Was passiert, wenn eine Partei im Netz tagt? Der 'Virtuelle Parteitag' von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg aus soziologischer Sicht


Magisterarbeit, 2001
145 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1 Einleitung
1.1 Eine notwendige Vorbemerkung zum Begriff der Virtualität
1.2 Über die Erkundung unbekannter Landschaften

2 Rahmenbedingungen
2.1 Die ‘Computerisierung’ der Parteien
2.1.1 Die erste Phase der ‘Computerisierung’
2.1.2 Die zweite Phase der ‘Computerisierung’
2.1.3 Internetnutzung und Digital Divide
2.2 Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg
2.2.1 Struktur der Partei
2.2.2 Besonderheiten der Grünen in Baden-Württemberg
2.3 Grüne und das Internet
2.3.1 Die programmatische Auseinandersetzung mit Computern und neuen Medien
2.3.2 Die Nutzung von Computern und Internet
2.4 Vorgeschichte und Konzeption des Virtuellen Parteitags
2.4.1 Die Vorgeschichte
2.4.2 Die technischen und ökonomischen Rahmenbedingungen
2.4.3 Die Gestaltung des Virtuellen Parteitags
2.4.4 Präsidium und Geschäftsordnung

3 Rekonstruktion des Virtuellen Parteitags
3.1 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht der TeilnehmerInnen
3.1.1 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von A
3.1.2 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von B
3.1.3 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von C
3.1.4 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von D
3.2 Die Diskussionen während des Virtuellen Parteitags
3.2.1 Überblick über die Redelisten
3.2.2 Die Diskussion - zwei Beispiele
3.3 Zur Zeitstruktur des Virtuellen Parteitags
3.3.1 Die Zeitstruktur des Virtuellen Parteitags als Gesamtheit
3.3.2 Zeitliche Struktur des Tagesablaufs
3.4 Der Virtuelle Parteitag aus der Sicht der Statistik
3.4.1 Demographie der TeilnehmerInnen
3.4.2 Nutzung des Internet
3.4.3 Teilnahme und Beteiligung am Virtuellen Parteitag
3.4.4 Fazit: Statistik
3.5 Formen der Teilnahme und Beteiligung
3.5.1 Motive und Formen der Teilnahme
3.5.2 Formen der Beteiligung

4 Zusammenstoss zweier Logiken
4.1 Die Logik der Partei
4.1.1 Kreisverbände
4.1.2 Delegierte
4.1.3 Das soziale Innenleben der Partei
4.1.4 Parteitage
4.1.5 Fazit: Parteien und Parteitage
4.2 Der Virtuelle Parteitag und die Logik der Partei
4.2.1 Handlungsrollen und Akteure
4.2.2 Soziale Netzwerke und persönliche Kontakte
4.2.3 Meinungsbildung
4.2.4 Inszenierung, Außenwirkung, Event-Charakter
4.3 Der Virtuelle Parteitag und die Logik computervermittelter Kommunikation
4.3.1 Die physikalische Schicht computervermittelter Kommunikation
4.3.2 Die Protokoll-Schicht computervermittelter Kommunikation
4.3.3 Die Anwendungsschicht computervermittelter Kommunikation
4.3.4 Der Virtuelle Parteitag als konkrete Anwendung
4.3.5 Die Relevanz computervermittelter Kommunikation für den Virtuellen Parteitag
4.4 Fallbeispiel Geschlechterverhältnis: Vermutungen
4.4.1 Der Anteil der Frauen und Männer im Vergleich zur LDK
4.4.2 Das Internet, ein Spielzeug für Jungs?
4.4.3 Doppelte Ungleichheit
4.5 Fazit: Die Logik des Virtuellen Parteitags

5 Schlussfolgerungen und Ausblick
5.1 Schlussfolgerungen
5.1.1 Der Virtuelle Parteitag erbringt keine politischen Sozialisationsleistungen
5.1.2 Zeitflexibilität und Individualisierung
5.1.3 Der Einfluss der Parteilogik auf die Formen der Kommunikation
5.1.4 Der Zusammenstoss zweier Logiken - ein nützliches Analyseinstrument?
5.2 Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang A: Beschreibung des methodischen Vorgehens
7.1 Strukturdaten durch Auszählung
7.2 Qualitative Analyse angelehnt an die Grounded Theory
7.2.1 Zur Methode der Grounded Theory
7.2.2 Anwendung auf den Virtuellen Parteitag
7.3 Logfile-Analyse im World Wide Web
7.4 Fragebögen und Leitfaden
7.4.1 Interviewleitfaden
7.4.2 Befragungen
7.5 Quellen
7.5.1 Interviews
7.5.2 Hintergrundgespräch
7.5.3 Feldnotizen
7.5.4 Debatten im Virtuellen Parteitag
7.5.5 Pressestimmen (Zufallsauswahl aus der Presseschau zum Parteitag)

8 Anhang B
8.1 Anhang zu Kapitel 3: Sicht der Medien
8.1.1 Der Virtuelle Parteitag aus der Sicht der medialen Öffentlichkeit
8.1.2 Exkurs: Wie wird ein virtueller Parteitag bebildert?
8.2 Tabellen und Diagramme
8.2.1 Bündnis 90/Die Grünen
8.2.2 Beteiligung am Virtuellen Parteitag
8.2.3 Überblick über die einzelnen Redelisten
8.2.4 Analyse des Webserver-Logfiles
8.2.5 Das Geschlechterverhältnis beim Virtuellen Parteitag
8.2.6 Befragung der TeilnehmerInnen am Virtuellen Parteitag
8.2.7 Ergebnisse der LDK-Befragung
8.2.8 Wirkzusammenhang ‘Logik der Partei’

9 Glossar

Abstract

Ausgehend von empirischen Daten (ausführliche Interviews mit vier TeilnehmerInnen, Gesprächsverlauf, Befragungen der TeilnehmerInnen, Auszählung der Redebeiträge, Auswertung des Webserver-Logfiles) wird der Virtuelle Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen BadenWürttemberg in Anlehnung an die Methode der Grounded Theory untersucht. Verschiedene Formen der Teilnahme und Beteiligung und ihre Voraussetzungen werden beschrieben. Die unterschiedlichen Diskussionsformen im Virtuellen Parteitag werden anhand zweier exemplarischer Diskussionsverläufe dargestellt. Die Arbeit geht auf die Zeitstruktur des Virtuellen Parteitags ein und beschreibt die Sozialstruktur der TeilnehmerInnen.

Als Erklärungsansatz für die spezifische Form des Virtuellen Parteitags wird vorgeschlagen, von einem Zusammenstoß zweier Logiken (Partei vs. computervermittelte Kommunikation) auszugehen. Mit Hilfe dieses Ansatzes ist es möglich, zu zeigen, welche Elemente des Virtu- ellen Parteitags der Logik der Partei und welche aus der Logik computervermittelter Kommu- nikation entstammen. Beide Logiken werden dargestellt und mit dem Virtuellen Parteitag in Verbindung gesetzt. Es lassen sich sowohl gleichgerichtete (Bsp. Geschlechterverhältnis), hybride (Bsp. Kommunikationsform) sowie aus einer der beiden Logiken entstammende Ele- mente (Bsp. CMC: Individualisierungstendenz, Partei: Einfluss sozialer Netzwerke) finden. Der prägende Einfluss des Wissens über die gegenseitige Positionierung im sozialen Raum der Partei ohne Möglichkeit zur Veränderung dieser Positionierungen (Netzwerkbildung, Sozialisation) lässt den Virtuellen Parteitag als wenig einflussreich auf die soziale Binnen- struktur der Partei erscheinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.1 - Blick in die Tagungshalle des Virtuellen Parteitags

Übersicht: Tabellen

Tabelle 4.1 - Altersverteilung beim Virtuellen Parteitag im Vergleich

Tabelle 5.1 - Elemente der Logik der Partei im Virtuellen Parteitag..

Tabelle 5.2 - Verschiedene Ebenen der Logik computervermittelter Kommunikation.

Tabelle 5.3 - Technische und soziale Synchronizität

Tabelle 8.4 - Auswahlmatrix: InterviewpartnerInnen

Tabelle 8.1 - Mögliche Datenquellen für eine Grounded Theory zum Virtuellen Parteitag

Tabelle 9.1 - Altersstruktur von Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 2000/

Tabelle 9.2 - Berufsgruppenzugehörigkeit von Parteimitgliedern (1994)

Tabelle 9.3 - Überblick über die Unterschiede in der Beteiligung am Virtuellen Parteitag (eigene Daten)

Tabelle 9.4 - Beteiligung der Delegierten beim Virtuellen Parteitag.

Tabelle 9.1 - Verteilung der Redebeiträge auf die Redelisten des Virtuellen Parteitags

Tabelle 9.2 - Wichtige Merkmale an Parteitagen

Tabelle 9.3 - Häufigkeit verschiedener Formen der Beteiligung an Parteitagen

Übersicht: Abbildungen

Abbildung 1.1 - Blick in die Tagungshalle des Virtuellen Parteitags

Abbildung 2.1 - Organisatorische Rahmenbedingungen des Virtuellen Parteitags

Abbildung 3.1 - Zugriffe auf den Webserver, Zahl der Redebeiträge und TeilnehmerInnen pro Tag
Abbildung 3.2 - Verteilung der Redebeiträge auf Tage und Kategorien
Abbildung 3.3 - Zeitstruktur des Virtuellen Parteitags
Abbildung 3.4 - Zugriffe nach Tageszeit (Vergleich Virtueller Parteitag / Virtuelle Konferenz / Beruf)
Abbildung 3.5 - Zugriffe (Kurve) und geschriebene Beiträge (Balken) nach Tageszeit (eigene Berechnung)
Abbildung 3.6 - Altersverteilung im Vergleich

Abbildung 4.1 - Überlegungen zum Zusammenstoss zweier Logiken
Abbildung 4.2 - Die Bühne bei der BDK Stuttgart (links) und der LDK Waiblingen (rechts)
Abbildung 4.3 - Zur Logik des Virtuellen Parteitags

Abbildung 7.1 - Schema des Kodierprozesses

Abbildung 8.1 - Entwicklung der Mitgliederzahlen von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg (dicke Linie) im Vergleich mit den Wahlergebnissen bei Landtags- und Bundestagswahlen
Abbildung 8.2 - Verschiedene aus dem Webserver-Logfile gewonnene Indikatoren
Abbildung 8.3 - Zahl der BesucherInnen pro Tag
Abbildung 8.4 - Indikatoren für das Geschlechterverhältnis im Vergleich
Abbildung 8.5 - Beiträge bzw. Anträge pro Kopf
Abbildung 8.6 - Beiträge nach Geschlecht pro Tag

Abbildung 8.7 - Inhaltliche Beiträge nach Geschlecht und Tag des Parteitags
Abbildung 8.8 - Parteitagsgeflüster-Beiträge nach Geschlecht und Tag des Parteitags
Abbildung 8.9 - Nutzung des Internets
Abbildung 8.10 - Einschätzung der Erfahrung
Abbildung 8.11 - Skizze: Logik der Partei (herkömmliche Parteitage)
Abbildung 8.12 - Skizze: Logik der Partei (Virtueller Parteitag)

1 Einleitung

One macabre aspect of the separation of physical and electronically mediated commu nications has already occurred in the coining of new categories to mark that which occurs 'off-line' as a special form of life. Computer developers and those writing to each other over the news boards on the networks speak of 'RL' and 'F-t-F' (Face-to-Face) as special categories. What does it mean that RL is now a marked category? What does it imply about what we are doing in cyberspace: is it 'UL' (unreal life)? And who will benefit from the blurred boundaries; who will suffer? Susan Leigh Star 2000: 636

1.1 Eine notwendige Vorbemerkung zum Begriff der Virtualität

So schön der Begriff ‘virtuell’ ist, so schwammig wird er, wenn er näher betrachtet wird. Der Begriff kommt in seiner auf das Internet bezogenen Bedeutung wohl aus dem Simulationsge- werbe. So gibt es Bezüge zu einem für die amerikanische Luftwaffe bestimmten NASA-Projekt namens ‘Virtual Environment Display’ (VIVED), das 1987 einer breiteren Öffentlichkeit vor- gestellt wurde. Ca. 1988 wurde von der Firma Autodesk mit Jaron Laniers Firma VPL der Ver- such unternommen, kommerzielle grafische Immersionssysteme zu entwickeln, also Systeme, die grafisch einer NutzerIn vorgaukeln, in eine andere Realität einzutauchen (beliebt wäre hier der Verweis auf Gibsons Neuromancer). Diese Systeme wurden ‘Virtual Reality’ genannt. (Chesher 1994). Anfang der 90er Jahre machte Howard Rheingold (1991) mit seinem gleich- namigen Buch die Idee der grafische Immersion populär und zog zugleich die Verbindungslinie zur Unterhaltungsindustrie. Sein nächstes Buch hieß dann ‘Virtual Communities’ und beschrieb vor allem die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten des Computers zur Kommunikation (vgl. Rheingold 1998). Der Begriff ‘virtuell’ haftet seitdem als gerne gebrauchtes Etikett nicht nur an Unternehmen, Universitäten und Parteitagen, sondern findet sich auch in den Titeln sozialwis- senschaftlicher Literatur (vgl. Bühl 1997, Thiedeke 2000a). »’Virtual reality,’ however, has become a cultural handle which attaches to a diversity of new ideas and technologies. While it is an inaccurate and misleading term, it is widely used, and has assumed a meaning in its own right. It has changed popular impressions of what technology can and should do.« (Chesher 1994).

‘Virtuell’ wurde aber nicht erst erfunden, als es darum ging, Simulationstechniken mit dem Computer zu verbinden. Schon lange davor war von ‘virtualiter’ die Rede:

Virtualiter, der Krafft nach, durch eine richtige Folge, ist ein metaphysisches Kunstwort und wird in der Metaphysik der Scholastiker dem Worte formaliter entgegengesetzt. Es hat die Bedeutung, daß etwas von dem anderen in Ansehung der Existenz und des Wesens nicht würcklich, sondern nur der Krafft nach gesaget wird, z.B. der König ist allenthalben seinen Landes, nicht formaliter, als wäre er wirklich an allen Orten, sondern virtualiter, weil er überall seine Bedienten hat, die statt seiner da sind. (Johann Heinrich Zedler 1746, Universallexikon; zitiert nach Bühl 1997: 46)

Virtuell hieße demnach, dass etwas ‘nicht wirklich’ - gemeint könnte sein: nicht als Person, nicht in Echtheit - vonstatten geht, sondern vermittelt durch andere, die Bedienten des Königs oder heute technisch produzierte Avatare. Wichtig ist dabei der Aspekt der Imagination, der herantritt, wenn es darum geht, zu erklären, wie - ganz vereinfacht ausgedrückt - soziale Herr- schaftszusammenhänge trotz körperlicher Abwesenheit am Leben bleiben. Wie machtvoll ein ‘bloß’ imaginärer Zusammenhalt sein kann, zeigt Benedict Anderson (1991) am Beispiel der Herstellung einer nationalen Identität aus der Imagination einer nationalen Tradition. Die virtu- elle Realität, in die eingetaucht wird, findet hier, verglichen mit der Immersionsvariante des Begriffs, ‘bloß’ im Kopf und dafür umso machtvoller in der Wirklichkeit statt. Oder um noch einmal zum Begriff zurückzukehren: »Als virtuell bezeichnet man jede Vorrichtung, die zu existieren scheint, obwohl es sie in Wirklichkeit nicht gibt« (Espositio, 1993: 350). Zu einfach?1

Ein dritter Versuch: »’Virtuell’ bedeutet bekanntlich ‘der Möglichkeit nach vorhanden’«, beschreibt die Universität Düsseldorf ihre Virtuelle Bibliothek, und meint, dass Bücher hier nicht in den Re- galen stehen, und auch keine digitalen Kopien, sondern dass auf Dokumente irgendwo anders verwiesen wird. Virtualität wird hier mit dem Möglichkeitsraum des Internet verknüpft. Etwas soziologischer an die Abgrenzung des Möglichkeitsraums geht Michael Paetau (1999) heran, der Virtualität systemtheoretisch als Differenz zwischen Möglichem und Aktuellem definiert. Er plädiert dafür, den Begriff der Virtualität nicht an computervermittelte Kommunikation (und damit an die so nicht sinnhaltige Differenz real/nicht real) zu binden, sondern sieht Gesellschaft selbst als eine virtuelle Realität, da auch Gesellschaft sich als nur teilweise aktualisierbare Potenzialität darstellt. Virtuell wäre demnach das selbst sozial Konstruierte. Am Beispiel der ‘Virtuellen Unternehmen’ zeigt Paetau, dass Virtualität sich eben nicht in der Nutzung eines spezifischen technischen Kommunikationsmediums begründet, sondern in einer besonderen (nämlich losen) Form der Kopplung von Systemelementen und im fehlenden Element der Mit- gliedschaft. Computernetzwerke werden dann zur materiell-technischen Infrastruktur, »auf der sich die Differenz von virtueller und aktueller Kommunikation entfalten kann« (Paetau 1999: 276).

Verwirrt, im Spiel von Sein und Schein, wirklicher Wirklichkeit und Virtualität hängen geblieben? Wenden wir uns dem Thema der Arbeit zu.

1.2 Über die Erkundung unbekannter Landschaften

Vom 24. November bis zum 3. Dezember 2000 fand der ‘Virtuelle Parteitag’2 von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg statt - vermutlich der erste weltweit. Hier wurde ein Par- teitag komplett ins Internet verlagert. 100 Delegierte aus den Kreisverbänden der Partei, 15 Landesvorstandsmitglieder und etwa 7.500 baden-württembergische Parteimitglieder hatten die Gelegenheit, an diesem Parteitag teilzunehmen. Dies konnte durch das Verfolgen der Debatte geschehen, aber auch dadurch, dass Redebeiträge zu einzelnen Themen geschrieben wurden, oder dadurch, Anträge einzubringen. Die Delegierten und Landesvorstandsmitglieder hatten darüber hinaus die Möglichkeit, in drei Abstimmungsrunden ihre Stimme abzugeben.

