Und kein Traum ist völlig Traum - Zu Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"


Hausarbeit, 2007

36 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Struktur der Novelle

Stilkennzeichen

Mann/Frau Rollen

Märchensymbolik

Die Hauptfiguren

Albertines Traum in vier Räumen

Fridolin und die Geheimgesellschaft

Fridolins Retterinnen

Schlussfolgerung

Rezeption in den Niederlanden

Literatur

Abstrakt

In der Traumnovelle wird die strenge Sexualmoral in den Jahren um 1900 verurteilt. Sie führt u.a. durch Prostitution zu einer Doppelmoral, die von Schnitzler in der Novelle explizit dargestellt wird. Der Konflikt in der Novelle ist die Beziehung von Mann und Frau und ihrer geheimen Wünsche und Sehnsüchte, deren Einbruch in das Eheleben schicksalhaft ist. Es verursacht Misstrauen und Eifersucht.

Die märchenhafte Welt der Geschichte bietet die Möglichkeit die Grenzen zwischen Schein und Wirklichkeit verschwinden zu lassen. In der Novelle werden häufig innere Monologe und Leitmotive verwendet. Beide Stillkennmerke werden in der Einleitung anhand von Beispielen ausführlich erklärt. Zentral stehen Albertines Traum in vier Räumen, die an die Akte eines Schauspiels erinnern und die Rolle der Masken, Symbole der Anonymität. Die Novelle endet positiv: sie lehrt uns, dass die eheliche Liebe zur Vergebung fähig ist.

Leben und Werk

Arthur Schnitzler wurde 1862 in Wien geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt Medizin und erhielt 1885 seine Zulassung als Arzt. Bis 1894 praktizierte er, betätigte sich aber bereits in dieser Zeit nebenbei als Schriftsteller. Im 20. Jahrhundert gehört Schnitzler zu den meistgespielten Dramatikern auf deutschen Bühnen. Nach der Veröffentlichung von Leutnant Gustl, in dem er den Ehrenkodex des österreichischen Militärs angreift, wird ihm der Offiziersrang als Oberarzt aberkannt. Als Schnitzler 1903 die 21-jährige Schauspielerin Olga Gussmann heiratet, ist der gemeinsame Sohn Heinrich bereits ein Jahr alt.

1921 wurde ihm anlässlich der Uraufführung seiner Komödie Reigen ein Prozess wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gemacht. Er zog daraufhin seine Aufführungsgenehmigung zurück. Im selben Jahr wurde er von seiner Frau geschieden und erzog von da an seine Kinder allein. In der Folgezeit isolierte sich der Schriftsteller wegen physischer und psychischer Probleme zunehmend. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er vor allem Erzählungen, in denen er Einzelschicksale um die Jahrhundertwende aus psychologischer Sicht darstellte. 1931 ist Schnitzler gestorben.

Die österreichische und insbesondere die Wiener Kultur der Jahrhundertwende bildet einen Knotenpunkt in der europäischen Kulturgeschichte. Wien war die Traumstadt, die Stadt der Musik, des Walzers, der Operette, der Dekoration, des Ästhetischen, des Hedonismus, aber auch die Hauptstadt eines multikulturellen Kaiserreichs, das einerseits die Welt der Sicherheit und Ordnung, andererseits durch gravierende politische, soziale, ideologische und interkulturelle Probleme gekennzeichnet war.

Es liegt auf der Hand, bei Schnitzlers Traumnovelle nachzudenken, ob und in wiefern Sigmund Freuds 1900 erschienenes Hauptwerk Die Traumdeutung Schnitzler beeinflusst hat. Beide waren Wiener Ärzte und lebten und arbeiteten zur selben Zeit, aber ihre Beziehungen waren von Distanz geprägt; zu persönlichen Begegnungen kam es selten[1]. Tatsächlich hat Schnitzler sich in seinen eigenen medizinischen Forschungsarbeiten u.a. mit Hysterie beschäftigt, vier Jahre, bevor Freud damit hervortrat. Auch sei die Gegenüberstellung von Liebe und Tod, wie sie in Schnitzlers literarischen Werken vorkommt, lange vor der Psychoanalyse ein literarischer Topos gewesen. Insofern habe Schnitzler Freud wenig zu verdanken. In der Forschungsliteratur wird Schnitzlers Eigenständigkeit oft hervorgehoben, dennoch ist der Einfluss von Freuds Traumtheorie auf Schnitzler unbestreitbar.[2] So lesen wir bei Heizmann:

