Deutsche im Rom der Renaissance: Anpassung oder kulturelle Eigenständigkeit?

Migration, Integration und Assimilation im Rom der Renaissance


Studienarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Präsenz von Fremdgruppen im Rom der Renaissance
2.1 Das Verhältnis von Kurie, Stadt und Fremdengruppen
2.2 Das Verhältnis von Nationalkirchen und Fremdgruppen
2.3 Bevölkerungsentwicklung und Fremdenanteil

3 Analyse des Migrationverhaltens und seiner Motive
3.1 Tätigkeit an der Kurie
3.2 Buchdruckergewerbe
3.3 Handwerk
3.4 Gastgewerbe

4 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Zeitalter von Globalisierung und Europäisierung und einer damit einhergehenden steigenden Mobilität[1] der Menschen sind Multinationalität und ethnisch- kulturelle Heterogenität unbestrittene Merkmale moderner und entwickelter Stadtgesellschaften der Gegenwart.[2] Dabei kamen vor allem im noch jungen 21. Jahrhundert Zweifel am Idealbild der multikulturellen Gesellschaft auf, die sich durch eine friedvolle Koexistenz und einem konstruktiven Miteinander der verschiedenen Kulturen auszeichnen sollte. Nicht zuletzt die ausgeprägte Sensibilität der Medien für gesellschaftliche Konflikte, wie sie z.B. den Ausschreitungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den französischen Vorstädten im Jahre 2005 zuteil wurde, entfachte in ganz Europa Debatten über Lösungsansätze zur konstruktiven Integration von Fremdgruppen in die autochthone Gesellschaft. So wie in den Ballungsgebieten unserer Tage Migranten und autochthone Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen Parallelgesellschaften leben, bei denen es sich jedoch keineswegs um „isolierte Lebenswelten“[3] handelt, lässt sich auch im Rom der Renaissance bereits eine Existenz von Mehrheitsgesellschaft und Minderheitsgesellschaft feststellen. Diese Seminararbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, inwiefern sich die Fremdgruppe der Deutschen im Rom der Renaissance, die den Überlieferungen zufolge den Großteil der ausländischen Zuwanderer darstellten, sich in der Metropole der Christenheit assimiliert und integriert hat oder eine Parallelgesellschaft bildete, die sich ihre kulturelle Eigenständigkeit bewahrte. Wegen der hervorragenden Quellenlage wurde das Thema Migration in der Renaissance gerade am Beispiel Italiens untersucht.[4] Die Präsenz der Deutschen im Rom der Renaissance geht aus zahlreichen Quellen hervor. Ihre quellenmäßige Erfassung erfolgt einerseits über die Institutionen an die sie von Berufs wegen angebunden oder eingegliedert waren (insbesondere die Mitgliederverzeichnisse der landsmannschaftlichen Bruderschaften und Überlieferungen des Vatikanischen Archivs), andererseits über das Geschäftsschriftgut der Notare, das Hinweise auf ihre Verweildauer und den Grad der Fluktuation dieser Deutschen gibt, also Rückschlüsse auf ihre Integration oder Isolation in der römischen Gesellschaft zulässt. Bei ersteren handelt es sich vor allem um Quellen, die den Archiven der Bruderschaften Santa Maria della Pietà in Campo Santo dei Teutonici e Fiamminghi (Campo Santo Teutonico) und Santa Maria dell’ Anima (Anima) zugrunde liegen. Insbesondere im Archiv des Campo Santo Teutonico befindet sich der Kernbestand der zur Diskussion stehenden und zu veröffentlichenden Quellen.[5] Die umfangreichen und mit dem Jahr 1500/01 einsetzenden Mitgliederverzeichnisse waren bis zum Jahre 2002 in nur geringen Umfang ediert und nur vereinzelt von Forschern zu speziellen Fragestellungen herangezogen worden.[6] Seither existieren mit dem Band „Confraternitas Campi Sancti de Urbe“ von Knut Schulz und Christiane Schuchard umfangreiche Auszüge der Mitgliederverzeichnisse und Statuten dieser Bruderschaft. Diese umfassen die Jahre 1500/01 bis 1536 und den für diesen Zeitraum mit Abstand größten Namensbestand von Personen aus dem deutschsprachigen Raum in Rom. Im Gegensatz zu den Quellen der Bruderschaft vom Campo Santo Teutonico gilt der Liber Confraternitatis von Santa Maria dell’ Anima schon früh als viel benutzte Quelle und nimmt einen wichtigen Platz in der Forschung ein.[7] Dieser unterschiedliche Stand der Quellenveröffentlichung und der Forschungssituation gründet sich in der ungleichen Relevanz der Mitglieder in diesen Bruderschaften für die Forschung, da sich die Aufmerksamkeit zunächst überwiegend auf die große Gruppe der gelehrten und einflussreichen Kurialen bezog, die vor allem die Anima bestimmten, während die Campo- Santo Bruderschaft die integrierende Institution vor allem der Handwerker darstellte.[8]