Der Parteitag ist vorbei, die Abstimmungsergebnisse liegen vor. Redebeiträge, Anträge und Ergebnisse sind im Internet unter der Adresse WWW.VIRTUELLER-PARTEITAG.DE weltweit ein- sehbar. Die Frage bleibt: Was passierte eigentlich, als hier eine Partei im Netz tagte? Oder, etwas genauer formuliert: Was taten die ParteitagsteilnehmerInnen? Wie haben Sie ihn erlebt, wahrgenommen? Welche sozialen Prozesse sind abgelaufen, wie war er in den Alltag der Teil- nehmerInnen eingebettet? Wer hat sich in welcher Form beteiligt, wer nicht? Und warum?

Der Virtuelle Parteitag stellte in vielen Hinsichten so etwas wie unerforschtes Terrain dar - Neuland, nicht nur für die Partei. In solchen Fällen lässt sich trefflich darüber streiten, ob es hilfreicher ist, mit einer Theorie in der Hand und vor den Augen voranzugehen, oder Hände und Augen frei zu haben, um das neue Gebiet erkunden zu können, um vielleicht am Schluss eine Landkarte mit Vermutungen über das Gebiet in der Hand zu halten. In diesem Sinne habe ich mich entschieden, mich der Fragestellung, was denn nun passiert, wenn eine Partei im Netz tagt, mit Hilfe eines qualitativ-explorativen Ansatzes anzunähern. Gewählt wurde dazu die Grounded Theory (Anselm Strauss) - eine spannende, aber auch recht mühevolle Methode, vor allem dann, wenn die Zeitbegrenzung einer Magisterarbeit hinzukommt3. Als empirische Grundlage dienten (neben statistischen Daten) Interviews mit vier TeilnehmerInnen des Virtu- ellen Parteitag, eigene Beobachtungen des Virtuellen und herkömmlicher Parteitage sowie Gesprächsverläufe aus dem Virtuellen Parteitag. Die hier verwendete Methodik, insbesondere die Grounded Theory, sowie die Auswahl des Materials sind in Anhang A beschrieben.

Der Virtuelle Parteitag mag fremdes Terrain dargestellt haben - aber ganz unbekannt war er nicht. Einiges über die Rahmenbedingungen dieses Parteitags habe ich im zweiten Kapitel zusammengestellt. So gibt es in den Politikwissenschaften, aber auch in der Gesellschaft insge- samt seit längerem eine allgemeine Debatte über die Parteien und ihre Reformbedürftigkeit (vgl. u.a. Alemann 1997, Becker 1999; die Beiträge in Gabriel et al. 1997; Kießling 2001; Walter 2001; Wiesendahl 1997), und eine speziellere Debatte darüber, wieweit Informations- technologie zur Demokratisierung der Parteien verwendet werden kann. Der Abschnitt 2.1 widmet sich dieser spezielleren Debatte und skizziert kurz zwei Phasen der ‘Computerisierung’ der Parteien und die aktuellen Entwicklungen. Bekannt war auch die Partei, die diesen Parteitag veranstaltet hat - Bündnis 90/Die Grünen, Landesverband Baden-Württemberg. Auf die Be- sonderheiten der baden-württembergischen Grünen geht Abschnitt 2.2 ein. Nicht zuletzt hatte der Virtuelle Parteitag auch eine Vorgeschichte; sowohl in einem weiteren wie in einem enge- ren Sinn. Der weitere Sinn dieser Vorgeschichte ist Thema von Abschnitt 2.3 - es geht um Grüne und das Internet. Die Vorgeschichte und Konzeption des Virtuellen Parteitags im enge- ren Sinn wird in Abschnitt 2.4 dargestellt.

So vorbereitet, widmet sich das dritte Kapitel der Rekonstruktion der Virtuellen Parteitags. Um in der Metapher vom Erforschen unbekannter Landschaften zu bleiben - das vierte Kapitel stellt eher einen Reisebericht als eine Landkarte dar. Es beschreibt ausgehend von der Auswer- tung mit der Grounded Theory, wie meine InterviewpartnerInnen sich am Virtuellen Parteitag beteiligt und wie sie ihn erlebt haben (Abschnitt 3.1). Zwei sehr unterschiedliche Diskussions- verläufe aus dem Virtuellen Parteitag werden dargestellt (Abschnitt 3.2). Die Zugriffe auf den Webserver und die Auszählung der Redebeiträge wurden herangezogen, um so die Zeitstruktur des Virtuellen Parteitags zu rekonstruieren (Abschnitt 3.3). Um das Bild der TeilnehmerInnen abzurunden, werden in Abschnitt 3.4 Daten zur Sozialstruktur und zur Internetnutzung durch die TeilnehmerInnen am Virtuellen Parteitag zusammengefasst. Abschnitt 3.5 schließlich führt die verschiedenen Formen der Teilnahme und Beteiligung in abstrakterer Form zusammen.

Wenn das dritte Kapitel ein Reisebericht ist, dann stellt das vierte Kapitel den Versuch dar, eine Landkarte des Virtuellen Parteitags zusammenzufügen. Als Bausteine dafür dienen die Logik der (grünen) Partei (vor allem Ergebnis meines Doing Grounded Theory; Abschnitt 4.1) und die stärker auf die entsprechende Literatur bezogene Logik der computervermittelten Kommu- nikation (Abschnitt 4.3). Diese Logiken werden ausgehend von der Überlegung, dass der Virtu- elle Parteitag eine Hybridform aus dem Zusammenstoss beider Logiken darstellt, auf die im dritten Kapitel dargestellte Rekonstruktion des Virtuellen Parteitags angewandt. Während Ab- schnitt 4.2 den Virtuellen Parteitag mit der Logik der Partei in Verbindung bringt, und Ab- schnitt 4.4 am Fallbeispiel Geschlechterverhältnis das Zusammenwirken zweier Logiken ver- deutlicht, widmet sich Abschnitt 4.5 dem Zusammenbau: Welche Elemente welcher Logik sind im Virtuellen Parteitag wiederzufinden, wo gab es Konflikte? Deutlich wird hier, dass es weni- ger die technische Seite (die auch) als vielmehr die interne Strukturiertheit der Partei ist, die sich letztendlich dominant auch im Virtuellen Parteitag wiederfindet. Das fünfte Kapitel schließlich fasst - Tipp für eilige LeserInnen - noch einmal die aus meiner Sicht wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Nicht alles, was vorher über Virtuelle Parteitage bekannt war, konnte berücksichtigt werden. Dazu zählt insbesondere die mit der Informationstechnologie verbundene gesellschaftstheoreti- sche Debatte (vgl. u.a. Becker / Paetau 1997; Slevin 2000; Webster 1995). Aber auch ganz konkret zum Virtuellen Parteitag entstanden parallel zu dieser andere Arbeiten. Hinzuweisen ist auf die Erforschung des Kommunikationsverhaltens im Virtuellen Parteitag durch Caja Thimm, auf die quantitativ-empirisch ausgerichtete Evaluation der Partizipatiom durch die Akademie für Technikfolgenabschätzung (Bernhard Bubeck, Gerhard Fuchs) und auf demokratietheoreti- sche Überlegungen zum Virtuellen Parteitag durch das Netzwerk Neue Medien (Arne Rogg, Matthias Trenel). Im Rahmen eines Fachgesprächs der Heinrich Böll Stiftung kam es zu anre- genden Diskussionen, die in der einen oder anderen Form in diese Arbeit eingeflossen sind.4

2 Rahmenbedingungen

Zu den Rahmenbedingungen des Virtuellen Parteitags zähle ich die allgemeinere Debatte über die Veränderung der Parteien durch Kommunikationtechnologien (IuK), die Struktur der ba- den-württembergischen Grünen und das grüne Verhältnis zu Kommunikationstechnologien. Neben diesen abstrakteren Rahmenbedingungen erscheint es mir notwendig, die organisatori- schen Rahmenbedingungen des Virtuellen Parteitags und seine Vorgeschichte darzustellen.

2.1 Die ‘Computerisierung’der Parteien

Diese Debatte um den Einsatz neuer Medien in Parteien, und die damit verbundenen Veränderungen innerhalb der Parteien lassen sich analytisch in zwei Phasen unterteilen, eine erste Phase (bis Anfang der 90er Jahre), bei der die Rationalisierungseffekte nicht vernetzter Bürocomputer im Vordergrund stehen, und eine zweite Phase (bis heute), bei der es um externe und interne Vernetzung mit Hilfe von IuK-Technologien geht.

2.1.1 Die erste Phase der ‘Computerisierung’

Die erste Phase der ‘Computerisierung’ der Parteibüros und Parteizentralen beschreiben bei- spielsweise Jörg Bogumil und Hans-Jürgen Lange (1991), die Ende der 80er Jahre untersucht haben, welche organisatorischen und strukturellen Effekte die Einführung von Computern in Parteien und Verbänden hat. Was passiert, wenn Bürocomputer für Mitgliederverwaltung, Do- kumentenproduktion und Datenrecherche Einzug in die Parteibüros halten? In Abgrenzung von technikdeterministischen Ansätzen kommen die Autoren für die von ihnen untersuchte SPD dabei zum Schluss, »daß IuK-Techniken […] Anwendungsoptionen realisierbar werden lassen, die ohne diese Techniken nicht praktikabel wären […]. In der Folge werden dadurch jedoch ‘schlummernde’ Orga- nisationsprobleme […] offengelegt und vor allem die Frage nach dem Ziel, den Formen und den Voraus- setzungen von zukünftiger Parteiarbeit in einem sich rapide wandelnden sozialem Umfeld in den Vorder- grund gerückt.« (Bogumil/Lange 1991: 135). Das Aufwecken von ‘Organisationsproblemen’ bei der Einführung von Informationssystemen und die damit verbundenen ‘mikropolitischen’ Aus- handlungsprozesse - die insbesondere auch darauf beruhen, dass der Computereinsatz infor- melles Handeln sichtbar und damit verhandelbar macht - lässt sich auch in anderen Großorga- nisationen zeigen (vgl. Ortmann et al. 1990; Rammert / Wehrsig 1993 und die Beiträge in Wagner 1993 für die Arbeitswelt; vgl. Mambrey et al. 1991 für das Fallbeispiel Bundestag). Die erste Phase der ‘Computerisierung’ dürfte inzwischen - auch gesamtgesellschaftlich, bis hin zur Diffusion des Computers in die Haushalte - weitgehend abgeschlossen sein.

2.1.2 Die zweite Phase der ‘Computerisierung’

Mit der rapiden Verbreitung erst der Datenfernübertragung und später des Internets in den 90er Jahren kommt es zu einer noch nicht abgeschlossenen zweiten Phase5 der ‘Computerisierung’ der Parteien und ihrer Strukturen, die von einer umfangreichen wissenschaftlichen und gesell- schaftlichen Debatte über die politischen Potenziale des Netzes allgemein6 und insbesondere in Bezug auf Parteien und Wahlkämpfe begleitet wird (vgl. Alemann / Strünck 1999; Bieber 1999, 2001; Clemens 1999a, 1999b; Kaase 1998; Kaiser 1999; Kuhlen 1998; Marschall 1999, 2001; Rederer 2000).7 Im Mittelpunkt dieser zweiten Phase stehen vernetzte Computeranwendungen; sowohl in Bezug auf die Binnenkommunikation der Parteien als auch in Bezug auf die Kom- munikation zwischen Parteien und Gesellschaft. »Nicht bezweifelt werden kann, daß die neuen Kommunikationswege schon jetzt bestimmte Teile des politischen wie des Mediensystems erfaßt haben und dort ihre Spuren hinterlassen. Das gilt etwa für die schwindende Rolle lokaler Parteiorganisationen, die in viel direkterer Weise als früher durch elektronische Informationen und Mitteilungen aus den Par- teizentralen gesteuert werden, […]« (Kaase 1998: 38). Dieser hier als Steuerung beschriebene Vorgang kann allerdings auch als Intensivierung der innerparteilichen Kommunikation gesehen werden. So kommt Stefan Marschall (2001) in einer Untersuchung aktueller Entwicklungen im Bereich ‘Parteien und Internet’ (virtuelle Parteitage von Grünen und CDU, nur für Mitglieder zugängliche Netze bei CDU, CSU und FDP, der Virtuelle Ortsverein der SPD) zu dem Schluss, dass das Netz eine neue Quantität und Qualität innerparteilicher Kommunikation ermöglicht. Es zeigen sich erste Ansätze eines Wandels der innerparteilichen Willensbildung; so gibt es zumindest in eingeschränkter Weise einen Rückkanal von den in den Mitgliedernetzen geführ- ten Debatten in die Parteielite. Die Effekte auf die Machtverteilung innerhalb der Partei sind erst zögerlich zu sehen; dazu trägt auch bei, dass kaum institutionalisierte Entscheidungsfor- men vorliegen (so hatte der virtuelle Parteitag der CDU nur einen beratenden Charakter). In neuen Organisationsformen und low-level-Partizipationsangeboten im Netz sieht Marschall eine Chance, dass Parteien hier neue Mitgliedergruppen rekrutieren können.8 Zugleich entsteht ein verschwommener Rand um die Parteien herum, wo sich heute noch ungeklärte Fragen auf- tun - etwa danach, welche Rechte und Pflichten eine nur in einer thematisch orientierten virtu- ellen Gliederung der Partei aktive Person in der Gesamtpartei hat. Zusammen mit den Mög- lichkeiten elektronischer Wahlen vermutet Marschall eine sich öffnende Debatte über inner- parteiliche Mitgliederbefragungen und Urabstimmungen.

1998 wird die hohe interne Vernetzung der SPD und die Nutzung des Internets zur Außenkommunikation als ein wichtiges Element im Wahlkampf in den Vordergrund gestellt (vgl. Webel 2000: 24; Clemens 1999b: 158; Bieber 1999).

Wie verändern sich die Parteien durch das Netz? Christoph Bieber fasst seine Beobachtungen und Überlegungen zu den organisatorischen Veränderungen innerhalb von Parteien in fünf Thesen zusammen. Er hält die zentrale Rolle der Parteien mit ihren ‘Virtuellen Parteizentralen’ auch für im Netz ablaufende Politikprozesse fest. Die Internetangebote der klassischen Akteure sind vielgefragt und haben inzwischen auch eine Position innerhalb der Parteiorganisation. Dabei unterliegen die Online-Angebote der Parteien einem ‘kommunikativen Anpassungs- druck’, der zu Veränderungen der innerparteilichen Kommunikationsformen führt. Im An- schluss wird auch die Organisation politischer Parteien modernisiert; als Indiz dafür wertet Bieber das Entstehen neuer, nicht territorial gebundener Parteigliederungen wie der Internet- AG Virtueller Ortsverein bei der SPD oder dem Projekt Virtueller Landesverband bei der FDP. Der Einsatz neuer Medien führt nicht nur zu einer Modernisierung, sondern auch zu einer neu- en innerparteilichen Elitebildung anhand der Trennlinie der Netznutzung und damit zu neuen Konfliktfeldern innerhalb der Mitgliederparteien, die eine Weiterentwicklung zur ‘Netz- werkpartei’ erschweren. (Bieber 2001). Insbesondere das Entstehen nicht-territorial gebundener Parteigliederungen - die nicht unbedingt immer erfolgreich sein müssen9 - und die daran an- schließenden Überlegungen zur Elitenbildung führt allerdings zur Frage, ob tatsächlich Inter- netkompetenz zu einer neuen Elitenbildung führt, oder ob nicht umgekehrt die ‘alte’ Parteielite sich sehr schnell diese neuen Kompetenzen aneignet. Bisher jedenfalls scheint mir der Einfluss virtueller Gliederungen und internetkompetenter Mitglieder nicht besonders hoch zu sein.

2.1.3 Internetnutzung und Digital Divide

Die Frage, wie einflussreich Internetkompetente innerhalb der Parteien sein werden, ist ver- bunden mit der Frage, wie repräsentativ die InternetnutzerInnen inzwischen für die Parteimit- glieder (bzw. allgemeiner gefragt, für die Bevölkerung) sind, und wer durch den zunehmenden Einsatz von Internetkommunikation von der Kommunikation ausgeschlossen wird (vgl. Mar- schall 2001). Ulrich von Alemann und Christoph Strünck befürchten, dass hier der bekannte Mittelschicht-Bias der politischen Partizipation reproduziert wird (Alemann / Strünck 1999: 36). Diese - unter dem Titel digital divide für den Zugang zum Netz ganz allgemein breit dis- kutierten (vgl. Loader 1998) - Befürchtungen werden empirisch unterstützt durch Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativbefragung zu Internetnutzung und politischer Beteiligung (Emmer 2001).10 Insbesondere Bildung erweist sich dabei als ausschlaggebender Faktor: »In den besser gebildeten Segmenten ist das Internet bereits ein ‘Mehrheitsmedium’; auch die Realschüler liegen nur knapp unter dem Durchschnitt. Bei Hauptschülern und Personen ohne Schulabschluß dagegen spielt das Internet praktisch keine Rolle.« (Emmer 2001: 8). In die selbe Richtung zielen die Ergebnisse der ARD/ZDF-Online-Studie 2000: Während 79,2% der Befragten mit Abitur online sind, ist dies nur bei 7,5% der Befragten mit Hauptschulabschluss der Fall (Oehmichen / Schröter 2000: 360). Unterschiede gibt es auch beim Vergleich nach Alter (ab 40 Jahren deutlicher Rückgang der NutzerInnenzahlen mit dem Alter), nach Geschlecht (mehr als eineinhalb mal so viele Nutzer wie Nutzerinnen) und nach Einkommen und Berufstätigkeit (vgl. jeweils Emmer 2001 und Oehmichen / Schröter 2000: 360). Die Befragung der TeilnehmerInnen am Virtuellen Parteitag ergibt ähnliche Verzerrungen, die nur zum Teil die Sozialstruktur der Partei widerspiegeln.

