Über Georg Kerschensteiner und den Begriff der Arbeitsschule

Ein historischer Abriss der Entwicklung des Schulwesens


Studienarbeit, 2008

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Titel- / Deckblatt

II. Inhaltsverzeichnis

1. Der Lebensweg von Georg Kerschensteiner
1.1 Rückblick
1.2 Hauptwerke von Georg Kerschensteiner

2. Der Begriff der Arbeitsschule
2.1 Die Aufgaben der öffentlichen Schulen
2.1.1 Die erste Aufgabe der öffentlichen Schulen
2.1.2 Die zweite Aufgabe der öffentlichen Schulen
2.1.3 Die dritte Aufgabe der öffentlichen Schulen
2.2 Die Arbeitsschule - deren Bewegung und Entstehung
2.3 Reformpädagogen und Vertreter der Arbeitsschul(e) / -bewegung

3. Quellenangaben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Der Lebensweg von Georg Kerschensteiner

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Georg Michael Kerschensteiner wurde am 29. Juli 1854 in München geboren. Es war das Jahr, in dem „die Cholera die Geißel über München schwang.“1 Als zweitjüngster Sohn des verarmten Kaufmanns Anton und dessen Frau Katharina, wuchs er in einer 13-köpfigen Familie in den Hinterhöfen Münchens auf. Schon als Kleinkind war er sehr verhaltensauffällig und trachtete schon früh nach der Mündigkeit seiner selbst, was ihm im zarten Alter von acht Jahren auch schon einen Aufenthalt in der Arrestzelle wegen Bandendiebstahls 2 einbrachte.

Abb. 1

Nachdem Kerschensteiner von klein auf und zu Schulzeiten Leseschwierigkeiten hatte, führte er sich, vom Ehrgeiz getrieben, die veralteten Tageszeitungen, die im Kaufladen seiner Eltern lagen, zu Gemüte, da das nötige Geld für Bücher nicht vorhanden war.

Im Alter von sechs Jahren besuchte er die Heiliggeist-Pfarrschule in München. Zwei Jahre darauf bekam er Privatunterricht von einem Zeichenlehrer. Durch ihn entdeckte er auch seine persönliche Begeisterung für die Malkunst und die Literatur.

Als die Zeit kam, sich für eine berufliche Richtung entscheiden zu müssen, nahmen die Eltern von Georg den guten Rat des Domkapitulars Dr. Rampf an. Dieser war der Meinung, dass es für Georg gut wäre, „den Knaben in das Kloster Metten zu stecken, damit er Geistlicher werde.“3 Der junge Kerschensteiner zeigte sich durchaus begeistert und geehrt, ein so ehrenwürdiges Amt später einmal antreten zu können. Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall und so mutig wie Kerschensteiner zu sein schien, sich dieser hoch geistlichen Aufgabe stellen zu wollen, schreckte er auf Grund der langen Schulzeit, die er dafür zu absolvieren hatte, zurück und „schüttelte […] entschieden den schwarzen Lockenkopf.“4 Auch die Idee, die Arbeit seiner Eltern aufzugreifen, um Kaufmann zu werden, ließ er abermals, wegen der ihm viel zu lang erschienenen Ausbildungszeit, als völlige Überforderung links liegen.

Abb. 1: Georg Kerschensteiner, nach einer Kohlezeichnung von Gewerbestudienrat Sepp Hetzenecker (aus Jahresbericht 1963) (Siehe Quellenangaben)

Als ihm letztendlich der Beruf des Schulmeisters 5 vorgestellt wurde, gab es für ihn kein Halten mehr! So entschloss er sich, die bisher angefangene Berufsausbildung zu beenden und die Richtung des Schulwesens einzuschlagen. „Es war also nicht die dunkle Ahnung einer Bestimmung, die Georg Kerschensteiner auf die Bahn führte, auf der er später dem deutschen Volke dienen durfte. Er hatte ganz einfach das ergriffen, was ihm von drei Übeln als das geringste erschienen war.“6

Im Alter von elf Jahren belegte er am Lehrerseminar der Präparandenschule7 in Freising die ersten Kurse seiner Lehrerausbildung. Nach der dreijährigen Vorbereitungszeit stieß er schließlich in das Lehrseminar vor, dessen Abschluss er als sechzehnjähriger mit der Note 1,0 absolvierte. Kerschensteiner erlebte seine ganze Pubertät in Freising und hatte dadurch viel mit seiner Selbstfindung zu kämpfen. Die Vorstellung, heute im Alter von elf Jahren zur Berufsausbildung herangezogen zu werden, ist in keiner Weise mehr denk-, geschweige denn nachvollziehbar. Die eigentliche Kindheit zieht an einem völlig vorüber und der Selbstbildungsprozess bleibt dem zu Folge außen vor.

