Rhizomorphe Prozesse im Internet - New Aeon City


Hausarbeit, 2003
26 Seiten, Note: siehe Notiz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung: Rhizome in der Biologie
1. Basisdefinitionen
1.1. Grundgedanken zur Rhizommetapher
1.2. Rhizome als Sozial- und Kommunikationsprozesse

2. Motivation

3. Rhizome im Internet - New Aeon City
3.1. Überblick über die virtuelle Stadt / Community
3.1.1. Äußere Form und Grundsatz-Reglementierung
3.1.2. Navigation und Handlungsmöglichkeiten
3.1.2.1. Usernutzung
3.1.2.2. Administrative Zugriffe und Einstellungen
3.2. Betrachtung von NAC unter Hinblick auf 1.2.

4. Problembetrachtung
4.1. Technische Beschränkungen und Störanfälligkeiten
4.2. Menschliche Faktoren

5. Vorteile rhizomorpher Entwicklungen in (sozialen) Netzen und Kom- munikationsformen und Schlussbetrachtung

6. Literaturverweise und Quellen

0. Einleitung: Rhizome in der Biologie

Ursprünglich stammt der Begriff des Rhizoms aus der Biologie, wo er eine Form von Wurzelgeflecht beschreibt, das an der Spitze unbegrenzt weiter wächst, während ältere Teile allmählich absterben. Im eigentlichen Sinne handelt es sich bei diesen Sprossachsen weniger um Wurzeln, wie sie zum Bei-spiel von Bäumen ausgebildet werden, sondern um Knollengeflechte. Die wesentliche Eigenschaft, die uns hier interessieren wird, ist neben der Strukturform die Fähigkeit, auch dann weiter zu wach-sen, wenn das Rhizom an irgendeiner Stelle abgetrennt wird, während bei einer Wurzel die Abtren-nung eines Wurzelstranges das Absterben desselben und aller angegliederten Substrukturen zur Fol-ge hat. Beispiele für derartige Knollengeflechte sind das Myzel von Pilzen, Pflanzen wie Seerose, Ingwer oder die Quecke, die für ihre schon sprichwörtliche Unverwüstlichkeit als 'Unkraut' bekannt ist.

1. Basisdefinitionen

1.1. Grundgedanken zur Rhizommetapher

An obiger Begriffsherleitung werden bereits zentrale Schwerpunkte deutlich, um die es nachfolgend gehen wird, auch wenn die Übertragung auf die hier interessierende Thematik erst nach einigen wei-teren Bemerkungen und Präzisierungen deutlich werden wird. Ich möchte zunächst die grundsätzliche Andersartigkeit von Rhizomen gegenüber Baum-Wurzeln und Bäumen allgemein herausarbeiten und dabei bereits die Brücke von der biologischen Formulierung zur abstrakteren Modellebene schlagen: Das Rhizom wächst auch bei Zerstörung beliebiger Teilstrukturen ungehindert weiter, während das Durchtrennen einer Wurzel den betroffenen Bereich absterben lässt. Insbesondere hat eine Durch-trennung der Hauptachse das komplette Absterben der Wurzel und damit der gesamten Pflanze zur Folge. Die Art des Wachstums bedingt auch, dass ein Rhizom sich nach gewisser Zeit vollständig umgewandelt und erneuert hat, durch die Transformation de facto etwas Neues wurde. Der Stamm eines Baumes bleibt dagegen immer der prinzipiell gleiche und unterliegt dem normalen Alterungspro-zess als Ganzes.

In baumartigen Strukturen bilden sich aus dem Hauptstamm vielfache Verzweigungen, die letztlich Strukturkopien der übergeordneten Vorlage sind. Ein Rhizom dagegen formt keine identischen Verzweigungskopien aus, sondern Verdichtungen aus Vielheiten.

Dies hat auch zur Folge, dass sich keine übergeordneten und in ihrer Bedeutung festgelegten Struktu-ren finden lassen, während jede Verzweigung eines Baumes sich eindeutig innerhalb der Einheit auf seinen Ursprung zurückverfolgen lässt, wobei verschiedene Hierarchieebenen mit unterschiedlichen, fest zugeordneten Bedeutungen und Funktionen durchlaufen werden. Es zeigt sich somit, dass Rhizo-me nicht-hierarchisch ausgeformt sind und in ihrem Wesen nicht der sonst üblichen und bis in ele-mentarste Ebenen der Logik zurückverfolgbaren, traditionell verwendeten Baumhierarchie gehor-chen (müssen).

