Phänomen Zeit - Medien als Zeittreiber?


Masterarbeit, 2010
156 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1| EINLEITUNG

2|MEDIEN – EINE HINFÜHRUNG

3|WAS IST ZEIT?
3|1 Was in einer Sekunde passiert
3|2 Das Phänomen Zeit von sechs Standpunkten aus betrachtet
3|2|1 NAIVER STANDPUNKT
3|2|2 PHYSIKALISCHER STANDPUNKT
3|2|3 PHILOSOPHISCHER STANDPUNKT
3|2|4 RELIGIÖSER STANDPUNKT – ZEIT IN DER BIBEL
3|2|5 PHYSIOLOGISCHER UND NEUROBIOLOGISCHER STANDPUNKT
3|2|5|1 Gibt es so etwas wie eine innere Uhr?
3|2|5|2 Elementare Zeitphänomene
3|2|5|2|1 Gleichzeitigkeitsschwelle
3|2|5|2|2 Ordnungsschwelle
3|2|5|2|3 Drei-Sekunden-Phänomen
3|2|5|2|4 Dauer
3|2|6 SOZIOLOGISCHER STANDPUNKT
3|3 Vorstellungen von Zeit in Gesellschaften
3|3|1 OCCASIONALES ZEITBEWUSSTSEIN
3|3|2 ZYKLISCHES ZEITBEWUSSTSEIN
3|3|3 LINEARES ZEITBEWUSSTSEIN MIT GESCHLOSSENER ZUKUNFT
3|3|4 LINEARES ZEITBEWUSSTSEIN MIT OFFENER ZUKUNFT

4| ZEIT-(BE)RECHNUNGEN
4|1 Zeit-(be)rechnungen vor dem 16. Jahrhundert (Gregorianische Kalenderreform)
4|2 Zeit-(be)rechnungen ab dem 16. Jahrhundert (Galileo Galilei und das Pendel)

5| INDIVIDUELLE ZEITPERSPEKTIVEN
5|1 Zeit bestimmen
5|2 Zeit und Charakter
5|3 Lebenstempo
5|4 Tempo
5|5 Synchronisation – Desynchronisation
5|6 Beschleunigung versus Entschleunigung
5|6|1 NATÜRLICHE GESCHWINDIGKEITSGRENZEN
5|6|2 ENTSCHLEUNIGUNGSINSELN
5|6|3 VERLANGSAMUNG ALS DYSFUNKTIONALE NEBENFOLGE
5|6|4 INTENTIONALE ENTSCHLEUNIGUNGSFORMEN
5|6|5 KULTURELLE UND STRUKTURELLE ERSTARRUNG

6| INDIVIDUALZEIT – MEDIENZEIT
6|1 Zeitliches Verfasstsein von Medien
6|2 Beschleunigung durch Medien?
6|2|1 UNBESCHLEUNIGTE PHASE
6|2|2 PHASEN DER BESCHLEUNIGUNG
6|2|2|1 Von der Räderuhr bis zur Dampfmaschine
6|2|2|2 Von der Dampfmaschine bis zum IPad™ bis zu
6|2|2|3 Medienentwicklung und deren Auswirkungen

7| DAS GEGENWART-PROBLEM
7|1 Was ist Gegenwart?
7|2 Gegenwartsschrumpfung
7|3 Zeit-Falle Gegenwart?
7|4 Zeitmanagementseminare als Lösung von Zeitnot?
7|5 Mensch – Apparate – Zeit
7|6 Medienentwicklung der Zukunft – neue Beschleunigung?
7|7 Medien und Zeit – eine unheilvolle Paarung?

8| LITERATUR:
8|1 Primärliteratur
8|2 Web-Literatur:

9| ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1| EINLEITUNG

Nur die Entwicklungen der letzten 50 Jahre, eine Zeitspanne, die die Generation 50+, wie sie im Medienbereich gerne bezeichnet wird, aktiv miterlebt und mitgestaltet hat, geschweige denn die letz- ten 100 oder gar 200 Jahre waren auf wissenschaftlichem, techni- schem, i.B. medientechnologischem und sozialem Gebiet gewaltig, die Auswirkungen auf die Gesellschaft enorm: Die vorindustrielle Gesellschaft wurde zur Industriegesellschaft und diese zur globali- sierten Informationsgesellschaft, die wohl auch gleichzeitig eine

‚Tempogesellschaft’ ist. Der international renommierte Zeitforscher

Karlheinz Geißler schreibt:

„Wir sind Hochgeschwindigkeitsmenschen geworden. Wir kommunizieren mit Lichtgeschwindigkeit, hetzen durch den All- tag und entschuldigen uns dafür mit der Formel: ‚Tut mir Leid, keine Zeit!’ Die Zeit läuft uns davon, während die Zukunft im- mer rascher auf uns zurast. [. . .] Obwohl wir keine Zeit mehr haben, brauchen wir immer mehr Zeit, um über den Zeitdruck zu klagen, zu reden oder ihn mit Hilfe von Ratgebern [. . .] zu bekämpfen.“1

Immer mehr – immer schneller … zunächst sind da die medien- technologischen Errungenschaften: Immer mehr, immer schnellere Transportsysteme für Güter, Personen und auch Informationen, neue und schnellere Möglichkeiten, die Güter in Massenproduktion herzustellen wie etwa mit Hilfe von Fließbändern und Maschinen, die selbst wieder Maschinen produzieren, immer mehr, immer schnellere und immer weitreichendere Kommunikationsmöglichkei- ten, kulminierend in der globalen Vernetzung des Internet, welches schließlich auch zu einer allgemeinen Globalisierung von Welt führ- te. Zeit wird indirekt immer mehr zu einem gesellschaftlichen The- ma, globale Zeit, Objektzeit, aber grundlegend: Zeit des Einzelnen, Subjektzeit, in einer globalen Welt. Öffentliche Diskussionen über zeitgebundene Phänomene wie Stress, ‚Jetlag’ und ähnliches sind an der Tagesordnung, vom Zeitbegriff abgeleitete Konzepte wie Effi- zienz oder Leistung bestimmen den Diskurs. Die Auseinandersetzung mit Zeit und dem Umgang mit derselben gehört offensichtlich we- sentlich mit zum ‚Zeitgeist’ einer beschleunigten Tempogesellschaft.