Zwar nähert sich die Netzbevölkerung vergleichsweise schnell an die Gesamtbevölkerung an,11 gerade in Bezug auf Bildung steht allerdings zu befürchten, dass hier deutliche Unterschiede erhalten bleiben werden, da es hier weniger um die Existenz der technischen Zugangsmöglich- keit als vielmehr um die jeweilige Internetliteralität bzw. -kompetenz geht (vgl. Emmer 2001: 9). Stefan Marschall kommt deshalb ausgehend von der auch in den hier genannten Zahlen sichtbaren Digital-Divide-These zu dem Schluss, dass es notwendig ist, in den innerparteili- chen Debatten um den Status des Netzes für die Willensbildung der Partei »aktiv Sorge zu tragen, dass es nicht zu einer Diskriminierung der Offliner innerhalb der Parteien und darüber hinaus kommt.«

(Marschall 2001: 46). Mit dem Verweis auf die innerparteiliche Debatte wird deutlich, dass Ausmaß und Form der Nutzung des Netzes maßgeblich vom politischen Willen und Handeln des Parteimanagements und der Mitglieder (wird ein Online-Angebot auch genutzt?) abhängt. Wo keine Rückkanäle von der im Netz geführten Diskussion ins Parteimanagement vorgesehen sind, wo im Netz gefällte Entscheidungen nicht institutionalisiert relevant sind, ist auch nicht damit zu rechnen, dass die politische Nutzung des Internet innerhalb der Partei zu großen Parti- zipationsgewinnen führt (vgl. Marschall 2001). Anders sieht es bei den Rationalisierungschan- cen aus, die neben den partizipatorischen Chancen auch in dieser zweiten Phase der Compute- risierung zu entdecken sind. Diese tragen dazu bei, die Kommunikationskosten innerhalb des Parteimanagements bzw. der Parteielite zu reduzieren, diese Kommunikation zu intensivieren und zugleich ihre Effizienz zu steigern. Während im Sinne einer partizipatorischen Nutzung des Internets der Einfluss ‘einfacher’ Mitgliedern auf Entscheidungen innerhalb der Partei steigt, führt ein ‘bloß’ auf Rationalisierungseffekte ausgerichteter Einsatz vor allem zu einer Stärkung der Parteielite. Hier ist eine Aufspaltung in mitgliederöffentliche, aber letztlich unbe- deutende Mitgliedernetze sowie in politisch bedeutsamen, geschlossenen Intranets der Füh- rungsschicht zu beobachten (vgl. Bieber 2001). Es gilt auch für Parteien, was Thilo Harth über politische Potenziale des Netzes allgemein aussagt: »Die Kommunikation im Netz allgemein und die Nutzung des Online-Mediums als demokratische politische Arena im besonderen ist nur so gut, wie es die vernetzten Bürgerinnen und Bürger und politischen Akteure machen.« (Harth 1999: 15).

2.2 Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg

Der Virtuelle Parteitag wurde vom Landesverband12 Baden-Württemberg der Partei Bündnis 90/Die Grünen durchgeführt. Leider gibt es so gut wie keine neuere Literatur zu den einzelnen Landesverbänden der Grünen, und auch nur wenig übergreifendes und aktuelles zur Gesamtpartei.13 Deswegen beziehe ich mich im folgenden v.a. auf Joachim Raschke (1993) sowie auf einige vergleichende Darstellungen. Während Helmut Fogt (1991: 241f) (bezogen auf das Jahr 1988) noch schreibt: »Neuerdings haben die profiliert linksradikalen Kräfte unter den baden- württembergischen Grünen weiter an Einfluß gewinnen können« , so gilt Baden-Württemberg schon bei Raschke als reform-pragmatisch orientiert, wenn er auch noch einige Widerstände, vor allem aus den universitären Hochburgen, dagegen sieht (1993: 249ff; vgl. auch Hermann / Schwegler-Rohmeis 1989). Inzwischen hat sich bundesweit eine realpolitisch-pragmatische Herangehensweise durchgesetzt (vgl. zu den Folgen der sich verändernden Programmatik Klein / Arzheimer 1997; zur programmatischen Situation heute Wiesenthal 2000; Raschke 2001a, 2001b). Baden-Württemberg kann hier lange als Vorreiter angesehen werden - insbesondere, was den Kontakt zu Wirtschaft (v.a. dem Mittelstand) und zu Bündnissen auch mit konservati- veren Positionen anbelangt. Die personelle Präsenz auf der Bundesebene14 hat dazu sicherlich beigetragen. Seit der Landtagswahl 2001 setzen verstärkt Diskussionen auch über eine inhaltli- che Neuausrichtung ein, wobei alte Strömungsgrenzen dabei teilweise durchbrochen werden.

2.2.1 Struktur der Partei

2.2.1.1 Strukturierungi

Joachim Raschke charakterisiert den baden-württembergischen Landesverband als stark struk- turiert und von der innerparteilichen Strömung der Realos dominiert (Raschke 1993: 385). Mit ‘stark strukturiert’ greift Raschke dabei auf Anthony Giddens akteurszentrierte Strukturie- rungstheorie zurück, die sich auf das »Ineinandergreifen von Handeln und Struktur« (Raschke 1993: 23) bezieht. Strukturierung ist dabei sowohl das Ergebnis als auch der Prozess der Herstellung einer Struktur. Neben der Dynamik der politischen Dominanz unterschiedlicher Strömungen sieht er in unterschiedlich starker Strukturierung die wichtigsten Unterschiede zwischen den Landesverbänden. Ursache für Strukturbildung kann dabei sowohl Selbststrukturierung als auch Fremdstrukturierung sein. Für Baden-Württemberg macht Raschke (1993: 385ff) dabei Momente einer hohen Vernetzung der (realpolitisch orientierten) Parteielite, den frühzeitigen Einzug einer Fraktion in den Landtag zusammen mit einem eher schwach ausgeprägten Rotati onssystem sowie den Einsatz sowohl von Konflikten (im Gegensatz zu Integration) als auch von Macht als strukturbildender Strategie der Parteielite aus. Eher gegen eine Strukturbildung wirken die dezentrale KandidatInnen-Aufstellung bei der Landtagswahl sowie die geringe Chance auf einen Regierungswechsel in Baden-Württemberg. Die meisten dieser Punkte sind wohl auch heute noch gültig, auch wenn der personelle Kern des damals von Raschke be- schriebenen Machtzentrums der Partei inzwischen auf die Bundesebene abgewandert ist15. Die Landtagsfraktion - darunter einige Abgeordnete, die jetzt ihre dritte Legislaturperiode antreten, und einer, der zum vierten Mal in den baden-württembergischen Landtag einzieht - hat es trotz massiver Verluste wieder in den Landtag geschafft16 und auch die von Raschke beschriebene Vernetzung der realpolitischen Parteielite scheint, zumindest von außen betrachtet, noch gut zu funktionieren. Die Organisationsstruktur hat sich dagegen verändert: Der Landesvorstand wur- de verkleinert und um einen Parteirat ergänzt, aus SprecherInnen wurden Vorsitzende, der 1993 gerade zwei Jahre alte Parteijugendverband ist als ‘Grüne Jugend’ inzwischen fest verankert.

2.2.1.2 Sozialstruktur

Werfen wir jetzt noch einen Blick auf Strukturmerkmale, die nicht in der Satzung festgeschrieben sind, und die auch nicht direkt mit dem Spiel der Strömungen und der Parteigeschichte in Verbindung gebracht werden können. Auch hier gilt die anfangs beschriebene Problematik der fehlenden Verfügbarkeit entsprechender Studien. »Zuverlässige sozialstrukturelle Daten über die Mitglieder der Grünen gibt es so gut wie gar nicht.« (Pogunkte 1993: 193). Diese Aussage scheint weiter gültig zu sein. Ein für Parteien wichtiges Merkmal ist ihre Größe, gemessen in Mitgliedern. Die letzte von Raschke (1993: 212) genannte Zahl sind für 1992 5.750 Mitglieder - das ist zugleich der Tiefpunkt der Mitgliederkurve. Im Jahr 2000 haben Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg ca. 7.000 bis 7.500 Mitglieder und sind damit weiterhin einer der großen und damit auch wichtigen Landesverbände. Einen Überblick über die Entwicklung der Mitgliederzahlen in den letzten Jahren gibt Abbildung 8.1 im Anhang.

Ein weiteres wichtiges Strukturmerkmal ist gerade für eine Partei, die eine ihre Wurzeln in der Emanzipationsbewegung hat, sicherlich der Frauenanteil. Dieser beträgt nach Raschke Anfang der 90er Jahre, bezogen auf die Bundespartei, etwa ein Drittel (1993: 213). Oscar W. Gabriel und Oskar Niedermayer kommen sogar auf einen Frauenanteil von 42% für 1994 (Gabriel / Niedermayer 1997: 296). Im Jahr 2001 wird für Baden-Württemberg ein Frauenanteil von 38% angegeben17 - diese Zahl wird auch als ein Maßstab für Virtuellen Parteitag dienen.

Zur Altersstruktur gilt nach wie vor das Stichwort ‘Ein-Generationen-Partei’: Den Kern der Partei macht Anfang der 90er Jahre noch immer die inzwischen zehn Jahre älter gewordenen, in den Massenmobilisierungen der 80er Jahre hinzugekommene Generation aus. »Der Schwer- punkt der Altersjahrgänge, das sagen alle befragten Kreisverbände, liegt heute in der Gruppe der 30 bis 45jährigen« (Raschke 1993: 214). Etwa zehn Jahre später kann davon ausgegangen werden, dass dieser Schwerpunkt jetzt bei den 40- bis 55-Jährigen liegt, wenn diese Entwicklungen so an- gehalten haben. Die Zahlen einer 1994 durchgeführten Erhebung18 scheinen diese Annahmen zu bestätigen, auch wenn die ungünstig geschnittenen Alterskohorten genauere Aussagen nicht möglich machen (Gabriel / Niedermayer 1997: 294f). Deutlicher wird der Altersschwerpunkt in aktuellen, von der Bundesgeschäftsstelle erfassten Daten für sechs Landesverbände (Tabelle 8.1, Anhang): Fast 40% aller Mitglieder der Partei gehören der Gruppe der 40-50-Jährigen an. Leider war es - trotz Bemühungen der Landesgeschäftsstelle - nicht möglich, Daten zur Altersstruktur der Partei in Baden-Württemberg zu erhalten. Es ist anzunehmen, dass hier keine großen Unterschiede vorliegen (vgl. Tabelle 3.1 in Kap. 4).

Zusammen mit dem Altersschwerpunkt hat sich auch das Berufsprofil verschoben. Konnte Raschke für die Mitte der 80er Jahre noch einen ungewöhnlich hohen Anteil an in Ausbildung befindlichen Mitgliedern (SchülerInnen, StudentInnen; Raschke 1993: 215) konstatieren, so sind es heute ganz überwiegend Angestellte und BeamtInnen (vgl. Tabelle 8.2, Anhang), oft aus dem akademischen Bereich und dem öffentlichen Dienst (Raschke 1993: 215; vgl. auch Gabriel / Niedermayer 1997: 293). Zum Bildungsniveau liegen mir auch Zahlen aus dem FORSA-Bus 1998 vor - demnach verfügten 1998 64,2% der grünen Parteimitglieder über die Hochschulrei- fe (34,1% Hochschulreife; 30,1% Hochschulabschluss). Bei beiden Werten liegen Bündnis 90/Die Grünen damit deutlich vor allen anderen Parteien (FDP 52,4%). Bei den von mir be- fragten Delegierten der Landesdelegiertenkonferenz lag die Zahl derjenigen, die über Hoch- schulreife oder Hochschulabschluss verfügen, bei 81%.

2.2.1.3 Struktur der Kreisverbände

Sehr genau schildert Raschke die nächstgrößere Analyseeinheit nach den einzelnen Mitgliedern - die Einheit der Orts- und Kreisverbänden (1993: 216-244). Ein wichtiger Unterschied ist dabei die Differenz zwischen großen (über 200 Mitglieder) und kleinen (unter 100 Mitglieder) Kreisverbänden. Für Baden-Württemberg geht Raschke (1993: 220) von 22 kleinen Kreisver- bänden, 9 mittleren und 16 großen Kreisverbänden aus, bezogen auf 1991/92. Die großen Kreisverbände sind dabei vor allem in den Universitätsstädten und im Verdichtungsraum um Stuttgart herum angesiedelt, die meisten der kleinen Kreisverbände liegen im ländlichen Raum. Auch wenn sich die Unterschiede zwischen kleinen und großen Kreisverbänden nicht generali- sieren lassen, so scheinen mir auch aus meiner eigenen Erfahrung einige Aussagen von Rasch- ke zum ‘Stil’ der kleinen und der großen Kreisverbände weiterhin gültig. So beschreibt er die kleinen Kreisverbände als ‘familiär’, von Gruppendynamik geprägt, nach außen hin abge- schottet. PolitikaktivistInnen, für die Politik fast alles ist, sind selten, die Attraktivität der Lan- des- und Bundesparteitage hält sich in engen Grenzen. Wenn überhaupt, dann fahren oft, im Sinne einer traditionellen Rollenaufteilung eher Männer als Frauen dorthin - auch dann, wenn etwa Eheleute beide grüne Mitglieder sind. Die Fluktuation der Mitglieder ist weit weniger ausgeprägt als in den großen Kreisverbänden. Strömungsfragen werden selten gestellt oder moderierend unter der Decke gehalten. Im Zentrum der Politik steht oft die kommunale Ebene. Charakteristisch erscheint für die ländlichen Kreisverbände eine Orientierung an den Mittelschichten und ein eher geringer Politisierungsgrad. (Raschke 1993: 222f).

Ganz anders zeigen sich Anfang der 90er Jahre die großen Kreisverbände: »Sie sind charakteri- siert durch starke Fluktuation, extreme Gegensätze zwischen Aktivität und Nicht-Aktivität, durch manch- mal starke Richtungskonflikte und gelegentlich auch durch Richtungswechsel, durch gute Kontakte mit dem Initiativen- bzw. Szenebereich […], durch Einstellungen, die einerseits ideologischer, andererseits mehr an Trends und Moden großstädtischer Szenen orientiert sind.« (Raschke 1993: 224). Hier möchte ich allerdings Zweifel daran äußern, ob dieses von Raschke beobachtete Muster heute für Baden-Württemberg noch zutrifft. Was sicherlich auch heute noch gültig ist, sich vielleicht eher noch verschärft hat, ist der hohe Anteil an inaktiven Mitgliedern.19 Die hohe Fluktuation und die Verknüpfung mit den großstädtischen Szenen treffen heute nicht mehr in diesem Maße zu. Ähnliches lässt sich, zumindest für Baden-Württemberg, über die Heterogenität und das Ausmaß an Richtungskonflikten aussagen. Bestimmend scheint mir vielmehr auch hier zu sein, was Raschke (1993: 239) unter dem Stichwort Personalknappheit über die Wahl von Kreisvor- ständen und StadträtInnen aussagt: Der Zwang, mit einer geringen Personaldecke inzwischen hohen Erwartungen an eine professionalisierte (kommunale) Politik zu genügen, hat dazu bei- getragen, dass vielerorts ein eher pragmatischer Umgang mit politischen Differenzen vor- herrscht. Dies betrifft auch Delegiertenaufstellungen.

2.2.2 Besonderheiten der Grünen in Baden-Württemberg

Als ein Ergebnis dieser Ausführungen lässt sich festhalten, dass der baden-württembergische Landesverband von Bündnis 90/Die Grünen sich auch heute noch durch spezifische Besonder- heiten im Vergleich zu den anderen grünen Landesverbänden auszeichnet. Dies betrifft sowohl den Grad der Strukturierung, als auch die Struktur der Mitgliederschaft und der baden- württembergischen Kreisverbände. Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg sind ein gro- ßer Landesverband in einem Flächenland, in dem - bis zur Landtagswahl 2001 - flächen- deckend relativ gute und in den meist städtischen Hochburgen besonders gute Ergebnisse bei den Wahlen erzielt wurden. Erklärungsfaktoren dafür sind sowohl in der Geschichte der baden- württembergischen Grünen - etwa dem Fehlen von K-Gruppen - (vgl. Raschke 1993: 249-265; Hermann / Schwegler-Rohmeis 1989) als auch aus Besonderheiten der Sozialstruktur und Kultur Baden-Württembergs (vgl. zu Baden-Württemberg allgemein auch Mielke 1991) zu erklären. Zusammen haben diese Faktoren zu einer spezifischen Mitgliederstruktur und ‘Partei- kultur’ geführt. Zu einem großen Teil gilt weiterhin, was Joachim Raschke Anfang der 90er Jahre festgehalten hat: »Der Stolz der Baden-Württemberg auf ihren Landesverband ist beträchtlich. Er nährt sich aus der langen reformpolitischen Kontinuität, den Wahlerfolgen, dem Niveau in Sach- und Programmdebatten, der ‘Könnerschaft’, aber auch einer nicht geringen kulturellen Verwurzelung im Land, das insgesamt einen Stolz auf sich entwickelt hat.« (Raschke 1993: 258).

2.3 Grüne und das Internet

Noch in der Mitte der 80er Jahre wird moderne Informations- und Telekommunikationsinfra- struktur von den baden-württembergischen Grünen - ebenso wie von den Grünen insgesamt - vehement abgelehnt: Etwa in einer Publikation mit dem programmatischen Titel Einsam, ü- berwacht und arbeitslos (Kuhn / Schmitt 1984). Impulse in Richtung einer positiven Bewer- tung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK-Technologie) wurden weitge- hend erst Ende der 80er / zu Beginn der 90er Jahre aufgegriffen; sowohl was die Programmatik als auch was die tatsächliche Nutzung der Neuen Medien durch die Partei anbelangt.

2.3.1 Die programmatische Auseinandersetzung mit Computern und neuen Medien

Die programmatische Auseinandersetzung mit dem Thema ‘Computer’ war schon zur Grün- dung der grünen Partei virulent. So zeichnet das alte - theoretisch noch heute gültige - Bun- desprogramm der Grünen (DIE GRÜNEN 1980) analog zur damaligen gesellschaftlichen De- batte verstreut über 37 Seiten ein Bild der Furcht vor der Rationalisierungstechnologie Com- puter: Computer nehmen Arbeit weg und machen diese unerfreulicher und belastender. Com- putern werden wesentliche Arbeitsaufgaben übertragen, so dass Menschen nur noch eine sinn- entleerte Teilfunktion bleibt. Computer speichern Patientendaten, ohne dass diese vor Miss- brauch geschützt werden. Computer dienen zur Überwachung und Leistungskontrolle. Dement- sprechend wird eine 'Maschinensteuer' als Ersatz für die wegfallenden Arbeitsplätze genauso wie eine eindringliche Prüfung der ökologischen, aber auch der gesellschaftlichen Verträglich- keit dieser neuen Technologie gefordert. Im Programm ‘Medien’ wird vom Nachrichtensatz via Funk und der Fortführung in einer ‘Bildschirmzeitung’ vor allem erwartet, dass dies zu einer weiteren Zentralisierung von Information führen wird, so dass letztlich nur noch Nachrichten aus einigen wenigen Nachrichtenagenturen ohne jede redaktionelle Bearbeitung ankommen und die RezipientInnen gleichschalten. Zugleich wird aber auch Informationsfreiheit und von unten gestaltete informationelle Vielfalt gefordert - beides zusammenzubringen, scheint 1980 noch nicht möglich zu sein20 ; es wird noch einige Jahre dauern, bis der Gedanke sich durch- setzt, dass der Computer, etwa im Netzverbund aus Personalcomputern, die ja erst Mitte der 1980er Jahre in großer Zahl auftauchen, nicht nur Arbeitsplätze abschafft, sondern auch viel dazu beitragen kann, dass Menschen mit anderen Menschen Informationen austauschen, dass Computertechnologie nicht nur eine Technologie der Einengung und Einschränkung, sondern auch eine Technologie der Befreiung und Ausweitung sein kann.