Aus diesem Gedanken heraus haben Gilles Deleuze und Félix Guattari5 seit dem Ende der Siebzigerjahre ein analoges Modell von Mannigfaltigkeiten der Kommunikation und sozialer Pro-zesse entwickelt. Dabei spielen Kernelemente der Systemtheorie insofern eine Rolle, als an diesem Modell Denkweise, Kommunikationsprozesse und soziale Ausformungen nicht anhand von Identitä-ten, Gleichheiten oder Entitäten betrachtet werden, sondern als Ausdruck von Verschiedenheit und Differenzen sowie temporären Funktionalitäten, die nicht einem Zustand, sondern einer Dynamik unterliegen. Es stellte sich die Frage, wie man aus bestehenden Systemen heraus, die durch Hierar-chien, Abhängigkeiten, Machtstrukturen und Zentralismus geprägt sind, wirklich Neues schaffen kann, das in der Lage ist, diese Vorausprägungen zu durchbrechen. Denn solange ich mich innerhalb der gleichen Strukturform bewege, kreiere ich nichts Neuartiges, sondern bilde immer nur Kopien heraus, ohne der Form gebenden Mustervorlage zu entkommen und somit auch den bereits im An-satz vorliegenden Schwächen, Irrtümern und Fehler behafteten Grundannahmen. Das Rhizom stellt dabei eine ergänzende Möglichkeit zur Unterwanderung und Aufbrechung verkrusteter Strukturen dar, ohne jedoch - und das ist wesentlich - sich selbst als bessere Alternative zu präsentieren und als Utopie darzustellen, die durch fixe Ziele und definierte Formen letztlich nur eine Erstarrung durch eine andere ablöst und dabei unmerklich letztlich doch nichts weiter ist als eine anders geformte Kopie des gleichen Grundzustandes und -prinzips. Für das Verständnis dieser Rhizommetapher ist es be-deutsam zu verstehen, dass ein Rhizom niemals ist, sondern sich selbst beständig neu ausformt. Es beschreibt keine Zustände oder lässt sich an Form und Struktur erkennen, sondern an Prozessen und dynamischen Vorgängen. Das Rhizom formt keine statischen Einheiten, sondern dynamische Mannigfaltigkeiten, die nicht nach logischen Abhängigkeiten geordnet sind, sondern temporäre Ge-flechte von Relationen als Konsistenzebenen herausbilden. Ein Rhizom ist niemals durch sich selbst definiert oder in sich geschlossen, die Grenzen sind fließend und durch Beziehungsgeflechte und Si-tuationsabhängigkeiten bestimmt, so dass innerhalb des rhizomorphen Prozesses keine feste Grenze zwischen System und Umwelt existiert, sondern in jedem Moment und bei jedem (rhizomatisch stets gleichberechtigten) Informationstransfer (ohne kausale Sender-Empfänger-Struktur) diese Unter-scheidung neu vollzogen wird.

Die begriffliche Vorlage aus der Biologie lässt sich dabei allerdings nicht vollständig übertragen und ist nur als Metapher zu einem Einstiegsverständnis zu betrachten. Die Soziologen und Philosophen haben die Merkmale von Rhizomen anhand wesentlicher Eigenschaften ausformuliert, die nachfolgend definiert werden sollen.

1.2. Rhizome als Sozial- und Kommunikationsprozesse

Die folgende Formulierung der Grundprinzipien stammt aus dem Artikel "Rhizomorphe Prozesse" von Michael D. Eschner2.