Die massiven medien-technologischen Veränderungen bei der Überführung von einer vorindustriellen zu einer Informationsgesell- schaft gingen auch mit einer dramatischen Veränderung sozialer Rahmenbedingungen einher, von denen einige relevant für die zeit- liche Umstrukturierung des individuellen Alltags waren. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Reduktion der Wochenarbeitszeit von weit über 60 Stunden im 19. Jahrhundert auf mittlerweile durchschnitt- lich unter 40 Stunden bei gleichzeitiger Einführung von flexiblen Ar- beitszeiten. Das Zeitverhalten, der Umgang mit Zeit hat sich auch anderweitig verändert: Die flächendeckende Einführung billiger künstlicher Beleuchtungssysteme Anfang des 20. Jahrhunderts er- laubte eine Loslösung des Tages- und Arbeitsrhythmus von Sonnenaufgang und –untergang und ermöglichte unter anderem die sys- tematische Schichtarbeit in Fabriken. Veränderungen in der Tages- und Wochenstrukturierung blieben nicht ohne weitere Konsequen- zen für die individuelle Zeitgestaltung und Zeitorganisation der Menschen; so änderte sich u.a. auch das Schlafverhalten dahinge- hend, dass noch vor etwa 100 Jahren die Menschen um durch- schnittlich 2 Stunden pro Nacht länger schliefen.2 Die durch weni- ger Schlaf und Arbeit frei werdende Zeit führte zur Entstehung von

‚Frei-Zeit’, verbunden mit den immer vielfältiger werdenden Mög- lichkeiten der Zeitverbringung und der Lebensgestaltung. Folglich entstanden neue Phänomene, z.B. die Notwendigkeit des sogen.

‚Zeitmanagements’ – der optimalen sinnvollen Nutzung der verfüg- baren Zeit. Jüngste medientechnologische Innovationen wie Funk- netze, Telebanking und Onlineshoppen rund um die Uhr verstärken zusätzlich den Trend zu weniger gebundener Zeit und hin zu mehr Mobilität.

Auch die Arbeitswelt ist zwiegespalten - auf der einen Seite werden Überstunden gemacht, auf der anderen Seite steht Massenarbeitslo- sigkeit, Arbeitszeitreduzierung und die ‚Neuentdeckung der Lang- samkeit’. Die Varianz der Lebensstile hat enorm zugenommen. Be- schleunigung erfordert Synchronisation und kämpft gleichzeitig auf Grund derer mit Desynchronisation.

Es gibt viele Lebensentwürfe und immer mehr Möglichkeiten der Le- bensgestaltung, dennoch müssen ständig wichtige Entscheidungen

unter Unsicherheit, d.h. auf vermeintlich unvollständiger Informati- onsgrundlage getroffen werden. Ein Resultat dieser ungeheuren Komplexität und Vielfalt der Optionen ist ein enormer Entschei- dungsdruck. Unsicherheit ist ein Leitmotiv der Tempogesellschaft, die auch eine Gesellschaft der Rastlosigkeit und Unstetigkeit ist.

Man könnte annehmen, dass Veränderungen in der Zeitorganisati- on und im Zeitverhalten - zusammen mit der veränderten medien- technologischen Reizsituation manifestiert in Flugreisen, Internet, Autos, schnellen Produktionsabläufen, etc. - durchaus zu einem veränderten Zeiterleben geführt haben. Es ist möglich, dass die So- zialisation zeitrelevante biologische Konstanten verändert, dass es sich beim veränderten Zeiterleben nur um eine passive Reflektion einer veränderten gesellschaftlichen Reizsituation handelt, es ist aber auch möglich, dass sich das Zeiterleben überhaupt nicht ver- ändert hat und wir einer kollektiven kognitiven Illusion unterliegen.

Gegenwärtig lässt sich die wissenschaftliche Diskussion über Ursa- chen und dementsprechend über die Bedeutung und Richtung der zukünftigen Veränderungen von Zeitvorstellungen in drei Hauptrich- tungen zusammenfassen:3

- Ökologische These: Die in den industrialisierten Gesellschaften etablierten Normen des Umgangs mit Zeit erhöhen das Tempo des Lebens bis zur Unmöglichkeit. Ein Individuum verspürt immer mehr das Bedürfnis nach Zeitfenstern ohne Hektik und Fremdbe- stimmung.
- Postmodernisierungsthese: Der Eintritt in die Postmoderne hat auch die Individualisierung von Zeitumgangsformen bewirkt. Eine verlässliche lineare Zeitplanung wird immer weniger möglich. Dasselbe gilt auch für einen bestimmten einheitlichen Zeitum- gangsstil oder zeitliche Normen.
- Globalisierungsthese: Nationale Gesellschaften besitzen weiter- hin einheitliche Zeitnormen und Zeitumgangsformen. Jedoch ist die Mobilität und der damit verbundene Normenaustausch zwi- schen den Kulturen stark angewachsen. Dadurch entstehen in bzw. zwischen vielen Ländern sogn. transnationale soziale, eben auch zeitliche, Räume.

Bei allen entstehenden Zeitkriegen4 und -konflikten, verbreitet sich das Bewusstsein, dass Zeitumgang eine nicht natürlich gegebene, sondern soziale, kulturell geformte Praktik ist. Das abweichende Verhalten bezüglich der Zeit wird folglich nicht nur durch abwei- chende Haltung der Person, sondern auch durch kulturelle Unter- schiede erklärt.