Dass wir die in der Traumnovelle erzählten Träume sowie das traumhafte Geschehen um Fridolin herum, einschließlich der wiederholt vorgetragenen Unsicherheit Fridolins, ob er nun wache oder träume, unter der Fragestellung untersuchen, wieweit hier unbewusste und verdrängte Wünsche oder Triebe sich kundtun, ist dem Anstoß zu verdanken, den Freud gegeben hat.[3]

William H. Rey (1968) weist auf eine Reihe weiterer Einflüsse hin. So nennt er den Einfluss von Thomas Manns Zauberberg und Tod in Venedig. Dass sich in der Traumnovelle „das Reich des Fantastischen mitten im Alltag“ öffne, hält er für einen Anklang an E.T.A. Hoffmann. Über Goethes Einfluss schreibt Rey: „[Die Novelle bedeute] das Bekenntnis zu einem Humanismus, der das Untere mit dem Oberen in der übergeordneten Einheit des Menschlichen verbindet und damit im Zeichen Goethes steht“.[4]

Struktur der Novelle

Traumnovelle erschien 1926 und spielt in Wien um 1900 und gehört, neben Fräulein Else, zu den wichtigsten Traumwerken des österreichischen Dichters, die als Folge dessen Interesses an dem Traum entstanden. Die Novelle beschreibt, wie ein Ehepaar während zwei Tage und Nächte immer mehr auseinanderdriftet in einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, die von erotischen Fantasien und moralischen Gegebenheiten geprägt ist. Sie hat eine bis ins Detail durchkomponierte Doppelstruktur, durch welche die Beziehung zwischen den beiden Hauptpersonen und ihrer Auseinandersetzung mit ihren unterbewussten Verlangen repräsentiert wird. Die Erlebnisse der beiden Hauptpersonen verlaufen parallel und beeinflussen einander gegenseitig. Die Konflikte sind die doppelte Moral, in welcher ein ehebrecherischer Mann von seiner Frau bedingungslose Treue fordert und die Sehnsucht nach absoluter Freiheit, die nicht von der bürgerlichen Moral eingeengt wird. Die damit verbundenen Probleme sind einerseits das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, anderseits die Suche des Individuums nach der eigenen Identität. Fridolin versucht diese Freiheit in einer traumhaften Wirklichkeit zu erreichen und Albertine in einem wirklichkeitsnahen Traum. Dabei suchen sie beide, vermeintliche Untreue zu rächen.

Die Erzählperspektive ist auktorial. Sie wird aber von personalen Perspektiven und inneren Monologen abgewechselt. Besonders Fridolins Perspektive wird ausgeleuchtet; über das Gefühlsleben dritter Personen erfährt der Leser nur etwas mittels Dialoge oder der karg vorhandenen auktorialen Textstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Novelle beginnt und endet mit dem Kind, das weiter keine Rolle spielt: die ganze Geschichte hat sich während des Schlafs des Kindes abgespielt. Das Kind bildet den Rahmen, von dem die Verwicklungen, die Entwicklung des Konflikts, die Nachforschungen und die Lösung umfasst werden. Der gemeinsame Rückblick auf das „Erlebte“ leitet die Ehekrise ein.