Nach seiner Rückkehr nach München und der Beendung seiner schulischen Ausbildung, wurde Kerschensteiner am 13. September 1871 als „Schullehrergehilfe zu einem Dienstbotenlohn8 im nur knapp fünfundzwanzig Kilometer entfernten Dorf Forstinning im Bezirksamt Ebersberg eingesetzt. Kerschensteiner übernahm den damaligen Freitagsunterricht der Mädchen. Durch seinen Ehrgeiz getrieben und die daraus resultierende strenge Unterrichtsweise, erhoffte sich Kerschensteiner mit seinen Schülern ein hohes Ansehen zu erlangen. Durch die scheiternde finanzielle Unterstützung zum Kauf von neuen Lehrmaterialien und den Anstoß, seine Lehrerlaufbahn auf einem Gymnasium weiterzuführen, kündigte er kurz darauf, auf den Rat des Kreisrealschuldirektors hin, seine Arbeitsstelle an der Dorfschule.

Da ihm seine damalige Ausbildung als Schulmeister ohne Hochschulstudium für seine hohen Anforderungen zu gering erschien, gelang es ihm, „als Nachhilfelehrer und mit Klavierunterrichtsstunden seinen Lebensunterhalt bestreitend, [...], sich für das Gymnasium vorzubereiten.“9 Im darauf folgenden Jahr lernte er im Selbststudium die damals für die Aufnahme an ein Gymnasium zu beherrschenden Pflichtsprachen

Griechisch und Latein - was unmöglich in einem Jahr zu schaffen war. Letzten Endes scheiterte er und erreichte das Ziel der Aufnahmeprüfung nicht, wurde aber zu seinem Glück trotzdem im Jahr 1872 nach Lechhausen bei Augsburg in die Unterprima 10 des humanistischen Gymnasiums der Benediktiner aufgenommen. Zu Beginn des Jahres 1874 ließ er sich aus dem Schuldienst entlassen und nahm fortan Privatunterricht bei Pater Professor Sepp (Ordinarius des Gymnasiums), mit dessen Hilfe er das Abitur im Jahre 1877 recht gut bestand.11

„Danach studierte er Mathematik und Physik an der technischen Hochschule in München.“12

Von der technischen Hochschule abgehend, wechselte Kerschensteiner im Jahre 1880 zur Universität München, an der er seine Staatsexamensprüfung im Oktober 1881 mit „gut“ abschloss. Kerschensteiner nahm sich weitere Ziele in Augenschein und hing ein weiteres Studienjahr an, um seine Zulassung zur Promotion zu erlangen. Um etwas Geld zu verdienen, nahm er zugleich eine Stelle an der bayrischen meteorologischen Zentralstation 13 in München an. Während seiner Assistentenzeit schrieb er seine Dissertation über das Thema „Die Singularität der rationalen Kurven vierter Ordnung“.

„1883 dissertierte er zum Thema “Über die Kriterien für die Singularitäten rationaler Kurven vierter Ordnung“ [...]“14 und erhielt im selben Jahr an der Ludwig-Maximilian-Universität zu München seinen Doktortitel.

Von diesem Zeitpunkt an lehrte Kerschensteiner bis 1885 als promovierender Gymnasialassistent für Mathematik und Physik am humanistischen Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg. Das Melanchton-Gymnasium, dessen Ruf als beste Schule mit der strengsten Wissenschaft galt, war genau auf Kerschensteiners hohe Ansprüche zugeschnitten. Kerschensteiner war wie schon zu seinen beruflichen Anfängen vom Ehrgeiz ergriffen und versuchte seine Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie standen. Da das Fach Pädagogik zur damaligen Zeit an den meisten Schulen kaum vertreten war, versuchte er es auf seine Art und Weise an die Lernenden heranzuführen, indem er seine Schülerinnen und Schüler ganz individuell förderte, ihre versteckten Begabungen und Charakterzüge zu entdecken versuchte, um sie bei ihnen wiederum selbst zu wecken.

