Soziologie ist die Lehre von den Formen und den Gesetzen menschlichen Zusammenlebens,
insbesondere von den Beziehungen, Interdependenzen und Wirkungen von Handlungen innerhalb
einer Gruppe oder Gesellschaft. Militärsoziologie beschäftigt sich demnach mit den
Wechselwirkungen von Bundeswehr und deutscher Gesellschaft, was insbesondere bei der
Frage nach der zukünftigen Struktur der Bundeswehr in Verbindung mit der allgemeinen
Wehrpflicht, die ja Teile der Gesellschaft unmittelbar berührt, der Fall ist.
Wenn man über mögliche zukünftige Entwicklungen und Entwicklungsstränge der Bundeswehr
der Bundesrepublik Deutschland redet, sollte man kurz darauf eingehen, warum diese
Thematik seit geraumer Zeit öffentlich diskutiert wird. „Nach dem Ende des Ost-West-
Konflikts, der deutschen Einigung, den vertraglichen Abmachungen über eine beträchtliche
Verringerung der deutschen Streitkräfte, der wachsenden Wehrungerechtigkeit und schlie ßlich
in der Erwartung weiter personeller Abrüstungsmaßnahmen in den kommenden Jahren
ist es ein offenes Geheimnis, dass vielerorts über eine mögliche Abschaffung der Wehrpflicht
nachgedacht wird.“1
Ein Grund hierfür kann grundsätzlich wohl im Ende des Kalten Krieges zu sehen sein. War
während des Kalten Krieges in einer klaren dichotomen Denkweise in Ost und West die Bedrohungssituation
eindeutig definiert, so war dies nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
und dem daraus resultierenden Ende des Warschauer Paktes, des so genannten Ostblocks,
nun nicht mehr möglich. Eine Reaktion auf dieses Ereignis in Form einer Änderung der
Struktur und der Erscheinung der Bundeswehr blieb lange aus, bis die latenten Defizite im
Rahmen internationaler friedenssichernder Maßnahmen mit der Zeit immer offensichtlicher
wurden.
Damit ist in erster Linie nicht die Ausstattung mit moderner und vernünftig gewarteter Militärtechnologie
gemeint – obwohl auch diese offenbar dringend reform- und erneuerungsbedürftig
wären. Vielmehr geht es um die Frage, ob man mit einer anderen Personal- und
Einsatzstruktur der Bundeswehr angemessener auf die neuen Herausforderungen reagieren
kann; ob man mit dem bundesdeutschen Modell der allgemeinen Wehrpflicht immer noch die
veränderte Form der Einsätze erfüllen kann, oder ob dieses Modell vielmehr weder zweckmäßig noch zeitgemäß ist. [...]
1Wette,Wolfram,Deutsche Erfahrungen mit der Wehrpflicht 1918–1945. Abschaffung in der Republik
und Wiedereinführung in der Diktatur, in:Foerster (Hrsg.), Die Wehrpflicht,München 1994, S.91
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Historische Gründe für Wehrpflicht in Deutschland
2. Der Verfassungsrahmen des Grundgesetzes
3. Veränderte politische und militärische Rahmenbedingungen
4. Veränderte Anforderungen an eine künftige Bundeswehr
5. Aktueller Stand der Reform
6. Die Position der militärischen Führer
7. Die Positionen der politischen Parteien
8. Die Position der Wissenschaft und der „Weizsäcker-Kommission“
9. Fazit – Wehrpflicht abschaffen ?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Debatte um die Reform der Bundeswehr, insbesondere die zentrale Fragestellung, ob die allgemeine Wehrpflicht beibehalten werden sollte oder ein Wechsel zu einer Berufsarmee notwendig ist. Dabei werden die veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen nach dem Ende des Kalten Krieges analysiert und gegen die militärischen, politischen und gesellschaftlichen Anforderungen abgewogen.
- Historische Entwicklung und Tradition der Wehrpflicht in Deutschland
- Verfassungsrechtlicher Rahmen und die Rolle des Grundgesetzes
- Einfluss veränderter Bedrohungsszenarien auf die Anforderungen an die Bundeswehr
- Positionierungen von Militärführung, politischen Parteien und wissenschaftlichen Kommissionen
- Gesellschaftliche Akzeptanz und Perspektiven einer Freiwilligen- oder Berufsarmee
Auszug aus dem Buch
0. Einleitung
Soziologie ist die Lehre von den Formen und den Gesetzen menschlichen Zusammenlebens, insbesondere von den Beziehungen, Interdependenzen und Wirkungen von Handlungen innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft. Militärsoziologie beschäftigt sich demnach mit den Wechselwirkungen von Bundeswehr und deutscher Gesellschaft, was insbesondere bei der Frage nach der zukünftigen Struktur der Bundeswehr in Verbindung mit der allgemeinen Wehrpflicht, die ja Teile der Gesellschaft unmittelbar berührt, der Fall ist.