Stilkennzeichen

Schnitzlers Stil ist impressionistisch; lebhafte Gedankenwiedergabe, leichthingeworfene Gespräche voll überraschender Wendungen sind seine Stärke. Seine Gestalten sind die willensschwachen Typen, die im Naturalismus so häufig sind. Sie spielen mit dem Leben, sind meist frühgereift und dekadent, schwach ohne viel Moral und dennoch oft von gewinnender Anmut.[5]

In E. T. A. Hoffmanns Texten, wie das Märchen Nussknacker und Mäusekönig, in welchem der Traum bewusst als psycho-physiologisches Phänomen betont wird, sind die Träume wesentlich verschieden von den Schnitzlerschen. Bei Hoffmann werden dunkle, den Intellekt zerstörende Züge hervorgehoben und der Traum wird als Nachtseite des Lebens ins Zentrum gerückt. Hoffmanns Texte werden überdies davon geprägt, dass die klare Trennung von Wach- und Traumzustand verschwunden ist. Durch die Unsicherheit des Lesers (in seiner Rolle eines miterlebenden Ichs), ob sich hinter dem Gelesenen ein Traum, Wahn oder eine Halluzination verbirgt, wird der Leser in Verwirrung zurückgelassen. Derartige Träume muten wie ein Angriff auf unseren Wirklichkeitssinn an, wobei das Alltagsleben schlagartig ins Unwirkliche verwandelt erscheint. Der Traum in Traumnovelle ist ohne Zweifel ein Traum, trotz seines wirklichkeitsnahen Charakters.

Mit Formulierungen wie so meinte ich zu wissen, glaubte ich mich bereit, glaubte ich mich so gut wie entschlossen wie auch die Frage wirst du es verstehen? betont Schnitzler Albertines Unsicherheit und Distanz. Auffällig ist der Gebrauch von Adjektiven, durch den eine Balance von distanzierter Erzählhaltung und intensiver Beteiligung am inneren Erleben der Hauptpersonen erreicht wird:

[…] trafen sich die Hände der Eltern auf der geliebten Stirn. (S. 7)

[…] die schmale, hinaufgezogene Oberlippe ließ das bläuliche Zahnfleisch und eine Reihe weißer Zähne sehen. (S. 83)

Das Satzgefüge ist mit seinen vielen Nebensätzen zuweilen recht kompliziert. Die Satzlänge kann dadurch beträchtlich werden, während der Satz viele verschiedene Informationen enthält, was zum genauen, aufmerksamen Lesen nötigt:

Und so saßen Mann und Frau, im Grunde froh, einem enttäuschend banalen Maskenspiel entronnen zu sein, bald wie zwei Liebende, unter andern verliebten Paaren im Büfettraum bei Austern und Champagner, plauderten sich vergnügt, als hätten sie eben erst Bekanntschaft miteinander geschlossen, in eine Komödie der Galanterie, des Widerstandes, der Verführung und des Gewährens hinein; und nach einer raschen Wagenfahrt durch die weiße Winternacht sanken sie einander daheim zu einem schon lange Zeit nicht mehr so heiß erlebten Liebesglück in die Arme. (S. 8)

Der innere Monolog

Moderne Literatur enthält neben erzählenden Textstellen und Dialogen auch innere Monologe (stream of conscience, monologue intérieure). Die Technik entstand durch das zunehmende Interesse an der menschlichen Psyche. Der innere Monolog unterscheidet sich von der erlebten Rede dadurch, dass die zweite Erzählperson fehlt und erweckt den Anschein, als ob er als „stummer“ Monolog von niemandem gehört würde. Dieser Monolog eines „Ichs“ kennzeichnet sich im Prinzip durch „Unausgesprochenes“ im Gegensatz zur „erlebten Rede“.

Beim inneren Monolog erfolgt ohne die Einmischung einer anderen Person eine direkte Wiedergabe des Bewusstseinsstromes. Es handelt sich um eine vielschichtige, schnelle, assoziative Folge von Gedanken, in denen Wahrnehmungen, Empfindungen und Reaktionen in scheinbar unstrukturierter Form vorliegen. Es zeigt sich, dass diese Gedankenflüsse größtenteils aus kurzen Fragen und Antworten bestehen, die mit den bekannten W-Wörtern wie, wo, wann, wenn, was und warum anfangen, weil in solchen monologisierten Gesprächen man nie nach festen Modellen vorgeht. Man verbindet gleichsam einen Gedanken assoziativ mit augenscheinlich willkürlichen anderen Gedanken. Diese Gedankenverbindungen sind oft für Außensteher schwer oder gar nicht nachvollziehbar. Betrachtet man aber die gesamte Gedankenflucht, so ist ein Grundgedanke leicht zu erkennen, auch wenn Einzelheiten noch unklar sind.