Die unerschöpfliche ‚Ordnungs’kapazität

der Massenmedien gründet in ihrem additiven ‚Stil’. Nur weil sie sich auf dem

Nullpunkt gedanklicher Durchdringung

festgesetzt haben, können sie alles geben und alles sagen,

und dies wiederum alles auf einmal.

Sie haben nur ein einziges intelligibles Element:

das ‚Und’. Mit diesem ‚Und’ lässt sich buchstäblich alles zu Nachbarn machen. So entstehen Ketten und Nachbarschaften, von denen sich kein Rationalist

und kein Ästhet etwas träumen ließe [...].

Die Medien können alles geben, weil sie den Ehrgeiz der Philosophie, das Gegebene auch zu verstehen, restlos haben fallenlassen.

Sie umfassen alles, weil sie nichts erfassen;

sie bringen alles zur Sprache und sagen über alles nichts.

Peter Sloterdijk

2| MEDIEN – EINE HINFÜHRUNG

Medien und Kultur stehen in Wechselbeziehung: Kommunikations- medien überliefern Werte und Normen einer Kultur, Kultur liefert Medieninhalte. Durch den massiven Einsatz und großen Stellenwert, welche die Kommunikationsmedien heute einnehmen, können Kul- tur und Medium nicht voneinander getrennt werden. Durch die glo- bale Vernetzung können Normen und Werte nicht mehr auf einen bestimmten Teil der Erde beschränkt werden. Es entwickeln sich Kul- turen der jeweiligen Mediennutzer.

Die Auseinandersetzung mit Medien wird durch die Tatsache er- schwert, dass es trotz intensiver Debatte und zahlreicher Definitions- versuche in den letzten Jahren keinen Konsens bezüglich des Me- dienbegriffs gibt. Dies lässt sich in erster Linie darauf zurückführen, dass der Terminus ‚Medium’ in grundverschiedenen Diskursen auf- taucht, von der Informationstheorie über die Sozialwissenschaften bis hin zu den Kulturwissenschaften.

- Elementarer Medienbegriff:

Medien als Vermittler, z.B. die Urelemente Wasser, Feuer, Erde, Luft; das Medium als übersinnliche Kraft im Sinne der Parapsychologie; in gewissem Sinne auch McLuhans Medienbegriff: Medien als technische Erweiterung und Verstärkung der menschlichen Kräfte und Sinne

- Technischer bzw. technologischer Medienbegriff:

mit welchen technischen Mitteln wird kommuniziert – Mediengeschichte als Technikgeschichte; Unterscheidung zwischen primären, sekundären, tertiären und quartiären Medien, d.h. welche Technik ist auf Sender- und Empfänger-Seite erforderlich

- Soziologischer Medienbegriff:

Medien als Massenmedien, Untersuchung der Auswirkungen von Medien auf soziale Prozesse, z.B. Meinungsbildung, Freizeitverhalten; in gewissem Sinne auch Faulstichs Medienkulturgeschichte und auch Postmans Medienökologie

- Systemischer Medienbegriff:

symbolische Medien als Möglichkeiten der Kommunikation, des Austauschs zwischen gesellschaftlichen Systemen, z.B. Parsons: Geld und Macht als Medien

Einen systemischen Medienbegriff pflegt auch die soziologische Sys- temtheorie, die die Gesellschaft selbst als autopoetisches (d.h. als auf sich selbst bezügliches und sich selbst erzeugendes) System be- greift. In ihm gilt Kommunikation als zentrale Währung, oder – noch radikaler – sie macht selbst die Kooperative aus, weil sie die Unterscheidung zwischen System und Umwelt, zwischen Selbst- und Fremdreferenz ermöglicht.5

Mediendefinition nach Winkler verlaufend über sechs Basisthesen:6

1. ‚Kommunikation’ - Medien sind Maschinen der gesellschaftlichen Vernetzung;
2. Symbolischer Charakter - von anderen Mechanismen gesellschaftlicher Vernetzung – z. B. dem Warentausch, Arbeitsteilung, Politik, Sex oder Gewalt – unterscheiden die Medien sich durch ihren symbolischen Charakter;
3. Technik - Medien sind immer technische Medien;
4. ‚Form’ und ‚Inhalt’ - Medien stülpen Kommuniziertem eine Form über;
5. Medien überwinden Raum und Zeit – die Überwindung geographischer Distanzen (Telekommunikation) ist für Medien ebenso typisch wie die Überwindung der Zeit, Aspekt von Speicherung und Traditionsbildung;
6. Medien sind unsichtbar – je selbstverständlicher wir Medien benutzen, desto mehr haben sie die Tendenz zu verschwin- den; Mediennutzung ist weitgehend unbewusst.

Der Medientheorie von Harold Adam Innis liegt folgende Hauptidee zugrunde: Gesellschaften sind schon seit ältester Zeit von bestimm- ten Medien dominiert. Zu verschiedenen Zeiten lassen sich unter- schiedliche Medien identifizieren, welche jeweils dominant waren, wie zum Beispiel Stein, Papyrus, Pergament oder Papier. Jedes Me- dium prägt durch seine Beschaffenheit in einer bestimmten Art und

Weise die Information die es übermittelt. In diesem Zusammenhang führt Innis den Begriff der Tendenz ein. Medien haben außerdem eine Tendenz, welche die Organisation und die Kontrolle der Infor- mation beeinflusst, so dass …

„…je nach seinen Eigenschaften [...] solch ein Medium sich entweder besser für die zeitliche als für die räumliche Wissens- verbreitung eignen [kann], besonders wenn es schwer, dauer- haft oder schwer zu transportieren ist, oder aber umgekehrt eher für die räumliche als für die zeitliche Wissensverbreitung taugt, besonders wenn es leicht und gut zu transportieren ist.“7

Laut Innis ist nicht die Beschaffenheit des Mediums in erster Linie für sein Charakteristikum (raumbindend oder zeitbindend) ausschlag- gebend, sondern vielmehr die Art und Weise, wie das Medium ein- gesetzt wird. Generell unterscheidet Innis zwei Arten der Kommuni- kation, welche in einer Gesellschaft anzutreffen sind.