Hierbei ging es im Wesentlichen darum, „[...] das Wollen und Können der Schüler zu fördern.“15

„Kerschensteiner sei damals eigentlich mathematischer Hochschulassistent gewesen und habe von Pädagogik keine Ahnung gehabt [...].“16 Um das Interesse seiner Schützlinge auch für die naturwissenschaftlichen Fächer zu erreichen, gestaltete Kerschensteiner seinen Unterricht stets sehr anschaulich sowie humorvoll. Dass dieser Unterrichtsstil bei den Schülerinnen und Schülern sehr gut ankam, muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. So kam es auch, dass er sich rasch zu einem der beliebtesten Lehrer des Gymnasiums etablierte.

Im Jahre 1886 heiratete er seine Jugendliebe Sophie Müller, mit der er schon fast 10 Jahre zusammen lebte. „Über sie ist wenig Genaueres bekannt [...] Sie sei seit der Augsburger Zeit Georgs “Zinnsoldat“ gewesen, naiv, unbedeutend, fromm und habe wenig an seinem geistigen Leben Anteil genommen. Sie gebar ihm drei Söhne17 ; er habe ihr alles Häusliche überlassen, vom Gänsebraten bis zur Erziehung.“18

„1885 wurde er als Lehrkraft an der Handelsschule in Nürnberg eingestellt.“19 Den Wechsel als Mathematiklehrer an die städtische Handelsschule nach Nürnberg bereute er aber bald darauf. Die Misslust der Schülerinnen sowie die erniedrigende Auffassung des Lehrerberufs bei seinen Kollegen beschertem ihm keine schönen Jahre. So ließ er sich im Jahr 1890 auf eigenen Wunsch hin als Gymnasiallehrer für seine Studienfächer Mathematik und Physik an das Gustav-Adolf-Gymnasium in Schweinfurt versetzen. Neben den Fächern Mathematik und Physik lehrte er dazu auch Biologie und Pflanzenkunde, für die er sich zweimal wöchentlich im knapp fünfzig Kilometer entfernten Würzburg diverse Vorlesungen anhörte, um sich stetig weiterzubilden. Denn wie schon damals am Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg, wollte Kerschensteiner auch dieses Mal seine Lehrmethoden in den Naturkundefächern sehr anschaulich gestalten und führte deshalb die Schülerinnen und Schüler entgegen dem stur theoretisch aufgebauten Lehrplan und den sich nur auf die Lehrbücher bezogenen Unterricht, hinaus in die freie Natur, um an lebenden Objekten die zu lernenden Inhalte seinen Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen. "Nein, diese Sünde wider das heilige Lehramt pflanzt er nicht fort!"20

„Immerhin kritisierte er bereits schon damals den enzyklopädischen Charakter des Unterrichts.“21

Ein erneuter Schulwechsel im Oktober 1893 brachte Kerschensteiner an das Ludwig-Gymnasium nach München.

„Einer seiner Nachbarn sollte zum Stadtschulrat und königlichen Schulkommissar gewählt werden, war aber von seiner konfessionellen und politischen Zugehörigkeit nicht genehm, worauf er sich zurückziehen musste. Besagter Dr. Nicklas schlug nun Georg Kerschensteiner als “Kompromisskandidaten“ vor, und tatsächlich, er erhielt den einflussreichen Posten.“22 So wurde Kerschensteiner nach zwölf Jahren Lehrzeit als Gymnasiallehrer, im Jahre 1895, zum Stadtschulrat in München gewählt und war dort für das gesamte Schulwesen Münchens verantwortlich, wobei die Stellung des Stadtschulrates auch mit dem Amt des Schulkommissars verbunden war. Somit hatte er die "fast vollständige Herrschaft über das Münchener Schulwesen". 23 „Hier nun beginnt Kerschensteiners pädagogische Karriere und Bekanntheit, die ihm bis auf Weiteres über München hinaus einen großen bildungspolitischen Gestaltungsspielraum verlieh.“24

