Bedeuten die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt

Kritische Untersuchungen zur Philosophie Wittgensteins


Magisterarbeit, 2009

97 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Grundstruktur des Tractatus
1.1 Das Nummerierungssystem
1.2 Ontologie
1.2.1 Das Grundgerüst der Bestimmungen - Welt, Tatsachen, Sachverhalte, Dinge
1.2.2 Einfache Gegenstände und die allgemeine Theorie des Bildes
1.3 Denken und Sprache
1.3.1 Sätze als Bilder von Gedanken
1.3.2 Die einfachen Bestandteile des Satzes
1.3.3 Ausdruck und die Bestimmtheit des Satzsinns
1.3.4 Etwas Logisches kann nicht nur möglich sein
1.4 Die logische Analyse der Sprache
1.4.1 Die Aufspaltung des Satzes
1.4.2 Elementarsätze und Wahrheitsbedingung
1.4.3 Wahrheitsoperation, Wahrheitsfunktion und die allgemeine Form des Satzes
1.4.4 Innerhalb und außerhalb der Logik
1.4.5 Das Gefühl des Mystischen

II. Die Grenzen des Tractatus
2.1 Wittgensteins Hauptproblem
2.1.1 Was kann gesagt werden, was zeigt sich nur?
2.1.2 Bezüge zu Frege und Russel
2.1.3 Die Logik muss für sich selbst sorgen
2.1.4 Der logische Raum und das Spiegelbild der Welt
2.2 Ich, Welt und verschwindende Fragen
2.2.1 Das metaphysische Subjekt als Weltgrenze
2.2.2 Klare Philosophie

III. Über die laute Form zu schweigen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Unter der Ordnungsnummer TLP 5.6 seiner einzigen zu Lebzeiten und erstmals 1921 veröffentlichten Schrift Tractatus logico philosophicus1 formuliert Ludwig Wittgen- stein den Satz: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (TLP 5.6)2 Überführt in die Form einer Frage bildet diese Bemerkung das Thema der vorliegenden kritischen Untersuchungen zur Philosophie eines Wissenschaftlers, dessen Schriften maßgeblich zur Entwicklung eines Denkstils beigetragen haben, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufblüht, der über einen Zeitraum von fast 75 Jahren virulent bleiben wird, und der letztlich zur Bezeichnung des vergangenen saeculums als einem Zeitalter der Sprache und der Logik führen sollte. Gemeint ist hier der Ein- fluss auf jene philosophische Schule, die trotz erheblicher Differenzen im Hinblick auf die Ausgestaltung einzelner Ansätze unter den Sammelbegriff der analytischen Philosophie gefasst wird, und die ihre Entstehung vor allem den Gesprächen des Wiener Kreises sowohl mit als auch über Wittgenstein verdankt.3 Doch lässt sich nicht nur die Beteiligung an der geistesgeschichtlichen Entwicklung im 20. Jahrhun- dert anführen, um das Interesse für eine Auseinandersetzung mit diesem faszinieren- den Denker zu wecken, sondern insbesondere seine außergewöhnliche Perspektive auf ein Problem, das im Kontext der Frage, womit es die Philosophie als Wissen- schaft überhaupt zu schaffen hat bzw. wozu sie zu leisten im Stande ist, nicht unge- nannt bleiben darf. Eben dieses Problem besteht in der Klärung der Frage nach den Bedingungen bzw. Grenzen der menschlichen Erkenntnis, und Wittgenstein wird Zeit seines Lebens versuchen es durch Untersuchungen zum Wesen des Sprachli- chen, zur sprachlichen Logik und zur Sprachverwendung in den Griff zu bekommen. Nun verbindet sich mit dem bedeutenden Einfluss, den dieser Denker auf die Philo- sophie des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat, aber auch mit der Zeitlosigkeit des von ihm bearbeiteten Themas die folgende Schwierigkeit. Jeder Interpret, der eine ange- messene Auseinandersetzung mit Schriften Wittgensteins anstrebt, sieht sich einer- seits einer umfangreichen und teilweise recht sperrigen Primärliteratur ausgesetzt. Andererseits existieren Publikationen zu Leben, Werk, Werkentwicklung und zu den Problemstellungen, die er im Laufe seiner akademischen Karriere aufgeworfen und untersucht hat, in fast unüberschaubarer Zahl. In dem hier vorgegebenen und klar begrenzten Rahmen sind massive Einschränkungen des zu bearbeitenden Textkorpus also unumgänglich, und es wird in der Folge deshalb auch keine Beurteilung der Frage nach dem Verhältnis von den Grenzen meiner Sprache und den Grenzen mei- ner Welt bezogen auf die gesamte Philosophie Wittgensteins vorgelegt, sondern eine kritische Auseinandersetzung vornehmlich mit denjenigen Überlegungen des Trak- tats, die eine zufrieden stellende Antwort auf die Ausgangsfrage ermöglichen. Eine solche Entscheidung kann aber nicht nur durch die Fülle des vorliegenden Textmate- rials, sondern auch damit begründet werden, dass sich eine Betrachtung, die vorwie- gend Wittgensteins Frühschrift in den Blick nimmt, deutlich von anderen möglichen Formen der Bearbeitung abhebt. Denn wäre beispielsweise auch eine Untersuchung vor dem Hintergrund der Debatte zur Werkentwicklung denkbar, die mehr als die gegen Ende der 70er Jahre gängige Unterscheidung zwischen Wittgenstein I und II bieten müsste, indem sie unterschiedliche Stellungnahmen auf die Ausgangsfrage - und zwar zumindest bezogen auf eine frühe, mittlere und späte Schaffensperiode - formuliert bzw. miteinander vergleicht; ein solches Unternehmen wäre im vorgege- benen Rahmen zum Scheitern verurteilt, da hierbei entweder zuviel Text oder eine weitestgehend oberflächliche Betrachtung der betreffenden Problemzusammenhänge entstehen würde. So eröffnet der eingeschränkte Zugriff auf den Tractatus und einen begrenzten Teil der zum Verständnis wichtigen Primär- und Sekundärschriften im Gegensatz dazu nicht nur die Möglichkeit einer detaillierten Analyse, sondern kann überdies auch interessante Einblicke in ein faszinierendes philosophisches Werk ge- währen, das auch heute noch als teilweise dunkel und nur sehr schwer zugänglich beschrieben wird.