"Prinzipien des Rhizoms

1. Konnektivität: Jeder beliebige Knoten des Rhizoms kann und soll mit jedem anderen ver bunden werden.
2. Heterogenität: Es gibt keine Informationen, keine Sprache, keine Menschen und keine Tat sachen, die ausgeschlossen werden.
3. Vielheit: Weder Einheiten noch [getrennte] Unterschiede, d.h. keine festen Objekte und Subjekte, sondern fließendes Kombinieren, Re- und Dekombinieren von kreativ konstruierten Elementen (Minikonstruktionen) und Relationen zu Multikonstruktionen, die als temporäre Bezugspunkte fungieren.
4. Asignifikanter Bruch: Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen oder zerstört werden, es überwuchert die Bruchstelle oder wächst auf anderen Wegen weiter.
5. Orientierungsmuster: Im Rhizom werden keine Landkarten, d.h. wahre Abbildungen der Wirklichkeit modelliert, sondern die Wirklichkeit selbst wird erschaffen. Der Bruch zwischen Aussage und Tatsache, Zeichen und Bezeichnetem entfällt. Es gibt keine Wirklichkeit, die semantisch kopiert werden könnte, denn das semantische System ist selbst das einzige Orientierungsmuster und somit die einzige Wirklichkeit.
6. Subversivität: Das Rhizom ist kein neues Paradigma, sondern ein subversiver Prozess, der erstarrte Strukturen auflösen und neue Möglichkeiten eröffnen kann."

Zum fünften Punkt ist anzumerken, dass in anderen Formulierungen das Rhizom explizit mit einer Karte verglichen und der Kopie gegenüber gestellt wird. Dies wird damit begründet, dass die Karte beliebig gedreht, gefaltet, neu verbunden und erweitert werden kann. Ich stimme Eschner aber darin zu, dass eine Karte letztlich auch nur eine veränderte, wenn auch veränderbare Kopie der Wirklichkeit sein möchte und somit nicht rhizomatisch in letzter Konsequenz wäre.

2. Motivation

Nach den theoretischen Vorüberlegungenund Begriffsdarstellungen sollenerst an dieser Stelle einige Worte zur Motivation dieser Hausarbeit fallen. Mir schien eine begriffliche Klärung vorab hilfreich beim Verständnis dessen, worum es im Kern gehen wird.

Der Begriff des Rhizoms begegnet dem Informatiker derzeit durchaus häufiger, findet er doch Anwendung in Bereichen neuronaler Netze - Stichwort: Konnektivität - und des Internet (speziell in Verbindung mit der Möglichkeit von "Hyperlinks"). In beiden Fällen ist der Direktvergleich meines Erachtens nicht angemessen, kann allerdings in Teilprozessen und Grundgedanken - zumeist (noch) eher Wunschdenken - berechtigt sein.

Die erste Berührung mit dem Rhizommodell hatte ich durch einen Vortrag von Michael D. Eschner zu eben diesem Thema und war sofort fasziniert von diesen für mich neuen Ansätzen und den Anwendungsmöglichkeiten der Metapher. Wie es manchmal so spielt, stolperte ich hernach vielfältig entweder über direkte Texte und Bezüge zur Thematik oder auf Prozesse, die als sich als rhizomorph erkennen ließen. Interessanterweise ist die Netz-Gemeinschaft "New Aeon City", in der ich seit einiger Zeit (auch administrativ) aktiv bin, bei genauerer Betrachtung eine Art Praxis-Experiment zu Rhizomen, wobei die Community1 selbst sowie die Software-Plattform von der Gruppierung entwickelt wurde, innerhalb derer Eschner aktiv ist. Somit bot sich NAC geradezu als Schwerpunktbetrachtung an, um Rhizome im Internet zu erforschen.

Zunächst wollte ich mich eigentlich der Frage zuwenden, inwiefern und innerhalb welcher Substrukturen das Internet als Rhizom angesehen werden kann bzw. in welchen Faktoren es eher und teils erheblich davon abweicht, doch dieses Vorhaben hätte letztlich für den Rahmen dieser Arbeit zu weit geführt, so dass ich mich auf NAC konzentrieren werde. Dazu möchte ich die virtuelle Stadt in Aufbau und Funktionsweise zunächst vorstellen.

