Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den beiden Protagonisten aus den Erzählungen Der Kleine Herr Friedemann und Tobias Mindernickel von Thomas Mann. Besonders mit der Figur des Johannes Friedemann erscheint die erste vollentwickelte Ausarbeitung eines „Außenseiter-Typus“ im Werk Thomas Manns.
Es soll daher untersucht werden, inwieweit sich die burlesken Darstellungen körperlich und seelisch verstümmelter Naturen in beiden Erzählungen ähneln. Gemeinsam scheint beiden, dass es sich um – allgemein betrachtet – kranke Helden handelt. Ihre Wirkung auf die Umwelt sowie ihr Platz in der Gesellschaft muss jedoch differenziert betrachtet werden. Der kleine Herr Friedemann schafft es durch Aneignung von Bildung, einer Theaterleidenschaft und gewissen Kompetenzen des gesellschaftlichen Miteinanders sogar, ein bestimmtes Ansehen in der Gesellschaft zu erreichen. Er scheut also nicht grundsätzlich die Öffentlichkeit. Die Erscheinung von Tobias Mindernickel wirkt hingegen viel zurückhaltender und eingeschüchtert. Es stellt sich die Frage, ob beide Charaktere – trotz ihrer Außenseiterrolle – in der Lage sind am öffentlichen Leben teilzunehmen. Inwieweit hilft es Johannes Friedemann ein Gespür für Kunst entwickelt zu haben, und woran mangelt es eventuell bei Tobias Mindernickel?
Um dieser Fragestellung nachzugehen werden zunächst die physischen, aber auch die psychischen Eigenschaften des kleinen Herrn Friedemanns untersucht. Anschließend soll es um seine Rolle innerhalb der Gesellschaft gehen. Im dritten Teil dieser Arbeit geht es dann um Tobias Mindernickel. Hier werden anfangs ebenfalls das Auftreten sowie die Charaktereigenschaften der Figur dargelegt. Zweitens soll in diesem Abschnitt seine Position im Verhältnis zu der ihn umgebenen Gesellschaft beschrieben werden. Für die jeweilige Charakterisierung werden beide Erzählungen chronologisch betrachtet und Merkmale der Figuren, oder Hinweise im Kontext – teilweise mit Sekundärliteratur – herausgearbeitet. Als Unterstützung dient zum einen der direkte Kommentar zu Thomas Manns Früheren Erzählungen 1893-1912, herausgegeben von Terence J. Reed unter Mitarbeit von Malte Herwig, zum anderen Thomas Mann Kommentar zu sämtlichen Erzählungen von Hans Rudolf Vaget. Eine Interpretationshilfe stellt der Text Die Erzählungen Thomas Manns: Interpretationen und Realien von Hermann Wiegmann dar. In einer abschließenden Betrachtung werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengetragen und bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der kleine Herr Friedemann
2.1 Die physische und psychische Konstitution des kleinen Herrn Friedemanns
2.2 Sein Leben in der Gesellschaft
3. Tobias Mindernickel
3.1 Die physische und psychische Konstitution von Tobias Mindernickel
3.2 Sein Leben in der Gesellschaft
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Außenseiter-Status der Protagonisten Johannes Friedemann und Tobias Mindernickel in den frühen Erzählungen von Thomas Mann und analysiert, inwieweit diese trotz ihrer körperlichen oder seelischen Verstümmelungen gesellschaftsfähig sind.
- Vergleich der physischen und psychischen Konstitution der beiden Hauptfiguren.
- Analyse der sozialen Integration und des öffentlichen Auftretens im Vergleich.
- Untersuchung der Rolle von Bildung und Kultur als Kompensationsmechanismen.
- Betrachtung von Machtstrukturen und dem "Willen zur Macht" in zwischenmenschlichen Beziehungen.
- Kontrastierung der unterschiedlichen Außenseiter-Typen bei Thomas Mann.
Auszug aus dem Buch
2. Der kleine Herr Friedemann
In dem folgenden Abschnitt sollen ausschließlich die im Primärtext erkennbaren Charakterzüge des Protagonisten herausgearbeitet werden. Zur Unterstützung einer vollständigen Darstellung, dienen die bereits in der Einleitung benannten Sekundärtexte. Die Erzählung beginnt mit dem „etwa einen Monat alten Johannes“ (FA, S.87, Z.13), der aufgrund eines Fehlverhaltens der Amme vom Wickeltisch fällt. Dieses im ersten Kapitel beschriebene „Unglück dient […] dazu, auf schnellstem Wege die Voraussetzungen für eine Leidens- und Außenseitergeschichte zu schaffen, die sich sonst beim frühen Thomas Mann durch den degenerativen Verfall der Familie einstellten.“ Damit scheinen die zukünftigen Lebensumstände für Johannes Friedemann bereits angedeutet. Bestärkt wird diese Annahme von Hermann Wiegmann, der den mehrmaligen Ausspruch des Arztes: „[…] – und das Beste hoffen, wie gesagt, das Beste hoffen…“ (FA, S.88, Z.3), als vorwegweisende Diagnose bezüglich einer psychischen Schwäche, resultierend aus seiner physischen Behinderung sieht. Darüber hinaus würde der Name Friedemann auf seinen friedlichen Charakter hinweisen, gleichzeitig aber dem Leidenschaftlichen gegenüberstehen.
