Denken und Emotionen

Eine Gegenüberstellung psychologischer und Zen-buddhistischer Theorien


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 0,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen in der Psychologie
2.1 Frühe (physiologische) Emotionstheorien
2.2 Die kognitiven Emotionstheorien
2.3 Die rational-emotive Verhaltenstherapie

3. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen im Zen-Buddhismus
3.1 Geschichte und Hintergrund des Zen-Buddhismus
3.2 Das urteilende Denken als Hindernis des „Eins-Seins“
3.3 Das Denken im Entstehungs- und Verarbeitungspro- zess der Emotionen

4. Gegenüberstellung (Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede)

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis / Quellenangaben

1. Einleitung

Ob wir Freude empfinden, weil wir die wichtige Klausur mit einer guten Leistung abge- schlossen haben, ob wir trauern, weil unser Partner uns verlassen hat oder ob wegen des gerade im Straßenverkehr vor uns schleichenden älteren Herrn mit Hut in uns Ärger aufsteigt - Emotionen bestimmen unser Leben. Oft sind wir uns ihrer vielleicht über- haupt nicht wirklich bewusst, lassen uns von ihnen zu unüberlegten Handlungen treiben, die wir später unter Umständen bereuen oder stehen ihnen sogar ohnmächtig gegenüber. Es gibt Menschen, für die dieses Ohnmachtsgefühl gleichbedeutend mit subjektivem Leidempfinden ist, da sie sich nicht als Herr ihrer Gefühle wahrnehmen. Andere wie- derum erleben wir als ausgesprochen „herzlos“ oder „emotionslos“. Wie auch immer man an diese Thematik herangeht, auf alle Fälle sind Emotionen ein zentrales Element unseres Lebens, das durch sie erst seine Farbe zu gewinnen scheint.

Doch inwiefern sind wir eigentlich selbst an ihrem Entstehungsprozess beteiligt? Wel- chen Einfluss hat unser Denken auf das subjektives Emotionserleben und umgekehrt? Gibt es neben der wissenschaftlichen Psychologie noch andere „Theorien“, die sich mit dem Zusammenhang des Denkens und der Emotionen beschäftigen? Das alles sind Fra- gen, mit denen sich der vorliegende Essay beschäftigt, wobei vor allem eine komparati- ve Gegenüberstellung psychologischer mit bisher noch recht unerforschten Zen-Bud- dhistischen Ansichten entstehen soll. Zurückgreifen kann ich in diesem Bereich auf eine inzwischen fast zweijährige Erfahrung als praktizierender Buddhist, wobei ich mit die- sem Essay stets dem Versuch unterliege, einen höchstmöglichen Grad an Wissenschaft- lichkeit zu erreichen. Dabei steht während der gesamten Arbeit die Zielvorstellung im Vordergrund, ähnlich geartete und auch konträre Auffassungen aufzuzeigen und gegen- einander abzuwägen.

2. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen in der Psycho- logie

Wenngleich die Psychologie als anerkannte Wissenschaft noch als recht jung anzusehen ist, so hat sie doch die enorme Bedeutung der menschlichen Emotionen bereits erkannt (vgl. Mietzel, 2006, S. 405). Dennoch „[…] ist sie weit davon entfernt, sie wissenschaft- lich angemessen beschreiben und erfassen zu können“ (Mietzel, 2006, S. 405). So gibt es zahlreiche Teilgebiete der Psychologie, die sich mithilfe unterschiedlicher Herange- hensweisen mit diesem Thema auseinandersetzen. Als gesicherte Erkenntnis ist jedoch vielen Theorien gemein, dass am Zustandekommen der Emotionen Kognitionen betei- ligt sind (vgl. Mietzel, 2006, S. 405), was eine Folge der so genannten „kognitiven Wende“ der 1960er Jahre ist. Insbesondere in den Jahren davor wurde traditionell in der Psychologie häufig die Meinung vertreten, dass Emotionen sich auf das Denken und Handeln überwiegend negativ auswirken (vgl. Internetlink A, S. 1).

Im Folgenden sollen die diversen psychologischen Theorien in Form eines groben Überblicks aufgezeigt und kurz erläutert werden, wobei keineswegs eine Vollständig- keit aller existierenden Theorien erreicht wird, da insbesondere jene in den Fokus rücken, welche die Rolle des menschlichen Denkens in Verbindung mit Emotionen un- tersuchen.