Da Botschaften, Menschen und Waren mit gleicher Geschwindigkeit reisten, fiel die Organisation des Transportwesens mit der der Nachrichtenübermittlung weitgehend zusammen. Erst mit der Tele- graphie löst sich dieser Konnex auf.

Werner Sesnik stellt eine große Konfusion fest, wenn es um die De- finition des Wortes ‚Medien’ geht. Sesniks prägnante Formulierung lautet:

„Ein Medium ist ein institutionalisiertes System um einen orga- nisierten Kommunikationskanal von spezifischem Leistungsver- mögen mit gesellschaftlicher Dominanz.“8

Grundsätzlich lassen sich Umrisse zweier Medienbegriffe herausar- beiten:

- Medien als Vermittler von Kommunikation bzw.
- Medien als Erweiterung oder Ersatz von Körperteilen und Körperfunktionen welche ihrerseits auf den Körper zurück- wirken.

Hier wäre Paul Virilios Ansatz zu verorten, für den technische Me- dien unterschiedliche Geschwindigkeitsordnungen produzieren, welche die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit zuerst verändern, dann verhindern und schließlich ersetzen, wie er es ausdrückt. Im Zusammenhang mit dem Zeitbegriff und diesem innewohnend der Begriff der Beschleunigung, empfiehlt sich Virilios Medienbegriff für diese Arbeit vorrangig.

„Wenn das Telefon nicht klingelt

– ist es für mich.“

Elias Canetti9

3| WAS IST ZEIT?

Zeit ist etwas, das ziemlich selbstverständlich scheint, bis man über sie nachzudenken beginnt. Erste Sätze der Gestalt ‚Unsere Zeit ist li- near gedacht und bedeutet Prozess.’, formulieren sich schnell. Zeit können wir weder riechen, fühlen, noch sehen. Aber wenn wir uns damit beschäftigen, kommen wir unaufhaltsam zu dem Entschluss, dass sie existent sein muss.

„Das Rätsel Zeit fasziniert die Menschen seit jeher. Die ersten schriftlichen Zeugnisse verraten Verwirrung und Angst über das Wesen der Zeit. […] Die herkömmliche Darstellung der Zeit überlässt uns hilflos einem Chaos aus Rätsel und Widersprü- chen.“10

Nicht nur das Wesen der Zeit bereitet den Denkern Kopfzerbrechen, auch ihre Herkunft erweist sich als Problem. Warum ist etwas so Grundlegendes wie Zeit so wenig verstehbar und so schwer zu er- klären? Der Psychologe John Cohen meinte:

„Wir haben es hier mit einem tiefen Mysterium zu tun, im besten Sinne des Wortes – es liegt einerseits im Herzen menschlicher Erfahrung und andererseits in der Natur der Dinge.“11

3|1 Was in einer Sekunde passiert

In einer Sekunde …12

- … werden 24 500 Tassen Kaffee getrunken
- … kommen weltweit drei Kinder zur Welt
- … zählt die Atomuhr bis 9 192 631 770
- … führt der Höchstleistungsrechner in Garching bei München 26 Billionen Rechenoperationen durch –
dafür bräuchte ein Mensch 6 Millionen Jahre!
- … gelangen rund 800 Tonnen Treibhausgase in die Luft
- … werden weltweit rund 37 Millionen Euro für Rüstungsgüter ausgegeben
- … legt das Licht 300 000 Kilometer zurück
- … werden rund 150 000 Liter Öl gefördert
- … werden 4,5 Autos gebaut
- … gibt eine menschliche Nervenzelle 200 Impulse ab
- … werden weltweit rund 174 000 Zigaretten angezündet
- … wird im Internet ein neues Weblog eingerichtet
- … dringen bis zu 16 verschiedene Informationen in unser Bewusstsein
- … muss eine Rakete 11,4 Kilometer zurücklegen, um die Anziehungskraft der Erde zu überwinden
- … nehmen Kameras für extreme Zeitlupe 10 000 Bilder auf
- … werden 33 Minuten Video auf ‚YouTube’ gestellt

Gary Hayes hat eine ziemlich eindrucksvolle Übersicht entwi- ckelt, was in ‚Real Time’ alles im Bereich der Social Media passiert: neue Blog-Posts, Tweets, YouTube-Views, Google- Searches u.v.m. Die Ansicht kann in Sekunden, Tagen, Mona- ten und Jahren eingestellt werden. Dabei stützt Hayes sich auf die Daten der jeweiligen Anbieter und fasst diese in einer Ani- mation zusammen.13

3|2 Das Phänomen Zeit von sechs Standpunkten aus betrachtet:

3|2|1 naiver Standpunkt

Zeit als etwas Naturgegebenes.

Zeithorizonte, also die Ausweitung des gegenwärtigen Han- delns um die Vergangenheits- und Zukunftsperspektive, sind unerlässlich für Handlungsorientierungen; sie entziehen sich jedoch der individuellen Verfügbarkeit, da Zeit jedem einzelnen gleichsam als etwas ‚Naturgegebenes’ gegenübertritt.14

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.“15

Zeit hat einige markante Eigenschaften:

- Zeit ist nicht speicherbar: In unseren Computern können wir riesige Datenmengen speichern, die zu einem späteren Zeit- punkt beliebig abrufbar sind. Bei der Zeit geht das nicht. Ungenützte Zeit ist unwiederbringlich verloren.

zit. auf: http://www.phaenomen.de/deutsch/screen.html [17.01.2010]