Das 1986 verabschiedete ‘Umbauprogramm’ sieht in den Neuen Medien noch immer vor allem eine Gefahr, verknüpft dies aber mit der Forderung nach einer breiten gesellschaftlichen De- batte über das ‘Ob’ und ‘Wie’ der Einführung Neuer Medien. Im Vordergrund stehen die Be- fürchtung, dass Bildschirmtext und ISDN notwendigerweise zu einer Welle der »Automatisierung und Computerisierung vieler Lebensbereiche einschließlich der sozialen Kontrolle aller Bürger« und damit zu Datenmissbrauch und zur Vernichtung von Arbeitsplätzen führen wird (DIE GRÜ- NEN 1986: 74). Als Alternativkonzept wird eine Orientierung von Technikentwicklung und Technikeinsatz an »ökologischen, sozialen und demokratischen Zielen der Gesellschaft« (DIE GRÜ- NEN 1986: 75) gefordert; öffentlich-rechtlicher Rundfunk, lokale Kulturzentren und freie Ra- dios sollen statt ISDN und Bildschirmtext unterstützt werden. Gesellschaftliche Kommunikati- onsmöglichkeiten sind »ausschließlich an den Bedürfnissen der Menschen« (ebenda) zu orientieren.

Etwas systematischer zusammengefasst wurde der grüne Technikdiskurs durch Peer Donner (1993) in einer Analyse grüner Technikbilder von 1980 bis 1990. Demnach dominiert bis Ende der 80er Jahre in der grünen Partei ein dystopes Technikbild. Im Vordergrund der Debatte um IuK-Technologien stehen dabei immer wieder die beiden Themen Datenschutz / Kontrolle und Rationalisierung / Arbeitsplätze. Technik, und insbesondere auch IuK-Technologie, wird als Bedrohung gesehen: »Wir sind umstellt von Informationstechnologien und Datenspeichern.« (Petra Kelly am 18.11.1982 in der Frankfurter Rundschau; zitiert nach Donner 1993: 11). Zur Be- schreibung werden Metaphern aus der Vorstellungswelt der Romane 1984 und Brave New World herangezogen. Bildschirmtext, ISDN und Breitbandverkabelung werden zu Themen »eine[r] ganze[n] Palette von Ausstiegs-, Moratoriums- und Boykottinitiativen gegenüber Neuerungen in der IuK-Technik« (Donner 1993: 22). Den Höhepunkt dieser Politiklinie bildete der Hagener Bundesparteitag 1986, dessen Leitantrag fordert, die Entwicklung von IuK-Technologie zu verhindern bzw. aufzuhalten - bis hin zum Verbot von Teleheimarbeit und personenbezogenen Datenbanken in jeder Form (Donner 1993: 23). Technik - und damit auch die Informations- und Kommunikationstechnologie - wird bis Ende der 80er Jahre als außenstehende, mit dem Kapital verbündete Macht gesehen, die lebensfeindliche Züge trägt.

Seit der Mitte der 80er Jahre entwickelt sich allerdings insbesondere aus der realpolitischen Richtung innerhalb der Partei und aus der Bundestagsfraktion heraus, angeregt durch Entwick- lungen in der Umweltbewegung ein zweites Technikbild. Hier wird Technik nicht mehr als bedrohliches Monster gesehen, sondern als durchaus gestaltbares Resultat eines gesellschaftli- chen Diskurses (Donner 1993: 117). Technologie lässt sich auch für ökologische Zwecke nut- zen. Als Wendepunkt sieht Peer Donner hier 1985 Anträge der Bundestagsfraktion, in denen konkrete Gestaltungsvorschläge für Umweltdatenbanken gemacht werden: »Eingebunden in ein politisches Handlungsszenario wurde hier erstmals ein konkreter gesellschaftlicher Nutzen der IuK- Technik formuliert.« (1993: 24). Damit beginnt ein Ausdifferenzierungsprozess, der letztlich dazu führt, dass fundamentale Ausstiegspositionen gegenüber so gut wie jeder Technologie ersetzt werden durch vielstimmigere Positionierungen innerhalb der Partei und durch den Anschluss an kritische ExpertInnen aus Wissenschaft und Technik. Die Perspektive der Gestaltung rückt immer stärker in den Vordergrund, verbunden mit der Idee demokratischer Technikfolgenab- schätzung. (Donner 1993: 25, 117). Auch die sich ausbreitende links-alternative Mailbox-Szene findet - trotz einiger Proteste bis hin zum Verratsvorwurf - Resonanz in der grünen Partei:

Unter der plakativen Formel ‘Vernetzt euch, bevor ihr vernetzt werdet’ […] gingen verschiedene Landesverbände, aber auch die Bonner Bundesgeschäftsstelle sukzessive dazu über, die Mailboxtechnik als Mittel der Öffentlichkeitsarbeit einzusetzen. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Vernetzungsdebatte markiert der partielle ‘Einstieg’ in das Btx-System der DBPost: ein Techniknutzen unter direkter Unterlaufung der parteioffiziellen Boykottlinie. (Donner 1993: 24f)

Im Landesverband Baden-Württemberg scheint die Technologiepolitik lange Zeit kein wichti- ges Thema gewesen zu sein. Neben der schon erwähnten Broschüre (Kuhn / Schmitt 1984) findet sich erst bei der 18. Landesdelegiertenkonferenz der GRÜNEN Baden-Württemberg am 20/21. Juni 1987 ein großer Themenschwerpunkt dazu. Diese Landesdelegiertenkonferenz behandelte - vor allem im Kontext zum damals aktuellen Boykott der Volkszählung - das Thema Technologiepolitik. Winfried Hermann schreibt dazu: »Debatte über Technologiepolitik und Verabschiedung eines differenzierten Technologieprogramms. Reaktionen der Öffentlichkeit und der Medien überwiegend positiv. Beispielsweise: „Grüner Technik-Parteitag setzt Signale - Alternative wollen Image der Maschinenstürmer abbauen - Aber: ‘Die Natur hat Vorrang’“« (Hermann 1989: 281).

In gewisser Weise zeichnet sich also schon 1987 der Versuch ab, das bis dahin gültige technik- feindliche Image abzulegen. Für die Landtagswahlprogramme 1988 und 1992 erwähnt Hans- Peter Welte die herausgehobene Stellung der Technologiepolitik, die er als »Antwort der GRÜNEN auf die Regierungspolitik einer technologischen Modernisierung Baden-Württembergs« (Welte 1994: 125) deutet. Informations- und Kommunikationstechnologien werden von der 12.21 Landesde- legiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg (06.-08.10.2000) unter dem Titel ‘Neue Medien’ wieder aufgegriffen. Allerdings hat das Thema dort neben der Ab- stimmung über das Landtagswahlprogramm und der Wahl des Spitzenkandidaten nur einen geringen Stellenwert. Der Programmpunkt dient nicht der Beschlussfassung, sondern vielmehr der programmatischen Vorbereitung für den Virtuellen Parteitag, der ja nicht nur in der Form, sondern auch in seinen Inhalten dazu gedacht ist, mit dem Thema ‘elektronische Bürgerdemo- kratie’ Stellung zum Verhältnis von Informations- und Kommunikationstechnologie auf der einen Seite und Demokratie und Gesellschaft auf der anderen Seite zu nehmen.22

2.3.2 Die Nutzung von Computern und Internet

Parallel zur Weiterentwicklung der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem neuen Medium Computer erfolgte auch der Ausbau der tatsächlichen Nutzung.23 Dieser Prozess fand sowohl auf der Bundesebene der Partei statt, als auch in den einzelnen Landesverbänden. Auch hier ist von unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Aneignung auszugehen. Die von Bogumil / Lan- ge für die SPD beschriebene erste Phase der ‘Computerisierung’ der Parteibüros setzte sich mit einiger Verzögerung (»Bei den GRÜNEN steckt die IuK-Nutzung noch in den Anfängen«; Bogumil / Lange 1991: 47) und teilweise mit anderen organisatorischen Schwerpunkten (so gibt es bis heute keine wirkliche zentrale Mitgliederdatei) auch bei den Grünen durch. Zur zweiten Phase der Computerisierung ist zu berichten, dass der Bundesverband der Grünen inzwischen eine eigene, für den Internetauftritt zuständige Stelle in der Geschäftsstelle eingerichtet hat; der entsprechende WWW-Auftritt wird u.a. von Klaus Rederer (2000: 169) und Roland Kaiser (1999) diskutiert. Hinzu kommen, was als Schritt in Richtung ‘Virtuelle Parteizentrale’ (Bieber 1999) gedeutet werden kann, Innovationen wie wöchentliche Newsletter aus der Bundesge- schäftsstelle, oder das Projekt WWW.GRUNDSATZDEBATTE.DE. Die Publikation des Wahlpro- grammentwurfs auf der Website der Bundesgrünen als Diskussionsgrundlage schon vor dessen Verabschiedung wird von Detlev Clemens (1999a: 59; 1999b: 159) als Beispiel für eine ‘demokratisierende’ Wirkung des Internets auf Wahlkämpfe erwähnt.

Wie sieht die zweite Phase der Computerisierung bei den Grünen in Baden-Württemberg aus? Nach anfänglichen Experimenten mit dem alternativen Mailbox-Netz /CL, die aber bald wieder aufgegeben wurden, ist der baden-württembergische Landesverband der Grünen seit 1995 mit einer eigenen Website im Internet präsent, hat das Netz also - auch im Vergleich mit anderen Teilen der Partei - schon relativ früh genutzt.24 In einem wohl typischen Prozess wanderte dabei die Verantwortung für die Website von einem Mitglied, das diese ehrenamtlich betreut hatte, im Juni 1997 in die Organisation hinein. Der Wechsel der Zuständigkeit wurde mit be- ruflichen Veränderungen begründet. Innerhalb der Landesgeschäftsstelle war dann Harald Dol- derer als Landesschatzmeister für die Betreuung zuständig. Zuerst sowohl für die Technik wie auch für den Inhalt zuständig, wurde die technische Seite der Betreuung relativ bald an einen kleineren Internetprovider aus dem grünen Spektrum vergeben. Die inhaltliche und gestalteri- sche Betreuung blieb bei Harald Dolderer. Im Oktober 2000 erfolgte im Zusammenhang mit dem Landtagswahlkampf ein semiprofessioneller Relaunch der Site in Zusammenarbeit mit einer Online-Agentur sowie die Umstellung auf ein Redaktionssystem.

Neben dem mit großem Medienecho Mitte des Jahres 2000 angekündigten Virtuellen Parteitag muss auch die Entscheidung zu einer sehr bewussten Nutzung des Internets im Landtagswahl- kampf für die Wahl 2001 erwähnt werden. Obwohl letztlich die eigenen Ansprüche an diese Internetpräsenz größer als das zur Verfügung stehende Budget waren, so wurde doch mit dem Wahlkampfslogan ‘WWW.DIE-TREIBENDE-KRAFT.DE’25 und einem relativ gut ausgebauten Inter netangebot der Versuch unternommen, deutlich zu kommunizieren, dass Bündnis 90/Die Grü- nen inzwischen eine moderne, auf Informations- und Kommunikationstechnik setzende Partei sind. Anstrengungen, die in der Fachöffentlichkeit durchaus gewürdigt wurden: »Die Grünen machen ernst mit dem Thema Internet. Der Auftritt ist professionell. Insgeheim lobte gegenüber politik- digital sogar ein Pressesprecher der Konkurrenz die Site.« (Wieboldt 2001). Gerade dieser von vielen als plötzlich empfundene Kurswechsel stellt allerdings auch den Virtuellen Parteitag unter den Generalverdacht, vor allem als Werbemittel im Vorwahlkampf gedacht gewesen zu sein. Das im Oktober 2000 für den Wahlkampf eingesetzte Redaktionssystem und die dafür aufgebaute Gestaltung werden auch weiterhin genutzt; jetzt nicht mehr als Wahlkampfpräsenz, sondern zur Information über die Gliederung und die Arbeit der Partei, also als ‘Virtuelle Parteizentrale’, wie sie Christoph Bieber (1999) für die Bundesparteien beschreibt. Dazu passt auch, dass im Zuge des Wahlkampfs ein nur Parteimitgliedern - genauer genommen sogar nur Funktions- trägerInnen der Partei, von der Ortsvorstandsebene aufwärts - zugänglicher ‘Memberbereich’ mit Serviceleistungen für die Kreisverbände auf der Website eingerichtet wurde. Neben dem Auftritt nach außen im World Wide Web verwendet der Landesverband seit 1995 eMail zur internen und externen Kommunikation. So existiert seit 1995 die - heute noch gültige - eMail- Adresse LANDESVERBAND@BA-WUE.GRUENE.DE. 1996 erhielten die MitarbeiterInnen der Lan- desgeschäftsstelle eigene eMail-Accounts in der Domain BA-WUE.GRUENE.DE. Zugleich wurde auch damit begonnen, Verteiler für den elektronischen Versand von Rundbriefen etc. aufzubau- en, was seit 1997 in breitem Maße genutzt wird. Inzwischen werden die Rundbriefe an die Kreis- und Ortsverbände sowie aktuelle Mitteilungen fast ausschließlich per eMail verschickt; sämtliche Kreisverbände sind per eMail erreichbar.26 Dazu beigetragen haben dürften wieder- kehrende Hinweise in der Mitgliederzeitschrift Grüne Blätter und den Informationen für die Kreis- und Ortsverbände sowie Kooperationsprojekte mit Providern, die es Parteimitgliedern ermöglichten, zu Sonderkonditionen ‘ins Netz’ zu gehen.

Das Bild von Bündnis 90/Die Grünen - besonders in Baden-Württemberg, aber auch bundes- weit - als einer inzwischen stark auf Informations- und Kommunikationstechnologien setzen- den und diesen Technologien positiv gegenüberstehenden Partei wird abgerundet durch Ergeb- nisse einer repräsentativen Telefonumfrage der Forschungsgruppe Wahlen (2001: 5): Während im Zeitraum September-Dezember 2000 immerhin schon 29%27 der Bevölkerung das Internet nutzen, sind es bezogen auf die Anhängerschaft der Grünen 50% - der höchste Wert im Ver- gleich zu allen anderen Bundestagsparteien. In der Befragung der LDK-Delegierten geben sogar 64,8% an, täglich oder beinahe täglich das Internet zu nutzen, während es nur 8,5% über- haupt nicht nutzen. Ausschlaggebend für diesen Unterschied zwischen Bevölkerung insgesamt und (aktiven) grünen Mitgliedern und AnhängerInnen ist vermutlich das überdurchschnittlich hohe formale Bildungsniveau der Grünen.

2.4 Vorgeschichte und Konzeption des Virtuellen Parteitags

2.4.1 Die Vorgeschichte

Die Idee zu einem Internetprojekt mit dem Titel ‘Virtueller Parteitag’ entsteht im Februar 2000. Die Zeit scheint reif, den innerparteilichen Internet-Einsatz und den Vorwahlkampf miteinander zu verbinden (vgl. auch die Ausführungen zu Parteien im Internet in Abschnitt 2.1). Auch Marc Mausch macht sich damals in Anlehnung an e-government-Ansätze Gedanken darüber, wie Bündnis 90/Die Grünen das Internet für die politische Arbeit und die innerparteiliche Demo- kratie nutzen können. Er ist Mitglied des Parteirats (also des erweiterten Landesvorstandes) und beruflich als Projektleiter in der Softwarebranche tätig. Konzeptionell war er schon an der Entwicklung eines Diskussionsforums für die bundesweite, parteiinterne Grundsatzdebatte (WWW.GRUNDSATZDEBATTE.DE) beteiligt. Schlagwort28 und Idee finden zueinander, und bis Ende April 2000 arbeitet Mausch ein erstes Konzept aus. (E: 1-24).

Als seine persönlichen Motive für den Virtuellen Parteitag nennt Marc Mausch drei Punkte: Erstens sei es so möglich gewesen, der Partei das Thema ‘elektronische Demokratie’ nahe zu bringen, indem diese selbst Erfahrungen damit sammelt. Zweitens habe er im Virtuellen Par- teitag ein ‘Organisationstool’ gesehen, dass dazu genutzt werden könne, die Effizienz der Ar- beit der Partei zu steigern. Als dritte Motivation nennt er die Imageförderung; ein Argument, dass wohl für große Teile der Parteielite ausschlaggebend gewesen sei. (E: 25-37)

Am 14. Juli 2000 druckt die Berliner tageszeitung genau wie viele andere Zeitungen eine kurze Agenturmeldung der dpa ab: »Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg planen als erste deut- sche Partei einen virtuellen Parteitag. Statt der üblichen Tagung in einer Stadthalle oder einem Kon- gresszentrum sollen im November die Delegierten über das Internet diskutieren und abstimmen.« Am Tag zuvor hatte u.a. SPIEGEL ONLINE schon eine ähnliche, allerdings etwas ausführlichere Meldung in seinem Programm gehabt. Zu diesem Zeitpunkt ist das Vorhaben ‘Virtueller Par- teitag’ allerdings noch keine beschlossene Sache, sondern nur ein im Landesvorstand zu disku- tierender Vorschlag. Angesichts des großen Medienechos kann der Vorstand jetzt allerdings kaum noch zurück. In einer eMail informiert der Landesvorsitzende Andreas Braun die Kreis- verbände über den Stand der Dinge. Die Vorlage werde demnächst im Landesvorstand disku- tiert und sei bei einem Hintergrundgespräch mit dpa schon einmal als mögliches Vorhaben vor der Landtagswahl erwähnt worden. Braun stellt fest, dass das Medienecho sehr gut gewesen sei und betont, dass natürlich noch keinesfalls feststehe, welche Themen auf dem Virtuellen Par- teitag zu behandeln sei. Dies müsse der Landesvorstand entscheiden.29 Der kann jetzt nicht mehr zurück, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keinesfalls alle Bedenken ausgeräumt sind. Einige Landesvorstandsmitglieder hätten es vorgezogen, die Landtagswahlen abzuwarten; trotz aller Begeisterung für technische Innovationen ist der Virtuelle Parteitag eben auch ein Experiment, bei dem im Vorfeld nicht klar ist, ob alles wie geplant klappen wird, und wie die Reaktionen der Parteibasis ausfallen werden. Die Partei entscheidet sich, den Schritt ins Ungewisse zu wagen und mit dem Virtuellen Parteitag Neuland zu betreten.

