Ob wir Freude empfinden, weil wir die wichtige Klausur mit einer guten Leistung abgeschlossen haben, ob wir trauern, weil unser Partner uns verlassen hat oder ob wegen des gerade im Straßenverkehr vor uns schleichenden älteren Herrn mit Hut in uns Ärger aufsteigt – Emotionen bestimmen unser Leben. Oft sind wir uns ihrer vielleicht überhaupt nicht wirklich bewusst, lassen uns von ihnen zu unüberlegten Handlungen treiben, die wir später unter Umständen bereuen oder stehen ihnen sogar ohnmächtig gegenüber.
Es gibt Menschen, für die dieses Ohnmachtsgefühl gleichbedeutend mit subjektivem Leidempfinden ist, da sie sich nicht als Herr ihrer Gefühle wahrnehmen. Andere wiederum erleben wir als ausgesprochen „herzlos“ oder „emotionslos“. Wie auch immer
man an diese Thematik herangeht, auf alle Fälle sind Emotionen ein zentrales Element unseres Lebens, das durch sie erst seine Farbe zu gewinnen scheint.
Doch inwiefern sind wir eigentlich selbst an ihrem Entstehungsprozess beteiligt? Welchen Einfluss hat unser Denken auf das subjektives Emotionserleben und umgekehrt? Gibt es neben der wissenschaftlichen Psychologie noch andere „Theorien“, die sich mit dem Zusammenhang des Denkens und der Emotionen beschäftigen? Das alles sind Fragen, mit denen sich der vorliegende Essay beschäftigt, wobei vor allem eine komparative
Gegenüberstellung psychologischer mit bisher noch recht unerforschten Zen-Buddhistischen Ansichten entstehen soll. Zurückgreifen kann ich in diesem Bereich auf eine
inzwischen fast zweijährige Erfahrung als praktizierender Buddhist, wobei ich mit diesem Essay stets dem Versuch unterliege, einen höchstmöglichen Grad an Wissenschaftlichkeit
zu erreichen. Dabei steht während der gesamten Arbeit die Zielvorstellung im Vordergrund, ähnlich geartete und auch konträre Auffassungen aufzuzeigen und gegeneinander
abzuwägen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen in der Psychologie
2.1 Frühe (physiologische) Emotionstheorien
2.2 Die kognitiven Emotionstheorien
2.3 Die rational-emotive Verhaltenstherapie
3. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen im Zen-Buddhismus
3.1 Geschichte und Hintergrund des Zen-Buddhismus
3.2 Das urteilende Denken als Hindernis des „Eins-Seins“
3.3 Das Denken im Entstehungs- und Verarbeitungsprozess der Emotionen
4. Gegenüberstellung (Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede)
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des menschlichen Denkens auf den Entstehungsprozess von Emotionen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern psychologische Theorien und zen-buddhistische Ansätze sich in ihrer Sichtweise auf diesen Zusammenhang ergänzen oder unterscheiden.