- Zeit ist nicht verleihbar: Mehl und Milch können wir uns von der Nachbarin borgen und irgendwann zurückbringen; mit der Zeit geht das nicht.
- Jeder Tag hat die gleiche Zeit: Der Tag des amerikanischen Präsidenten und der meiner Nachbarin hat genauso 24 Stunden wie mein Tag. Da gibt es keinen Unterschied.
- Zeit ist nicht zu überspringen: Manche möchten ein Stück der Zeitachse überspringen oder eine Pause einlegen. Dazu haben sich Utopisten ihre Gedanken gemacht – Zeitreise, Kälteschlaf, Einfrieren, …

Anton Zeilinger, dem 1997 die Teleportation von Quanten- zuständen gelungen ist, meint, dass die Quantenmechanik die Überbrückung von Raum ohne jeden Zeitverlust – also in gewisser Weise überlichtschnell – kennt. Er geht soweit, dass er sagt, Raum und Zeit wären mentale Konstruktionen, die man nicht einmal so akzeptieren müsste. Zeitreisen sind möglich nur ein wenig anders.16

- Zeit ist fortschreitend – am Vergehen der Zeit kommt nie- mand vorbei.
- Die Ereignisse in unserer Welt geschehen unter Zeitver- brauch: Jeder physikalische Vorgang und alle Abläufe benö- tigen eine bestimmte Zeit zu ihrer Verrichtung.

3|2|2 physikalischer Standpunkt

Der japanische Philosoph Masanao Toda:

„Niemand kann anscheinend behaupten zu wissen, was Zeit ist. Dennoch gibt es diesen mutigen Menschenschlag, die Physiker, die diesen schwer fassbaren Begriff zu einem der Grundsteine ihrer Theorie machten.“17

Zeit ist eine fundamentale, messbare Größe, die zusammen mit dem Raum ein Kontinuum bildet. Auf der ganzen Welt können wir derzeit aufgrund genormter, geeichter Uhren Zeit messen, sie ist somit objektiv vergleichbar. Ein pragmatischer Ansatz, der jedoch die Frage provoziert: Gab es Zeit vor der Erfindung der Uhr? Physik und Technik zerhacken die Zeit in Milli-, Mikro- Nano-, Pico-, Femto-, Atto-Sekunden und weiter, so weit, bis es aus quantenmechanischen Gründen sinnlos er- scheint, über kürzere Zeiträume zu reden.

Der Physiker Stephen Hawking legte dar, dass wir heute die Zeit genauer messen können als die Länge, weshalb auch die Länge am genauesten durch Zeiteinheiten definiert wird: Zeitabstand und Länge sind Basisgrößen, die zugehörigen Basiseinheiten (Referenzmaße) sind die Sekunde (s) und der Meter (m).

Definition der beiden Basiseinheiten:18

1s = das Zeitintervall, in dem die Cäsium-Atomuhr19 9192631770 mal schwingt;

1m = die Strecke, die Licht im Vakuum in 1/299792458 Sekunde zurücklegt.

„Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“20

Computer ‚illusionieren’ uns mit der Zeitmessung in Nanose- kunden, also Milliardstelsekunden, oder um es anders auszu- drücken, in dieser Zeit legt Licht ca. 30 Zentimeter zurück!

Joseph Weizenbaum meinte in einem Interview im Berliner Ta- gesspiegel 1999:

„Die Möglichkeit, Nachrichten, die uns überwältigen, zu interpretieren, sind wegen des neuen Charakters der Zeit sehr reduziert. Und obwohl man heute Mikro- und Nano- sekunden messen kann, was vor 50 Jahren noch unvorstellbar war, kann man beispielsweise erst jetzt, 50 Jahre danach, über die NS-Zeit reden.“21

Nanosekunden sind aber durchaus wichtig, wenn es um die Positionsbestimmung mit Hilfe von GPS22 geht - Aus der sehr genauen, auf wenige Nanosekunden messbaren Laufzeitdiffe- renz der Signale mehrerer Satelliten, wird der geografische Ort dann rechnerisch ermittelt.

3|2|3 philosophischer Standpunkt

Erwin Schrödinger, Nobelpreisträgers für Physik von 1933, führt zu einem Aspekt der Zeit, der über die Physik hinausgeht. Zeit geht uns Menschen als Person an. Schrödinger formulierte:

„Denn die Zeit ist wahrlich unser gestrengester Herr, in- dem sie […] das Dasein eines jeden von uns in enge Grenzen zwängt.“23

Philosophisches Denken hat zu allen Zeiten begleitet, dass es über (die) Zeit reflektiert. Diese Reflexionen stehen ganz am Anfang der Philosophie und sie dauern in der Gegenwart an. Doch schon in der vorphilosophischen, noch mythologischen Phase des Weltverständnisses wird mit Zeit und Zeitvorstellun- gen umgegangen, aber nicht abstrakt, sondern immer eingebettet in symbolische Handlungen, Riten, Kulte, Sitten und Ge- bräuche. Auch das Alltagsleben der vorwissenschaftlichen Zeit ist geprägt von Zeitvorstellungen mannigfaltiger Art. Zeit, so steht fest, ist seit den Anfängen bis in die Gegenwart ein Grundfaktor des Lebens.

Schon in der Antike haben sich Philosophen wie Platon oder Aristoteles mit dem Begriff der Zeit befasst; so ist für Aristoteles der Zeitbegriff untrennbar an Veränderungen gebunden, Zeit ist das Maß jeder Bewegung und kann nur durch diese ‚ge- messen’ werden. Auch sprach er davon, dass sich Zeit in un- endlich viele Zeitintervalle einteilen ließe, somit einen lückenlo- sen Zusammenhang, ein Kontinuum bilde.

Aristoteles eröffnet seine Untersuchungen zum Gegenstand der Zeit mit der fundamentalen Zweifelsfrage, „ob sie [die Zeit] zum Seienden gehört oder zum Nichtseienden“24, d.h., ob ihre Existenz zunächst überhaupt bestätigt werden kann. Sein größ- tes Problem war der schwierig zu bestimmende Charakter des

‚Jetzt’.