»Für uns in Baden-Württemberg ist der Einsatz und die Nutzung moderner Kommunikationsmittel zur Selbstverständlichkeit geworden«30. Mit einem Schreiben vom 27.09.2000 wurden Kreisverbände, Abgeordnete und MandatsträgerInnen darüber informiert, wie die Partei den Virtuellen Partei- tag durchführen wird. Dem vom geschäftsführenden Landesvorstand (Andreas Braun, Monika Schnaitmann und Harald Dolderer) und dem für die Durchführung des Virtuellen Parteitags zuständigen Vorstandsmitglied Marc Mausch unterzeichneten Schreiben ist eine Übersicht über den geplanten Ablauf des Parteitags und die technischen Hintergründe (Mausch 2000) beige- fügt. Einen Überblick über die formale Struktur des Virtuellen Parteitags gibt Abbildung 2.1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1 - Organisatorische Rahmenbedingungen des Virtuellen Parteitags31

2.4.2 Die technischen und ökonomischen Rahmenbedingungen

Der Virtuelle Parteitag musste mit einem sehr engen Kostenrahmen kalkuliert werden; ausge- geben werden konnten und wurden dafür von der Partei etwa 20.000 DM. Ein vergleichbares Projekt von Grund auf neu zu realisieren, hätte etwa 300.000 DM gekostet. Der Kostenunter- schied erklärt sich dadurch, dass zum einen Teile der für die Grundsatzdebatte bereits vorhan- denen Software verwendet werden konnten, und dass zum anderen der Virtuelle Parteitag auch von einigen an der Realisierung beteiligten Firmen als Technologiestudie begriffen wurde. (E: 47-50). Allerdings führte dieser äußert enge Kostenrahmen auch dazu, dass einige Eigenheiten des schon vorhandenen Redaktionssystems übernommen werden mussten, und dass es kaum möglich war, neue ‘Features’ hinzuzufügen. Dazu beigetragen hat auch, dass der Virtuelle Parteitag als Sponsoring-Projekt bei einigen der beteiligten Firmen nur eine relativ geringe Priorität hatte. Nach Einschätzung von Marc Mausch seien etwa 80% der während des Virtuellen Parteitags und danach geäußerten Verbesserungsvorschläge konzeptionell eigentlich vorgesehen gewesen, hätten aber unter den gegebenen finanziellen und organisatorischen Bedingungen nicht realisiert werden können. (E: 102-117).

Als Hardware des Virtuelle Parteitags dienten zwei Server; einer davon sei speziell für Online- Banking ausgelegt gewesen und habe bei den Abstimmungen als elektronische Wahlurne fun- giert, der andere Server sei ein ganz normaler Webserver ohne weitere Besonderheiten gewe- sen, auf dem ein Content Mangement System als Grundlage für das Diskussionsmodul gelaufen sei. (E: 140-143). Der Virtuelle Parteitag sei - so Mausch - so ausgelegt worden, dass auch mit ‘Uralt-PCs’ noch eine Teilnahme möglich gewesen sei; deswegen sei auch auf den Einsatz von Videokonferenzsystemen ebenso wie auf den Einsatz von Chipkartenlesern für eine besonders sichere Abstimmung verzichtet worden (E: 92-96). Schwerwiegende technische Probleme habe es nicht gegeben, auch die Hotline habe nur wenige Anrufe erhalten. Technische Probleme gegeben habe es hingegen in der Vorbereitungs- und Entwicklungsphase, so dass an einigen Stellen zu provisorischen work-arounds gegriffen werden musste. Was allerdings häufiger vorgekommen wäre, seien eigentlich triviale Bedienungsprobleme gewesen, sogenannte ‘DAU- Probleme’32 (E: 144-150). Andere, eigentlich einfach lösbar Probleme - wie ein zu kurzer Zeit- raum von 20 Minuten zum Verfassen der Redebeiträge - seien zwar wiederholt bei der zustän- digen Firma moniert worden, wären aber nicht korrigiert worden. Dieses habe auch für ganz normale NutzerInnen ein Problem dargestellt. (E: 158-163). Durch die Verkettung verschiede- ner technischer Probleme und Inkompatibilitäten habe zu einem Zeitpunkt zwischen möglichst großer Sicherheit und einer möglichst hohen Kompatibilität zu allen Browsern entschieden werden müssen; um eine Teilnahme möglichst vieler zu erreichen, wurde zugunsten der Kom- patibilität entschieden. (E: 164-172). Zu den technischen Problemen dürfte auch gezählt wer- den, dass die Systemzeit während des gesamten Parteitags oder doch über einen großen Teil um eine Stunde nachging. Sicherheitsprobleme habe es nicht gegeben; es seien zwar Hacker- Angriffe vorgekommen, hätten sich aber im normalen Rahmen bewegt. Was es gegeben habe, seien vor allem ‘Baby-Hacker-Angriffe’ gewesen wie der Versuch, Passworte durch Ausprobie- ren zu knacken. (E: 173-177). Bereitstehende Sicherheits-ExpertInnen mussten nicht hinzuge- zogen werden. Die Spuren eines Baby-Hacker-Angriffs wurden schnell gelöscht (N2: 589-591), das Präsidium stellt im Parteitag fest, dass die Angriffe »nicht parteitagsgefährdend« (N2: 553) gewesen seien und bestärkt den Eindruck kontrollierter Sicherheit: »Alles in Butter!« (N2: 598).

2.4.3 Die Gestaltung des Virtuellen Parteitags

Bei der Vorbereitung des Virtuellen Parteitags stehen der experimentelle Charakter und die technische Durchführung im Mittelpunkt. Der politische Inhalt ist wichtig, hat aber in der Vor- bereitungsphase einen sekundären Charakter. Es ist relativ frühzeitig klar, dass eines der zwei DAU steht hier in Analogie zum GAU für den ‘Dümmsten Anzunehmenden User’. zu behandelnden Themen ein Internetthema sein soll; das andere Thema soll nichts mit dem Internet zu tun haben und zeigen, dass es möglich ist, auch politisch kontroverse Themen mit den Mitteln eines virtuellen Parteitages zu diskutieren, um auch ‘Technikfeinde’ zur Teilnahme zu bewegen. Die Auswahl fiel dann auf die Themen elektronische Bürgerdemokratie und Libe- ralisierung oder Beibehaltung der Ladenschlusszeiten. (E: 38-46). Für den Termin des Virtu- ellen Parteitags seien zwei Bedingungen ausschlaggebend gewesen: Zum einen musste ge- währleistet sein, dass die Software zum Termin des Virtuellen Parteitags einsatzbereit sei. Zum anderen waren die Landtagswahlen und der beginnende Wahlkampf zu beachten, die eine spä- teste Termingrenze festgelegt hätten. (E: 54-57). Die Entscheidung fiel letztlich auf den Zeit- raum vom 24. November bis zum 3. Dezember 2000. Die Dauer des Virtuellen Parteitags von knapp zehn Tagen sieht Marc Mausch inzwischen eher kritisch: Die Dynamik des Parteitags sei von TeilnehmerInnen, die unter der Woche arbeiten mussten oder als Abgeordnete in der Sit- zungswoche im Bundestag saßen, nicht richtig beobachtbar gewesen, die Teilnahme ‘nebenher’ habe nicht richtig funktioniert. Hier würde er inzwischen einen kürzeren Zeitraum bevorzugen, der dann die örtliche Flexibilität des Parteitags beibehalten würde, aber eine zeitlich konzent- riertere Teilnahme erzwingen würde. (E: 58-74). Ausschlaggebend für die gewählte Dauer von zehn Tagen sei das gewählte Abstimmungsverfahren gewesen, dass mit relativ langen Voran- kündigungs- und Abstimmungszeitraum bei bis zu vier Abstimmungsrunden eben entsprechend Puffer benötigt habe. (E: 75-78). Ursprünglich sei geplant gewesen, den Virtuellen Parteitag analog zu einer Landesdelegiertenkonferenz zu gestalten, was eine Zahl von 200 Delegierten bedeutet hätte. Es habe sich aber sowohl aufgrund des experimentelle Charakters, der techni- schen Realisierbarkeit als auch aufgrund politischer Erwägungen gezeigt, dass als Vorbild der nur 100 Delegierte umfassenden und mit weniger umfassenden Rechten ausgestattete ‘kleine Landesparteitag’ ausreiche (E: 85-90). Ausschlaggebend dafür, überhaupt ein Delegiertensys- tem zu verwenden, seien zum einen demokratietheoretische Überlegungen, zum anderen prag- matische Gründe wie die auf diese Weise besser sicherzustellende Sicherheit der Abstimmun- gen und die Ähnlichkeit mit bekannten Parteitagen (und damit auch ein geringerer Widerstand gegen etwas völlig unerwartetes) gewesen (E: 79-84).

Die Form des Parteitags - asynchrone textbasierte Diskussion - war aufgrund der weiterver- wendeten Software relativ schnell entschieden. Aber auch wenn es mehrere Möglichkeiten gegeben hätte, so wäre für Marc Mausch ein Chat - als schnelle, synchrone textbasierte Dis- kussionsform - nicht in Frage gekommen, da seiner Meinung nach hiermit ernsthafte politische Arbeit nicht möglich gewesen wäre. (E: 96-101). Für ihn stehe die Verwendbarkeit als ‘Arbeitstool’ im Vordergrund, die Organisation von Unterhaltung - und dazu zähle beispiels- weise auch ein (zusätzlicher) Chat - gehöre nicht zu den Aufgaben des Landesvorstandes. Wer eine Chat hätte haben wollen, hätte sich ja gut auf einem externen Chatsystem irgendwo im Internet verabreden können. (E: 109-112).

Zwei Eigenheiten herkömmlicher Parteitage wurden in der Konzeption des Virtuellen Partei- tags nicht übernommen. Dies ist zum einen die ansonsten bei Bündnis 90/Die Grünen übliche Quotierung der Redebeiträge nach dem ‘Reißverschlussprinzip’, zum anderen wurde auf ge setzte Redebeiträge - also die in den Vordergrund gestellten Auftritte von GastrednerInnen und prominenten Mitgliedern der Partei - verzichtet. Eine Quotierung der Redebeiträge macht für Mausch nur Sinn, wenn die Zahl der Redebeiträge begrenzt und die Hemmschwelle zu reden hoch ist. Beides sei beim Virtuellen Parteitag nicht der Fall gewesen, so dass hier die hinter der Quotierung stehende Abwägung anders ausgefallen sei. Über andere Möglichkeiten, etwa eine Visualisierung der Geschlechteranteile in einem Forum, sei nicht nachgedacht worden. (E: 122- 132). Auch der Verzicht auf gesetzte Redebeiträge gehörte zur Konzeption des Parteitags. Da- mit sollte mehr Demokratie und eine größere Beteiligung aller erreicht werden. Dass diese Frage im Vorstand nicht ausgiebig diskutiert wurde, zeige, dass hier die Gestaltungsmöglich- keiten eines Einzelnen aufgrund eines Technik- und Medienkompetenzvorsprungs zugenom- men haben, wie er auch gerne zugibt. (E: 133-137).

2.4.4 Präsidium und Geschäftsordnung

Zur Konzeption des Virtuellen Parteitags gehören auch die für diesen Parteitag vom Landesvor- stand beschlossene Geschäftsordnung (GO)33 und damit das in dieser Geschäftsordnung be- schriebene, vom Landesvorstand eingesetzte zehnköpfige Präsidium. Formal sieht die Ge- schäftsordnung vor, dass das Präsidium den Entwurf des Landesvorstandes für die Tagesord- nung einbringt (§2 GO (1)), über Debattenbeiträge von Nicht-Mitgliedern entscheidet (§5 GO (1)), die Zuordnung von Redebeiträgen zu Anträgen korrigiert (§5 GO (4)) und die Abstim- mungen durchführt (§6 GO). Angesprochen sind hiermit zwei weitere, den Parteitag stark strukturierende Gestaltungsfragen: Zum einen sind alle Redebeiträge jeweils bestimmten An- trägen oder Änderungsanträgen zugeordnet. Dies spiegelt sich in der Struktur der Diskussions- foren wieder und macht auch deutlich, dass es sich bei den Diskussionsforen im Rahmen des Parteitags ‘eigentlich’ um Redelisten zu jeweils bestimmten Anträgen oder Änderungsanträgen handelt34 - eine von vielen als unflexibel empfundene Struktur. Das zweite in der Geschäfts- ordnung festgelegte Strukturelement sind Abstimmungsrunden. Diese müssen vierundzwanzig Stunden vor Beginn der Abstimmung durch das Präsidium angekündigt werden und für min- destens sechs Stunden zur Abstimmung offen stehen (§6 GO (3)). Vor der Abstimmung ist nicht nach der Abstimmung, und so tragen die Abstimmungsrunden - durchgeführten wurden drei - ebenso wie der Antragsschluss kurz vor der zweiten Abstimmungsrunde dazu bei, den zeitlichen Ablauf und den Verlauf der Debatten zu strukturieren. In der Geschäftsordnung sind zudem die formalen Rechte der Mitglieder festgelegt.

Genauso wichtig wie die formalen Rechte und Pflichten des Präsidiums ist seine tatsächliche Arbeitsweise. Zur Funktion der Entscheidung über Antragszulassungen und die ‘Reife’ von Anträgen - die die Hauptfunktion des Präsidiums war - kommt eine moderierende Funktion. Wenn die Debatte nicht zielführend gewesen wäre, hätte das Präsidium als ‘Stand-By-Truppe’ in Form von moderierenden Redebeiträgen eingegriffen. Das - technisch mögliche - Löschen von Beiträgen habe nicht zur Debatte gestanden.35 Moderierendes Handeln - auch in der Form der Zusammenfassung des Diskussionsstandes - sei allerdings größtenteils nicht notwendig gewesen, da hier die TeilnehmerInnen selbst sehr diszipliniert gewesen seien und diese Aufga- ben übernommen hätten (E: 181-188). So war es vor allem wichtig gewesen, den Parteitag zu beobachten.36 Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Arbeitsaufwand für das Präsidium er- heblich höher war als vorher vermutet. Er entspräche insgesamt etwa dem Aufwand des Präsi- diums bei einem herkömmlichen Parteitag, habe sich aber über einen längeren Zeitraum er- streckt. Die Präsidiumsmitglieder hätten dabei sowohl zeitlich als auch thematisch ‘im Schichtbetrieb’ gearbeitet, also z.B. bestimmte Tageszeiten oder eigenverantwortlich bestimmte Themenbereiche betreut. (E: 195-201). Intern habe sich das Präsidium während des Parteitags vor allem per eMail, ausnahmsweise auch per Telefon und ganz selten per Telefonkonferenz verständigt (E: 178-182). Allerdings seien wohl gerade wichtige Entscheidungen doch eher per Telefon oder auch in Face-to-face-Absprache in Stuttgart getroffen worden, die Rundmails wurden z.T. eher als Informationsflut empfunden.37 Die einzelnen Präsidiumsmitglieder seien in Bezug auf ihre Arbeitsbereiche relativ autonom gewesen. Eine regelrechte Koordination der Präsidiumsarbeit habe es nur betreffs der technischen Aspekte (hier waren Marc Mausch und Albrecht Kurz zuständig) sowie bei politisch kritischen Fragen gegeben. Die Aufgabenvertei- lung habe sich ansonsten ‘eher so’ ergeben. (E: 202-206).

Zu erwähnen ist noch der hohe Wert, den - so Marc Mausch - das Präsidium auf politische Neutralität gelegt habe. Dies sei umso wichtiger gewesen, als das Präsidium doch erhebliche Manipulationsmöglichkeiten gehabt habe. Diese entsprächen einerseits den ‘weichen’ Mög- lichkeiten zur Debattensteuerung, die ein Präsidium auch bei herkömmlichen Parteitagen ein- setzen kann. Hinzu käme allerdings die Tatsache, dass beim virtuellen Parteitag auffälliger Protest nicht oder kaum möglich gewesen wäre. Wenn das Präsidium auf einem herkömmli- chen Parteitag ‘Unsinn’ baut, wäre es für eine Delegierte immer noch möglich, aufzuspringen und laut aufzuschreien - beim virtuellen Parteitag würde eine solche Äußerung zwischen den anderen Beiträgen untergehen. Darüber hinaus bestünde theoretisch - zumindest für den techni- schen orientierten Teil des Präsidiums - auch die Möglichkeit, unliebsame Beiträge einfach verschwinden zu lassen. Er glaube allerdings nicht, dass derartige Manipulationen zur Beein- flussung der Meinungsbildung faktisch möglich gewesen wären, da ein nicht passendes Abstimmungs- oder Diskussionsergebnis doch wohl aufgedeckt worden wäre. (E: 207-219)

3 Rekonstruktion des Virtuellen Parteitags

Nachdem im vorherigen Kapitel die Rahmenbedingungen, die Vorgeschichte und die Organisa- tionsform des Virtuellen Parteitags deutlich geworden sind, geht es nun darum, den Virtuellen Parteitag zu rekonstruieren. Wie haben die TeilnehmerInnen ihn erlebt, wie haben sie sich be- teiligt, was war ihnen wichtig? Wie sahen die Debatten aus, wie die Medienberichte (Anhang 8.1.1)? Ergänzt wird dieses Kapitel über Daten zur Zeitstruktur und zur Statistik. Damit soll zu einem umfassenden Bild des Parteitags beigetragen werden. Während auch hier schon - en passant - Elemente der Theoriebildung angesprochen werden, dient das sich anschließende Kapitel 4 dazu, sich einer Theorie des Virtuellen Parteitags anzunähern.