Im Laufe seiner Kindheit beobachtet ihn seine Mutter häufig mit „wehmütiger Freundlichkeit“ (FA, S.89, Z.2), die Anordnung seiner Gliedmaßen und Körperproportionen boten einen „höchst seltsamen Anblick“ (FA, S.89, Z.8). Doch es gibt auch positive äußerliche Eigenschaften wie seine zarten Hände und Füße, sein „weichgeschnittener Mund und [sein] feines, lichtbraunes Haar.“ (FA, S.89, Z.10) Diese Art der Haare, welche auch Gabriele Klöterjahn im Tristan besitzt, ist ein Merkmal für die „Gefährdung durch die Leidenschaft“, ebenfalls ein Hinweis auf die Beschaffenheit von Friedemann Charakter. In der Schule wird Johannes zwar nicht per se von seinen Mitschülern ausgeschlossen, er selbst „[…] hatte nicht viel Freude an dem Verkehr mit ihnen.“ (FA, S.89, Z. 28) Sein Dasein als Einzelgänger bildet sich demnach bereits in jungen Jahren heraus. Früh merkte er, dass die pubertären Erfahrungen seiner Umgebung ihn nicht berührten. Aus dieser Tatsache folgte zunächst eine sentimentale Reaktion von Johannes, mit der er jedoch nach einiger Gewöhnung problemlos umging und lernte für sich zu stehen, sowie an den Vorlieben seiner Kameraden nicht partizipieren zu wollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die beiden Außenseiter-Protagonisten vor und formuliert die Forschungsfrage bezüglich ihrer gesellschaftlichen Teilhabe und ihrer physisch-psychischen Konstitution.
2. Der kleine Herr Friedemann: Dieses Kapitel analysiert die Kindheit, die Bildung und das Bemühen des Protagonisten, durch ein geordnetes Leben und soziale Anknüpfungspunkte Ansehen in der Gesellschaft zu gewinnen.
2.1 Die physische und psychische Konstitution des kleinen Herrn Friedemanns: Es werden die körperliche Behinderung und der daraus resultierende introvertierte Charakter sowie die Wirkung der Leidenschaft auf Johannes Friedemann detailliert beleuchtet.
2.2 Sein Leben in der Gesellschaft: Der Fokus liegt auf Friedemanns Versuchen, trotz seines Außenseiterstatus am bürgerlichen Leben teilzunehmen, und wie diese durch neue Begegnungen erschüttert werden.
3. Tobias Mindernickel: Es wird die Figur des Tobias Mindernickel eingeführt, wobei der Fokus auf seiner Isolierung und seinem speziellen Außenseiter-Typus liegt.
3.1 Die physische und psychische Konstitution von Tobias Mindernickel: Das Kapitel untersucht die negativen Charaktermerkmale, die schäbige Lebensumgebung und das gestörte Mitleidsempfinden der Figur.
3.2 Sein Leben in der Gesellschaft: Es wird dargelegt, dass Mindernickel als beziehungsloser Einzelgänger weder integriert noch angesehen ist und keine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben anstrebt.
4. Fazit: Die abschließende Betrachtung kontrastiert die beiden Figuren und kommt zu dem Ergebnis, dass ihre Außenseiterrollen aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen Kompetenzen und Wirkung auf die Umwelt kaum vergleichbar sind.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Außenseiter, Johannes Friedemann, Tobias Mindernickel, Gesellschaftsfähigkeit, Literaturwissenschaft, Physische Konstitution, Psychische Konstitution, Leidenschaft, Isolation, Epikureer, Sado-Masochismus, Sozialkompetenz, Frühe Erzählungen, Einzelgänger.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Protagonisten aus Thomas Manns Erzählungen "Der kleine Herr Friedemann" und "Tobias Mindernickel" und untersucht deren jeweilige Außenseiterrolle.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die physische und psychische Konstitution der Charaktere sowie ihre spezifischen Rollen innerhalb der sie umgebenden Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, inwieweit die beiden als körperlich oder seelisch verstümmelt dargestellten Helden trotz ihrer Außenseiterrolle in der Lage sind, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische Betrachtung der Erzählungen, ergänzt durch die Analyse von Sekundärliteratur zu Thomas Manns Werk, um Merkmale und Kontext-Hinweise der Figuren herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der beiden Protagonisten, unterteilt in ihre Konstitution sowie ihr Leben und ihre Interaktion mit der Gesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Außenseiter-Typus, Gesellschaftsfähigkeit, Bildung, Leidenschaft, soziale Isolation und der "Wille zur Macht".
Wie unterscheidet sich Johannes Friedemann von Tobias Mindernickel bezüglich ihrer Bildung?
Friedemann nutzt Bildung und Theater, um sich gesellschaftlich zu behaupten, während Mindernickel keine solche kulturelle Kompensation für seinen Außenseiterstatus entwickelt.
Was ist das signifikante Merkmal an Mindernickels Umgang mit seinem Hund Esau?
Mindernickel pendelt zwischen sadistischem Machtausüben und anschließendem, fast masochistisch anmutendem Mitleid, was seinen zwiespältigen Charakter verdeutlicht.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Figuren?
Die Arbeit schließt, dass beide zwar Außenseiter sind, sich aber in ihrer sozialen Kompetenz und Wirkung so stark unterscheiden, dass sie trotz ähnlicher Voraussetzungen nicht vergleichbar sind.
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- Anonym (Author), 2010, Der kleine Herr Friedemann und Tobias Mindernickel bei Thomas Mann - gesellschaftsfähig trotz Außenseiterrolle? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152416