Buchheim bezeichnet es [das Jetzt] als einen „ständig ver- schwindende[n] Moment“25, der den Übergang von Vergange- nem zum Zukünftigen kontinuiert.

Der Paragraph 4 der ‚Transzendentalen Ästhetik’ aus Kants

‚Kritik der reinen Vernunft’ ist unterteilt in fünf Abschnitte. Kants

Abhandlung verfolgt das Ziel, unsere Sinnlichkeit als eine

durch Raum und Zeit bestimmte zu enttarnen; er will beweisen, dass dies die einzige Form ist, durch die wir Dinge wahrneh- men, das heißt anschauen können.26 Nur auf diesem Weg kann der Mensch zu Erkenntnis gelangen. Nach Ansicht von Immanuel Kant gibt es zwei reine Formen der Erkenntnis apri- ori – Raum und Zeit.

Raum und Zeit seien keine Begriffe des Denkens, sondern ha- ben Anschauungscharakter. Zeit sei kein Begriff, sondern eine notwendige Vorstellung, die der Wahrnehmung zugrunde liegt. Der innere Sinn der Zeit sei hierbei dem äußeren Sinn des Raumes übergeordnet, denn alles Räumliche müsse zeitlich angeschaut werden. Die Zeit ist nichts, hat nur empirische, aber keine absolute Realität und ist lediglich subjektive Bedin- gung unserer Anschauung.27

3|2|4 religiöser Standpunkt – Zeit in der Bibel

Wenn die Bibel von Zeit spricht, dann werden dabei zwei ver- schiedene griechische Begriffe verwendet: Chronos und Kairos. Mit Chronos ist die physikalisch messbare Zeit gemeint, die Zeit der Menschen, sie unterliegt strengen physikalischen Ge- setzen, unter anderem den ständigen Fortschreiten und der Unumkehrbarkeit.

Kairos, die Zeit Gottes, hat ein ganz anderes Wesen als unser Chronos. Sie unterliegt nicht den Einschränkungen von Raum und Zeit. Gottes Uhr misst nicht nach Sekunden, Stunden und Tagen. In Gottes Zeit existieren die Begriffe von Vergangenheit und Zukunft nicht.

3|2|5 physiologischer und neurobiologischer Standpunkt

Es gibt keine absolute Zeit, das bedeutet aber nicht, dass es keine objektive Zeit gibt, denn aufgrund dessen, dass es Raum- relationen zwischen Dingen gibt, braucht es Zeit, um diese zu überbrücken. Zeit an und für sich ist also kein Objekt, sondern

„…ein Attribut physikalischer Konstellationen.“28

Wir alle haben die Erfahrung gemacht, dass ein grundlegender Unterschied zwischen der objektiv messbaren Zeit und dem subjektiven Zeitempfinden besteht, etwa wenn wir beim Zahn- arzt sitzen oder einen spannenden Film im Kino ansehen – beide Male verstreicht objektiv gesehen dieselbe messbare Zeit, subjektiv wird das Zeitempfinden klar differieren.

Zwei grundlegende Aspekte subjektiver Zeit können daher voneinander getrennt werden:

- Zeit als Ordnungsprinzip der Wahrnehmung
- subjektives Zeitempfinden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Subjektives Zeitempfinden in: Hinz 2000, S. 94

3|2|5|1 Gibt es so etwas wie eine innere Uhr?

Nach Beobachtungen und Experimenten (Rohrbacher, Schep- pach, Aveni) gibt es in der Tier- und Pflanzenwelt verschiedene innere Uhren, die sich auf zwei Stunden, auf 24 Stunden, auf ein Jahr und sogar auf 17 Jahre29 beziehen. Neben geneti- schen Programmierungen gibt es auch ankonditionierte Zeit- programme.

Ähnliches entstand auch beim Menschen durch den Tag-Nacht Wechsel, wobei die physiologischen Uhren beim Menschen eher weniger festgelegt und unzuverlässiger sind.30

3|2|5|2 elementare Zeitphänomene

Die Neurobiologie gibt Aufschluss über die Entstehung und das Wesen unseres Zeitempfindens. Da der Mensch offenbar kei- nen ‚Zeitsinn’ besitzt, jedoch trotzdem (auch ohne Zuhilfenah- me von Uhren) Zeiten messen und vergleichen kann, stellt sich die Frage, wie dies möglich ist.

Der Neurophysiologe Ernst Pöppel führt elementare Zeitphä- nomene auf neurophysiologische Eigenschaften des Wahr- nehmungsapparates zurück. Als zu beobachtende „elementare Zeitphänomene“ betrachtet Pöppel31

- Gleichzeitigkeit
- Ungleichzeitig
- Aufeinanderfolge (früher – später)
- Gegenwartsdauer (Drei-Sekunden-Phänomen)
- Dauer

3|2|5|2|1 Gleichzeitigkeitsschwelle

(Subjektive) Gleichzeitigkeit liegt vor, wenn zwei Ereignisse als gleichzeitig wahrgenommen werden, Ungleichzeitigkeit, wenn dies nicht der Fall ist – Gleichzeitigkeitsschwelle – die korrekte Abfolge der Stimuli kann nicht wahrgenommen werden.

3|2|5|2|2 Ordnungsschwelle

Dies ist erst möglich, wenn der Abstand der Ereignisse die Ordnungsschwelle überschreitet. Als Ordnungsschwelle wird diejenige Zeitspanne bezeichnet, bei der ein Mensch zwei auf- einanderfolgende Sinnesreize auch in ihrer zeitlichen Ordnung voneinander unterscheiden kann.

Dies zeigt sich an folgenden experimentellen Befunden: Unterschiedliche Sinnesbereiche haben unterschiedliche Gleich- zeitigkeitsschwellen im Bereich einiger Mikrosekunden (ms) – unsere Auflösung ist etwa für akustische Reize merklich höher als für visuelle.

