Im Jugendstrafrecht dominiert der Erziehungsgedanke, was jedoch nicht
heißt, dass sich das Jugendstrafrecht ausschließlich auf das ,,Erziehen" konzentriert
und die generalpräventive, repressive Funktion unberücksichtigt lässt, die in der
öffentlichen Diskussion immer wieder zyklisch aufflammt. Es ist unbestritten, dass
dem ,,Jugend-strafrecht als echtem Strafrecht ganz wesentlich die Funktion
zukommt, die Werte und Normen der Gesellschaft zu bestätigen und derart den
Rechtsfrieden zu verteidigen" (Streng 2008: 9).
Darüber hinaus räumt das Jugendstrafrecht Spielräume für positive,
spezialpräventive Strategien ein, die es vor allen Dingen bei jungen und jüngeren
Straftätern zu nutzen gilt.
Inhaltsverzeichnis
1.Impuls: Aus dem Führungsbericht eines Straftäters
2. Allgemeine Angaben
2.1. Zum Erziehungsgedanken im heutigen Jugendstrafrecht
2.2. Leitprinzip: Verantwortung
2.3. Anliegen
2.4. Problemstellung
3. Theoretische Grundlagen
3.1. Kriminelles Handeln verstehen
3.2. Devianz als Ergebnis von Sozialisation?
3.3. Moralische Urteilskompetenz jugendlicher Straftäter
4. Erziehungsmaßnahme: Kompetenztraining
5. Resumé
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kriminelle Verhaltensweisen von Jugendlichen und Heranwachsenden auf Basis kriminologischer Theorien. Das Ziel besteht darin, durch ein tieferes Verständnis von mikro- und makrosozialen Einflüssen sowie Sozialisationsprozessen fundierte Ansätze für einen Lernprozess zu entwickeln, der jugendlichen Straftätern den Erwerb pro-sozialer Verhaltensweisen ermöglicht.
- Analyse der theoretischen Grundlagen kriminellen Handelns (u.a. Differentielle Kontakte, General-Strain-Theorie).
- Untersuchung der Bedeutung von Sozialisationsprozessen für deviantes Verhalten.
- Erörterung der moralischen Urteilskompetenz bei jugendlichen Straftätern.
- Konzeption eines Kompetenztrainings als erzieherische Maßnahme in der Jugendstrafanstalt.
- Reflexion über Empowerment-Prozesse und die Rolle von professionellen Betreuungsmodellen.
Auszug aus dem Buch
3.1. Kriminelles Handeln verstehen
Nach Sutherland wird jegliches Verhalten in einem Lernprozess erworben, den er wie folgt beschreibt, „[...] der Prozeß der Entwicklung kriminellen Verhaltens [...]“, ist „eine spezielle Variante eines allgemeinen Prozesses menschlicher Verhaltens-entwicklung [...]. Diesen Prozeß der Anpassung an eine aus Normen und Verhaltensgegebenheiten bestehenden Umwelt spezifiziert Sutherland als einen Lernprozeß“ (Melchert 1970: 30). Sutherland erweiterte 1947 seine primär mikrosoziologische und auf allgemeinen Lerntheorien aufbauende „Theory of differential association“. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass sich soziale Gruppen hinsichtlich des Respekts, den sie für Normen und Gesetze in einer Gesellschaft aufbringen, unterscheiden und dass der Einzelne „will tend toward or away from crime according to the cultural standards of his associates, especially his intimate one“ (Schuessler in: Sutherland 1973: xiv). Für jedes Individuum gibt es Möglichkeiten zu differentiellen Kontakten in einer Gesellschaft, „[...] d. h. Beziehungen zu konformen und kriminellen Gruppen (differentielle Kontakte) [...]“ (Pfeiffer/Scheerer 1979: 35) und je nach Vertrautheitsgrad, wird sich das Individuum entweder für oder gegen eine Gruppe entscheiden, wobei die „Effizienz der Lernprozesse [...] von Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität der differentiellen Kontakte“ (Pfeiffer/Scheerer 1979: 35) ab-hängt.