Wenn man über mögliche zukünftige Entwicklungen und Entwicklungsstränge der Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland redet, sollte man kurz darauf eingehen, warum diese Thematik seit geraumer Zeit öffentlich diskutiert wird. „Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, der deutschen Einigung, den vertraglichen Abmachungen über eine beträchtliche Verringerung der deutschen Streitkräfte, der wachsenden Wehrungerechtigkeit und schließlich in der Erwartung weiter personeller Abrüstungsmaßnahmen in den kommenden Jahren ist es ein offenes Geheimnis, dass vielerorts über eine mögliche Abschaffung der Wehrpflicht nachgedacht wird.“
Ein Grund hierfür kann grundsätzlich wohl im Ende des Kalten Krieges zu sehen sein. War während des Kalten Krieges in einer klaren dichotomen Denkweise in Ost und West die Bedrohungssituation eindeutig definiert, so war dies nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem daraus resultierenden Ende des Warschauer Paktes, des so genannten Ostblocks, nun nicht mehr möglich. Eine Reaktion auf dieses Ereignis in Form einer Änderung der Struktur und der Erscheinung der Bundeswehr blieb lange aus, bis die latenten Defizite im Rahmen internationaler friedenssichernder Maßnahmen mit der Zeit immer offensichtlicher wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung definiert das militärsoziologische Forschungsinteresse und erläutert den Anlass der Debatte vor dem Hintergrund des Endes des Kalten Krieges und neuer internationaler Herausforderungen.
1. Historische Gründe für Wehrpflicht in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von der preußischen Heeresreform über das Kaiserreich bis zur Wiederbewaffnung und dem Konzept „Bürger in Uniform“ nach.
2. Der Verfassungsrahmen des Grundgesetzes: Es wird analysiert, inwieweit das Grundgesetz die allgemeine Wehrpflicht vorschreibt oder ob Spielräume für eine Freiwilligenarmee bestehen.
3. Veränderte politische und militärische Rahmenbedingungen: Der Autor beschreibt den Wandel von der Territorialverteidigung hin zu internationalen Einsätzen und neuen globalen Sicherheitsrisiken.
4. Veränderte Anforderungen an eine künftige Bundeswehr: Hier werden die neuen Fähigkeitsprofile für moderne Streitkräfte diskutiert, die verstärkt Professionalisierung und technologische Anpassung fordern.
5. Aktueller Stand der Reform: Das Kapitel befasst sich mit den konkreten Verteidigungspolitischen Richtlinien und den Reformschritten des Bundesministeriums der Verteidigung.
6. Die Position der militärischen Führer: Die kritische Haltung der militärischen Führung gegenüber einer weiteren Verkürzung der Dienstzeit wird dargestellt.
7. Die Positionen der politischen Parteien: Das Kapitel beleuchtet die unterschiedlichen Ansätze von SPD, Bündnis 90/DIE GRÜNEN, CDU/CSU und FDP zur Wehrpflicht.
8. Die Position der Wissenschaft und der „Weizsäcker-Kommission“: Hier werden die Argumente der Weizsäcker-Kommission sowie wissenschaftliche Einschätzungen zum gesellschaftlichen Wandel und dessen Auswirkungen auf die Armeeform zusammengefasst.
9. Fazit – Wehrpflicht abschaffen ?: Das Fazit resümiert, dass zum damaligen Zeitpunkt der gesellschaftliche und politische Konsens eine Abkehr von der Wehrpflicht noch nicht zuließ.
Schlüsselwörter
Bundeswehr, Wehrpflicht, Berufsarmee, Freiwilligenarmee, Sicherheitspolitik, Verteidigungsauftrag, Bürger in Uniform, Internationale Einsätze, Strukturreform, Weizsäcker-Kommission, Gesellschaftlicher Konsens, Kalter Krieg, Krisenmanagement, NATO, Verteidigungspolitische Richtlinien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Debatte um die Zukunft der Bundeswehr und der Frage, ob das Modell der allgemeinen Wehrpflicht beibehalten oder in eine Freiwilligen- bzw. Berufsarmee umgewandelt werden sollte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die historische Genese der Wehrpflicht, verfassungsrechtliche Aspekte, den Wandel internationaler Sicherheitsstrukturen sowie die politischen und militärischen Positionen zur Reform.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Problematik der Strukturreform der Bundeswehr unter Berücksichtigung historischer Bezüge, militärischer Notwendigkeiten und politischer Entscheidungsprozesse zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine militärsoziologische Analyse, um die Wechselwirkungen zwischen dem Militär und der deutschen Gesellschaft im Kontext der aktuellen Reformbemühungen zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der historische Kontext, der verfassungsrechtliche Rahmen, veränderte politische Rahmenbedingungen sowie die verschiedenen Positionen von Militärführung, Politik und Wissenschaft detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Bundeswehr, Wehrpflicht, Berufsarmee, Sicherheitspolitik, Bürger in Uniform und internationale Einsätze.
Welche Rolle spielt die „Weizsäcker-Kommission“ in der Debatte?
Die Kommission „Gemeinsame Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr“ lieferte wissenschaftlich fundierte Analysen, die eine Freiwilligenarmee als operativ voll einsatzfähig und als mögliche Option für die Zukunft bewerteten.
Warum lehnt die militärische Führung eine starke Verkürzung der Wehrpflicht ab?
Die Inspekteure der Bundeswehr argumentieren, dass bei einer Verkürzung auf sechs Monate oder weniger die Ausbildung nicht mehr ausreichend sei, um Wehrpflichtige sinnvoll in ihren Funktionen einsetzen zu können.
- Arbeit zitieren
- Patrick Ehlers (Autor:in), 2003, Die Reform der Bundeswehr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15245