Typisch ist die detaillierte Darstellung von Einzelheiten in der Gedankenfolge und von unvollständigen, gebrochenen Teilsätzen, als ob der Denkende in seinem Monolog von irgendetwas abgelenkt oder unterbrochen worden sei, sodass er plötzlich den „Denkfaden“ verliert. Im inneren Monolog ist die erzählte Zeit länger als die Erzählzeit, wodurch die geschlossene Form der Erzählung oder des Dramas aufgegeben wird. In diesem Sinn hat der innere Monolog eine verzögernde Wirkung auf die Handlung.

In der Oper ist die Arie seit dem 18. Jahrhundert oft als innerer Monolog gestaltet. Als dominierende Form der Mitteilung taucht der innere Monolog seit etwa 1770 in Monodramen auf (Jean-Jacques Rousseau: Pygmalion, Goethe: Proserpina). Der Naturalismus in Literatur und Theater führte am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem neuen Interesse am inneren Monolog. In Deutschland wird der innere Monolog seit Büchners Lenz in Prosatexten verwendet. Schnitzler ist der erste deutsche Autor, der dieses Stilmittel konsequent anwendet, nicht nur als „Strom des Unbewussten“, sondern vielmehr als Seismographen von Gefühlen und Assoziationen. Sein Leutnant Gustl (1900) wird als erster Roman bezeichnet, der ausschließlich im inneren Monolog gehalten ist. Kurt Tucholsky wandte sich gegen die sprachliche Ordnung des inneren Monologs, weil Gedanken und Selbstgespräche oft unzusammenhängend erscheinen, er favorisierte denn auch den freieren Bewusstseinsstrom:

Tatsächlich denken wir meist überhaupt nicht in grammatikalischen Sätzen, was schon mit der ungeheuren Schnelligkeit, mit der gedacht wird, nicht vereinbar wäre, sondern die Gedanken wälzen sich, rollen und passieren vorüber je nach der Veranlagung des Individuums, optisch, akustisch, Nervenreiz kopierend, oder in der Mehrzahl der Fälle in jenen blitzschnell laufenden Abstraktionen, die man „Ideen“ genannt hat.[6]

Auch in Traumnovelle gibt es innere Monologe; anhand zweier Beispiele werden einige typische Merkmale des inneren Monologs gezeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu. Nicht etwa, dass ich sonst so leicht geneigt wäre, mich mit einem anderen zu identifizieren oder dass ich mich über die Distanz der Begabung hinwegsetzen wollte, die mich von Ihnen trennt, sondern ich habe immer wieder, wenn ich mich in ihren schönen Schöpfungen vertiefe, hinter deren poetischem Schein die nämlichen Voraussetzungen Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt die mir als die eigenen bekannt waren. [...], das alles berührte mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. [...] So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung - alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe. [...]. (Druckvorlage: Sigmund Freud: Briefe an Arthur Schnitzler. Hg. von Heinrich Schnitzler. In: Die Neue Rundschau 66 1955, S. 95 – 106).

[2] Heizmann: S. 74

[3] Heizmann: S. 76

[4] Zitiert nach Heizmann: S.76

[5] Harberts: S. 66

[6]Der innere Monolog, Peter Panter (Pseudonym für Kurt Tucholsky), Vossische Zeitung, 22.03.1927 http://www.textlog.de/tucholsky-innere-monolog.html

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Details

Titel
Und kein Traum ist völlig Traum - Zu Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V152566
ISBN (eBook)
9783640646562
ISBN (Buch)
9783640646890
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schnitzler: Traumnovelle, Thema Traumnovelle
Arbeit zitieren
MA Ton van der Steenhoven (Autor:in), 2007, Und kein Traum ist völlig Traum - Zu Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152566

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