3.1 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht der TeilnehmerInnen

In diesem Abschnitt wird viermal quasi über den Rücken der vier interviewten Delegierten (vgl. Abschnitt 7.2.2) auf den Parteitag geblickt. Als Grundlage dafür dient die Auswertung der Interviews nach der Methode der Grounded Theory, insbesondere die Kategorien Vorerfahrun- gen mit der Partei und Vorerfahrungen mit computervermittelter Kommunikation, die Katego- rie Teilnahme am Parteitag (mit den Elementen Motive, Delegiertenwahl, Zeitstruktur der Teilnahme, Ort der Teilnahme), die Kategorie Beteiligung am Parteitag, die sich auf das Aus- maß und die gewählte Form der Beteiligung bezieht, sowie die Sicht auf den Parteitag, also die ihm zugeschriebenen Bedeutungen. Diese Blicke auf den Parteitag streben nicht Repräsentati- vität an oder stellen typische Fälle dar, sondern helfen, die Bandbreite des sozialen Erlebens in Bezug auf den virtuellen Parteitag deutlich zu machen und ihn so zu rekonstruieren.

3.1.1 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von A

A wohnt in einer Kleinstadt, in der sie für die Grünen Mitglied im Stadtrat ist. Darüber hinaus ist A in der Grünen Jugend aktiv. Sie hat Abitur und arbeitet zur Zeit im Rahmen des Freiwilligen Ökologischen Jahres. Das Interview fand in der Wohnung von As Familie in ihrem Zimmer statt; von dort aus hat sie auch - sehr aktiv - am Virtuellen Parteitag teilgenommen.

3.1.1.1 A: Vorerfahrungen

A hat vor dem Virtuellen Parteitag bereits an einem Landesparteitag und an zwei Bundesparteitagen teilgenom- men, von denen einer »einfach nur so, einmal zum mir des anschauen« 38 (A: 376) besucht wurde. ‘Richtig’ teilge- nommen (d.h. als Delegierte) hat sie dann an dem zweiten von ihr genannten Bundesparteitag. Die drei Parteitage wurden - wie in grünen Kreisen üblich - durch den Ort der Versammlung gekennzeichnet (»des war in Karlsruhe, und Delegierte war ich dann in Münster«; A: 377) und fanden alle im Zeitraum von 1998 bis 2000 statt. Zu ihren Erfahrungen mit Parteitagen zählt auch das Halten einer Rede - für die Grüne Jugend - auf dem von ihr besuch- ten Landesparteitag. Auch durch ihr Engagement in der Grünen Jugend war A ein großer Teil des beim Virtuellen Parteitag aktiven Personals der Grünen bekannt: »Also, ich war echt überrascht davon, wie viele ich kenn’, ich hab au’ natürlich gemerkt, des waren viele junge Menschen, dadurch hab’ ich sehr viele Leute einfach gekannt.« (A: 503-505). Zu den Vorerfahrungen mit der Partei zählt auch ihre erfolgreiche Kandidatur für den Stadtrat.

Gefragt nach ihren Erfahrungen mit ähnlichen Kommunikationsformen wie dem Virtuellen Parteitag nennt A die politische Online-Community dol2day39: »Und da hatt’ ich dann im Prinzip schon Erfahrung damit, dass ma’ Bei- träge zu ‘nem Thema schreibt und da auch ‘ne Rückmeldung zu diesen Beiträgen bekommt, und das ma’ … sozusa- gen virtuell abstimmt, nur dass es da eben nachher weniger Auswirkung eben hat« (A: 129-132). In Erinnerung ist ihr davon noch der große Zeitaufwand, der zur Folge hatte, dass sie sich an dol2day vor allem in den Sommerfe- rien aktiv beteiligen konnte und intensiv beteiligt hat. Die Nutzung des Internets (v.a. auch zur Informationsrecher- che) ist ihr vertraut. Dies wird auch deutlich, wenn sie die fehlenden Erfahrungen mit dem Internet bei einer ande- ren Delegierten als Problem (des Virtuellen Parteitags) beschreibt (A: 155-164). Politisch hat A sich ebenfalls schon mit dem Internet und den Möglichkeiten auseinandergesetzt, u.a. mit einer inhaltlichen Veranstaltung dazu; auch ihre Parteitagsrede hatte dieses Thema: »Da hab ich dann auch zum, zum Thema Internet diese Rede gehalten … was dann wahrscheinlich au’ der Grund war dafür, das ich nachher als Delegierte gewählt wurde, für diesen virtuellen Parteitag« (A: 383-386).

3.1.1.2 A: Teilnahme am Parteitag

Als Motiv dafür, sich delegieren zu lassen, nennt A vor allem die Tatsache, dass der Virtuelle Parteitag etwas völlig Neues darstellt: »Ich konnt’ mir des nich’ wirklich vorstellen, […] und allein schon deswegen wollt’ ich da einfach dran teilnehmen, um zu sehen wie des funktioniert, um au’ zu sehen wie fühlt man sich sozusagen als als delegiert« (A: 140-144). Bei der Delegiertenaufstellung in ihrem Kreisverband gab es eine »ungewöhnlich« (A: 78) große Konkurrenz, wobei die Männer dann auf die Kandidatur verzichteten, »weil sie sich … wahrscheinlich gefreut haben, dass mal so viele Frauen sich delegieren lassen wollen« (A: 96-98). Als Grund für ihre Wahl nimmt A an, dass in ihrem Kreisverband ihre Kompetenz zum Thema Internet bekannt war. In der großen Konkurrenz hat sie eine besondere Verpflichtung gesehen, sich auch »wirklich aktiv« (A: 80) einzubringen. Diese Verpflichtung setzt sich dann in Kontinuität um: »bis auf diesen einen Samstag war ich eigentlich jeden Tag drinne« (A: 52). Teilgenommen hat sie überwiegend von ihrem eigenen Zimmer aus, da sie an ihrem Arbeitsplatz zwar einen Com- puter, aber keinen Internetzugang hat und die örtliche Parteigeschäftsstelle in einem anderen Ort liegt, was die Flexibilität der Teilnahme stark eingeschränkt hätte (A: 353-366). Am Schlusswochenende war sie nicht in ihrem Heimatort, sondern auf einer Veranstaltung in Erfurt. Auch von dort aus hat sie am Virtuellen Parteitag teilge- nommen, stand dabei allerdings vor dem Problem, die passende Infrastruktur (Diskettenlaufwerk für die Diskette mit dem Abstimmungsschlüssel) zu finden: »Und ich hab dann aber … in der Landesgeschäftsstelle dort ähm … des machen können. Aber ‘s war erst mal en Problem […] weil … au’ in Internetcafes war’s manchmal einfach so, dass du keine ähm Diskette reinlegen konntest.« (A: 40-44). A war »ungefähr drei Stunden am Tag […] drin« (A: 15), unter der Woche hatte sie Termine, so dass sie »dann so von zehn [Uhr abends] bis um eins oder so … dran saß« (A: 30). Sie schätzt die insgesamt im Parteitag verbrachte Zeit als ungefähr so lang ein »wie für ‘nen normalen Parteitag« (A: 32-33). Da am Schluss die Debatte erschöpft war, »hab ich dann fascht desch Gefühl gehabt, dass es vielleicht ‘nen bisschen zu lang geht« (A: 226-227)

3.1.1.3 A: Beteiligung am Parteitag

A gehört zur Gruppe der sich am stärksten mit Redebeiträgen und Antragsunterstützungen am Virtuellen Parteitag beteiligenden TeilnehmerInnen. Aus ihrer eigenen Sicht stand aber zuerst einmal ihre lesende Beteiligung im Vordergrund. Trotz der gerade nach der anfänglichen Abwesenheit immensen Menge an Text gilt dabei: »Ich wollte auch alles lesen … immer.« (A: 22). Diese lesende Beteiligung wird mit dem Zuhören beim herkömmlichen Parteitag gleichgesetzt: »Ich denk’, bei ‘nem normalen Parteitag isch au’ die meiste Zeit einfach zuhören« (A: 465- 466). Alles gelesen zu haben, wird dabei als Qualität des eigenen Verhaltens beschrieben: »Ich glaub’, dass viele Leute weniger Zeit drauf verwendet haben, un’ ich kenn au’ viele Leute, die nich’ alle Beiträge gelesen haben, weil es irgendwann au’ au’ wahnsinnich viel war .« (A: 444-447). Aber auch A differenziert zwischen verschiedenen Beiträgen und erinnert sich: »Es waren au’n paar da, da hab ich gedacht, äh die brauch’ ich nich’ so intensiv lesen.« (A: 525-526). Stammen die Beiträge von ihr bekannten TeilnehmerInnen, so werden sie bevorzugt gelesen: »Wenn ich dann gesehen hab’, den, den kenn’ ich, dann hab’ ich einfach schon manchmal zuerst da drauf geklickt.« (A: 513-514). Um Kosten zu sparen, erfolgt das Lesen der längeren Beiträge offline: »Also am Anfang hatt’, hab’ ich mir die immer alle in Word reinkopiert, um die dann offline zu lesen, un’ mit den langen Beiträgen hab’ ich des dann au’ den Rest des Parteitags über gemacht.« (A: 322-325). Das Lesen der Beiträge dient dazu, um sich eine Meinung zu bilden, aber auch, um sich über die ‘Stimmung’ zu orientieren. So war es A bezüglich einer bestimm- ten Position »dann schon … relativ klar, dass, dass diese Meinung net durchkommt, einfach au’ danach was ich gesehen hab’, dass diese Meinung im Internet eigentlich fast dann keiner vertreten hat« (A: 266-268).

Schreibend hat sich A zum einen beteiligt, um anderen ihre Argumente nahe zu bringen. Hierzu hat sie »einfach Argumente gesucht, … und wollte dann eigentlich ‘nen kurzen Beitrag schreiben, aber der wurde dann sehr lang.« (A: 280-282). Zu einigen Themen hat sie nichts geschrieben, weil sie nicht das Gefühl hatte, »dass es da so die des große Diskussionspotenzial einfach gibt« (A: 403-404), sondern den vorgelegten Antrag überzeugend fand. Zum anderen war das Schreiben für A eine Möglichkeit, um ihre eigene Präsenz deutlich zu machen und zu schauen, ob auch andere da sind: »Und deswegen hab ich auch manchmal was ins, ins Parteitagsgeflüster reingeschrieben, um zu sehen, kommt da irgend’ne Rückmeldung. Manchmal kam eben auch eine.« (A: 67-69). Wo das nicht der Fall ist, wie direkt bei der Eröffnung des Parteitags, macht sich Enttäuschung breit: »Als ich mich am Freitag eingeloggt hab’, und da war noch gar nix, fand ich das irgendwie ‘nen bisschen schade. Ich hab’ eben gedacht, alle warten nur drauf, dass es anfängt.« (A: 746-749). Ihre Beiträge hat sie »offline geschrieben in Word« (A: 559) und erst erwar- tet, auch Formatierungen wie in Word verwenden zu können. Das Vorgehen, um einen Redebeitrag in den Partei- tag einzustellen, fand sie »einfach umständlich, und des hab’ ich am Anfang au’ net so gleich kapiert.« (A: 119- 120), vorteilhaft fand sie, dass Beiträge auch kurz sein können, denn »da kann man’s au’ auf ‘nen Punkt bringen.« (A: 311-312). Die Hemmschwelle, Beiträge zu schreiben, war durch das fehlende Lampenfieber deutlich geringer als für eine Rede beim herkömmlichen Parteitag (A: 298-304).

Sie selbst hat sich unterstützend an vielen Änderungsanträgen beteiligt und auch einen Änderungsantrag einge- bracht. Hier war A überrascht, dass - beworben nur durch einen Hinweis im Forum Parteitagsgeflüster - es »wahnsinnig schnell [ging], dass ich diese zwanzig Unterstützer’Innen zusammen hatte … also des, des, des hat ich so net erwartet.« (A: 803-805). Für sie ist das auch ein Anzeichen dafür, dass ziemlich viele, die sonst unsichtbar bleiben, die Änderungsanträge und Beiträge lesen. A hat in an allen drei Abstimmungsrunden abgestimmt. Aller- dings war sie sich im vorhinein nicht sicher, ob bei die einzelnen Änderungsanträge während der Abstimmung noch lesbar waren, so dass sie sich vorher »die ganzen Änderungsanträge … ähm angeguckt [hat], und hab mir dann aufgeschrieben auf’m Blatt, welchem ich zustimm’ und wo bin ich dagegen bin« (A: 417-419).

Im Unterschied zum herkömmlichen Parteitag vermisste A die Möglichkeit, ‘rauszugehen’ und persönlichen Kontakt mit anderen TeilnehmerInnen aufzunehmen: »Ja, manchmal geht ma’ au’ einfach raus und unterhält sich mit Leuten, was in dem Fall … praktisch weggefallen ist, … wobei’s ja diese Parteiflüsterecke gab, […] aber des isch beim … Parteitag einfach vielmehr dieser persönliche Kontakt« (A: 466-472).

3.1.1.4 A: Sicht auf den Parteitag

Der Virtuelle Parteitag hat A - nach anfänglichen »Orientierungsschwierigkeiten« (A: 735) - Spaß gemacht: »Ich hatte schon des Gefühl, dass, dass das ‘nen guter Parteitag ist und mir hat des au’ … Spaß gemacht.« (A: 763- 765). Gefehlt hat ihr eine Möglichkeit, zu sehen, »wie viele Leute grad’ eingeloggt sind« (A: 862-863). Der per- sönliche Kontakt wurde vermisst, »un’ deswegen denk’ ich, des könnte nie ‘nen normalen Parteitag ersetzen.« (A: 474-475). Im Unterschied zum herkömmlichen Parteitag fand sie »die Beiträge einfach sachlich, ‘ses war au’ nich’ so, dass, dass ma’ jetz’ so viel Wert drauf gelegt hat, wie wird’s dargestellt« (A: 546-548). Schlimm hätte sie es gefunden, »wenn es ähm technisch net funktioniert hätte« (A: 623-624), verbesserungswürdig erschien A neben der Gestaltung der Oberfläche das Ausmaß der Beteiligung, insbesondere von Frauen, die sich »au’ aktiv beteiligt haben, des heißt sichtbar beteiligt haben« (A: 638-639). Erschreckend fand sie es, dass es in ihrem Bekannten- kreis vorkam, »dass jemand delegiert ist, und … eigentlich au’ den Willen hat, sich zu beteiligen, aber ähm einfach die Möglichkeiten net hat, weil, weil er die technischen Fertigkeiten dazu net hat.« (A: 649-652). Als Funktion eines Virtuellen Parteitags sieht sie vor allem die Möglichkeit, Themen im Vorfeld eines normalen Parteitags, wo dafür oft keine Zeit bleibt, ausführlich vorzubereiten: »Also ich glaub’, dass es ähm ‘ne sehr große Chance sein könnte, manche Themen einfach im Internet vorzudiskutieren« (A: 175-176). Allerdings vermutet sie, »dass die Teilnahme dann auch nicht mehr ganz so rege gewesen wär’, weil, weil dann einfach dieses Experimentelle un’ dieses Neue nicht mehr da gewesen wär’.« (A: 191-193)

3.1.2 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von B

B wohnt in einer Universitätsstadt. Sie hat vor kurzem ihr Studium abgeschlossen und arbeitet jetzt zur Hälfte an der Universität von B-Stadt und zur Hälfte auf einer Praktikumsstelle bei einem Umweltverband. Das Interview fand in ihrem Zimmer in ihrer WG statt.

3.1.2.1 B: Vorerfahrungen

Zum Zeitpunkt des Virtuellen Parteitags war B Mitglied im Kreisvorstand der B-Städter Grünen. Sie ist Delegierte für verschiedene Landes- und Bundesarbeitskreise der Partei. Mit Parteitagen hat sie bereits einige Erfahrung gesammelt: »Ja, ich war bei verschiedenen äh Landes- und Bundesparteitagen, ähm auch weil ich eben ‘ne Zeit lang im Kreisvorstand war, äh, und ähm also hab’ so ‘nen groben Eindruck davon, […] wie ’n Parteitag abläuft, und hab auch ‘nen groben Einblick in was, was Parteitagsregie ist.« (B: 266-270). Über ein Praktikum in der Landtagsfrak- tion kennt sie darüber hinaus »die gesamte Landtagsbesatzung […], also Fraktion plus Fraktionsmitarbeiter« (B: 445-446). Eine Rede auf einem Parteitag hat sie noch nicht gehalten, auch wenn sie einmal kurz davor war: »ich saß dann irgendwie so auf Kohlen und dachte, geh’ ich oder geh’ ich nicht, und dann war ich am Schluss doch zu feige« (B: 390-392). Im PC-Bereich hat B »die gängigen Kenntnisse, und, und insofern hatt’ ich keine Hemm- schwelle, des zu benutzen« (B: 246-248). Im Bereich computervermittelter Kommunikation ist B »hin und wieder mal irgendwo [in einem] Chatroom, aber, aber eigentlich kaum« (B: 252-253) und nutzt das Internet ansonsten »sehr häufig, aber eben nicht für, nicht für Diskussionsforen, sondern […] in erster Linie für Recherche, zum Mai- len, ähm … ja, für Informationszwecke« (B: 256-259).

3.1.2.2 B: Teilnahme am Parteitag

»Zunächst hat ich mich delegieren lassen, weil klar war, es gibt sonst wieder irgendwie zuwenig Frauen.« (B: 101- 102). Diese Einschätzung begründet B mit der Technik: »bei so ‘nem IT-Parteitag war irgendwie relativ absehbar, dass da nicht so wahnsinnig viele Interessentinnen da sind« (B: 104-106). Entsprechend verläuft dann die Auf- stellung. Während die ‘Männerplätze’40 »auf jeden Fall problemlos gefüllt« (B: 483) wurden, haben sich bei den Frauen erst nur zwei Frauen für drei Plätze beworben, »und eine ham wir dann nachdelegiert« (B: 481). Die Prob- lematik, genügend Frauen zu finden, hängt für B damit zusammen, dass der Virtuelle Parteitag ‘Jungs’ eher inte- ressiert habe: »Weil’s halt in ‘ner gewissen Art auch ne’ t Spielerei ist und dass Frauen da nicht unbedingt so … sich begeistern lassen.« (B: 124-126).