Eine der zentralen Annahmen, die nun im Folgenden herausgearbeitet werden sollen, besteht darin, dass Wittgensteins Traktat als zusammenhängende und in sich ge- schlossene Antwort auf die im Thema dieser Untersuchung gestellte „Grenzfrage“ aufzufassen ist. Nach Maßgabe der vom Autor selbst entworfenen Kriterien erman- gelt diese Antwort jedoch einer sinnvollen Letztbegründung und kann schlussendlich nur vor dem Hintergrund bestimmter transzendentalpragmatischer Überlegungen plausibel werden, die aus der Einsicht in die Unzugänglichkeit des fraglichen Ge- genstandsbereichs herrühren. Über eben diesen Zusammenhang besteht in der Litera- tur über den Tractatus aber immer noch ein gewisser Klärungsbedarf. Denn wird zwar immer wieder auf die besondere Bedeutung des Grenzbegriffs verwiesen, so mangelt es im Hinblick auf diejenigen Gedanken, vor deren Hintergrund Wittgen- stein auf die Notwendigkeit des im siebten Hauptsatz der Schrift formulierten Schweigegebots schließt, noch immer an ausführlichen und mit Bestimmtheit getrof- fenen Stellungnahmen. Die Ursachen hierfür sind unter anderem im Zusammenhang mit der folgenden Äußerung aus einem Brief Wittgensteins an seinen langjährigen Freund Ludwig von Ficker zu suchen:

„[...] der Sinn des Buches ist ein ethischer. Ich wollte einmal in das Vorwort einen Satz geben, der nun tatsächlich nicht darin steht, den ich Ihnen aber jetzt schreibe, weil er Ihnen vielleicht ein Schlüssel sein wird: Ich wollte nämlich schreiben, mein Werk bestehe aus zwei Teilen: aus dem, der hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige. Es wird näm- lich das Ethische durch mein Buch gleichsam von innen her begrenzt; und ich bin überzeugt, daß es, streng, NUR so zu begrenzen ist. Kurz, ich glaube: Alles das, was viele heute schwefeln, habe ich in meinem Buch festgelegt, indem ich darüber schwei- ge.“ (BW, Nr.107, S.96/Z.26ff.)

Wie dem Zitat recht deutlich zu entnehmen ist, handelt es sich bei dem Traktat um eine Schrift, deren „ethischer Sinn“ (ebd.) dadurch zum Ausdruck kommen soll, dass im Text selbst über eben diesen Sinn geschwiegen wird. Eine entsprechende Zurück- haltung mit Bezug auf eindeutige Stellungnahmen über den ungeschriebenen Teil der Abhandlung scheint also nicht mehr als angemessen zu sein, zumal Satz TLP 7 als konkrete Aufforderung zu einem solchen Verhalten aufzufassen ist. Allzu genau darf Wittgenstein jedoch nicht beim Wort genommen werden, denn einerseits lässt sich recht deutlich herausarbeiten, dass der Autor selbst Mittel und Wege findet über ge- nau das zu spekulieren, was er grundsätzlich in einem Bereich jenseits der Grenzen des Darstellbaren verortet. Andererseits kann die gezielte Analyse der im weiteren Verlauf noch genauer zu erörternden Ausgrenzung bestimmter Themenkomplexe aus dem Aufgabengebiet der Philosophie nicht nur jene Aufforderung über das zu schweigen, wovon sinnvoll nicht gesprochen werden kann, plausibel machen, son- dern darüber hinaus auch aufzeigen, inwieweit Wittgenstein mit seiner Schrift insge- samt eine durchaus kunstvoll arrangierte Antwort auf die hier zu diskutierende Fra- gestellung formuliert hat.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegung erscheint es unter methodischen Gesichts- punkten sinnvoll zunächst eine übersichtsartige Darstellung vorzulegen. Denn auf diese Weise ist es möglich den stringenten Gedankengang des Tractatus verständlich und im Sinne des von Wittgenstein intendierten Zusammenspiels einzelner Überle- gungen darzulegen. Dementsprechend wird der erste übergeordnete Abschnitt der Analyse nach Art eines Close-Reading-Verfahrens und entlang der durch das Num- merierungssystem vorgegebenen Abfolge von Bemerkungen durch die gesamte Ab- handlung führen. An entsprechenden Stellen soll dabei auf gängige Interpretationen eingegangen bzw. überprüft werden, inwiefern diese einem Vergleich mit den im Text getroffenen Bestimmungen standhalten können oder nicht. Nach Abschluss der fortlaufenden Darstellung zu den zentralen Überlegungen des Tractatus, die dessen viel diskutierte „Leiterstruktur“4 gewissermaßen nachempfindet, ist es dann im zwei- ten Teil der Analyse möglich in aller Ausführlichkeit auf den fraglichen Grenzbegriff einzugehen. Dabei muss zunächst die als das Hauptproblem der Philosophie be- zeichnete Unterscheidung von Sagen und Zeigen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Eben dieses Problem entdeckt Wittgenstein im Zuge seiner Auseinanderset- zung mit den Werken Gottlob Freges und Bertrand Russels, zwei Wissenschafter, die ihn in seiner gedanklichen Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben, deren Ansich- ten insbesondere auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Logik und Grundlagenma- thematik im Traktat jedoch scharf kritisiert werden. Ausgehend von den in diesem Kontext zu diskutierenden Einwänden und am Beispiel der an jeweils spezifischen Stellen der Darstellung verwendeten Metaphern lässt sich dann zunächst einschätzen, ob die Annahme zur Übereinstimmung von den Grenzen der Sprache und den Gren- zen der Welt vertretbar ist. Hierbei wird einerseits herauszustellen sein, dass ent- sprechende Bestimmungen vornehmlich auf Wittgensteins Überlegungen zur Funk- tion des sprachlichen Zeichens als einem Bild der Wirklichkeit zurückgehen. An- dererseits kann aber auch auf zwei eng miteinander verbundene Strömungen im Denken dieses ungewöhnlichen Philosophen aufmerksam gemacht werden - nämlich auf die eines strengen Logikers und die eines Mystikers, der vor dem Hintergrund der Einsicht in die Unmöglichkeit des von der Logik losgelösten Gedankens bzw. eines dementsprechenden sprachlichen Ausdrucks über jenen Bereich von Fragen spekuliert, die sinnvoll nicht beantwortet werden können. Dass Wittgenstein mit Überlegungen auf eben diesem Gebiet, also mit dem Nachdenken über metaphysi- sche Fragestellungen, jedoch durchaus vertraut ist, bezeugen sowohl die amüsante Anekdote des über Logik und seine Sünden gleichermaßen nachdenkenden Autoren des Traktats5 als auch derjenige Textabschnitt, der im Anschluss an Satz TLP 5.6 die Position des philosophischen Solipsismus bespricht. Die Untersuchung der dort ver- tretenen Auffassung über die „unsagbare Wahrheit des Solipsismus“ wird dann wie- derum zur klaren Einschätzung der Bedeutung des subjektiven Moments innerhalb der hier zu klärenden Themenstellung hinführen und darüber hinaus deutlich ma- chen, dass Wittgensteins lautes Schweigen als Reaktion auf dringende Lebensfragen (TLP 6.52) zu verstehen ist, die unter spezifischen Gesichtspunkten zwar als unphi- losophisch bezeichnet werden können, grundsätzlich jedoch tief im Wesen des Men- schen verankert liegen.

I. Die Grundstruktur des Tractatus

1.1 Das Nummerierungssystem

Bei dem Versuch die Gliederung des Tractatus logico-philosophicus zu beschreiben bietet sich zunächst eine grundlegende Zweiteilung in das Vorwort und in den sich anschließenden eigentlichen Text der Abhandlung an. Eine weitere Unterteilung kann dann vorgenommen werden, wenn jene Äußerung Wittgensteins in die Überlegung miteinbezogen wird, die zum besseren Verständnis des Buches eine intensive Beschäftigung mit dem Vorwort und dem Schluss empfiehlt:

„Ich würde Ihnen nun empfehlen das Vorwort und den Schluss zu lesen, da diese den Sinn am unmittelbarsten zum Ausdruck bringen.“ (Wittgenstein an Ludwig von Ficker, Oktober oder November 1919; in BW, S.96f.)