Die Ordnungsschwelle ist für alle Modalitäten identisch (30 ms). Daraus schließt Pöppel, dass es sich hier um eine höhere Ge- hirnfunktion handelt.

3|2|5|2|3 Drei-Sekunden-Phänomen

Zusätzlich zum 30ms-Takt nimmt Pöppel die Existenz eines wei- teren subjektiven Mechanismus an, der aus einzelnen Ereignis- sen eine subjektive Gegenwart erzeugt, indem er einzelne Er- eignisse aufeinander bezieht und aus aufeinanderfolgenden Ereignissen Wahrnehmungsgestalten bildet.

Die Existenz dieses zeitlichen Integrationsmechanismus bestärkt er mittels Experimenten, in denen versucht wird, die Grenzen der Integrationsfähigkeit des beschriebenen Mechanismus auf- zudecken. Es zeigt sich, dass Wahrnehmungsgestalten eine zeitliche Dauer von etwa 3 s nicht überschreiten können. Er nennt dieses Unvermögen ‚Drei-Sekunden-Phänomen’. Auch können Zeitstrecken über 3 s nur sehr ungenau reproduziert werden, während dies bis 3 s gelingt. Pöppel spricht von Zeit- fenstern. Die Zeit-Analysen wurden bei Europäern, Yanomami- Indianern, Kalahari-Buschleuten und Trobriandern (Melanesier) durchgeführt. Das ‚Drei-Sekunden-Phänomen’ war unabhän- gig von allen anderen Faktoren.

Tatsächlich sind viele Filme voller Drei-Sekunden-Kamera- Einstellungen wie Händeschütteln, aufstampfen oder streicheln. Auch im wahren Leben finden sich rhythmisch wiederholte Handlungseinheiten, Sportler zählen ‚1, 2 ,3’ oder mit ‚Ach- tungs-Fertig-Los’, Ampeln schalten in einem Dreier-Rhythmus von Rot auf Grün.

Selbst im Lebensplan haben wir die idealtypische Dreiteilung in Ausbildungs-, Erwerbs- und Ruhestandsphase bzw. in Kindheit, Erwachsenenalter und Seniorenalter bzw. unser Denken in drei Zeitebenen: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft.

3|2|5|2|4 Dauer

Dauer wird nach Pöppel ebenfalls durch cerebrale Mechanis- men vermittelt. Diese erlauben es, den subjektiven Fortgang der Zeit auf Schnelligkeit oder Langsamkeit zu beurteilen.

Damit erklärt Pöppel das zeitliche Paradox, welches dadurch entsteht, dass Zeiten, in denen wenig Information verarbeitet wird, gegenwärtig als lang, im Rückblick jedoch als kurz emp- funden werden und solche Zeiten, in denen viele Informationen verarbeitet werden, gegenwärtig als kurz, im Rückblick jedoch als lang erscheinen. Mit der von Pöppel beschriebenen Kopp- lung des Erlebens von Gegenwart an die Wahrnehmung von Dauern (also die Integration von Ereignissen zu Wahrneh- mungsgestalten) und den ebenfalls schon bei Pöppel aufge- zeigten als gegenwärtig empfundenen Erlebniskomplexen in- nerhalb von Gegenwartsfenstern (Dauern von 3-4 s) ergibt sich folgende hierarchische Darstellung zeitlicher Wahrnehmung:

1. Zeittakt (20-40 ms), Registration von Irritationen
2. synchronisierte Jetztzeit (350-500 ms), grundlegende Wahrnehmungsgestalten, Spontan- und Will- kürhandlungen, Integration von vorbewussten Entscheidun- gen in den erlebten Gedächtnishorizont
3. Gegenwartsfenster (3-4 s), Zusammenfassung von Wahr- nehmungsgestalten

3|2|6 soziologischer Standpunkt

Das, was in einer Epoche als Zeit verstanden wurde, folgte in erster Linie gesellschaftlichen Anforderungen und nicht etwa vom Menschen unabhängigen, naturwissenschaftlichen Grö- ßen. Gleichzeitig ist uns aber durchaus bewusst, dass Zeit eine sehr subjektive Größe ist und kulturell, sozial, individuell unter- schiedlichst wahrgenommen wird.

„Unterschiede im Lebenstempo haben sich [….] als außer- ordentlich folgenreich herausgestellt. […] Schließlich regiert unser Lebenstempo unsere Erfahrungen davon, wie die Zeit vergeht.“32

Objektiv gesehen ist Zeit eine Ressource, die absolut gleich verteilt ist. Jeder Mensch hat jeden Tag gleich viel davon. Der Synchronisation der Zeit durch die Uhr sind natürlich alle aus- gesetzt. Aber die Macht, Zeit vorzugeben, ist doch ungleich verteilt.

Zeit kann den Menschen als der göttlichen Vorsehung anver- traut und auf die Ewigkeit ausgerichtet erscheinen oder als ver- borgenes Seiendes, das es aufzudecken und aufzuklären gilt oder als gesellschaftlichen Absprachen zugänglich.

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs ging noch wei- ter und vertrat die Auffassung, dass es in einer Gesellschaft so viele kollektive Zeitvorstellungen gäbe wie soziale Gruppen.

Das Wesen der Zeit ist somit schwer fassbar – wie schon Au- gustinus bemerkte:

„Was ist Zeit? Wenn niemand mich fragt, weiß ich es. Will ich es einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.“33

Siebzehn Jahrhunderte später konnte der Philosoph und Ma- thematiker Alfred North Whitehead Augustinus’ Verwirrung nur seine eigene Frustration hinzufügen:

„Es ist unmöglich, über die Zeit nachzudenken, [...] ohne von der Empfindung der Begrenztheit menschlicher Intelli- genz überwältigt zu werden.“34

[...]