Im Lauf der gemeinsamen Vorbereitung auf den Virtuellen Parteitag in Treffen der Delegierten nimmt dann Bs Interesse daran deutlich zu: »Wir wollen ja, dass das ganze stattfindet und funktioniert, also macht ma’ halt auch mit. Und dann wie gesagt hat das ziemlich an Impetus gewonnen durch diese gemeinsamen Vorbereitung.« (B: 110-112). Diese Vorbereitungstreffen dienen - nach kurzem inhaltlichen Austausch - vor allem der organisatori- schen Vorbereitung.

Tatsächlich konnte B dann allerdings nicht in dem Maß am Virtuellen Parteitag teilnehmen, wie sie sich das vor- genommen hatte. Teilgenommen hat sie zweimal, »des eine mal vom Grünen Büro und des andere mal ähm von meiner Arbeitsstätte« (B: 215-216), jeweils für eine Viertelstunde (B:218). Als Ursache dafür nennt sie ihre Ar- beitssituation, die - was bei der Aufstellung nicht absehbar - zur Zeit des Virtuellen Parteitags besonders stressig war: »Also, ich war zweimal irgendwie dienstlich unterwegs für, für ein, zwei Tage, des heißt ich war nicht im Büro, des heißt ich war gar nicht am Computer« (B: 224-226). Auch an den restlichen Tagen »war’s einfach so, dass … immer so viel los war, und, und ich relativ stark unter Druck stand, dass ich tagsüber mich nicht eingeloggt hab’ und abends einfach nur noch nach Hause wollte, und auch keinen Bock hatte« (B: 226-230). Zuhause verfügt B nicht über einen Internet-Anschluss, aber selbst mit eigenem Zugang (die Nutzung des Zugangs am Arbeitsplatz war problemlos möglich) hätte sie wohl eher nicht am Virtuellen Parteitag teilgenommen. »Wenn’s Themen gewe- sen wären, mit denen ich mich mehr identifiziert hätte, dann, oder wo ich das Gefühl hätte, da hängt jetzt mehr dran, dann hätt’ ich mir schon irgendwie die Zeit genommen.« (B: 239-242). Für einen herkömmlichen Parteitag werden für so einen Fall normalerweise Ersatzdelegierte bestimmt; dies ist hier nicht geschehen, auch, weil es »schon eher ‘nen Problem gewesen [war], überhaupt weibliche Delegierte zu finden.« (B: 623-624).

3.1.2.3 B: Beteiligung am Parteitag

B hat sich nur zweimal in den Parteitag hineinbegeben. Das erste Mal geschah im Rahmen eines ‘Einstiegsabends’ im Grünen Büro (dazu gleich mehr), das andere Mal war B »noch einmal dabei, als es um die Abstimmung dieses Sonntags ähm Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten ging … ähm und des war’s dann auch.« (B: 188-190). B hat sich also an einer der drei Abstimmungsrunden beteiligt, und sich dann auch nur zum Abstimmen in den Virtuellen Parteitag hineinbegeben. Von den beiden anderen Abstimmungen war B »beim einen Mal nicht da, und beim anderen Mal hab’ ich’s schlicht verpeilt [lacht]« (B: 537-538). Bei einem herkömmlichen Parteitag dagegen würde B eher versuchen, an der Abstimmung teilzunehmen, »weil mer normalerweise sich ja schon irgendwie ‘ne Meinung gebildet hat ähm und ich bin dafür delegiert worden, dass ich diese Meinung auch in ‘ne Wahlstimme übersetz’« (B: 548-550). Der Virtuelle Parteitag hatte für sie also eine geringere Verbindlichkeit als ein herkömmlicher Parteitag.

Neben der einen Abstimmung hat sich B während des vom B-Städter Kreisverband durchgeführten ‘Einstiegsabends’ am Virtuellen Parteitag beteiligt. Dieser lief so ab, dass die Mitglieder des B-Städter Kreisver- bandes und des Nachbarkreisverbandes zusammen mit der Presse im Büro eingeladen waren: »Wir waren … circa insgesamt also die beiden Kreisverbände […] würd’ mal sagen zehn bis fünfzehn Leute insgesamt, ähm und äh dann fing ma’ eben an, sich die Texte durchzulesen, die andere Leute gemailt hatten, hm und mailte zurück, also in erster Linie hat sich das dann auf diese Kaffeeklatschecke da, die virtuelle, bezogen und ähm … ja, und dann wurde insgesamt noch ‘nen bisschen gefeiert … des war’s.« (B: 28-34). Im Rahmen dieses Abends schrieb B dann einen Beitrag für das Parteitagsgeflüster - der allerdings eher an die ihr schon vorher bekannten TeilnehmerInnen ge- richtet war (B: 421). In Erinnerung geblieben ist ihr vor allem die soziale Begegnung vor Ort und die damit ver- bundene Außenwirkung (»Also wir ham ja vom Kreisverband relativ viel Publicity darum gemacht«; B: 6-7).

3.1.2.4 B: Sicht auf den Parteitag

Für B lag das Ziel des Parteitags »in erster Linie … in der Außenwirkung, ähm, nämlich dieses Instrument mal auszuprobieren, […] und dann sozusagen […] zu demonstrieren, dass die Grünen halt nicht technikfeindlich sind« (B: 571-576). Für sie wäre auch ein technisches oder organisatorisches Scheitern als schlimmstmögliches Ergebnis des Parteitags vor allem etwas, womit die Partei sich »unglaublich blamiert, weil mer vorher groß die Werbetrommel rührt« (B: 747-748). Ihre Sicht auf den Parteitag ist also davon geprägt, dass sie ihm zwar eine wichtige Bedeu- tung für die Außenwirkung, aber keine große politische Bedeutung zumisst. Der Kreisverband B-Stadt hatte nicht vor, »irgendeine bestimmte Position durchzu…fighten« (B: 79), und auch die Wahl der Delegierten erfolgte wohl eher nach der Devise: Wir müssen da mitmachen, wir brauchen Leute. Sollte es einen zweiten Virtuellen Parteitag geben, so würde B vor allem anhand ihrer zeitlichen Situation und anhand der Themen entscheiden, ob sie sich erneut delegieren lassen würde. »Es war ja beim ersten Mal schon so, dass ich jetz’ nicht unbedingt heiß drauf war, mich da delegieren zu lassen, und ich wär’s jetzt wahrscheinlich auch nicht wieder, aber ich würd’s trotzdem auch machen.« (B: 726-729). Spaß gemacht hat ihr vor allem der »Event-Charakter« (B: 733) und »dieses, des Chatten mit, in diesem Kaffeeklatsch-Raum« (B: 738) am ersten Abend.

Von ihren zwei Einblicken in den Virtuellen Parteitag her hat sie das Bild behalten, dass sie im Hinterkopf hatte, »wie [es] sich real abspielen würde« (B: 282). Zu diesem Bild des ‘realen’ Parteitags gehören für sie die Halle, »diese Atmosphäre, die bei ‘nem Parteitag ist« (B: 285), aber auch »die Menge der Delegierten, die da sitzen und wahlweise zuhören oder schwätzen oder äh Kärtchen heben« (B: 296-298) und dann als Vorbild für das Parteitags- geflüster in der ‘Kaffee-Ecke’ der reale »Kaffeeklatsch, wenn ma’ sich halt ausklingt aus der fachlichen Diskussion […] und sich dann irgendwie mit, mit Bekannten unterhält oder […] diese Stimmung genießt.« (B:301-302). Diese sozialen Elemente gehören für sie zu einem Parteitag dazu, und auch wenn der Virtuelle Parteitag »’nen angstfreierer Raum« (B: 336) ist, in dem es möglich ist, »kleinere Beiträge [zu] bringen« (B: 339), so fehlt ihr hier doch die Möglichkeit des ‘Klüngelns’. »Des heißt, ähm, ich red’ mit meinen zwei, drei Bezugspersonen, und läster’, oder schmiede Pläne, oder äh unterhalt mich einfach auch nur ganz normal und offen [lacht], aber des ist dann auf ‘nen […] begrenzten Kreis beschränkt, während des auf’m Parteitagsgeflüster dann die komplette Öffentlichkeit mitbekommen hat.« (B: 353-358). Insgesamt findet B den Virtuellen Parteitag gut »als so ‘ne Art Meinungsbil- dungsinstrument« (B: 660), aber würde ihn nicht mit einem Parteitag gleichsetzen, da dieser »ja letztlich das höchste Gremium, ähm, und, und des wichtigste Instrument an einer Partei« (B: 665-666) ist. Dazu kommen die fehlenden sozialen Elemente (»Kontakte haben, knüpfen, Leute sehen, mit Leuten reden, Leute unproblematisch ansprechen können«; B: 633-635) und die Befürchtung, dass beim Virtuellen Parteitag ‘hinter den Kulissen’ »relativ viel irgendwie unkontrolliert« (B: 655-656) entschieden werden kann. Die Funktion eines Virtuellen Par- teitags sieht sie darin, ein »zusätzliches Kommunikationsinstrument« (B: 672) zu schaffen, mit einer »anderen Form von Kommunikation, und […] natürlich ‘nen Instrument der Meinungsbildung« (B: 674-676). Ideal wäre es für B gewesen, wenn Parteimitglieder aus der Basis heraus eine Fortführung der landesweiten Internet-Diskussion initi- iert hätten (B: 756-771).

3.1.3 Der Virtuelle Parteitag aus Sicht von C

C lebt in der mittelgroßen Universitätsstadt C-Stadt, die er selbst als ‘bürgerlich-liberal’ und ‘teilweise links-alternativ geprägt’ beschreibt. Er studiert dort und arbeitet als Wahlkreismitarbeiter eines örtlichen Abgeordneten. In seiner Freizeit ist er als DJ aktiv. Er engagiert sich in der Grünen Jugend. Das Interview fand im C-Städter Parteibüro statt; von hier aus hat sich C am Virtuellen Parteitag beteiligt.

3.1.3.1 C: Vorerfahrungen

Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen ist C seit dem Magdeburger Parteitag 1998 und war dann auch im Bundestagswahlkampf 1998 aktiv. Nach einer Pause durch seinen Wehrdienst ist er 1999 aus dem ländlichen Raum nach C-Stadt umgezogen und ist dort im Stadtverband aktiv. Während des Virtuellen Parteitags war er Mitglied des Stadtverbandvorstandes. C ist sowohl vor Ort wie auch auf Landesebene in der grünen Jugend aktiv. Die Parteiarbeit macht ihm »im Moment noch Spaß, auch - ich geh auch sehr gern auf, auf LDKen und BDKen, Arbeitsg’schichten und Kreisesitzungen und so« (C: 866-868). C hat schon Landes- und Bundesparteitage besucht und beim letzten Landesparteitag, kurz vor dem Virtuellen Parteitag, auch mehrere Redebeiträge gehalten (»mindestens zwei, kann, könn’ auch ‘nen dritter gewesen sein«; C: 517-518).

Seinen Internet-Zugang hat C seit zwei bis drei Jahren. Anfangs hat er sehr viel damit gemacht, gerade auch ge- chattet: »Ähm, am Anfang is’ natürlich die Neugier größer, da hab ich des ‘nen paar mal ang’fangen, auch mal ‘nen tag lang fast, aber mittlerweile nehm’ ich mir die Zeit dafür nicht mehr« (C: 105-108). Auch jetzt noch nutzt er sporadisch die Musiktauschbörse Napster und den damit verbundenen Chat. Sein derzeitiges Verhalten beschreibt er als »nur so des Durchschnitts-ab-und-zu-mal-irgendwo-Reingucken« (C: 112-113). Wenn er lange privat Zeit im Internet verbringt, dann vor allem, um Musik zu tauschen und zu suchen. Mit asynchronen Kommunikationsfor- men im WWW hatte er vor dem Virtuellen Parteitag keine Erfahrung: »Nee, äh, äh, ich hab mal versucht, mir diese Newsgroup-G’schichten anzugucken, aber nie mir die Zeit genommen.« (C: 778-779); dementsprechend zieht er als Maßstab auch vor allem seine Kenntnis des Chattens heran. Der Virtuelle Parteitag erscheint ihm im Ver- gleich dazu komplizierter (»Dass es ja doch komplizierter war wie ‘n normaler Internet-Chat war dann die erste gewisse Enttäuschung.«; C: 24-27) und langsamer (»Ja, also wie g’sagt, des war Unterschied zum Chat, da kriegste halt meistens gleich ‘ne Replik.«; C: 764-766). Er ist in viele Mailinglisten und Newsletter eingetragen (»in dieser Pressemitteilungsliste der Bundestagsfraktion, oder in sämtlichen Listen der Bundestagsfraktion, und in den sämtli- chen Listen der Grünen Jugend, Bundesverband wie Landesverband«; C: 797-801) und schätzt, dass diese eMails etwa fünf Sechstel seines eMail-Aufkommens ausmachen. Im Vergleich zu Mailinglisten, die für ihn eher ‘so nebenher’ laufen, und wo er vor allem lesend aktiv ist, war der Virtuelle Parteitag für C etwas ‘völlig neues’, die Diskussion war ‘konzentrierter’ und vermittelte ein Zusammengehörigkeitsgefühl (»des Gefühl war schon irgendwie also wir hier zusammen debattieren da irgendwas«; C: 819-820), das er so aus Mailinglisten nicht kennt. Dol2day ist ihm bekannt - inzwischen hält er es für eine »fürchterliche Verschwendung von Ressourcen, von Leuten« (C: 1404-1405), die sich eher politisch in die Partei einbringen sollten. Anfangs hat er dort mitgemacht, er verbringt aber seine Freizeit nur ungern mit Computerdingen: »Freizeit, ähm da will ich dann echt weg sein von den Sachen, da guck’ ich dann Video oder hör’ Musik oder geh’ ins Kino oder, oder hab einfach ‘nen paar Kumpels in ‘ner Knei- pe.« (C: 1426-1428). Beruflich, für sein politisches Engagement und auch für sein Studium (»Uni, zur Zeit eher selten«, C: 119) nutzt er das Internet als Recherchetool. Den Computer sieht er »pragmatisch, also jetzt als Ar- beitsgerät« (C: 1432).

3.1.3.2 C: Teilnahme am Parteitag

»Also, mich hat des interessiert, ich dachte, des is’ ‘ne tolle Sache, die da läuft, da mach ich einfach mal mit« (C: 864-866). C hat sich für den Virtuellen Parteitag delegieren lassen, weil er ‘Lust hatte’ und weil ihm grüne Partei- politik (noch) Spaß macht. Wichtig war ihm auch der Neuheitswert: »Schon allein dadurch, wie’s angekündigt wurde: „Erster virtueller Parteitag weltweit!“« (C: 888-889), der später dann auch zu entsprechenden Presseberich- ten in C-Stadt führte. Er und sein (männlicher) Ko-Delegierter - im Gegensatz zu den Frauen im Kreisverband - wollten »des schon, wir ham auch gesagt: „Wir sofort!“« (C: 190-191). Eine ‘Kampfkandidatur’ gab es seiner Erinnerung nach nicht, allerdings fiel das Wahlergebnis schlechter als erwartet aus, weil er sich auf der Mitglie- derversammlung für eine nicht von allen geteilte Position zum Ladenschluss stark gemacht hatte. »Es gab ‘nen paar Leute, die uns deswegen dann nich’ gewählt ham.« (C: 206-207). Prinzipiell ist in seinem Kreisverband allerdings relativ klar, wer sich delegieren lässt.

Am Virtuellen Parteitag teilgenommen hat C dann relativ kontinuierlich. »Am Schluss wurde es ‘nen bisschen weniger, da war ich war zwei, drei Tage irgendwo unterwegs.« (C: 90-92), hier konnte er gerade noch an der Ab- stimmung teilnehmen. In Erinnerung geblieben sind ihm die »langen Stunden vorm PC« (C: 6), »zwei am Tag dürf- ten’s gewesen sein« (C: 68). Teilgenommen hat er - weil er privat zum Zeitpunkt der Virtuellen Parteitags nicht über einen Internetzugang verfügte - von seinem Arbeitsplatz mit ISDN-Anschluss im Parteibüro aus, zumeist während der Arbeitszeit: »Ich verteil meine Arbeitszeit relativ frei, neun Stunden die Woche, irgendwann, wie es halt grade anfällt, und da war’n halt die zwei Stunden vorher, zwischendrin, vorher was gearbeitet, zwischendrin was gearbeitet, nachher was gearbeitet, so auf die Art, ja« (C: 81-85). Das war unproblematisch, weil er in der Nähe wohnt und über einen Büroschlüssel verfügt. Da er eher mittags arbeitet, waren nicht immer auch andere im Büro anwesend, aber »‘s war’n auch immer wieder Leute da, die gesagt ham: „Oh lass mal sehen, und zeig doch mal“, und dann wurde natürlich auch über einzelne Beiträge geflachst und gelacht und diskutiert, und, äh, hier natürlich auch die Debatten dann real geführt.« (C: 167-171). Die Zahl derer, die parallel zu ihm online sind, schätzt er als eher gering ein (»waren ja meistens nicht viele zu der Uhrzeit, wo ich drin war«; C: 745-746). Er vermutet, dass das meiste abends und nachts passierte; auch abends war er ab und zu vom Parteibüro aus aktiv.

3.1.3.3 C: Beteiligung am Parteitag

C gehört zur Gruppe der TeilnehmerInnen, die sich sowohl mit Redebeiträgen als auch mit Antragsunterstützungen besonders stark beteiligt haben. Danach gefragt, wie er sich am Parteitag beteiligt habe, nennt er eine ganze Liste an aktiven Beteiligungsformen: »Ja, eigentlich alles, was ging: also Antrag stellen, für Anträge abstimmen, Anträge pushen, Reso schreiben, […] ähm, ja gut, wie g’sagt, debattiert, auch im Chat relati- also im Geflüster, Parteitags- geflüster, äh, äh ständig präsent gewesen, auch Nebendebatten, Spaßdebatten aufgemacht, […]« (C: 396-408).