3. Rhizome im Internet - New Aeon City

3.1. Überblick über die virtuelle Stadt / Community

3.1.1. Äußere Form und Grundsatz-Reglementierung

Die nachfolgenden Ausführungen beschreiben NAC im Zustand vom April 2003. Die Verwendung zahlreicher Anglizismen lässt sich dabei aufgrund der Eigenart der Netz-Subkultur nicht vermeiden und mag dem nicht daran gewöhnten Auge etwas befremdlich erscheinen. Die detaillierte Beschreibung ist notwendig, um die Anzahl möglicher Freiheitsgrade im Handlungsspielraum zu verdeutlichen, die für rhizomatische Entwicklungen wesentlich sind. Aufgrund der Größe und Komplexität von NAC fällt diese Darstellung etwas ausführlicher aus.

Thematisch befinden sich hier als Schwerpunktbereiche: Spiritualität, Esoterik und Okkultismus, Phi-losophie, Soziologie, Medizin und Heilkunst, Kunst, Literatur, Musik, Grenzwissenschaft und Neues Denken. Grundsätzlich gibt es für die User-Seiten allerdings keine über die Rechtsvorschriften hi-nausgehenden Einschränkungen in der Themenwahl. Zu den Besonderheiten der virtuellen Stadt kann man zudem zählen, dass das Durchschnittsalter höher liegt als in den meisten Communitys, dass hier mehrere Gruppierungen und Interessengemeinschaften zu finden sind und sich mehrere Buchautoren innerhalb der Gemeinschaft bewegen. Insgesamt haben sich zum Zeitpunkt meiner Niederschrift 3.700 Benutzer registriert, wovon man allerdings nur etwa 10 % als aktiv beitragende Stadtbewohner betrachten kann.

Was jetzt zunächst verwundern wird, ist ein scheinbar strikt hierarchischer, wohlgeordneter Aufbau dieses Netzwerkes. New Aeon City ist als virtuelle Stadt in die Grobstruktur von Stadtebene, Stadtviertel, Straßen und Workshops eingeteilt. Derzeit existieren fünf Stadtviertel sowie zwei se-parat in der Hauptebene angesiedelte, zumeist thematisch organisierte Straßen. In den Vierteln sind 25 Straßen angesiedelt, in diesen wiederum 155 Workshops. Hinzu kommen etwa 400 weitere Workshops in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung, die noch nicht in der Stadtstruktur verankert sind. Die Workshops sind das Herz der Stadt, hier findet die eigentliche Aktivität statt. Es handelt sich dabei um User-Projekte, die mit eigenständigen Homepages vergleichbar wären und entweder als Einzelarbeiten oder Gruppenprojekte konzipiert sind, wobei dem "Admin" noch "Moderatoren" mit leicht abgeschwächten Zugriffsrechten zur Seite stehen können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Rhizomorphe Prozesse im Internet - New Aeon City
Hochschule
Universität Bielefeld  (Technische Fakultät)
Veranstaltung
Veranstaltung: Informatik und Gesellschaft / Kontextuelle Informatik
Note
siehe Notiz
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V15211
ISBN (eBook)
9783638203999
ISBN (Buch)
9783638643849
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde im Studiengang Naturwissenschaftliche Informatik geschrieben, der Fachbereich Kontextuelle Informatik fällt allerdings in den Forschungsbereich der Soziologie (Informatik und Gesellschaft), das Thema dieser Hausarbeit ist mit theoretischen Hintergrundbetrachtungen und am Beispiel eines Internet-Experimentes daher ebenfalls soziologisch / kommunikationswissenschaftlich und interdisziplinär ausgelegt und von daher nicht klar zuzuordnen. Rhizome sind ein Modell von Mannigfaltigkeiten der Kommunikation und sozialer Prozesse, das vor über 20 Jahren zuerst von Gilles Deleuze und Félix Guattari aufgeworfen wurde und in den Bereich der Systemtheorien hineinspielt. Zur Benotung: Die Arbeit selbst erhielt keine offizielle Note, sie wurde jedoch durch den zuständigen Professor, einen Schüler C.F. von Weizsäckers, recht enthusiastisch aufgenommen.
Schlagworte
Rhizomorphe, Prozesse, Internet, Aeon, City, Veranstaltung, Informatik, Gesellschaft, Kontextuelle
Arbeit zitieren
Andreas Jur (Autor), 2003, Rhizomorphe Prozesse im Internet - New Aeon City, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15211

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