Vor dem Hintergrund Roms als eine seit dem frühen 15. Jahrhundert expandierende Großstadt und – spätestens nach der Überwindung einer Zeit des Schismas – wieder unbestrittenes Zentrum der Christenheit beschäftigt sich Kapitel II zunächst mit den grundsätzlichen Faktoren und Voraussetzungen der Ausstrahlungskraft, die Rom in der Renaissance auf die Menschen in ganz Europa besaß. Dabei werden insbesondere das Verhältnis von Kurie, Stadt und Fremdgruppen sowie Quellen, die Rückschlüsse auf die damalige Bevölkerungsstruktur zulassen, betrachtet. Anschließend wird in Kapitel III das Migrationverhalten der Deutschen und ihrer Motive, eine Fernwanderung nach Rom zu unternehmen, näher analysiert. Die Analyse bezieht sich vor allem auf diejenigen Quellen, die Hinweise auf ihre Verweildauer, Art und Status ihrer Präsenz sowie deren Heimatbindung liefern und so Rückschlüsse auf ihre erreichte Integration in die römische Gesellschaft bzw. deren Isolation zulassen.[9]

2 Die Präsenz von Fremdgruppen im Rom der Renaissance

Die Voraussetzungen die grundlegend dafür sind, dass Rom in der Renaissance als Anziehungspunkt für Zuwanderer aus ganz Europa gilt, sind erst seit dem frühen 15. Jahrhundert wieder gegeben. Zu dieser Zeit kehrte nicht nur das Papsttum und die Kurie nach Rom zurück (1420), sondern es fand auch das heilige Jahr von 1450 (Jubeljahr) statt, wodurch eine Pilgerreise nach Rom ein Vielfaches des herkömmlichen Ablasses „an Wert“ gewann, und den Zustrom an Pilgern zusätzlich ansteigen ließ. Auch die im Zuge des baulichen Expansionsdrangs der Renaissance Päpste neu entfachte wirtschaftliche Prosperität der Stadt verlieh dem Beinamen Roms als Metropole der Christenheit neuen Glanz.[10] Das Rückgrat der römischen Wirtschaft bildeten vornehmlich drei Gruppen, nämlich die Großhaushalte der Kardinäle und Konvente, die Kurialen sowie die Pilger und Bruderschaften, die für Fremde sowohl wichtige Bezugspersonen wie auch Konsumenten darstellten.[11]

2.1 Das Verhältnis von Kurie, Stadt und Fremdengruppen

Mit der kulturellen Bewegung der Renaissance und der Wiederentdeckung der antiken Überreste zeichnete sich ab dem frühen 16. Jahrhundert eine Stilwende in der Kunst hin zur italienischen Renaissance ab, weshalb Rom als Ort der Inspiration und Innovation eine immense Ausstrahlungskraft auf zahlreiche Künstler in ganz Europa besaß.[12] Zuvor verbreitete sich jedoch in Rom aufgrund der Internationalität der Kurie und ihrer exponierten Stellung als Zentrum der Christenheit die bewunderte flämische Kunst.[13] Aufgrund fehlender eigener Malerschaft zog die Kurie viele nordische Künstler an, die in der Tafelmalerei, beim Weben von Bildteppichen oder in der Glasmalerei tätig waren. Deutsche Künstler waren insbesondere im Devotionalienhandel als Versorger des Pilgermarktes anzutreffen, wo sie vor allem Abbilder des ablassprivilegierten Veronikatuchs verkauften.[14] Da wegen der aufwendigen Hofhaltung der Kardinäle, Botschafter und insbesondere des Papsthofes dem musikalischen Leben in Rom eine bedeutende Rolle zukam bot die Situation in der Stadt gute Verdienstmöglichkeiten auch für Instrumentenbauer und Musiker. Die päpstliche Kapelle galt als Anziehungspunkt für Musiker aus Flandern, Frankreich, Spanien und seit dem frühen 16. Jahrhundert auch Italien.[15] Da auf die Herstellung mancher Instrumentengattungen nur bestimmte europäische Regionen spezialisiert waren fand auch in diesem Bereich eine zunehmende Internationalisierung statt.[16] Durch die Lautenbautradition, die sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts im Füssener Land etablierte, genossen vor allem deutsche Lautenmacher einen außerordentlichen Ruf.[17]