Die schreibende Beteiligung hatte für C dabei drei verschiedene Funktionen. Es ging ihm darum, präsent zu sein, es ging ihm darum, mit anderen eher um der Diskussion willen zu diskutieren, also seine sozialen Kontakte zu pflegen (‘Spaßdebatten’41 ), und es ging ihm dort, wo er etwas erreichen wollte, darum, für seine Anliegen zu werben (»im Netz selber dann eben versucht, argumentativ Leute zu überzeugen«; C: 351-352). Um sich am Virtu- ellen Parteitag zu beteiligen, verwendete C zwei parallel geöffnete Browser-Fenster: »diese sichere Verbindung

[...]


1 Der Auffassung, dass Espositos Definition zu einfach sei, ist jedenfalls Lutz Ellrich und schreibt: » Das Problem, das der Begriff des virtuellen anvisiert [...], liegt doch gerade in der Darstellung des Scheins als Schein bei gleichzeitiger Erzeugung des Eindrucks, ganz im realen zu verweilen. « (Ellrich 1996: 569, Fn. 15). Vgl. zur Virtualität auch Dollhausen (2000: 12ff).

2 Es kann darüber gestritten werden (vgl. die Vorbemerkung), ob der ‘Virtuelle Parteitag’ ein virtueller Parteitag war oder nicht. Obwohl dies vorerst unklar bleibt (vgl. dazu auch Abschnitt 4.5), verzichte ich im Rest des Textes darauf, den Ei- gennamen jedes Mal durch Anführungsstriche kenntlich zu machen. Beibehalten werde ich jedoch das große ‘V’, wenn der spezielle Virtuelle Parteitag aus dem Herbst 2000 gemeint ist. Wenn allgemeiner von der Organisationsform virtueller Konferenzen, virtueller Parteitage oder virtueller Parteizentralen gesprochen wird, verwende ich das kleine ‘v’.

3 Was Anselm Strauss und Juliet Corbin über die speziellen Probleme bei der Verwendung der Grounded Theory für Dissertationen schreiben, trifft leider nicht weniger zu, wenn es um eine Magisterarbeit geht: » Beim Schreiben von Arbeiten mit Hilfe der Grounded Theory steht man einem besonders schwierigen Problem gegenüber. Dies hat seinen Ursprung in der recht komplexen Analyse, die im gesamten Forschungsprozeßentsteht. Die große Frage, die sich dann stellt, ist folgende: Was stelle ich von dieser ganzen Analyse dar? Das Standardformat von Doktorarbeiten l äß t nicht viel Raum, was den gewünschten Umfang und die zur Verfügung stehende Zeit anbetrifft. « (Strauss / Corbin 1996: 200).

4 Für diese Anregungen möchte ich mich herzlich bedanken. Zu danken ist auch der Akademie für Technikfolgenabschät- zung, die mich Einblick in ihre Fragebogenauswertung hat nehmen lassen, und den Mitgliedern des Landesvorstands und den MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle, die die von mir ausgelöste Informationswunschflut gelassen ertragen haben. Und nicht zuletzt all denen, die mich durch Aufmunterung, Korrekturlesen und Kommentare unterstützt haben!

5 Vgl. zur Fortführung der Diskussion über den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechniken in der SPD - und

damit den Übergang zur zweiten Phase - auch Christiane Eckardt (1993). Auch in Bezug auf den Bundestagswahlkampf

6 Im Rahmen dieser Arbeit ist es nicht möglich, diese umfangreiche Debatte hier zu rekapitulieren. Grundlegende Überle- gungen dazu gibt es unter anderem bei Hubertus Buchstein (1996), Vivian Sobchak (1996), Claus Leggewie (1997; 2001), Rainer Rilling (1997), Traude Kogoj (1997), Thilo Harth (1999), Thomas Zittel (1997). Die amerikanische Debatte um verschiedene elektronische Demokratie-Modelle zeichnet Martin Hagen (1997) nach. Eine Übersicht bietet auch Lon- don (1994; vgl. auch WWW.SCOTTLONDON.COM/REPORTS/BIBL.HTML). Bezogen auf die deutsche Diskussion wäre Philipp Stradt- mann (1998) zu nennen. Fallbeispiele, einzelne Projekte und Themen werden u.a. in mehreren Sammelbänden behandelt (Drossou et al. 1999; Gellner / von Korff 1998; Heinrich-Böll-Stiftung 1998; Kamps 1999; Leggewie / Maar 1996; Loader 1998; Rohe 1997; Toulouse / Luke 1998; Tsagarousianou et al. 1998; Woyke 1999) sowie in der Ausgabe 33 der Zeit- schrift Futures. Eigene Überlegungen zur Frage Politik und Internet finden sich in Westermayer (1998). Im Internet fin- det sich als Ausgangspunkte für weitere Recherchen beispielsweise der Arbeitskreis eDemokratie der Gesellschaft für In- formatik (AS.FH-LUENEBURG.DE/EDEMOKRATIE.HTML), die Sammlung Wissenschaft plus Politik von Rainer Rilling (STAFF-WWW.UNI- MARBURG.DE/~RILLINGR/HOME.HTML) sowie die Portale WWW.POLITIK-DIGITAL.DE/ und WWW.NETZWISSENSCHAFT.DE/.

7 Für eine aktuelle journalistische Aufarbeitung dieses Themas vgl. die Artikelserie von Christoph Seidler und Christoph Schult in Spiegel Online (Ausgangspunkt: WWW.SPIEGEL.DE/NETZWELT/POLITIK/ 0,1518,138282,00.HTML, 8. Juni 2001).

8 Vgl. dazu Ergebnis bei Martin Emmer, dass NutzerInnen im Vergleich zu Nicht-NutzerInnen politisch aktiver sind; dies kann nur zum Teil durch Faktoren wie Bildung und allgemeines politisches Interesse erklärt werden (Emmer 2001: 17).

9 So nehmen im Virtuellen Ortsverein der SPD nur 10% der Mitglieder an den Online-Wahlen teil (Sietmann 2001).

10 Standardisierte Telefonbefragung von 1219 Personen in Kassel und Erfurt im Januar / Februar 2001 unter der Fragestel- lung, ob die Thesen der ‘Elektronischen Agora’ und des ‘Digital Divide’ empirisch nachweisbar sind.

11 Vgl. etwa eine Soziodemographie der NetznutzerInnen aus dem Jahr 1995/1996 mit einem Frauenanteil unter den Nut- zerInnen bei 3-9% (je nach Umfrage) und einem Hochschulreife-Anteil von 82% lag (Batinic et al 1997: 203, Tabelle 2); heute erreichen diese Werte (eigene Berechnungen ausgehend von Emmer 2001) etwa 40% (Frauenanteil) bzw. 60% (Hochschulreife). Auch die GfK kommt für den Zeitraum 12/00 bis 01/01 auf einen Frauenanteil von 42% (1997: 29%) unter den Online-NutzerInnen und sieht eine langsame Angleichung an die Gesamtbevölkerung (GfK 2001).

12 Zur Rolle der Parteien in der Landespolitik allgemein vgl. Herbert Schneider (1997).

13 Im Vordergrund der Literatur stehen stattdessen Einzelfragen: die Frage der Regierungsfähigkeit (Raschke 2001a, 2001b) beziehungsweise der Transformationen durch die Regierungsbeteiligung (vgl. etwa Prantl 1999) oder die Parlamentari- sierung (Welte 1994; Tiefenbach 1998), die Situation der grünen Bildungswerke (Leuthold 2000) oder die Frage der Un- terschiede zwischen den verschiedenen europäischen grünen Parteien (Dietz 1997). Bündnis 90/Die Grünen werden in vergleichenden Untersuchungen miteinbezogen - etwa zur Reform der Führungsstrukturen (Herzog 1997), zur Internet- präsenz (Rederer 2000), zur Zukunft der Mitgliederparteien (Wiesendahl 1997, 2001; Kießling 2001; Walter 2001) oder auch zur Sozialstruktur (Gabriel / Niedermayer 1997). Insgesamt lässt sich dabei, was die umfassende Behandlung be- trifft, ein Abbruch der Literatur seit der Mitte der 90er Jahre konstatieren. Eine Monographie zum Verhältnis, aber auch zur Programmatik und Sozialstruktur von SPD und Grünen auf kommunaler Ebene datiert auf 1995 (Berger 1995); das Standardwerk zu den Grünen erschien 1993 (Raschke 1993); auch weitere, allgemeine Arbeiten über die Grünen aus poli- tikwissenschaftlicher Sicht datieren auf die frühen 90er Jahre (Pogunkte 1993; Veen / Hoffmann 1992). Noch finsterer sieht es aus, wenn speziell die Grünen in Baden-Württemberg von Interesse sind. Hier scheint, wenn die Partei insgesamt interessiert, das entsprechende Kapitel bei Joachim Raschke (1993) der letzte Stand der Dinge zu sein.

14 Rezzo Schlauch als Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion, Fritz Kuhn als Vorsitzender (vgl. dazu auch Raschke 2001b: 21), vgl. auch Reinhard Bütikofer als politischer Geschäftsführer der Bundespartei, darüber hinaus sind von den acht baden-württembergischen Mitgliedern der Bundestagsfraktion mit Cem Özdemir und Oswald Metzger mindestens zwei weitere bundesweit bekannt, die baden-württembergische Abgeordnete Uschi Eid ist parlamentarische Staatssekretärin im Entwicklungshilfeministerium, und der nicht dem Realo-Flügel entstammende Abgeordnete Winfried Hermann hat sich in der Umweltpolitik einen Namen gemacht. Bei den programmatischen Debatten auf Bundesebene spielten maßgeblich von Mitgliedern der baden-württembergischen Grünen Jugend beeinflusste Papiere eine große Rolle.

15 Vgl. Fn. 14.

16 Ironischerweise mit einem Ergebnis, das mit 7,7% noch deutlich unter der letzten von Raschke betrachteten Wahl liegt.

17 Auskunft der Landesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen (Telefonat mit Wolfgang Reinecker, 12.04.01)

18 Zu diesem Zeitpunkt waren 3% der Mitglieder 18-24 Jahre alt, 72% waren 25-44 Jahre alt, 21% waren 45-64 Jahre alt und 4% waren über 64 Jahre alt. Der hohe Anteil der 25-44-Jährigen fällt dabei » mehr als doppelt so hoch [aus] wie bei den etablierten Parteien « (Gabriel / Niedermayer 1997: 295).

19 Zusammen mit dem bei vielen schnell abnehmenden Interesse, wenn der lokale Fokus (zumindest räumlich) verlassen wird, ist der große Prozentsatz inaktiver Mitglieder (Raschke spricht von 10%, die sich an den Mitgliederversammlungen auf Kreisverbandsebene beteiligen; 1993: 231) vielleicht ein Ansatz, um die doch relativ geringe Beteiligung am Virtuel- len Parteitag zu erklären. Andererseits war der Virtuelle Parteitag wohl unter anderem auch als ein Instrument gedacht, genau gegen diese Inaktivität der Mitglieder vorzugehen. Bezeichnend ist aber die große Übereinstimmung zwischen den beim Virtuellen Parteitag und den in anderen Zusammenhängen auf Landesebene aktiven Mitgliedern.

20 Andererseits hätten es die GRÜNEN auch in den frühen 80er Jahren schon anders wissen können. So finden sich in einem 1981 veröffentlichen alternativen Ö ko-Log-Buch einige vor allem amerikanische Beispiele zum emanzipatorischen Computereinsatz - Stichworte sind u.a. die Forderung nach » Basisdemokratie durch die zusammengeschalteten Heimcomputer « (N.N. 1981: 164), das Projekt eines feministisches Computer-Archivs (Reinhardt 1981) oder Netzwerke und Groupware (Johnson-Lenz / Johnson-Lenz 1981). Es ist sogar möglich, noch weiter zurückzugehen: Bereits Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre wurde über Computereinsatz zur Unterstützung von Demokratie nachgedacht, unter dem Schlagwort ‘Computer-Demokratie’ (Herbert Krauch) auch in Deutschland (vgl. Westermayer 1998). Ein mit dem Virtuellen Parteitag vergleichbares Projekt wäre - technisch, aber nicht politisch - auf der Basis von Mailboxen oder Bildschirmtext prinzipiell auch schon Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre realisierbar gewesen.

21 Die Zählung der Parteitage beginnt mit der Vereinigung von Bündnis 90 und DIE GRÜNEN zu einer neuen Partei neu; deswegen liegt die 12. LDK von Bündnis 90/Die Grünen nach der 18. LDK der Grünen.

22 Quelle: Geschichte des Landesverbandes, WWW.BA-WUE.GRUENE.DE/DIETREIBENDEKRAFT/THEMEN/PARTEI/GESCHICHTE.ASP.

23 An dieser Stelle kann nicht - was ebenfalls sehr spannend wäre - untersucht werden, ob es sich hier tatsächlich um einen parallelen Prozess gehandelt hat, oder ob es zu wechselseitigen Beeinflussungen kam, ob also vielleicht gerade die aktive Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologie zu einer pragmatischeren politischen Sicht auf diese Technologie geführt hat. In Zukunft interessant dürfte die Frage der Positionierung zur Mobilfunktechnologie sein (vgl. 13. LDK); hier ist die Nutzung der politischen Positionierung zum Mobilfunk weit vorausgeeilt.

24 Diese Angaben beruhen, soweit nicht anders angegeben, auf Auskunft von Harald Dolderer (eMail vom 06.05.01).

25 Der inzwischen für den niedersächsischen Kommunalwahlkampf übernommen wurde. Auch schon der Landtagswahlkampf in Schleswig-Holstein (2000) setzte stark auf das Internet; der Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, der parallel zur baden- württembergischen Wahl Anfang 2001 stattfand, hatte den Slogan ‘GUTE GRÜN.DE’.

26 Hinter der nach außen bundesweit einheitlichen Form KV.<NAME-DES-KV>@GRUENE.DE verbirgt sich noch immer eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugangsformen - vom über T-Online angeschlossenen Computer im Parteibüro bis zum privaten Ac- count eines Vorstandsmitglieds bei einem Angebot wie GMX.DE oder WEB.DE. Und noch längst nicht alle Kreisverbände ver- fügen über ein eigenes WWW-Angebot, wie Stichproben auf WWW.BA-WUE.GRUENE.DE ergeben haben.

27 Die ARD/ZDF-Online-Studie 2000 kommt ebenfalls auf 28,6% Online-NutzerInnen (Oehmichen / Schröter 2000: 360). In einer im Januar/Februar 2001 durchgeführten repräsentativen Telefonbefragung sind dagegen bereits 38,9% ‘online’ (Personen mit Internetzugang, die diesen mindestens 30 Minuten pro Woche nutzen; Emmer 2001: 4). Eine Befragung der GfK kommt sogar auf 46% gelegentliche Netz-NutzerInnen (GfK 2001).

28 Der Name ‘Virtueller Parteitag’ sei im Landtagsflur bei einem Gespräch mit Michael Jacobi (damals MdL) entstanden.

29 Interne eMail des Landesvorstandes an die Kreisverbände von Bündnis 90/Die Grünen, 14. oder 15. Juli 2001.

30 Aus dem erwähnten Schreiben an die Kreisverbände.

31 Quelle: Akademie für Technikfolgenabschätzung (leicht abgewandelt)

33 Zu finden unter HTTP://WWW.VIRTUELLER-PARTEITAG.DE/WIE/ORDNUNG.HTML#2.

34 Das Parteitagsgeflüster - technisch so realisiert wie die Antragsforen - wird in der Geschäftsordnung nicht erwähnt.

35 Gelöscht wurden während des Parteitags allerdings einige Male Beiträge, die nicht in das richtige Forum eingestellt waren. » Wir löschen die falsch eingestellten Beiträge, ihr bekommt per Mail dann eine Nachricht. « (Mitteilung des Präsidi- ums, zit. nach N2: 670-672). Damit sollte erreicht werden, dass letztlich die jeweiligen Beiträge von den AutoreInnen in das richtige Forum verschoben - also dort noch einmal neu eingestellt - werden. Eine Funktion, um Beiträge durch das Präsidium zu verschieben, gehörte zwar zum ursprünglichen Konzept, wurde aber nicht realisiert.

36 Persönliche Mitteilung des Präsidiumsmitglieds Walter Witzel, MdL.

37 Vgl. Fn 36.

38 Die Zitate aus den Interviews sind jeweils mit (Interview: Zeilennummer) gekennzeichnet. Die Transkription der Interviews erfolgte wortgetreu und versuchte, auch einigermaßen lautgetreu zu bleiben. Punktation und Groß- und Kleinschreibung sind in den Zitaten der Rechtschreibung angepasst, um eine bessere Lesbarkeit zu ermöglichen.

39 HTTP://WWW.DOL2DAY.DE; die Abkürzung steht für Democracy Online Today.

40 Die Delegiertenplätze bei Bündnis 90/Die Grünen werden von den Kreisverbänden im allgemeinen nach dem Prinzip der Mindestquotierung vergeben, d.h., ein Kreisverband, der z.B. fünf Delegiertenplätze nach dem Delegiertenschlüssel zugewiesen bekommt, wählt normalerweise in separaten Wahlgängen einmal drei Frauen und einmal zwei weitere Personen (‘offene Plätze’). Der im Parteialltag gebräuchliche Begriff ‘Männerplätze’ signalisiert, das es üblich ist, auf die offenen (d.h. nicht geschlechtsbeschränkten) Plätze Männer zu wählen.

41 An anderer Stelle spricht C auch von einem Dialog (C: 439), den er innerhalb des Parteitagsgeflüsters geführt habe. Er berichtet davon, wie der Versuch, dort einen Bekannten ‘aufzuziehen’, insofern misslang, als dies von anderen Mitlesen- den - die nicht über die enge Bekanntschaft zwischen C und der anderen Person informiert waren - falsch interpretiert wurde (» Da hab ich au g ’ dacht, vorsichtig sein, so interne Jokes versteht nich ’ jeder, so so Insiderwitze «; C: 504-505).

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Was passiert, wenn eine Partei im Netz tagt? Der 'Virtuelle Parteitag' von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg aus soziologischer Sicht
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
145
Katalognummer
V15242
ISBN (eBook)
9783638204156
Dateigröße
1420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partei, Netz, Virtuelle, Parteitag, Bündnis, Grünen, Baden-Württemberg, Sicht
Arbeit zitieren
Till Westermayer (Autor), 2001, Was passiert, wenn eine Partei im Netz tagt? Der 'Virtuelle Parteitag' von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg aus soziologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15242

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