1 Geißler 2000, S. 10

2 vgl. Coren 1999

3 vgl. Schilling, Elisabeth

4 vgl. Levine 200814, u.a. S. 116

5 vgl. Wurm 2001, S. 146ff

6 vgl. Winkler, Hartmut: „Mediendefinitionen“ auf: http://homepages.uni- paderborn.de/winkler/medidef.html [12.4.2008]

7 Innis 1997, S. 56

8 Sesnik, Werner in: Just 2009, S. 9

9 auf: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/liste/l/10354 [07.01.2010]

10 Davies, 19964, S. 10

11 Cohen auf: http://dorlach.de/u1/R/Rifkin-Jeremy/index.htm [31.10.2010]

12 vgl. http://www.rp-online.de/wissen/umwelt/Was-in-einer-Sekunde- passiert_aid_411984.html [31.1.2010]

13 Garys Social Media Count auf: http://www.personalizemedia.com/garys-social-media- count/ [31.1.2010]

14 vgl. Rosa 2005, S. 25

15 Ende, Michael. Momo. 1973.

16 vgl. Zeilinger 2007

17 Toda zit. auf: http://home.arcor.de/W_sieber/predigt/zeit.htm [6.2.2010]

18 vgl. http://www.physik.uni-muenchen.de/lehre/vorlesungen/wise_09_10/EP/ vorlesung/vorlesung2.pdf [16.12.2009]

19 Vor 55 Jahren nahm die erste Cäsium-Atomuhr ihren Betrieb im britischen National Physi- cal Laboratory (NPL) auf. Entwickelt hatte sie seinerzeit der englische Physiker Louis Essen. Cäsium-Atomuhren haben eine Ganggenauigkeit von bis zu einem Zehntel einer Milliards- ten Sekunde und erfüllen damit die hohen Anforderungen an exakte Zeitmessungen, wie sie etwa bei physikalischen Experimenten oder der Positionsbestimmung per GPS (Global Posi- tioning System) erforderlich sind.

20 Einstein, Albert zit. auf http://www.hp-gramatke.de/time/german/page0500.htm [17.01.2010]

21 Weizenbaum, Josef auf: http://www2.tagesspiegel.de/archiv/1999/02/28/in-ge-4112.html [4.8.2003]

22 GPS - The GPS (Global Positioning System) is a "constellation" of 24 well-spaced satellites that orbit the Earth and make it possible for people with ground receivers to pinpoint their geographic location.

23 Schrödinger, Erwin zit. auf: http://home.arcor.de/W_sieber/predigt/zeit.htm [1.2.2010]

24 Aristoteles zit. in: Fischer 2006, S. 6

25 Buchheim in: Klose 2004, S. 12

26 26 vgl. Höffe 20042, S. 77ff

27 27 vgl. Merten 2002, S. 4

28 Grau, Alexander in: Felsmann (Hrsg.) 2008, S. 38

29 Die nordamerikanische 17-Jahres-Zikade verlässt erst nach genau 17 Jahren ihr unterirdi- sches Versteck, um sich in einem Zeitraum von etwa drei Wochen zu vermehren. Die aus den Eiern schlüpfenden Larven leben unterirdisch, bis sie wiederum in 17 Jahren fast tag- gleich an die Erdoberfläche kriechen.

30 siehe hiezu auch die Isolationsversuche mit Studierenden in einem Bunker von Aschoff und

Pöppel in den 1960er Jahren

31 vgl. Pöppel 1997

32 Levine 2008, S. 25

33 Augustinus zit.in: Stähler 2002, S. 231

34 Whitehead zit. im Hamburger Abendblatt vom 28. März 2006. Artikel: Hätten Sie einmal ein paar Sekunden…? von Nyara Josef

Ende der Leseprobe aus 156 Seiten

Details

Titel
Phänomen Zeit - Medien als Zeittreiber?
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung  (Interaktive Medien und Bildungstechnologien)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
156
Katalognummer
V152070
ISBN (eBook)
9783640640416
ISBN (Buch)
9783640640263
Dateigröße
2549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeit, Zeit - naiver Standpunkt, Zeit - physikalischer Standpunkt, Zeit - philosophischer Stanpunkt, Zeit - religiöser Standpunkt, Gleichzeitigkeitsschwelle, Ordnungsschwelle, Drei-Sekunden-Phänomen, Dauer, Zeit - soziologischer Standpunkt, Vorstellungen von Zeit in Gesellschaften, occasionales Zeitbewusstsein, zyklisches Zeitbewusstsein, lineares Zeitbewusstsein mit geschlossener Zukunft, lineares Zeitbewusstsein mit offener Zukunft, Zeitbewusstsein, Zeitberechnungen, Kalenderreformen, Zeitklasse, Zeit = Geld, Weltzeit, Apokalypse, „prometheisches Gefälle“, Millenium-Bug, INDIVIDUELLE ZEITPERSPEKTIVEN, Zeit bestimmen, physiologische Uhr, soziale und natürliche Zeit, Zeiterleben, Zeittreiber, Medien, Pünktlichkeit, Tempo, Beschleunigung, Entschleunigung, Beharrung, Schrittgeschwindigkeit, Disziplinargesellschaft, Periodizität, Rhythmus, Geschwindigkeit, Synchronisation, Lebenstempo, Beschleunigungsfaktor, Globalisierung, Fortschritt, Dromologie, Kommunikationswesen, technologische Beschleunigung, Synchronisation – Desynchronisation, Drift, Kluft, natürliche Geschwindigkeitsgrenzen, Entschleunigungsinseln, Verlangsamung als dysfunktionale Nebenfolge, intentionale Entschleunigungsformen, Kulturelle und strukturelle Erstarrung, Modernisierung, INDIVIDUALZEIT, MEDIENZEIT
Arbeit zitieren
MAS, MSc, MSc, MSc Karin Gratiana Wurm (Autor), 2010, Phänomen Zeit - Medien als Zeittreiber?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152070

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