Es ist zwar umstritten, welcher Teil des Tractatus nach Auffassung des Autors den besagten Schluss darstellt. Da der letzte Hauptsatz jedoch mit dem im Vorwort be- schriebenen Sinn des Buches übereinstimmt und somit gewissermaßen das Ender- gebnis der vorangehenden Überlegungen darstellt, kann angenommen werden, dass sich die Angabe Wittgensteins ausschließlich auf eben diesen letzten Hauptsatz be- zieht. Gestützt wird diese Auffassung unter anderem dadurch, dass sich Satz TLP 7 unter formalen Gesichtspunkten von den restlichen Hauptsätzen unterscheidet. Denn ihm sind keine weiteren Bemerkungen zugeordnet, und er nimmt somit eine gewisse Sonderstellung im Text ein. Die sich daraus ergebende Einteilung in ein Vorwort, das den Hauptgegenstand und die Ziele des Buches umreißt, einen Hauptteil, der die Ankündigungen aus dem Vorwort vollzieht, und einen Schluss, der das Endergebnis der Untersuchung festhält, kann dann mit Bezug auf den Hauptteil der Schrift weiter untergliedert werden.

Zu diesem Zweck muss der Hinweis auf eine Fußnote des Textes erfolgen, in der Wittgenstein zum Verständnis seines Nummerierungssystems angibt:

Die Dezimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt. Die Sätze n.1, n.2, n.3, etc. sind Bemerkungen zum Satz No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc., Bemerkungen zum Satze No. n.m.; und so weiter. (TLP 1, Fußnote)

Aus dieser Erläuterung ergibt sich zunächst, dass den Sätzen eins bis sechs jeweils Bemerkungen zugeordnet sind, deren Bedeutung für den übergeordneten Satz durch die Dezimalzahl angedeutet werden soll. Die wichtigsten Bemerkungen sind dabei durch eine geringe Anzahl von Stellen hinter der Nummer des übergeordneten Hauptsatzes ausgezeichnet. Grundsätzlich leitet sich aus der Angabe Wittgensteins also eine Ordnung ab, die anhand der mit ganzen Zahlen nummerierten Sätze jeweils ein Oberthema vorgibt, welches in den zugeordneten Bemerkungen dann wiederum in weitere Einzelaspekte unterteilt wird. Insgesamt jedoch sollen alle Bemerkungen zur Klärung des übergeordneten Sachverhaltes hinführen. Die inhaltliche Gliederung des Textes ist demnach anhand der Reihe der Hauptsätze darzustellen:

1. „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ (TLP 1)
2. „Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.“ (TLP 2)
3. „Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.“ (TLP 3)
4. „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.“ (TLP 4)
5. „Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. (Der Elementarsatz ist eine Wahrheitsfunktion seiner selbst.)“ (TLP 5)
6. Die allgemeine Form der Wahrheitsfunktion ist: [p, ξ, N(ξ)]. Dies ist die all- gemeine Form des Satzes. (TLP 6)

Jene an der obigen Darstellung orientierte Einteilung wird in der Sekundärliteratur als die Leiterstruktur des Tractatus bezeichnet, und viele Interpreten weisen auf Schwierigkeiten hin, die sich bei einer streng an dieser Systematik ausgerichteten Interpretation ergeben. Als besonders problematisch wird dabei erachtet, dass an vielen Stellen der Schrift Anlass zur Frage besteht, wie einzelne Bemerkungen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit den jeweils übergeordneten Hauptsätzen zu bringen sind:

„Es kommt recht oft vor, daß man nach Erklärungen und Bemerkungen zu einem ge- gebenen Satz an Stellen suchen muß, die in gar keiner nummernmäßigen Beziehung zu ihm stehen.“ (Stenius, Erik: Wittgensteins Traktat, Eine kritische Darlegung seiner Hauptgedanken, Frankfurt M. 1969, S.15.ff. Erstmals erschienen unter dem Originalti- tel: Wittgenstein´s Tractatus, Basil Blackwell an Mott. Ltd., Oxford 1960 und im Fol- genden zitiert als Stenius 1960)

Weiterhin wird festgehalten, dass einige Sätze, denen angesichts der Nummerierung scheinbar geringere Bedeutung zukommt, von besonderer Wichtigkeit für die Gesamtkonzeption des Textes sind:

„Man sollte die Metapher der Leiter nicht überstrapazieren, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens sind die Abhängigkeitsverhältnisse und Korrespondenzen zwischen den Bemerkungen der Abhandlung komplizierter und vielschichtiger als jedes leiterar- tige Gebilde. Zweitens sprechen gewichtige inhaltliche Gründe gegen eine durchweg hierarchische Strukturierung des Texts und die Annahme, es bestehe ein klares Fun- dierungsverhältnis zwischen verschiedenen Teilen der Abhandlung. Drittens gibt es etliche Bemerkungen, die in einer Hinsicht zu den stark abhängigen Sätzen mit vielen Dezimalstellen gehören, in anderer Hinsicht jedoch weit im Vordergrund stehen. Das wohl frappierendste Beispiel hierfür ist der explizit so bezeichnete »Grundgedanke« des Buchs, der die Ordnungsnummer 4.0312 trägt.“ (Schulte 2005, S.63/Z.21ff.)

Wird in dem hier vorgegebenen Rahmen nun zwar kein abschließendes Urteil über die Funktion des im Tractatus angelegten Nummerierungssystems zu fällen sein - dazu wäre eine eingehende Untersuchung der Zuordnungen im gesamten Text erfor- derlich, die von der hier zu bearbeitenden Ausgangsfrage wegführen würde -, so muss doch zumindest anhand eines konkreten Beispiels dargestellt werden, dass die Einteilung Wittgensteins unter bestimmten Gesichtspunkten weitestgehend unberührt von den vorgebrachten Einwänden bleibt. Dieses Beispiel soll die von Erik Stenius vertretene Auffassung zum Nummerierungsprinzip des Tractatus sein, dessen Urteil erheblichen Einfluss auf die ihm folgenden Interpreten ausgeübt und zur gemeinhin als gültig erachteten Vorstellung von der inkonsistenten Systematik des Textes ge- führt hat. Seine Leitvorstellung über Wittgensteins Vorgehensweise im Tractatus ist die, dass jener den Text eher intuitiv in Haupt- und Nebenthemen einteilt:

„Wenn man die Nummerierung als ein Gegenstück zu den Zeichen ansieht, mit denen in Notenschrift die Variation der Tonstärke bezeichnet wird, bekommt man eine Vorstellung von dem wogenden Rhythmus des Traktats und seiner Einteilung in Hauptund Nebenthemen.“ (Stenius, 1960, S.17/Z. 33-37)

Zwar wird der Versuch Wittgensteins anerkannt durch die Reihe von Hauptsätzen „eine stetige Gedankenentwicklung auszudrücken“ (ebd. S.19/Z.4), im Einzelnen kritisiert Stenius jedoch den fehlenden Bezug schon zwischen Hauptsätzen und den dazugehörigen Bemerkungen erster Ordnung. Nach dieser Auffassung liegt also ein Verstoß gegen das „ausdrücklich statuierte Nummerierungsprinzip“ (Stenius 1960, S.24/Z.14) des Tractatus vor, was am Beispiel des Beziehungsverhältnisses der Sätze

2.1 und 2.2 zum zweiten Hauptsatz verdeutlicht werden soll:

„Es ist schwer, sich vorzustellen, wie Nummer 2.1 Nummer 2 erklären, begründen oder erhellen könnte. Und es ist noch schwieriger zu verstehen, wie 2.2 dies könnte. Was hat der Umstand, daß Bild und Abgebildetes die logische Form der Abbildung gemein haben, damit zu tun, daß das, was der Fall ist, das Bestehen von Sachverhalten ausmacht?“ (ebd., S.21/Z.9ff.)

