Konfliktträchtige Kommunikation wird durch Vis-á-vis-Situationen erschwert


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Im Zuge des Kurses „The shaping of meaning in organizations“ setzte ich mich mit der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit nach der wissenssoziologischen Theorie von Berger & Luckmann (1980) auseinander. Dort wird davon ausgegangen, dass es eine Alltagswelt gibt, welche aufgrund der Gedanken und Taten eines jeden einzelnen vorhanden ist und Bestand hat. Die Wirklichkeit dieser Alltagswelt teilen wir natürlich mit Anderen. Der direkte Austausch mindestens zweier Personen, die sich gleichzeitig zur selben Zeit am selben Ort befinden nennt man Vis-à-vis-Situation. Diese ist laut Berger & Luckmann (1980) „… der Prototyp aller gesellschaftlichen Interaktionen. Jede andere Interaktionsform ist von ihr abgeleitet.“ Eine Vis-à-vis- Situation bedingt, dass alle Sinnesmodalitäten (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen) beansprucht werden (vgl. Döring, 2003).

Wer kennt nicht folgende Situation? Zuhause vor dem Fortgehen oder beim Einkaufen in der Umkleide fragt ein Freund oder eine Freundin „Sehe ich darin zu dick aus?“. Wenn das tatsächlich nicht der Fall ist, wird man natürlich sagen „Nein, das steht dir toll.“ oder ähnliches. Selbst dann ist es fraglich, ob einen das Gegenüber das glaubt, wenn es in dessen aktuellen Alltagswelt gerade so ist. Nur was tun, wenn man tatsächlich denkt, dass der- oder diejenige darin zu dick aussieht? Sagt man die Wahrheit oder hilft man sich mit einer kleinen „Notlüge“? Man will die Person ja auch nicht verletzen.

Oft fällt es uns schwer, Dinge zu sagen wie sie sind. Gerade in kritischen Kommunikationsmomenten in der Vis-á-vis-Situation werden die Tatsachen eventuell beschönigt um zB das Gegenüber zu schonen beziehungsweise auch aus Angst vor Konsequenzen für einen selbst. Das nächste Beispiel zeigt, dass es einem in einer weniger persönlichen Situation als dem Vis-à-vis womöglich leichter fällt, die Dinge beim Namen zu nennen.

Ein paar Sitzt in einem Restaurant. Die Stimmung ist eisig. Er hat ihr gerade eröffnet, dass er die Beziehung so nicht mehr weiterführen möchte. Sie versteht die Welt nicht mehr. Langsam sieht man die Wut in ihr aufsteigen. Sie schreit ihn an, wirft ihm Geschehnisse an den Kopf und bricht in Tränen aus. Er denkt sich: „Hätte ich doch besser einfach die SMS abgeschickt.“

In manchen Situationen ist es einfacher, sich auf das Gegenüber nicht direkt einzulassen. Jede Art der Kommunikation beeinflusst die Wirklichkeitskonstruktion jeder Person. Wenn man die Reaktion einer Person auf eine Information nicht oder nur eingeschränkt unmittelbar miterleben will, um selbst direkten Konsequenzen zu entgehen oder der Person Zeit zu geben, darüber nachzudenken und sich zu beruhigen, falls es etwas aufwühlendes ist, kann man auf technische Hilfsmittel wie zum Beispiel Handy oder Computer ausweichen. Es kann dabei, je nachdem wie Sender und Empfänger von Informationen interagieren, zwischen synchronen und asynchronen, also zeitversetzten, Kommunikationskanälen gewählt werden. Eine direkte Konfrontation kann dadurch verhindert oder verzögert werden, man ist in dem Moment nicht direkt mit Alltagswelt des Anderen konfrontiert. Im Folgenden soll nun betrachtet werden, ob es in konfliktträchtigen Situationen vielleicht einfacher und auch zielführender ist, sich auf Kommunikationskanäle zu konzentrieren, die weniger Sinne beanspruchen.

Als Bedingung für einen erfolgreichen Informationstransfer ist zu fordern, dass der Empfänger bzw. die Empfängerin die Informationen so erhalten soll, dass er diese in seine Alltagswirklichkeit integrieren kann. Nur wenn er bzw. sie die erhaltenen Informationen so erhält, dass sie sinngemäß aufgenommen, deren Bedeutung(en) verstanden und weiterverarbeitet werden können, wird die zukünftige Beziehung darunter nicht leiden.

Um die Rahmenbedingungen umfassend darzulegen, wird anhand von Glasl (2010, S. 17) ein sozialer Konflikt wie folgt definiert:

„Sozialer Konflikt ist eine Interaktion

- zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw.),
- wobei wenigstens ein Aktor
- eine Differenz bzw. Unvereinbarkeit im Wahrnehmen
und im Denken bzw. Vorstellen und im Fühlen
und im Wollen
- mit dem anderen Aktor (den anderen Aktoren) in der Art erlebt,
- dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will eine Beeinträchtigung
- durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolge.“

Wie oben bereits kurz erwähnt, sehe ich eine Möglichkeit, eine Konfliktsituation zu „entschärfen“ beispielsweise darin, die Kommunikationskanäle einzuschränken. Laut Berger & Luckmann (1980) ordnet jeder seine Welt und somit auch seine Wirklichkeit rund um das „Hier und Jetzt“. Durch die Kanalreduktion ist es möglich, im Gegensatz zur Vis-à-vis-Situation, das „Hier“ und eventuell sogar das „Jetzt“ - je nach verwendetem Medium - wegfallen zu lassen. Bei einem Telefonat oder einem Chat (synchrone Medien) beispielsweise stimmt mein „Jetzt“ zumindest annähernd mit dem meines Gegenübers überein, während das bei asynchronen Medien wie SMS oder Email üblicher Weise nicht der Fall ist.

Eine weitere Alternative konfliktreiche Informationen zu übermitteln könnten auch anonymisierte Umfragen (zB Meinungsforschung), Feedbackzyklen (zB 360-Grad- Feedback in Unternehmen) oder ein öffentlicher Meinungsaustausch (zB Graffiti oder Forenbeitrag mit politischen Parolen) an eine Person oder Personengruppe sein. Dadurch kann der Empfänger oder die Empfängerin die Information zwar nicht unbedingt leichter annehmen, es entfallen aber eventuelle Konsequenzen, falls der Überbringer bzw. die Überbringerin derselben Nachricht eine Einzelperson wäre. Beispielsweise bei anonymen Umfragen können die Befragten ohne Bedenken den Mut zur freien Meinungsäußerung aufbringen. Beispielsweise bei Foreneinträgen muss darauf geachtet werden, dass keine missbräuchliche Verwendung (Gesetze, Ethik, Moral) stattfindet.

[...]

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Details

Titel
Konfliktträchtige Kommunikation wird durch Vis-á-vis-Situationen erschwert
Hochschule
Fachhochschule Oberösterreich Standort Hagenberg  (Kommunikation, Wissen, Medien)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V152011
ISBN (eBook)
9783640638796
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikation, Konflikt, Vis-á-vis-Situation, face-to-face, f2f, Kommunikationskanäle
Arbeit zitieren
BA Daniela Rohrhuber (Autor), 2010, Konfliktträchtige Kommunikation wird durch Vis-á-vis-Situationen erschwert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152011

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