Der kleine Herr Friedemann und Tobias Mindernickel bei Thomas Mann - gesellschaftsfähig trotz Außenseiterrolle?


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der kleine Herr Friedemann
2.1 Die physische und psychische Konstitution des kleinen Herrn Friedemanns
2.2 Sein Leben in der Gesellschaft

3. Tobias Mindernickel
3.1 Die physische und psychische Konstitution von Tobias Mindernickel
3.2 Sein Leben in der Gesellschaft

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den beiden Protagonisten aus den Erzählungen Der Kleine Herr Friedemann und Tobias Mindernickel von Thomas Mann. Besonders mit der Figur des Johannes Friedemann erscheint die erste vollentwickelte Ausarbeitung eines „Außenseiter-Typus“ im Werk Thomas Manns.[1]

Es soll daher untersucht werden, inwieweit sich die burlesken Darstellungen körperlich und seelisch verstümmelter Naturen in beiden Erzählungen ähneln. Gemeinsam scheint beiden, dass es sich um – allgemein betrachtet – kranke Helden handelt. Ihre Wirkung auf die Umwelt sowie ihr Platz in der Gesellschaft muss jedoch differenziert betrachtet werden. Der kleine Herr Friedemann schafft es durch Aneignung von Bildung, einer Theaterleidenschaft und gewissen Kompetenzen des gesellschaftlichen Miteinanders sogar, ein bestimmtes Ansehen in der Gesellschaft zu erreichen. Er scheut also nicht grundsätzlich die Öffentlichkeit. Die Erscheinung von Tobias Mindernickel wirkt hingegen viel zurückhaltender und eingeschüchtert. Es stellt sich die Frage, ob beide Charaktere – trotz ihrer Außenseiterrolle – in der Lage sind am öffentlichen Leben teilzunehmen. Inwieweit hilft es Johannes Friedemann ein Gespür für Kunst entwickelt zu haben, und woran mangelt es eventuell bei Tobias Mindernickel?

Um dieser Fragestellung nachzugehen werden zunächst die physischen, aber auch die psychischen Eigenschaften des kleinen Herrn Friedemanns untersucht. Anschließend soll es um seine Rolle innerhalb der Gesellschaft gehen. Im dritten Teil dieser Arbeit geht es dann um Tobias Mindernickel. Hier werden anfangs ebenfalls das Auftreten sowie die Charaktereigenschaften der Figur dargelegt. Zweitens soll in diesem Abschnitt seine Position im Verhältnis zu der ihn umgebenen Gesellschaft beschrieben werden. Für die jeweilige Charakterisierung werden beide Erzählungen chronologisch betrachtet und Merkmale der Figuren, oder Hinweise im Kontext – teilweise mit Sekundärliteratur – herausgearbeitet. Als Unterstützung dient zum einen der direkte Kommentar zu Thomas Manns Früheren Erzählungen 1893-1912, herausgegeben von Terence J. Reed unter Mitarbeit von Malte Herwig, zum anderen Thomas Mann Kommentar zu sämtlichen Erzählungen von Hans Rudolf Vaget. Eine Interpretationshilfe stellt der Text Die Erzählungen Thomas Manns: Interpretationen und Realien von Hermann Wiegmann dar. In einer abschließenden Betrachtung werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengetragen und bewertet.

2. Der kleine Herr Friedemann

2.1 Die physische und psychische Konstitution des kleinen Herrn Friedemanns

In dem folgenden Abschnitt sollen ausschließlich die im Primärtext erkennbaren Charakterzüge des Protagonisten herausgearbeitet werden. Zur Unterstützung einer vollständigen Darstellung, dienen die bereits in der Einleitung benannten Sekundärtexte.

Die Erzählung beginnt mit dem „etwa einen Monat alten Johannes“ (FA, S.87, Z.13), der aufgrund eines Fehlverhaltens der Amme vom Wickeltisch fällt. Dieses im ersten Kapitel beschriebene „Unglück dient […] dazu, auf schnellstem Wege die Voraussetzungen für eine Leidens- und Außenseitergeschichte zu schaffen, die sich sonst beim frühen Thomas Mann durch den degenerativen Verfall der Familie einstellten.“[2] Damit scheinen die zukünftigen Lebensumstände für Johannes Friedemann bereits angedeutet. Bestärkt wird diese Annahme von Hermann Wiegmann, der den mehrmaligen Ausspruch des Arztes: „[…] – und das Beste hoffen, wie gesagt, das Beste hoffen…“ (FA, S.88, Z.3), als vorwegweisende Diagnose bezüglich einer psychischen Schwäche, resultierend aus seiner physischen Behinderung sieht. Darüber hinaus würde der Name Friedemann auf seinen friedlichen Charakter hinweisen, gleichzeitig aber dem Leidenschaftlichen gegenüberstehen.[3]

