl. auch: Seragedelin 1996: 6ff.)

Anfang des 21. Jahrhunderts erweiterte der Weltentwicklungsbericht die Palette der Armutserscheinungen um eine politische Dimension. Der Hauptkritikpunkt am HDI war, dass er die Menschenrechtssituation und andere politische Faktoren nicht berücksichtigte (Nohien 1998). In der Studie ,Voices of the Poor’, die erstmals für den Weltentwicklungsbericht 2000/ 2001 durchgeführt wurde (Weltbank 2001), beschreiben Arme die Hauptprobleme in dem politischen System. Häufig kommt es in Drittweltländern durch ,bad governance’ zu massiver Korruption der staatlichen Organe durch die politischen Eliten und die reiche soziale Oberschicht und münden in gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wie beispielsweise die Verweigerung eines ordentlichen Gerichtsverfahrens oder Schutz durch den Staat (Worldbank 2002). So wird auch humanitäre Hilfe oft durch korrupte staatliche Stellen unterlaufen und kommt nicht den armen Zielgruppen zugute (ebd.).

Neu ist auch das Konzept der kulturellen Armut, mit welchem der „Verlust kultureller Identität und Erosion von sinnstiftenden Traditionsbeständen“ gemeint ist (Nuscheler 1998: 19).

11.3. Verwundbarkeit

Zum Ende der 1980er/ Anfang 1990er Jahre kam mit dem Verwundbarkeitskonzept ein neuer Aspekt innerhalb der Armutsdiskussion auf, welchen ich hier nur kurz erwähnen, nicht aber näher erläutern will.

II.3.1. Definition Verwundbarkeit:

„ Vulnerability, though, is not the same as poverty. It means not lack or want, but defencelessness, insecurity, and exposure to risk, shocks and stress” (Chambers 1989: 1)

" Vulnerabilty here refers to the exposure to contigencies and stress, and difficulty in coping with them. Vulnerability has thus two sides: an external side of risks, shocks and stress to which an individual or household is subject, and an internal side which is defencelessness, meaning lack of means to cope without damaging loss.” (ebd.)

III. ENTWICKLUNGSHILFE

111.1. Definitionen, Begriffsbestimmung und Strategien

111.1.1. Definition Entwicklung:

Heister (1988) definiert Entwicklung als „Prozeß der Verbesserung ungünstiger und Erhaltung günstiger Lebenslagen der Menschen in der Dritten Welt unter besonderer Beachtung der kulturellen Lebenslagen dieser Menschen.“ (In: Bugmann 1991: 185)

„Der Kern eines Rechts auf Entwicklung setzt sich aus folgenden Rechten zusammen: das Recht auf Leben, das Recht auf ein angemessenes Minimum an Nahrung, Kleidung, Wohnraum und medizinischer Versorgung, das Recht auf ein Minimum an garantierter Sicherheit und Unverletzlichkeit der Person, das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit und das Recht auf Teilhabe (Partizipation), das zur Ausübung der anderen genannten Rechte unerlässlich ist. Wir stimmen mit denen überein, die das Recht auf Entwicklung als Kombination von bereits früher definierten Menschenrechten, verbunden mit dem Gedanken des Fortschritts und der Entwicklung der Gesellschaften und ihrer individuellen Mitglieder ansehen.“ (Unterkommission der UN- Menschenrechtskommission; zit. nach Riedel 1989: 60; in: Nuscheler 1995: 185f.)

Der Nyerere- Bericht von 19913 besagt, dass Entwicklung ein „Prozeß (ist), der es Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Selbstvertrauen zu gewinnen und ein erfülltes menschenwürdiges Leben zu führen. Entwicklung ist ein Prozeß, der die Menschen von der Angst vor Armut und Ausbeutung befreit. Sie ist der Ausweg aus politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Unterdrückung. Erst durch Entwicklung erlangt die politische Unabhängigkeit ihre eigentliche Bedeutung... Entwicklung ist daher gleichbedeutend mit wachsender individueller und kollektiver Eigenständigkeit.“ (In: Nuscheier 1995: 197)

III.1.2. Arbeitsdefinition Entwicklung:

Der normative Begriff Entwicklung wird verstanden ais kumulative Veränderung, die eine quantitative Vermehrung (z. B. von Einkommen, Nahrungsmitteln, Erwerbsquellen, Bildungseinrichtungen) und gleichzeitig eine qualitative Verbesserung (z. B. Lebensstandard, Ernährungsstand, Bildung, Gesundheit, Selbst- und Mitbestimmung) umfasst. Entwicklung als Synonym für Verbesserung.