Papsttum und Kurie kamen jedoch auch für ausländische Handwerker in der Stadt eine ökonomisch bedeutende Funktion zu. Aus den Überlieferungen des Vatikanischen Archivs finden sich Hunderte Belege für Arbeiten von deutschen Handwerkern die entweder unter dem Rechtstitel eines sog. „cortisanus“ – also eines der Kurie verbundenen Hofhandwerkers – oder unter Erteilung eines päpstlichen Privilegs tätig wurden.[18]

2.2 Das Verhältnis von Nationalkirchen und Fremdgruppen

Die fremdsprachigen Zuwanderer definierten sich vor allem über die Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft.[19] Über dieses Moment der Sprache kam den Nationalkirchen Roms eine zunehmend „integrative Funktion“[20] für die ausländischen Migranten zu, da sich in ihnen vor allem Ausländer zusammenfanden die in der Fremde Anschluss in Ihrer Muttersprache und eine Betgemeinschaft suchten.[21] So entwickelten sich die römischen Nationalkirchen von einfachen Pilgerhospizen zunehmend zu „einer Art ständigen nationalen Vertretung und Repräsentanz“[22]. Durch die Ausformung eines solchen Gemeinschaftsbewusstseins, das als erstes Aufkeimen der politischen Dimension „Nation“ angesehen werden kann, entstanden in den Stadtquartieren Ponte Parione und Trastevere (zwei von damals 14 römischen Stadtbezirken) zahlreiche nationale Bruderschaften und Handwerksbruderschaften, wodurch die jeweilige ethnische Gruppe ihre besondere Identität betonte.[23] Abbildung 1 zeigt die Verteilung der Bruderschaften nach Nationalitäten über die genannten Stadtquartiere. Auffällig ist dabei das Verhältnis der deutschsprachigen Bruderschaften zu den Bruderschaften der übrigen Nationen. Mit mindestens vier Institutionen – allen voran die deutschen Bruderschaften von Santa Maria dell’ Anima (siehe Abb. 1: Nr. 16) und Campo Santo Teutonico (Abb. 1: Nr. 1) – stellt die deutsche Gemeinde ein deutliches Übergewicht gegenüber allen anderen ausländischen Nationen dar.[24]

[...]


[1] 1975 gab es weltweit insgesamt 75 Millionen Migranten. Bis zum Jahre 2002 hat sich ihre Zahl verdoppelt und liegt nach UN- Schätzungen bei 150 Millionen (Heinrich, Bettina: Globalisierung, Migration, Integration, Segregation, Präambel)

[2] Vgl. Heinrich, Bettina: Globalisierung, Migration, Integration, Segregation, A. 4.

[3] Vgl. Ebenda, Präambel

[4] Vgl. Esch, Arnold: Deutsche im Rom der Renaissance, S. 263

[5] Vgl. Schulz, Knut: Confraternitas Campi Sancti de Urbe, S. 9

[6] Vgl. Ebenda, S. 23

[7] Vgl. Ebenda, S. 24

[8] Vgl. Ebenda, S. 24

[9] Vgl. Ebenda, S. 27

[10] Vgl. Schulz, Knut: Deutsche Handwerkergruppen im Rom des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, S.11

[11] Vgl. Ebenda

[12] Vgl. Rohlmann, Michael: Antigisch art Alemannico more composita., S. 103

[13] Vgl. Ebenda, S. 105

[14] Vgl. Ebenda, S. 110

[15] Vgl, Pietschmann, Klaus: Deutsche Musiker und Lautenmacher im Rom der Renaissance, S. 181

[16] Vgl. Ebenda, S. 182

[17] Vgl. Ebenda, S. 196

[18] Vgl. Schulz, Knut: Deutsche Handwerkergruppen im Rom des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, S.12

[19] Vgl. Pietschmann, Klaus: Deutsche Musiker und Lautenmacher im Rom der Renaissance, S. 185

[20] Schulz, Knut: Deutsche Handwerkergruppen im Rom des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, S.16

[21] Vgl. Pietschmann, Klaus: Deutsche Musiker und Lautenmacher im Rom der Renaissance, S. 185

[22] Ebenda, S. 186

[23] Vgl. Schulz, Knut: Deutsche Handwerkergruppen im Rom des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, S.16

[24] Vgl. Schulz, Knut: Deutsche Handwerkergruppen im Rom des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, S.12

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Deutsche im Rom der Renaissance: Anpassung oder kulturelle Eigenständigkeit?
Untertitel
Migration, Integration und Assimilation im Rom der Renaissance
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Bayerische Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Bayern und Italien im 16. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V152050
ISBN (eBook)
9783640638819
ISBN (Buch)
9783640639243
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Renaissance, Anpassung, Eigenständigkeit, Migration, Integration, Assimilation, Renaissance
Arbeit zitieren
Dipl. Betriebswirt (FH) Andreas Frech (Autor), 2010, Deutsche im Rom der Renaissance: Anpassung oder kulturelle Eigenständigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152050

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