Im Laufe seiner Kindheit beobachtet ihn seine Mutter häufig mit „wehmütiger Freundlichkeit“ (FA, S.89, Z.2), die Anordnung seiner Gliedmaßen und Körperproportionen boten einen „höchst seltsamen Anblick“ (FA, S.89, Z.8). Doch es gibt auch positive äußerliche Eigenschaften wie seine zarten Hände und Füße, sein „weichgeschnittener Mund und [sein] feines, lichtbraunes Haar.“ (FA, S.89, Z.10) Diese Art der Haare, welche auch Gabriele Klöterjahn im Tristan besitzt, ist ein Merkmal für die „Gefährdung durch die Leidenschaft“[4], ebenfalls ein Hinweis auf die Beschaffenheit von Friedemann Charakter. In der Schule wird Johannes zwar nicht per se von seinen Mitschülern ausgeschlossen, er selbst „[…] hatte nicht viel Freude an dem Verkehr mit ihnen.“ (FA, S.89, Z. 28) Sein Dasein als Einzelgänger bildet sich demnach bereits in jungen Jahren heraus. Früh merkte er, dass die pubertären Erfahrungen seiner Umgebung ihn nicht berührten. Aus dieser Tatsache folgte zunächst eine sentimentale Reaktion von Johannes, mit der er jedoch nach einiger Gewöhnung problemlos umging und lernte für sich zu stehen, sowie an den Vorlieben seiner Kameraden nicht partizipieren zu wollen. (vgl. FA, S.90, Z.3-11)

Im Alter von 16 Jahren kann er sich jedoch gegen eine plötzliche Zuneigung für ein Mädchen nicht wehren. „[E]ine seltsame Beklommenheit“ (FA, S.90, Z.16) erfasste ihn. Seine Gefühle wurden jedoch nicht erwidert. Er muss sogar mit ansehen, wie das Mädchen einen ihm bekannten Jungen, hinter einen Busch, auf einer Parkbank küsst. Johannes verlässt daraufhin „leise“ die Szene. Ein erneuter Hinweis auf seine introvertierte Gesinnung, denn innerlich steigt ein „[…] scharfer, drängender Schmerz […] ihm in die Brust in den Hals hinauf.“ (FA, S. 90, Z.30) Diese Erfahrung führt dazu, dass er sich entschließt, diese Art von Gefühlen nie mehr erleben zu wollen. Friedemann distanziert sich von jeglicher Art zwischenmenschlicher und tiefergehender Gefühle, die ihm nur „Gram und Leid“ bringen. (vgl. FA, S.91, Z.1-9)

Im Rahmen seiner - ein Jahr später folgenden - Ausbildung in einem großen Holzgeschäft wird er als „[…] freundlich und entgegenkommend, und friedlich […]“ (FA, S.91, Z.15) beschrieben.

Ein signifikantes Beispiel für seinen Charakter ist die Reaktion auf den Tod der Mutter. Dieser Schicksalsschlag traf ihn zwar schwer, dennoch „genoß [er] ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm hin, wie man sich einem großen Glücke hingibt, er pflegte ihn mit tausend Kindheitserinnerungen und beutete ihn aus als sein erstes starkes Erlebnis.“ (FA, S.91, Z.19) Johannes erfährt den Tod einer ihm sehr nahestehenden Person als geradezu beeindruckendes – fast schon positives – Erlebnis. Im Vordergrund steht hier allerdings primär seine Erlebnisfähigkeit, weniger sein wahres Gefühlsleben. Er „liebt das Leben“ (FA, S.91, Z.25) und ist permanent daran interessiert, „die Freuden, die ihm zugänglich waren, zu genießen […].“ (FA, S.91, Z.27)

Friedemann versteht Bildung als „Genußfähigkeit“, er entwickelt eine Leidenschaft für Musik und Theater, spielt selber Geige und eignete sich umfangreiche literarische Kenntnisse an. (vgl. FA, S.92, Z.1) Er genießt in „geradezu epikureischer Weise die kleinen Freuden der Natur, der Kunst, im Erkennen und Wissen, daß die Sehnsucht, nicht die Erfüllung Glück bedeuten kann.“[5]

[...]


[1] Vgl. Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann. Kommentar zu sämtlichen Erzählungen. München 1984, S. 56.

[2] Thomas Mann: Frühere Erzählungen 1893-1912. Kommentar. Hg. v. Terence J. Reed unter Mitarbeit von Malte Herwig. Frankfurt a. M. 2004, S. 50.

[3] Vgl. Hermann Wiegmann: Die Erzählungen Thomas Manns. Interpretationen und Realien.

Bielefeld 1992, S. 39.

[4] Wiegmann 1992, S. 40.

[5] Ebenda, S. 40.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der kleine Herr Friedemann und Tobias Mindernickel bei Thomas Mann - gesellschaftsfähig trotz Außenseiterrolle?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V152416
ISBN (eBook)
9783640643646
ISBN (Buch)
9783640644148
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herr, Friedemann, Tobias, Mindernickel, Thomas, Mann, Außenseiterrolle
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Der kleine Herr Friedemann und Tobias Mindernickel bei Thomas Mann - gesellschaftsfähig trotz Außenseiterrolle? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152416

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