Unabhängig davon, dass Stenius im Sinne seiner Argumentation natürlich versucht die Inkonsistenz des Tractatus möglichst drastisch darzustellen - aus diesem Grund macht er hier hauptsächlich auf sein Unverständnis mit Bezug auf die Verbindung zwischen dem Gedanken von der gemeinsamen logischen Form von Bild und Abge- bildetem und dem Gedanken vom Bestehen der Sachverhalte aufmerksam -, so muss eine Antwort auf die von ihm formulierte Frage begründen, weshalb die Ausfüh- rungen, die sich unter TLP 2.1 und 2.2 vornehmlich mit dem allgemeinen Bildbegriff auseinandersetzen, genau an dieser Stelle im Tractatus erfolgen müssen. Denn Steni- us behauptet:

„[...] wenn die Bemerkungen 2.1 und 2.2 wirklich Bemerkungen zu 2 sind, [...] dann müssen die Thesen 3 und 4 und alles, was in Zusammenhang mit ihnen gesagt wird, als Bemerkungen über die Natur des logischen Bildes zu 2 genommen werden und nicht als Entwicklung eines Gedankenganges, von dem 2 ein Teil ist.“ (Stenius 1960, S.21/Z.15ff.)

Trotzdem es nun vollkommen plausibel erscheint den allgemeinen Bildbegriff in direkten Zusammenhang mit den Erwägungen über Gedanken als logische Bilder der Tatsachen zu stellen, so spricht für die Gliederung Wittgensteins, dass er sich mit TLP 2.1 und 2.2 auf spezifische Art und Weise zu den Termini Tatsache und Sach- verhalt äußert. Sofern nämlich die Welt - dies wird im nächsten Abschnitt der Analy- se noch detailliert erläutert - in den Bemerkungen 2.01 bis 2.063 zunächst bis hin zu den einfachen Gegenständen in ihre Bestandteile analysiert wird, so führen die dar- auf folgenden Bemerkungen erstmals in einen Bereich von Überlegungen, die als logische Basis für die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit den einfachen Ge- genständen fungieren können. Denn die Bestimmung von Tatsachen bzw. Sachver- halten kommt - wie sich in aller Deutlichkeit erst in Verbindung mit TLP 2.0211 und TLP 3.23 einsehen lässt - ohne die Annahme jener letztlich unteilbaren Substanzen nicht aus:

„Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr wäre.“ (TLP 2.0211)

„Die Forderung der Möglichkeit der einfachen Zeichen ist die Forderung der Bestimmtheit des Sinnes.“ (TLP 3.23)

Dementsprechend muss Wittgenstein aber schon im Bereich derjenigen Sätze, mit denen er etwas über Tatsachen und Sachverhalte aussagen will, auf den Aspekt der Beziehung zwischen Tatsachen einerseits und auf die Form der Abbildung andererseits eingehen: Denn hier fallen Ausgangs- als auch Endpunkt der Analyse des einfachen Gegenstandes zusammen.

Nun fehlt an dieser Stelle noch eine Erklärung dafür, dass bestimmte Bemerkungen des Tractatus, deren Nummerierung zunächst auf eine geringe Bedeutung schließen lässt, in gewisser Hinsicht Schlüsselpositionen innerhalb der Darstellung einnehmen. Zu einem besseren Verständnis dieser Eigenart des Textes trägt die Annahme bei, dass in der Abfolge von Bemerkungen immer vom Allgemeinen zum Speziellen fortgeschritten wird. In diesem Sinne hält selbst Stenius fest:

„Man könnte vielleicht sagen, daß die Sätze mit wenigen Dezimalstellen gewöhnlich allgemeiner als die mit mehr Dezimalstellen sind.“ (Stenius 1960, S.17/Z.25ff.)

Nun kann auch in diesem Zusammenhang kein abschließendes Urteil erfolgen, denn es wäre unangemessen Wittgensteins Entscheidungen im Hinblick auf die Hierarchie der Sätze zu ignorieren und eine andersartige Struktur als die letztendlich gültige darzustellen. Wird jedoch vorerst angenommen, dass die übergeordneten Sätze in allgemeiner Form wirklich schon all das enthalten, was in den dazugehörigen Be- merkungen im Einzelnen erörtert wird - eine angemessene Begründung dieser An- nahme erfolgt im weiteren Verlauf dieser Untersuchung -, dann deckt sich dies sehr wohl mit der Angabe Wittgensteins zum logischen Gewicht der Sätze.

Wurde die Gliederungsstruktur des Textes nun zunächst anhand der Einteilung in die Themenbereiche aus den ersten sechs Hauptsätzen beschrieben, so ist zum Ende die- ses Abschnitts noch eine weitere Unterteilung vorzunehmen, die ihren Bezugspunkt weniger in formalen Aspekten der Anordnung von Sätzen als vielmehr auf der inhalt- lichen Ebene der jeweiligen Satzaussagen sucht. Dies bietet sich vor allem deshalb an, weil auch unabhängig von den Fragen zum Nummerierungssystem übergeordnete Themenschwerpunkte gebildet werden können, die wiederum durch Schlüsselbegrif- fe zu philosophischen Teildisziplinen darstellbar sind. So gesehen sind die ersten beiden Hauptsätze thematisch unter den Terminus der Ontologie zu fassen, die Hauptsätze drei und vier unter Bildtheorie bzw. unter die Termini Denken und Spra- che, und die letzten beiden Hauptsätze unter die Begriffe Satz und Sprache bzw. lo-

gische Analyse der Sprache.6 Diese Oberbegriffe sollen nun die Schwerpunkte bil- den, von denen bei der weiterführenden Analyse des Textes ausgegangen wird.

1.2 Ontologie

1.2.1 Das Grundgerüst der Bestimmungen - Welt, Tatsachen, Sachverhalte, Dinge

Die Ausführungen im Bereich der Ontologie beginnt Wittgenstein mit dem Satz:

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ (TLP 1)

Somit folgt er recht deutlich dem zuvor beschriebenen Grundsatz von der größtmög- lichen Allgemeinheit bei der Formulierung seiner Hauptsätze, denn die Wendung „alles, was der Fall ist“ enthält gewissermaßen schon die zentralen Aspekte von dem, was in den darauf folgenden Bemerkungen erster Ordnung dann explizit dargestellt wird:

„Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ (TLP 1.1) und:

„Die Welt zerfällt in Tatsachen.“ (TLP 1.2)

Während der Satz TLP 1.1 eine stärkere Betonung auf den Gesichtspunkt der Ge- samtheit legt, dies wird mit den Aussagen von TLP 1.11 und TLP 1.12 noch zusätz- lich gestützt, so betont TLP 1.2 deutlicher, was mit „der Fall-Sein“ überhaupt gege- ben ist - nämlich einzelne Tatsachen. Über diese Bestimmungen hinaus präzisiert Wittgenstein durch zwei weitere Zusätze. Einerseits behauptet er in TLP 1.21, dass das Bestehen einer Tatsache keinesfalls auf das Bestehen anderer Tatsachen schlie- ßen lässt; dieser Aspekt wird gemeinhin unter den Begriff der Unabh ä ngigkeit von Tatsachen gefasst:

„Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich bleiben.“

(TLP 1.21)

Andererseits formuliert er:

„Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.“ (TLP 1.13)

Was es nun genau mit der Unabhängigkeit der Tatsachen und mit jener Metapher vom logischen Raum auf sich hat, kann an dieser Stelle noch nicht geklärt werden. Im Hinblick auf den letzten der beiden Begriffe wird jedoch schon in TLP 1.12 als auch in TLP 1.13 andeutungsweise erkennbar, dass Wittgenstein auf dessen Grund- lage eine Vorstellung entwirft, nach der die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres „ So oder So-Seins “ gleichermaßen durch bestehende Tatsachen als auch durch die nichtbestehenden Tatsachen fassbar gemacht werden soll. Denn im Rahmen aller logisch m ö glichen Kombinationen von Tatsachen ist mit dem Bestehen eines Teils dieser Möglichkeiten gleichzeitig auch der nicht-bestehende Teil bestimmt und um- gekehrt.

Aus dem zweiten Hauptsatz des Tractatus und aus den sich anschließenden Bemerkungen bis zum Satz TLP 2.1 geht nun hervor aus welchen Bestandteilen sich einfache Tatsachen zusammensetzen:

„Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.“ (TLP 2)

Zunächst wird also festgehalten, dass Tatsachen aus mehreren Sachverhalten beste- hen, das ist zusammengenommen jeweils eine Sachlage,7 und TLP 2.01 erklärt wei- terführend:

„Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).“ (TLP 2.01)

Demnach wird eine erste Unterscheidung zwischen Tatsachen und Sachverhalten durch den Komplexitätsgrad des jeweils in Augenschein genommenen Beschrei- bungsgegenstands ersichtlich, und weitere Differenzen lassen sich später dann mit Bezug auf die Ausführungen zum Elementarsatz feststellen. Vorerst soll jedoch das Augenmerk auf diejenigen Bemerkungen gerichtet werden, mit denen Wittgenstein den Begriff des Sachverhalts genauer erläutert. Die in diesem Zusammenhang we- sentlichen Angaben sind entsprechend der Nummerierung in den darauf folgenden Bemerkungen mit zwei Dezimalstellen enthalten. Dort wird mit zunehmender Präzi- sierung festgestellt, dass (1) der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen ist, dass (2) die miteinander verbundenen Gegenstände einfach sind, dass (3) die Verbin- dung der Gegenstände mit den Verbindungen der Glieder einer Kette vergleichbar ist, dass (4) die Gesamtheit der in Gruppen miteinander verbundenen Gegenstände, falls diese bestehen, die Welt sind, dass (5) diese Gesamtheit auch die Sachverhalte mitbestimmt, die nicht bestehen, und dass (6) bestehende und nichtbestehende Sach- verhalte zusammengenommen die Wirklichkeit bilden (Vgl. TLP 2.01 - 2.06). Mit diesen Angaben ist ein deutlicheres Bild von den bisher diskutierten Begriffen ge- wonnen, und es tritt dabei zunächst hervor, dass die Gesamtheit der Tatsachen und die Gesamtheit der Sachverhalte die Welt gleichermaßen bestimmen. Denn wird in TLP 1.1 zwar nicht zwischen bestehenden und nichtbestehenden Tatsachen unter- schieden und in Satz TLP 2.04 nur von bestehenden Sachverhalten gesprochen, so zeigt sich unter Hinzunahme der Erläuterung in TLP 2.06, dass die Begriffe Tatsache (singular) und Sachverhalte (plural) kongruent8 verwendet werden:

„Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.“ (TLP 2.06)

Obwohl also ausgehend vom Standpunkt der Möglichkeiten immer wieder der Hin- weis auf die Bestimmung der Welt über das Kriterium von Bestehen und Nichtbe- stehen erfolgt, so macht es keinen ersichtlichen Unterschied, ob hierbei über Tatsa- chen einerseits oder Sachverhalte andererseits gesprochen wird. Stellt sich dann zwar die Frage, weshalb Wittgenstein den Terminus der Tatsache überhaupt einführt, so ist in diesem Zusammenhang auf eine mögliche Parallele von ontologischen und sprachtheoretischen Formulierungen des Tractatus hinzuweisen. Dieser Aspekt wird jedoch im entsprechenden Abschnitt genauer erörtert, und es sollen zunächst einige Ausführungen über die Konzeption des einfachen Gegenstands folgen.9

Hierbei muss zunächst noch einmal erwähnt werden, dass die Bestimmungen des Tractatus vom Allgemeinen zum Speziellen fortschreiten. Denn angefangen bei allem, was der Fall sein kann, führt Wittgenstein über den Einzelfall einer Tatsache zu bestehenden Sachverhalten, die ihrerseits als eine Verbindung aus einfachen Gegenständen beschrieben werden. Unter diesem Gesichtspunkt kommt einem Gegenstand vorerst also eine Funktion bei der Bestimmung des Sachverhalts zu, und zwar im Hinblick auf dessen Struktur:

„Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.“ (TLP 2.032)

Gleichzeitig bilden Gegenstände aber auch das, was Wittgenstein als die „Substanz der Welt“ bezeichnet:

„Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.“ (TLP 2.021)

Der Gedanke der einfachen Substanzen hängt nun aber weniger mit einer physikali- schen Auffassung von den Gegenständen zusammen, als vielmehr mit der Eigen- schaft eine bestimmte Anzahl von Möglichkeiten des Auftretens in unterschiedlichen Sachverhalten von sich aus mitzubringen. Entsprechend formuliert Wittgenstein:

„In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kann, so muß die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.“ (TLP 2.012)

Dieser Gedanke wird weiter ausgeführt in dem Satz TLP 2.0124:

„Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle möglichen Sachverhalte gegeben.“ (TLP 2.0124)

Über die Welt lässt sich zunächst also aufgrund der formalen Eigenschaften von Ge- genständen etwas sagen, denn bestimmte Möglichkeiten der Verbindung im Sach- verhalt liegen ihnen wesensmäßig zugrunde. Jene Kritik an einer Ontologie der Dinge, die in TLP 1.1 anklingt, und die sich grundsätzlich gegen eine Bestimmung der Welt unabhängig von dem Gedanken möglicher Verbindungen von Gegenstän-

Tractatus I/4. States of Affairs and the world, S.11-13). Ein Versuch Fogelin zu widerlegen findet sich in einem Aufsatz von Verena Mayer, die eine strenge Systematik des Tractatus nachweist. (Vgl. May- er, Verena, Der Tractatus als System, Kap. 1.3 Beispiel einer Fehlanwendung von Substitution, S.15- 17. Der Aufsatz erschien erstmalig in Acta Analytica 10, 1993 und wird im Folgenden zitiert als Mayer, 1993. In: Vossenkuhl 2001, S.11-34) den in Tatsachen richtet, erklärt sich dann aber dadurch, dass Wittgenstein Erkennt- nisse über das Verhältnis zwischen m ö glichen Welten (bestehenden und nichtbestehenden Tatsachen) einerseits und der wirklichen Welt andererseits zu Tage befördern will. Eben dies muss im Rahmen eines solchen Unternehmens jedoch offensichtlich werden, denn sonst besteht die Möglichkeit einer Verwechslung zwischen dem, was tats ä chlich der Fall ist und dem, was m ö glicherweise der Fall sein kann. Ein weiterer Aspekt mit Bezug auf die spezifischen Eigenschaften von Gegenständen zeigt sich dann in den Sätzen TLP 2.0231 und TLP 2.0232:

„Die Substanz der Welt kann nur eine Form und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt - erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.“ (TLP 2.0231) und:

„Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.“ (TLP 2.0232)

Insbesondere der erstgenannte Satz macht deutlich, dass es Wittgenstein bei seinen Ausführungen über den Gegenstand scheinbar gar nicht um eine empirische Größe geht, sondern vielmehr um das logische Konstrukt einer Einzelheit, die erst anhand der Kombination mit anderen solcher Einzelheiten fassbar wird. Sofern die Substanz nämlich gleichzeitig das ist, was unabhängig von ihrem „der Fall-Sein“ besteht, aber auch Form und Inhalt, so kann das Bestehen von Gegenständen im üblichen Sinne des Wortes schlichtweg nicht gedacht werden:

Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht. (TLP 2.024) Sie ist Form und Inhalt. (TLP 2.025)

Ergibt sich dann zwar die Frage, wie aus den Gegenständen, die für sich gesehen nur als Form vorgestellt werden, eine sinnlich wahrnehmbare Größe werden soll, so muss dies jedoch nicht zwangsläufig in Widersprüche führen. Falls jene Ausführun- gen Wittgensteins nämlich ausschließlich der Klärung jener logischen Grundlagen dienen, die als Bedingung einer sinnvollen Auseinandersetzung mit der Welt Geltung haben müssen, dann braucht es hier nicht unbedingt eine anschauliche, sondern zu- nächst eine an den reinen Formen des Denkens orientierte Darstellung der Zusammenhänge.

1.2.2 Einfache Gegenstände und die allgemeine Theorie des Bildes

Lässt sich nun im Zuge der vorangehenden Überlegungen darauf spekulieren, dass Wittgenstein unter einem einfachen Gegenstand das versteht, was nach platonischer Auffassung als die Idee von einem Gegenstand bezeichnet werden könnte,10 so scheint dies vor dem Hintergrund der beabsichtigten Grenzziehung im Bereich des Sprachlichen wohl eher unangebracht:

„Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr - nicht dem Den- ken, sondern dem Ausdruck der Gedanken [...] Die Grenze wird also nur in der Spra- che gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.“ (TLP, Vorwort)

Vielmehr muss also bei der Erläuterung des Begriffs darauf eingegangen werden, weshalb und auf welche Weise Wittgenstein ihn als Ausgangs- bzw. als Endpunkt seiner ontologischen Bestimmungen verwendet. In diesem Sinne heißt es in Satz 2.0211:

„Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr wäre.“ (TLP 2.0211).

Hier wird erkennbar, dass die Frage, wie einfache Gegenstände tatsächlich beschaf- fen sind, für Wittgenstein geringere Bedeutung hat. Die Überlegung jedoch, dass eine Substanz vorauszusetzen ist, wenn über die Welt, Tatsachen oder Sachverhalte gesprochen werden soll, scheint für ihn von besonderem Interesse zu sein. Denn deu- ten die schrittweise durchgeführten Beschreibungen in der Ontologie des Tractatus zwar darauf hin, dass die Systematik einen nicht weiter analysierbaren einfachen Gegenstand fordert, ganz konkret wird dieser weder beim Namen genannt noch an- hand eines Beispiels vorgeführt. Genau auf diesen Aspekt zielt die folgende Bemer- kung von Max Black ab, der bei seiner Interpretation zum Begriff der einfachen Ge- genstände im Tractatus angibt:

„Central to his metaphysical conception is the conviction that there must be such atomic facts (see the important remark 4.2211) for there to be a universe at all. But he will be wholly unable to provide a specimen of an ´atomic fact´: that there must be atomic facts, if there are any facts at all, is known only a priori, through philosophical reflection.“ (Black, Max: A Companion to Wittgenstein´s ´Tractatus´, Ithaka, New York, 1964, S.28/Z.10-15)

Nun ist im Kontext solcher Überlegungen auch auf das Verhältnis zwischen Aussa- gen über einfache Gegenstände und denjenigen Bemerkungen einzugehen, die sich allgemein mit der Möglichkeit der Abbildung von Wirklichkeit auseinandersetzen. Diesbezüglich spricht Wittgenstein zunächst von den Bildern der Tatsachen als „Modell[en] der Wirklichkeit“ (TLP 2.12). Dem Versuch eine entsprechende Sach- lage im Bilde zu rekonstruieren muss dabei die Vorstellung zugrunde liegen, dass sich etwas in der Realität auf bestimmte Art und Weise verhält. Zu jedem Bild muss im Denken also gewissermaßen eine Behauptung über das Bestehen oder Nichtbe- stehen einer Sachlage oder eines Sachverhalts aufgestellt werden. Da nun jedoch aus dem Bild allein nicht hervorgehen kann, ob es die Wirklichkeit richtig oder falsch darstellt, so muss etwas in ihm enthalten sein, das einen Vergleich mit dem Abgebil- deten ermöglicht. Eben diese Möglichkeit bietet die Gegenüberstellung der einander koordinierten Elemente des Bildes einerseits und die Anordnung der Gegenstände im Sachverhalt andererseits. Jene den Vergleich ermöglichende Eigenschaft des Bildes wird dabei mit dem Terminus der „abbildenden Beziehung“ (TLP 2.1514) beschrie- ben. Um nun verständlich machen zu können, welche Vorstellung sich hinter dieser Formulierung verbirgt, ist es nötig auf die Unterscheidung zwischen „Struktur der Abbildung“ und „Form der Abbildung“ (TLP 2.15) hinzuweisen. Beide Termini werden in Satz TLP 2.15 eingeführt:

„Daß sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, daß sich die Sachen so zu einander verhalten. Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.“ (TLP 2.15)

Im Unterschied zur Struktur der Abbildung, die sich schlicht aus der Anordnung der einzelnen Bildelemente untereinander ergibt, stellt die Form der Abbildung jenen Teil des Bildes dar, der als Möglichkeit der Übereinstimmung von Bildstruktur und der Struktur des abzubildenden Sachverhaltes zu beschreiben ist. Neben der tatsäch- lichen Anordnung der Bestandteile, die unabhängig von der richtigen oder falschen Abbildung der Wirklichkeit besteht, muss dem Bild aber noch eine Eigenschaft zu- geschrieben werden, die aus der Verbindung von Bildelementen überhaupt erst eine Abbildung macht. Aus diesem Grund stellt Wittgenstein deutlich heraus:

„Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.“ (TLP 2.1513)

Jedes Bildelement geht demnach nicht nur eine Verbindung mit den anderen Elementen des Bildes ein, sondern auch eine Beziehung mit den entsprechenden Gegenständen im Sachverhalt. Die so entstehenden Zuordnungen beschreibt Wittgenstein dann mit der Metapher von den „Fühler[n] der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt“ (TLP 2.1515).