Die Theorie des differentiellen Lernens, die sich auf den Prozess der Ver-mittlung von kriminellen Verhaltensweisen konzentriert, wurde einerseits wegen ihrer Einfachheit und Unüberprüfbarkeit kritisiert (vgl. Pfeiffer/Scheerer 1979: 36), anderer-seits erfährt sie in einer jüngeren Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen empirische Bestätigung: „In allen Gruppen zeigt sich ein hoch-signifikanter Effekt der Bekanntschaft mit delinquenten Freunden. [...] Wer fünf und mehr solche Freunde hat, hat ein fünf- bis zehnmal höheres Risiko, Gewalttäter zu sein. Für russische und polnische Jugendliche gilt dieser Zusammenhang im be-sonderen Maß“ (Baier/Pfeiffer 2007: 34).
Zusammenfassung der Kapitel
1.Impuls: Aus dem Führungsbericht eines Straftäters: Ein beispielhafter Führungsbericht illustriert die Problematik eines 17-jährigen Strafgefangenen und dient als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit erzieherischen Maßnahmen.
2. Allgemeine Angaben: Dieses Kapitel erörtert den Stellenwert des Erziehungsgedankens im Jugendstrafrecht, das Leitprinzip der Verantwortung sowie die Forschungsabsichten und die zentrale Problemstellung der Arbeit.
3. Theoretische Grundlagen: Hier werden kriminologische Theorien beleuchtet, insbesondere das Entstehen kriminellen Handelns durch Lernprozesse, die Rolle der Sozialisation bei der Entstehung von Devianz und die moralische Urteilskompetenz der Betroffenen.
4. Erziehungsmaßnahme: Kompetenztraining: Auf Basis der theoretischen Erkenntnisse wird ein Konzept für ein Kompetenztraining in der Jugendstrafanstalt vorgestellt, das auf Empowerment und aktive Partizipation setzt.
5. Resumé: Die Arbeit fasst zusammen, dass trotz der Grenzen im Strafvollzug Gestaltungsspielräume für Erziehungsarbeit bestehen, die den Teufelskreis aus Stigmatisierung und Abweichung durchbrechen können.
Schlüsselwörter
Jugendstrafrecht, Erziehungsgedanke, Kriminologie, Sozialisation, Devianz, Delinquenz, moralische Urteilskompetenz, Kompetenztraining, Empowerment, Labeling-Ansatz, Prävention, Resozialisierung, Jugendstrafanstalt, Differentielle Assoziation, General-Strain-Theorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Erziehungsarbeit im Jugendstrafvollzug und untersucht, wie kriminelle Verhaltensweisen bei Jugendlichen durch theoretische Ansätze verstanden und durch pädagogische Maßnahmen wie Kompetenztraining positiv beeinflusst werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kriminologische Lerntheorie, der Einfluss von Sozialisationsprozessen auf die Persönlichkeitsentwicklung, die moralische Urteilsfähigkeit sowie die Möglichkeiten und Grenzen von erzieherischen Maßnahmen in einer Justizvollzugsanstalt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für das Zustandekommen von Delinquenz zu schaffen, um daraus wirksame Konzepte für den Erwerb pro-sozialer Verhaltensweisen und die Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse und Zusammenführung wesentlicher kriminologischer und sozialisationstheoretischer Ansätze, um daraus praktische Schlussfolgerungen für den Vollzugsalltag zu ziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, warum Jugendliche in kriminelle Karrieren rutschen, diskutiert den Zusammenhang von Stigmatisierung und abweichendem Verhalten und erarbeitet ein modulares Kompetenztraining für Strafgefangene.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendstrafrecht, Resozialisierung, Sozialisation, moralische Urteilskompetenz, Labeling-Perspektive und Empowerment.
Welche Rolle spielt das Stufenmodell von Quensel in diesem Kontext?
Das Modell wird genutzt, um den Kriminalisierungsprozess und die Gefahren einer fortschreitenden Rollenfixierung bei Jugendlichen durch Stigmatisierung innerhalb des Justizsystems zu verdeutlichen.
Warum ist das Kompetenztraining als Maßnahme so relevant?
Es dient dazu, den Jugendlichen durch Rollenspiele und aktive Partizipation neue Coping-Strategien zu vermitteln, damit sie die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und sich von traditionellen delinquenten Rollenbildern lösen können.
- Citation du texte
- Ellen M. Zitzmann (Auteur), 2010, Lernprozesse und Devianz bei jugendlichen Straftätern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152051