Für einen normativen Entwicklungsbegriff ergeben sich vier allgemeine Ziele:

1. Lösung existentieller Problemlagen; dazu ist zumindest eine Stabilisierung oder gar Verbesserung der Grundbedürfnisbefriedigung erforderlich und zwar in erster Linie für jene, denen es am schlechtesten geht; d. h. eine ethisch­wertorientierte Entwicklung zeichnet sich durch Armuts- und Zielgruppenbezug aus.
2. Abbau sozialer und ökonomischer Benachteiligung und Abbau räumlicher Disparitäten.
3. Menschen müssen die Möglichkeit zur Teilnahme an
Entscheidungen und zur Teilhabe an Entwicklungsergebnissen haben.
4. Entwicklungsprozess sollte selbstbestimmt, selbsttragend und ökologisch angepasst, d. h. nachhaltig sein. (Dittrich 2003)

111.1.3. Definition Entwicklungshilfe:

Gesamtheit der Massnahmen zur Unterstützung des wirtschaftlichen Wachstums und der sozialen Entwicklung in Entwicklungsländern. Entwicklungshilfe ist bilateral, zwischen zwei Staaten, oder multilateral, über internationale Organisationen, möglich. Man unterscheidet Kapitalhilfe, technische Hilfe und Handelshilfe. (Leser, h. 1997: 174)

111.1.4. Definition „partizipative Entwicklung“:

Dieser Begriff unterstreicht die Bedeutung einer breitfundierten Beteiligung an den Produktionsprozessen und der Entscheidungsfindung, dem Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen öffentlichen Dienstleistungen und der teilhabe an den früchten der Entwicklung als Voraussetzung für einen nachhaltigen und sozial gerechten Entwicklungsprozeß. (DAC- Jahresbericht 1989: 107; in: Nuscheler 1995: 195)

111.1.5. Definition Hilfe zur Selbsthilfe:

Entwicklungsstrategischer Grundsatz, auf dessen Basis die Eigeninitiative bei den jeweiligen Zielgruppen, denen im Rahmen von Entwicklungsprojekten geholfen werden soll, vorrangig gefördert wird.

(Leser, H. 1997: 317)

111.1.6. Entwicklungshilfe als Nahrungsmittelhilfe:

Von den gesamten Nahrungsmittelzuflüssen, welche jährlich in Entwicklungsländern ankommen, macht der Anteil der Nahrungsmittelhilfe 10% aus. Diese lässt sich wiederum in drei verschiedene Formen aufgliedern:

a) Katastrophen- und Nothilfe, die rund 10% der Nahrungsmittelhilfe ausmacht;

b) Projekthilfe, die im Rahmen von konkreten Entwicklungsprojekten, z. B. food for work- Programmen, vergeben wird und 25% der Nahrungsmittelhilfe ausmacht;

c) Die Programmhilfe, zu der PL 480- Lieferungen zählen, bulk supplies, die bedürftigen Ländern kostengünstig oder sogar umsonst und ohne Auflagen zur Verfügung gestellt werden und die als eine indirekte Zahlungsbilanzhilfe angesehen werden können. Sie macht das Gros der Nahrungsmittelhilfe, etwa 65%, aus. (Nuscheler 1993: 208f.)

III.1.7. Das Konzept der Grundbedürfnisbefriedigung:

Die Befriedigung von Grundbedürfnissen kann nicht ohne inneren Strukturwandel (z. B. Agrarreformen) und ohne eine aktive Beteiligung der betroffenen Bevölkerungsgruppen erreicht werden. Die Grundbedürfnisstrategie unterscheidet sich von herkömmlichen Entwicklungsstrategien dadurch, dass sie unmittelbar bei der Zielgruppe der absolut Armen ansetzt und nicht auf die mittelbare Wirkung eines allgemeinen Wachstums vertraut, das über Ausbreitungseffekte schließlich auch die arme Mehrheit der Bevölkerung erreichen würde. Die Grundbedürfnisstrategie darf daher nicht mit einem Almosen- oder Sozialhilfekonzept verwechselt werden. Sie zielt vielmehr darauf ab, dass die Armen selbst in die Lage versetzt werden, unmittelbar und nachhaltig ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen und darüber hinaus Überschüsse zu erwirtschaften, mit denen Produktionsmittel langfristig selbst finanziert werden können. Nur durch die breite Aktivierung der Selbsthilfe ist es überhaupt möglich, wirksame Lösungen zu erreichen. (Nuscheler 1995: 186)

111.1.8. Regionalentwicklung von unten:

,Regionalentwicklung von unten’ muss sowohl moderne, als auch traditionelle Produktionsweisen in der Landwirtschaft fördern, verbunden mit dem mittelfristigen Ziel, aus dem lokalen Gewerbe heraus eine arbeitsintensive Kleinindustrie zur Herstellung von Produktionsmitteln und Gebrauchsgütern für den ländlichen Raum weiterzuentwickeln. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Zielgruppenmobilisierung zu. Ländliche Kleinindustrie soll folgenden Anforderungen gerecht werden:

- Schaffung von Arbeitsplätzen,
- Schaffung von Kaufkraft,
- Bereitstellung von Produktionsmitteln (für Landwirtschaft und Gewerbe),
- Bereitstellen von Konsumgütern des Grundbedarfs,
- Erschließung sanfter Energiequellen,
- Veredelung von agrarischen Produkten (und mineralischen Rohstoffen). (Meyns 1988;85-89)