Ist nun anhand der Analyse des Begriffs der abbildenden Beziehung einzusehen, welcher Teil des Bildes mit der Wirklichkeit zur Übereinstimmung kommt, so fehlt noch eine Erklärung dafür, wie der Terminus Wirklichkeit hier zu verstehen ist:

Um zu erkennen, ob das Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen. (TLP 2.223)

Deutet die vorangestellte Formulierung vorerst darauf hin, dass Wittgenstein auf die sinnlich wahrnehmbare Welt anspielt, so kann diese Auffassung jedoch unter Hinzunahme von TLP 2.201 zurückgewiesen werden:

„Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.“ (TLP 2.201)

Denn hier wird deutlich, dass die logische Form der Abbildung nur mit dem überein- stimmen kann, was in der Wirklichkeit als eine m ö gliche Kombination des Bestehens oder Nichtbestehens von Sachverhalten denkbar ist. Für den Vergleich von Bild und Abgebildetem ist es also unerheblich, welche Kombination von Sachverhalten zu einem bestimmten Zeitpunkt tats ä chlich der Fall ist; wichtig ist nur, welche Kombi- nation von Sachverhalten tats ä chlich m ö glich wäre. Eben diesen Aspekt erkennt auch Wilhelm Vossenkuhl in den Ausführungen Wittgensteins und formuliert:

„Er spricht davon, daß man das logische Bild mit der Wirklichkeit vergleichen müsse, um dessen Wahrheit oder Falschheit festzustellen (TLP 2.233). Dies klingt so, als wäre mit dem Bezug zur Wirklichkeit die Referenz auf die empirische Welt gemeint. Tatsächlich erfahren wir aber, daß ´Wirklichkeit´ gerade nicht die empirische Welt bedeutet. Die empirische Welt entspricht vielmehr dem, was der logische Raum an möglichen Sachlagen bietet. Es kann also nur eine logische Referenz, eine Beziehung auf einen logisch konstruierten Gegenstand gemeint sein.“ (Vossenkuhl, Wilhelm: Ludwig Wittgenstein, München 1995, S.118/Z.28ff.)

Aus der Konzeption des einfachen Gegenstands und angesichts der Erwägungen über die Berührungspunkte zwischen Bild und Abgebildetem ergibt sich eine recht deut- lichere Kontur zu Wittgensteins Weltbegriff. Denn sowohl das gedankliche Kon- strukt einer allen Tatsachen zugrunde liegenden Ursubstanz als auch die Möglichkeit der Abbildung von Koordinationen der Gegenstände im Sachverhalt deuten darauf hin, dass die ontologischen Bestimmungen des Textes nicht im Sinne von Aussagen über die Beschaffenheit der empirische Welt zu verstehen sind, sondern vielmehr als Bestimmung desjenigen Bereichs, der in den Sätzen der Sprache seinen Ausdruck findet. Bevor jedoch eine sich vor diesem Hintergrund abzeichnende Differenzierung zwischen der „ wirklichen Welt “ einerseits und der „ Welt der Sprache “ andererseits diskutiert werden kann, muss zunächst jener Teil des Tractatus untersucht werden, dem Genaueres über das Verhältnis von Denken und Sprache zu entnehmen ist.

1.3 Denken und Sprache

1.3.1 Sätze als Bilder von Gedanken

Noch im Rahmen der allgemeinen Bildtheorie macht Wittgenstein darauf aufmerk- sam, dass der Mensch auf die Welt referiert, indem er Modelle von ihr entwirft. Da jedes Bild für sich gesehen eine Tatsache darstellt und dementsprechend in Form einer Zusammensetzung aus Sachverhalten bzw. durch die Koordination von einfa- chen Gegenständen gegeben ist, muss ihm eine Eigenschaft zugeschrieben werden, die es überhaupt erst zu einer Abbildung macht. Wie erwähnt ist diese Eigenschaft durch die logische Form der Abbildung gegeben, und es wird hier deshalb noch ein- mal darauf hingewiesen, da im dritten Hauptsatz des Tractatus auf eben diesem Aspekt ein besonderes Gewicht liegt:

„Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.“ (TLP 3)

Nun kann mit einem Bild zwar auf unterschiedliche Gesichtspunkte der Wirklichkeit fokussiert werden:

„Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z.B. nicht jedes Bild ein räumliches.)“ (TLP 2.182)

Doch entsteht erst über den isomorphen Bau von Bildbestandteilen zu entsprechen- den Wirklichkeitsbestandteilen aus irgendeiner Tatsache eine abbildende Tatsache. Unter diesen Voraussetzungen wird am Begriff der abbildenden Beziehung dann aber auch deutlich, auf welche Weise Bilder im Allgemeinen zu ihrem Sinn kommen

- nämlich dadurch, dass sie die Wirklichkeit entweder „berühren“ (TLP 2.1515) oder nicht.

In den Kontext dieser Überlegung fallen nun auch die Bemerkungen zwischen dem dritten Hauptsatz und TLP 3.1, die im Wesentlichen über den logischen Status von Gedanken und deren Wahrheitsbedingung Auskunft geben. Dabei steht zunächst im Mittelpunkt, dass Vorstellungen allgemein als eine bestimmte Form der Abbildung von Sachlagen anzusehen sind, und Wittgenstein folgert aus der Möglichkeit etwas im Denken nachmodellieren zu können zunächst auch auf die Möglichkeit aller denkbaren Sachverhalte. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass gleichzeitig auf das Bestehen der Sachverhalte geschlossen werden kann. Denn ist beispielsweise eine Welt vorstellbar, die unabhängig von den Gesetzen der Schwerkraft existiert, so ist damit offensichtlich wenig über die Wahrheit des Gedankens ausgesagt. Dement- sprechend muss das, was die Welt richtig abbilden soll, einer Überprüfung an der Wirklichkeit standhalten, und unter ähnlichen Gesichtspunkten formuliert Wittgen- stein dann auch seine Einschätzung mit Bezug auf den Wahrheitsstatus von Gedan- ken a priori:

„Nur so könnten wir a priori wissen, daß ein Gedanke wahr ist, wenn aus dem Gedan- ken selbst (ohne Vergleichsobjekte) seine Wahrheit zu erkennen wäre.“ (TLP 3.05)

Zugegebenermaßen bleibt der Tractatus in seinen Ausführungen über den Bereich des Denkens insgesamt recht spärlich, was sich vor allem durch den von Wittgen- stein als problematisch erachteten Umstand erklären lässt, dass ein ausführliches Studium der Denkprozesse zu gefährlichen Verwicklungen in den Bereichen der Psychologie führen kann:

„[...] Entspricht nicht mein Studium der Zeichensprache dem Studium der Denkpro- zesse, welches die Philosophen für die Philosophie der Logik für so wesentlich hiel- ten? Nur verwickelten sie sich meistens in unwesentliche psychologische Untersu- chungen und eine analoge Gefahr gibt es auch bei meiner Methode.“ (TLP 4.1121)