- Kognitive Emotionstheorien der Psychologie
- Rational-emotive Verhaltenstherapie (REVT)
- Zen-buddhistische Praxis und „Geistesruhe“
- Die Rolle des urteilenden Denkens
- Vergleich von Wissenschaft und Spiritualität im Umgang mit Emotionen
Auszug aus dem Buch
3.2 Das urteilende Denken als Hindernis des „Eins-Seins“
Im Laufe der Übung durchschreitet der Meditierende verschiedene Stufen der Konzentration, während eine Beruhigung des diskursiven Denkens eintrifft (vgl. Keown, 2001, S. 110). Hierunter wird allerdings nicht ein angestrengtes „Ausschalten“ des gesamten Denkapparats verstanden, sondern die Fähigkeit, mit der Aufmerksamkeit auf nur einem Objekt – was immer es auch sein möge – zu verweilen (vgl. Kabat-Zinn, 2003, S. 38). Wenngleich die Konzentration auf den Atem ein Hilfsmittel zur Verwirklichung des Zen-Geistes darstellt, liegt die wahre Absicht jedoch darin, „[…] die Dinge so zu sehen, wie sie sind, die Dinge zu beobachten, wie sie sind, und alles gehen zu lassen, wie es geht“ (Suzuki, 2002, S. 35). Es ist ein wahrhaft weit verbreiteter Irrtum, dass Zen-Meditierende eine Abwesenheit von Gedanken und Emotionen anstreben (vgl. Sach & Faust, 2008, S. 22). Denn der Versuch, das Denken anzuhalten, bzw. es zu unterdrücken, würde lediglich bedeuten, dass man davon gestört ist (vgl. Suzuki, 2002, S. 37) und es intensivieren. Vielmehr werden Gedanken, Emotionen und sonstige Eindrücke als Wellen des Geistes betrachtet, auf die Menschen für gewöhnlich ständig zu reagieren gewohnt sind und die sie ununterbrochen mithilfe eines unbewussten, inneren Dialogs in Kategorien wie „gut“ und „schlecht“ einteilen; in etwas, das sie wollen oder nicht wollen (vgl. Kabat-Zinn, 2003, S. 47). Der Meditation im Zen-Buddhismus liegt das „zur Ruhe kommen lassen“ dieser Wellen des Geistes zugrunde, was jedoch völlig ohne eigenes Zutun geschieht, wenn der Meditierende übt, sich von eben jenen Wellen nicht „hinweg ziehen“ oder nicht stören zu lassen (vgl. Suzuki, 2002, S. 37).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Bedeutung von Emotionen ein und skizziert die komparative Forschungsfrage zwischen Psychologie und Zen-Buddhismus.
2. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen in der Psychologie: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über physiologische und kognitive Emotionstheorien sowie die rational-emotive Verhaltenstherapie nach Albert Ellis.
3. Zusammenhang zwischen Denken und Emotionen im Zen-Buddhismus: Hier werden die Grundlagen des Zen-Buddhismus, die Bedeutung der Meditation und der Umgang mit urteilendem Denken beleuchtet.
4. Gegenüberstellung (Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede): Ein Vergleich der wissenschaftlichen und spirituellen Ansätze, der Gemeinsamkeiten in der Kognitionsbewertung und Unterschiede in der Zielsetzung aufzeigt.
5. Fazit: Das Fazit schließt mit der Erkenntnis, dass trotz unterschiedlicher Methodik beide Disziplinen eine wertfreie Akzeptanz und Orientierung an der Wahrheit als Ziel teilen.
Schlüsselwörter
Psychologie, Zen-Buddhismus, Emotionen, Denken, Kognitive Wende, REVT, Meditation, Achtsamkeit, Akzeptanz, Geistesruhe, Urteilendes Denken, Erkenntnis, Mentale Gesundheit, Bewusstsein, Selbstwahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen menschlichem Denken und der Entstehung von Emotionen im Vergleich zwischen der westlichen Psychologie und dem Zen-Buddhismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die psychologischen Emotionstheorien (u.a. kognitive Bewertung, REVT) sowie die buddhistische Praxis der Achtsamkeit und Meditation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine komparative Analyse, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Einschätzung der Rolle des Denkens bei der Entstehung von Gefühlen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse und stützt sich dabei sowohl auf psychologische Fachliteratur als auch auf zen-buddhistische Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert zunächst psychologische Emotionstheorien, danach zen-buddhistische Sichtweisen und führt abschließend eine direkte Gegenüberstellung durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie Kognitive Bewertung, Achtsamkeit, Akzeptanz, Urteilendes Denken und Geistesruhe charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich das Ziel des Zen-Buddhismus von der REVT?
Während die REVT primär ein Therapiemodell zur psychischen Genesung darstellt, versteht sich das Zen eher als spiritueller Weg zur Freiheit und zum Verständnis der Realität.
Was bedeutet „Eins-Sein“ im Kontext der Arbeit?
Es beschreibt einen Zustand der Abwesenheit von urteilendem Denken, in dem ein Mensch Dinge und Emotionen wertfrei so akzeptiert, wie sie sind.
- Citation du texte
- Daniel Wehnhardt (Auteur), 2009, Denken und Emotionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152278