Seine schon damals als neu eingeführten pädagogischen Lehrmethoden und seine durch die zwölfjährige Lehrerkarriere erworbenen Erfahrungen, konnte er nun endlich im Jahr 1898 durch eine, von der Kreisregierung angenommene "Reform des Lehrplanes der Münchener Volksschulen", offiziell in das Lehrgeschehen mit einbringen. 25 „Dazu galt es also die Fortbildungsschulen - salopp gesagt - “aufzumöbeln“ und deren Lehrpläne zu modernisieren.“26

„Neben der Errichtung neuer Schulhäuser, im Jugendstil, mit angegliederten Werkstätten und Schulgärten [...]“27 und der Lehrplanreform des naturwissenschaftlichen- und Kunstunterrichts, wurde auch der Schwimmunterricht eingeführt. Außerdem entstanden an Berufs- und Fortbildungsschulen neben Werkstätten auch Laboratorien sowie Küchen und Gärten. Es bildeten sich ganze neue Unterrichtsfächer, ganz nach dem Gedanken des gemeinschaftlichen Arbeitens und der Selbstverwaltung.

[...]


1 Marie Kerschensteiner: „Georg Kerschensteiner - Der Lebensweg eines Schulreformers", Seite 26

2 Anmerkung: vgl. StGB §244: „Diebstahl mit Waffen, Bandendiebstahl, Wohnungseinbruchdiebstahl“

3 Marie Kerschensteiner: „Georg Kerschensteiner - Der Lebensweg eines Schulreformers", Seite 38

4 ebd., Seite 38

5 Anmerkung: Der Begriff des Schulmeisters ist heutzutage ein eher veralterter Begriff und stand zu früheren Zeiten stellvertretend für den heutigen Lehrerberuf. Jedoch brauchte man, wie es heute von Nöten ist, für den Beruf des Schulmeisters kein Hochschulstudium zu absolvieren. So war es schließlich möglich an Dorf- oder Stadtschulen (Bürger- und Volksschulen) zu unterrichten.

6 Marie Kerschensteiner: „Georg Kerschensteiner - Der Lebensweg eines Schulreformers", Seite 39

7 Anmerkung: Eine Präparandenschule ist eine Einrichtung zur Ausbildung von protestantischen Volksschul-, Realschul- und Gymnasial-Lehrkräften.

8 Philipp Gonon: „Georg Kerschensteiner - Begriff der Arbeitsschule", Seite 122

9 ebd., Seite 122

10 Anmerkung: Entspricht der 12. Klasse der gymnasialen Oberstufe an Gymnasien

11 Philipp Gonon: „Georg Kerschensteiner - Begriff der Arbeitsschule", Seite 122

12 ebd., Seite 122

13 Anmerkung: Meteorologisches Institut München, MIM

14 Philipp Gonon: „Georg Kerschensteiner - Begriff der Arbeitsschule", Seite 122

15 Philipp Gonon: „Georg Kerschensteiner - Begriff der Arbeitsschule", Seite 141

16 ebd., Seite 122

17 Anmerkung: Zwei davon sind namentlich bekannt: Max und Walter

18 Philipp Gonon: „Georg Kerschensteiner - Begriff der Arbeitsschule", Seite 123

19 ebd., Seite 122

20 Marie Kerschensteiner: „Georg Kerschensteiner - Der Lebensweg eines Schulreformers", Seite 120

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Über Georg Kerschensteiner und den Begriff der Arbeitsschule
Untertitel
Ein historischer Abriss der Entwicklung des Schulwesens
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe  (Fakultät 1 - Institut für Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
Die historische Entwicklung des Schulwesens in der Bildungslandschaft Oberrhein
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V152363
ISBN (eBook)
9783640644919
ISBN (Buch)
9783640644827
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Kerschensteiner, Arbeitsschule, Arbeitsschulbewegung, historische Entwicklung des Schulwesens, Aufgaben der öffentlichen Schulen, Reformpädagogik, Reformpädagogen, Pädagogik, Schulpädagogik, Schulreform
Arbeit zitieren
Fabian Zilliken (Autor), 2008, Über Georg Kerschensteiner und den Begriff der Arbeitsschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152363

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