Folglich muss, um dieser Gefahr zu entgehen, nach einem geeigneten Gegenstand Ausschau gehalten werden, der es möglich macht Gedanken einerseits und die Wirk- lichkeit andererseits so gegenüberzustellen, dass anhand von gesicherten Kriterien verglichen und über Wahrheit oder Falschheit einer Referenz auf die Welt entschie- den werden kann. Eben diese Größe bildet im Tractatus der Satz, und Wittgenstein untermauert vor allem in den nummernmäßig höherwertigen Bemerkungen unter TLP 3 seine Auffassung, dass sich Bilder von der Wirklichkeit nur am Beispiel jener

sinnlich wahrnehmbaren Form der Abbildung überprüfen lassen. Entsprechend ge- ben fast alle Formulierungen zu Gedanken als logischen Bildern der Tatsachen Auf- schluss darüber, wie das Denken in Form von Sätzen seinen Ausdruck findet. Denn erklärtes Ziel der Untersuchung ist es dem Ausdruck der Gedanken eine Grenze zu ziehen, weil eine solche im Bereich des Denkens an sich unmöglich gezogen werden kann:

„Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr - nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um den Denken eine Grenze zu ziehen, müßten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müßten also denken können, was sich nicht denken läßt).“ (TLP, Vorwort)

Über etwas in der Welt nachdenken bedeutet, dass sich der Mensch Bilder von mög- lichen Sachlagen konstruiert. Diesen Bildern wird in Form von Zeichen Ausdruck verliehen, und Wittgenstein definiert den Ausdruck eines Gedankens als Satzzeichen. Den Begriff des Satzes will er davon jedoch streng unterschieden wissen, denn wäh- rend sich der Terminus des Satzzeichens vorwiegend darauf bezieht, dass Zeichen für sich gesehen Tatsachen darstellen, so nimmt der Begriff des Satzes ausschließlich jenen Teil des Zeichens in den Blick, der eine spezifische Form der Verbindung mit der Wirklichkeit eingeht. Analog zur Unterscheidung zwischen Struktur und Form der Abbildung im Bereich der allgemeinen Theorie des Bildes teilt sich also auch die Konzeption zum Satzzeichen in einen Bereich, der auf dessen Tatsachencharakter fokussiert, und einen Teil, der sich auf dessen Abbildungscharakter bezieht:

„Das Zeichen durch welches wir den Gedanken ausdrücken, nenne ich das Satzzei- chen. Und der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt.“ (TLP 3.12)

Damit ist aber ein entscheidender Punkt in der Analyse erreicht, da Wittgenstein hier tiefen Einblick in die für ihn im Bereich der Zeichentheorie maßgeblichen Annah- men gewährt. Denn würde ausschließlich in den Blick genommen, dass der Tatsache Satzzeichen ganz allgemein eine gewisse Struktur zukommt - diese Struktur ist durch die jeweilige Anordnung von Einzelbestandteilen gegeben - so bliebe der projektive Anteil des Zeichens dabei gewissermaßen ausgeblendet. Demnach müsste es aber als eine lose Ansammlung von Einzelelementen erscheinen, die selbst als Teile der Wirklichkeit, aber ohne ersichtliche Verbindung zu dem bestehen, was sie abbilden sollen:

[...]


1 Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus wird im weiteren Verlauf dieser Untersuchung nur durch Angabe der Sigle TLP und der betreffenden Nummer im Text der Werkausgabe zitiert (Wittgenstein, Ludwig, Tractatus logico-philosophicus. In: WA Bd. 1, S.7-87). Auf die Angabe der Seitenund Zeilenangabe wird verzichtet, um einen besseren Lesefluss zu ermöglichen.

2 Der Vollständigkeit wegen sei hier erwähnt, dass Wittgenstein selbst außer dem Tractatus noch einen sehr kurzen Text mit dem Titel „Some Remarks on Logical Form“ (1929), der in der deutschen Über- setzung von Joachim Schulte unter dem Titel „Bemerkungen über logische Form“ vorliegt, (Vgl. VE, S.20-28) und ein „Wörterbuch für Volksschulen“ (1926) veröffentlichte. (Vgl. Vossenkuhl, Wilhelm (Hg.), Tractatus logico-philosophicus, Einleitung, S.1/Z.1, Berlin 2001. Im Folgenden zitiert als Vos- senkuhl 2001)

3 Grundsätzlich steht die analytischen Philosophie als Sammelbezeichnung für eine Strömung des Denkens - philosophische Probleme werden hier größtenteils unter sprachtheoretischer bzw. sprachlo- gischer Perspektive zu lösen versucht - in der Tradition des englischen bzw. schottischen Empirismus, als deren Hauptvertreter John Locke, George Berkeley und David Hume zu nennen sind. Unter wis- senschaftstheoretischer Perspektive wird oft auch vom logischen Empirismus bzw. logischen Positi- vismus gesprochen. Als Vertreter lassen sich Denker wie Ernst Mach, Guiseppe Peano, Betrand Rus- sel, Gottlob Frege, Frank Ramsey, Willard Quine, Alfred Tarski und die Mitglieder des Wiener Krei- ses (Schlick, Waismann, Neurath, Carnap) sowie der Berliner Gruppe (Reichenbach, Grelling) anfüh- ren.

4 Schulte, Joachim: Ludwig Wittgenstein, Frankfurt/M. 2005, S.62/Z.8. Im Folgenden zitiert als Schul- te 2005

5 „Russell berichtet von einem Treffen mit Wittgenstein, bei dem dieser lange schweigend auf und ab gegangen sei, bis ihn Russell dann fragte, worüber er nachdenke: Über die Logik oder über seine Sünden? Worauf Wittgenstein antwortete: Über beides.“ Raatzsch, Richard, Rezension: Dieter Mersch (Hg.): Gespräche über Wittgenstein. Wien 1991, Passagen Verlag. In: Wittgenstein Studies 2/96.

6 Die hier vorgeschlagene Gliederung folgt grundsätzlich der in Schulte 2005 dargestellten Einteilung am Beispiel von Grundbegriffen für philosophische Teildisziplinen und reduziert diese auf drei zentrale Bereiche: „Noch grober skizziert könnte man die Stationen mit Hilfe von Etiketten für philosophische Teildisziplinen oder deren Zentralbegriffe benennen: Ontologie, Bildtheorie, Denken und Urteilen, Satz und Sprache überhaupt, logische Analyse der Sprache, Status des Logischen, die Ethik der logischen Betrachtungsweise.“ (Schulte 2005, S.62/Z.18ff.).

7 Dies ergeht unter anderem aus der Bestimmung von einer Sachlage (singular) als das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten (plural): „Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten, vor.“ (TLP 2.11)

8 Der Begriff „kongruent“ meint hier deckungsgleich und nicht etwa ähnlich, d.h. er wird im Sinne seiner Verwendung im Bereich der Geometrie gebraucht.

9 Es sei hier nur am Rande auf die Problematik verwiesen, dass Wittgensteins Verwendung der Begrif- fe „Welt“ und „Wirklichkeit“ zu unterschiedlichen Interpretationen im Hinblick auf die innere Aus- gewogenheit des Textes geführt hat. Insbesondere Fogelin hat versucht Widersprüche in den Aussa- gen Wittgensteins nachzuweisen (Vgl. Fogelin, Robert J., Wittgenstein, Part One, Wittgenstein´s

10 Vgl. Platon, Phdn, 74a-75d

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Bedeuten die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt
Untertitel
Kritische Untersuchungen zur Philosophie Wittgensteins
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Seminar Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
97
Katalognummer
V152266
ISBN (eBook)
9783640641680
ISBN (Buch)
9783640642236
Dateigröße
1618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung
Arbeit zitieren
Magister Jan Lindner (Autor:in), 2009, Bedeuten die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152266

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