2.1 Frühe (physiologische) Emotionstheorien

Bereits Darwin beschäftigte sich 1872 in seiner Theorie des evolution ä ren Erbes mit dem Ausdruck menschlicher Emotionen. Er war der Auffassung, „[…] dass der emotio- nale Ausdruck angeboren ist und deshalb die Möglichkeiten des Ausdrucks von Gefüh- len durch die Mimik für alle Menschen gleich sind“ (Görlitz, 2006, S. 30). Mit einem Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen hat er sich nicht explizit befasst. Das wohl bekannteste Erklärungsmodell, welches wiederum bereits teilweise entkräftet wurde, ist die umstrittene James-Lange-Theorie von 1884. So waren William James und Carl Lange etwa zur gleichen Zeit davon überzeugt, dass „[…] das beobachtbare emo- tionale Verhalten den anderen emotionalen Prozessen vorgeordnet sei“ (Görlitz, 2006, S. 30). Demnach riefe die Wahrnehmung eines Ereignisses oder Gegenstandes reflexar- tig ein Muster körperlicher Veränderungen hervor, nach dessen Wahrnehmung durch das Individuum schließlich ein entsprechendes Gefühlserlebnis aufträte (vgl. Mietzel, 2006, S. 417).

Einer der großen Kritiker dieser Theorie, Walter Cannon, schuf gemeinsam mit dem Physiologen Philip Bard Ende der 1920er Jahre die Cannon-Bard-Theorie. Zwar gingen beide ebenfalls davon aus, dass Gefühle lediglich eine automatische Reaktion auf äuße- re Reize seien, die aber im Gegensatz zur James-Lange-Theorie gleichzeitig mit der körperlichen Veränderung und nicht nachgeschaltet vonstatten gehen. Heute rufen so- wohl die James-Lange-Theorie, als auch die Cannon-Bard-Theorie in der Wissenschaft kein sonderlich großes Interesse mehr hervor, da man erkannt hat, dass das Emotionser- leben unter anderem auch davon abhängt, wie Wahrnehmungen am eigenen Körper und situative Bedingungen interpretiert werden und sich nicht ausschließlich physiologisch erklären lässt (vgl. Mietzel, 2006, S. 421).

2.2 Die kognitiven Emotionstheorien

Als einen Wegbereiter der kognitiven Emotionstheorien kann man den spanischen Arzt Gregorio Marañon nennen, der sich in den Zwanziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts die Frage stellte, wie bei Menschen Gefühle hervorgerufen werden. Was er herausfand, nannte man später die Zweifaktoren-Theorie der Emotion. Jene besagt, dass im Entstehungsprozess der Emotionen zwei Komponenten beteiligt sind: eine körperliche und eine psychologische oder auch subjektive Komponente. Dabei nehme insbesondere die subjektive Komponente die Funktion war, die wahrgenommen körperlichen Veränderungen zu interpretieren, was schließlich zur Entstehung der jeweiligen Emotion ausschlaggebend sei (vgl. Mietzel, 2006, S. 421).

In der Folge setzten sich weitere zahlreiche Wissenschaftler mit der Zweifaktoren- Theorie der Emotion auseinander und entwickelten sie weiter. So hielten es auch Stan- ley Schachter und Jerome Singer Anfang der 1960er Jahre im Zuge ihrer Jukebox-Theo- rie der Emotion für zutreffend, dass eine körperliche Erregung allein keine Emotionen hervorrufen könne. Ihrer Ansicht nach hängt das Auslösen einer spezifischen Emotion insbesondere davon ab, wie das Individuum seine Umgebung interpretiere (vgl. Mietzel, 2006, S. 421).

In der Theorie der kognitiven Bewertung von 1982 geht Lazarus von einem Zusammen- spiel von Umweltfaktoren, deren kognitiver Bewertung und den emotionalen Erfahrun- gen des Individuums aus. Seine Theorie besagt, dass in Form eines vorgeschalteten Pro- zesses eine kognitive, also gedankliche Bewertung der Situation vorgenommen wird, welche dann im Anschluss darüber entscheidet, welche Emotionen gefühlt werden (vgl. Görlitz, 2006, S. 30).