In den meisten der extrem multiethnischen Staaten Schwarzafrikas ist die Auslegung der provinziellen Verwaltungsgliederung ungünstig für eine erfolgreiche „Regionalentwicklung von unten“: im einen Fall sind in Provinz oder Distrikt mehrere Ethnien zusammengefasst, im anderen Fall werden Ethnien durch Grenzen zerschnitten. (Bugmann 1991: 186)

111.1.9. Definition Least developed countries (LLDC):

Gruppe innerhalb der Entwicklungsländer, die laut Beschluss der Vereinten Nationen am wenigsten entwickelt sind. Die Zuordnung zu den LLDC erfolgt auf der Basis der Indikatoren „Bruttoinlandsprodukt pro Kopf“, „Anteil der industriellen Produktion am Bruttoinlandsprodukt“ und „Alphabetisierungsquote“. 1990 lebten in den 42 LLDC- Ländern 400

Millionen Menschen, was 10% der Bevölkerung in der Dritten Welt entspricht. (Leser, H. 1996: 463)

Nuscheler (1995: 115) sieht die LLDCs als eine Gruppe von Ländern, die „in allen Lebensbereichen ein Profil der ,absoluten Armut’ aufweisen, das ein Vegetieren unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen bedeutet.“ Inzwischen gibt es 47 LLDCs, deren Mehrzahl im subsaharischen Afrika liegt (Nuscheler 1998).

Bis Anfang der 1990er Jahre maßgebend für die Zuordnung zur LLDC- Gruppe war eine Kombination von drei Indikatoren:

- einem extrem niedrigen PKE, das schrittweise auf zuletzt 355 US $ angehoben wurde,
- ein Anteil der Industrieproduktion am BSP von weniger als 10%, wobei sich die Industrieproduktion auf den verarbeitenden Sektor bezog und den Bergbau nicht berücksichtigte
- eine Alphabetisierungsrate von weniger als 20% der Erwachsenen (Krings 2002: 5)

III.2. Ehrgeizige Entwicklungsziele auf dem Weg ins neue Jahrtausend

III.2.1. Die Millennium Declaration der UN

In der sogenannten „Millenium Declaration“4 formulierten die Vereinten Nationen (UN) im Rahmen der „Development Agenda“ das Ziel, bis zum Jahre 2015 die Anzahl der in absoluter Armut lebenden Menschen auf der Welt zu halbieren. („To halve, by 2015, the proportion of the world’s people (currently 22 per cent) whose income is less than one dollar a day.”)

III.2.2. Die Millenniumsziele der Vereinten Nationen

Der UN- Generalsekretär Kofi Annan präsentierte am 19. September 2001 einen ersten Bericht zur Umsetzung der Millenniumsziele für 2015 (United Nations 2001). Der 59-seitige Bericht formuliert insgesamt 8 Hauptziele und 18 Unterziele sowie 48 Indikatoren, an denen sich die Umsetzung der Millenniumsziele messen lassen soll. Das achte Hauptziel „Develop a global partnership for development“ ist neu hinzugekommen, bei anderen Zielen gab es leichte Akzentverschiebungen (vgl. www.un.org/millenniumgoals/). Die Ziele lauten:

I. Bekämpfung von extremer Armut und Hunger

> Halbierung des Anteils der extrem Armen (mit Einkommen

unter 1 US- $/ Tag)

> Halbierung des Anteils der Menschen, die an Hunger leiden

II. Verwirklichung der allgemeinen Primarschulbildung

> Sicherstellen, dass alle Jungen und Mädchen eine vollständige Grundschulbildung abschließen

III. Verwirklichung der Gleichstellung der Geschlechter

> Nachprüfbare Fortschritte auf dem weg zur

Gleichberechtigung von Mann und Frau und zur Befähigung der Frauen zur Selbstbestimmung, indem das Gefälle in der Primar- und Sekundarschulbildung von Jungen und Mädchen bis zum Jahr 2005 beseitigt wird und Geschlechterungleichheiten bis 2015 auf allen Ebenen beseitigt sind

IV. Kindersterblichkeit reduzieren

> Senkung der Sterblichkeitsraten bei Säuglingen und Kindern

unter fünf Jahren um zwei Drittel bis zum Jahr 2015

[...]


1 (Nuscheler 1995: 128)

2 Die einfachste und eingängigste Gleichung von Unterentwicklung lautet:

Unterentwicklung = Hunger + Krankheit + Unwissen (Analphabetismus). (Nuscheler 1993: 31) ^ = Kernbestand der ,absoluten Armut’

3 S. 34

4 Vgl. dazu die Homepage der Vereinten Nationen (www.un.org/millenium/sg/report/key.htm)

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Details

Titel
Armutsbekämpfung im Rahmen der Entwicklungshilfe mit Fallbeispiel zu Äthiopien
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
71
Katalognummer
V151863
ISBN (eBook)
9783640635290
ISBN (Buch)
9783640635573
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armutsbekämpfung, Entwicklungshilfe, Äthiopien, Afrika, Armut, Entwicklungszusammenarbeit
Arbeit zitieren
Jamil Claude (Autor), 2004, Armutsbekämpfung im Rahmen der Entwicklungshilfe mit Fallbeispiel zu Äthiopien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151863

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