Im Jahre 2001 wies auch Joseph LeDoux darauf hin, dass Emotionen nicht per se einem Hirnsystem zugeschrieben werden könnten, sondern in unterschiedlichen Systemen ih- ren Ursprung haben. Während zum Beispiel Furcht reflexartig entsteht, ohne dass das Individuum eine Interpretation vornimmt, entstünden Stolz oder Schuldgefühle lediglich in Folge eines Interpretations- und Erinnerungsprozesses an ähnliche Situationen in der Vergangenheit. Er ist des Weiteren überzeugt, dass die Begründung für reflexartig her- vorgerufene Emotionen - wie zum Beispiel die Furcht - in der Evolution und der gene- tischen Vorbereitung des Menschen, schnell auf Bedrohungen reagieren zu können, zu finden ist (vgl. Mietzel, 2006, S. 423).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nach Ansicht der kognitiven Emotionstheoretiker Emotionen dann auftreten, wenn das Individuum Objekte, also Personen, Sachverhalte etc., einschätzt, sie also als positiv oder negativ bewertet. Eine andere, treffende Bezeichnung dafür ist auch die subjektive Einschätzung nach „wunschkongruent“ und „wunschinkongruent“. Demnach bestimmt jene Einschätzung des Objekts nicht nur, ob, sondern auch welche Emotion ausgelöst wird (vgl. Internetlink A, S. 2).

2.3 Die rational-emotive Verhaltenstherapie

Besonders näher zu beleuchten ist vor dem Hintergrund der kognitiven Emotionstheori- en die so genannte rational-emotive Verhaltenstherapie (fortan REVT), die auf Albert Ellis zurückgeht, da hier deutlich auf den engen Zusammenhang von Gefühlen und Ge- danken, die sich gegenseitig bedingen und auslösen können, hingewiesen wird. Ziel der REVT ist es, die Selbsthilfefähigkeit des Klienten durch bewusste Wahrnehmung und genaue Differenzierung von Gefühlen zu stärken (vgl. Görlitz, 2006, S. 25).

Ellis äußerte in den 1950er Jahren in seiner Theorie, die später zur operativen Basis für die REVT wurde, „[…] dass nicht die äußeren Umstände per se am seelischen Leid und psychischen Kummer vieler Menschen Schuld trügen, sondern absolutistische und per- fektionistische Forderungen, die ein Mensch sich selbst auferlege bzw. die er an andere und/oder die Welt schlechthin richte“ (Ellis & Hoellen, 1997, S. 14), womit er bewusst Parallelen zu den Aussagen der philosophischen Stoa zog. Er entwickelte das so ge- nannte „ABC-Modell“, wonach zwischen den aktivierenden Ereignissen (=A) und den emotionalen Folgeerscheinungen (=C) die individuellen Meinungen und Überzeugungs- haltungen (=B) einen mittleren Platz einnehmen (vgl. Ellis & Hoellen, 1997, S. 14). Des Weiteren erachtet Ellis das Streben der Menschen, perfekt sein zu wollen und stän- dig nach der Anerkennung durch die Umwelt zu heischen, als eine der Hauptursachen für emotionale Probleme (vgl. Ellis & Hoellen, 1997, S. 30). Zusammen mit der Ten- denz zum irrationalen Denken, nämlich dem Beherrscht-Sein von den eigenen Vorstel- lungen, wie die Welt sein „müsse“ und „solle“, welche er in mehr oder minder starkem Maße bei jedem Menschen vorzufinden glaubt, könne dieses „[…] zur wichtigen Deter- minante psychischer Störungen werden“ (Ellis & Hoellen, 1997, S. 16). Aus all dem folgt, dass die Theorie der REVT sich gegen eine Unterscheidung der Emotionen zwi- schen richtig und falsch, angemessen und unangemessen, stellt (vgl. Ellis & Hoellen, 1997, S. 24). Grundton der REVT ist somit eine gelassene Zustimmung zum Leben, weitestgehend wertfrei, die eine Notwendigkeit zur Akzeptanz der eigenen menschli- chen Schwächen und dem Erkennen der Begrenztheit der menschlichen Existenz propa- giert (vgl. Ellis & Hoellen, 1997, S. 24). Dabei floss vor allem in ihr Therapiemodell - wie auch in andere westliche Modelle - die Erkenntnis ein, „[…] dass realistische Ver- änderungen mit dem Akzeptieren der Gefühle und des Symptomverhaltens beginnen“ (Ellis & Hoellen, 1997, S. 33).

[...]

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Details

Titel
Denken und Emotionen
Untertitel
Eine Gegenüberstellung psychologischer und Zen-buddhistischer Theorien
Hochschule
Universität Kassel  (Fachbereich Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Persönlichkeit, Selbst und soziale Prozesse im pädagogischen Umfeld
Note
0,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V152278
ISBN (eBook)
9783640640003
ISBN (Buch)
9783640859795
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Denken, Emotionen, Zen, Buddhismus, Psychologie
Arbeit zitieren
Daniel Wehnhardt (Autor), 2009, Denken und Emotionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152278

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