Auf dem Weg des Nibelungenliedes zum Nationalepos, dessen tatsächliche Beschreitung durchaus hinterfragt werden darf, kommt Werner Wunderlich zufolge der Behandlung des Werks in Schule und Unterricht eine große Bedeutung zu. Nicht erst im 19. und 20. Jahrhundert erfüllt die Institution Schule eine Legitimations- und Sozialisationsfunktion. Gesellschaftliche Anschauungen, Normen und Werte werden in ihr einerseits gerechtfertigt, andererseits wird deren Übernahme durch eine neue Generation sichergestellt. Wenn also durch das und mit dem Nibelungenlied ein Nationalepos geschaffen wird, so müssen zumindest Zwischenschritte dieses Prozesses im Unterricht erfolgen. Allerdings wird bei Wunderlich nicht deutlich, inwiefern diese „Nibelungenpädagogik“ bereits vorhandene Ideen aufgegriffen hat und inwiefern sie ein anregendes Moment war. Es stellt sich also die Frage nach dem Verhältnis von Legitimation und Sozialisation: Wurden die „jeweiligen Sinnunterstellungen und Leitbildzuweisungen“ in der Schule verfestigt und fortgeschrieben? Oder nahm der Unterricht eher eine aktive Rolle hinsichtlich der Anlegung solcher Sinnunterstellungen ein? Um dieser Fragestellung nachzugehen, sollen im Verlauf der nachfolgenden Ausführungen Hinweise auf Rezeptionshaltungen zum Nibelungenlied in pädagogischen Schriften untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Die wechselseitige Beeinflussung von Nibelungenrezeption und „Nibelungenpädagogik“
2. Klaus von Sees Nibelungen-Rezeptionsphasen und Werner Wunderlichs „Nibelungenpädagogik“
3. Untersuchung der Beziehung der Rezeptionsphasen nach Klaus von See an Beispielen der „Nibelungenpädagogik“
3.1 Die Kriemhild-Phase
3.2 Die Siegfried-Phase
3.3 Die Hagen-Phase
4. Die „Nibelungenpädagogik“ als Teil der Nibelungenrezeption
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Nibelungenrezeption und schulischer Nibelungenpädagogik im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, inwiefern pädagogische Schriften die historisch-ideologischen Rezeptionsphasen nach Klaus von See (Kriemhild-, Siegfried- und Hagen-Phase) widerspiegeln und ob ein wechselseitiger Einfluss zwischen der Rezeptionsgeschichte und der schulischen Vermittlung des Stoffes festzustellen ist.
- Analyse der theoretischen Grundlagen der Nibelungenrezeption nach Klaus von See
- Untersuchung pädagogischer Schriften von Timm, Keller und Bojunga
- Dekonstruktion der „Nibelungenpädagogik“ als ideologisches Instrument
- Vergleich zwischen schulischer Rezeption und allgemeiner historischer Rezeptionsgeschichte
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Kriemhild-Phase
Die Periode von der Wiederentdeckung des Nibelungenliedes bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 subsumiert Klaus von See unter der „Kriemhild-Phase“. Kennzeichnend ist das „Familiär-Gefühlsinnige“, weshalb die „liebliche Kriemhild“ als Namenspatronin dient. Vorbedingungen für dieses Paradigma der Sinnunterstellung sind Nachwirkungen des ‚Winckelmann-Ideals‘, die romantische Sicht auf das Mittelalter und die Nachwirkung des von Tacitus beschriebenen germanischen Tugendkatalogs. Vor diesem Hintergrund sieht beispielsweise von der Hagen die „herrlichsten männliche Tugenden [...]“ und „Gastlichkeit, Biederkeit, Redlichkeit, Treue und Freundschaft bis in den Tod, Menschlichkeit, Milde und Großmuth in des Kampfes Noth...“, die für ihn im Nibelungenlied zu Tage treten. Aus der Rezeption in den Künsten ergänzen „christlich religiöse Bildformen“ diese Deutungsweise. Zeichnungen aus dieser Zeit weisen „eine Vorliebe für intime, rührend-gefühlvolle, ehelich-familäre Szenen“ auf. Es ist festzustellen, dass also nicht die Handlung, sondern die Charaktere im Mittelpunkt der Bemühungen stehen, national-deutsches im Nibelungenlied auszumachen: Die germanische „Anlage für ein inniges Gemüthsleben“ mitsamt „Treusinn, Familiensinn und Vaterlandsliebe“ unterscheide den Charakter der Kriemhild, aber auch den der Deutschen, von anderen Völkern, so Hillebrand.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die wechselseitige Beeinflussung von Nibelungenrezeption und „Nibelungenpädagogik“: Das Kapitel führt in die Fragestellung ein, inwieweit die schulische Behandlung des Nibelungenliedes zur Legitimations- und Sozialisationsfunktion beigetragen hat.
2. Klaus von Sees Nibelungen-Rezeptionsphasen und Werner Wunderlichs „Nibelungenpädagogik“: Hier werden die theoretischen Grundlagen für die Einteilung der Rezeptionsgeschichte erläutert und der Arbeitsbegriff der „Nibelungenpädagogik“ definiert.
3. Untersuchung der Beziehung der Rezeptionsphasen nach Klaus von See an Beispielen der „Nibelungenpädagogik“: Dieses Kernkapitel analysiert exemplarische pädagogische Texte in Bezug auf die drei Rezeptionsphasen.
4. Die „Nibelungenpädagogik“ als Teil der Nibelungenrezeption: Das Fazit reflektiert die gegenseitige Beeinflussung und stellt fest, dass eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung nicht isoliert nachweisbar ist.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Nibelungenrezeption, Nibelungenpädagogik, Klaus von See, Werner Wunderlich, Nationalepos, Germanenbild, Kriemhild-Phase, Siegfried-Phase, Hagen-Phase, Tugendkatalog, Ideologie, Schulunterricht, Geschichtsbewusstsein, Heroisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Verbindung zwischen der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Nibelungenrezeption und der spezifischen Vermittlung dieses Epos im Schulunterricht (Nibelungenpädagogik).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Einordnung der Nibelungen-Rezeptionsphasen nach Klaus von See, die ideologische Instrumentalisierung des Stoffs und die pädagogische Praxis der Vermittlung im 19. und 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, ob die „Nibelungenpädagogik“ lediglich existierende Sinnunterstellungen der Zeit widerspiegelte oder aktiv an der Konstruktion des Nationalmythos um die Nibelungen mitwirkte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und rezeptionsgeschichtliche Analyse angewandt, die pädagogische Primärtexte mit den theoretischen Phasenmodellen der Nibelungenforschung vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden drei konkrete Phasen untersucht: die „Kriemhild-Phase“ (anhand von Timm), die „Siegfried-Phase“ (anhand von Keller) und die „Hagen-Phase“ (anhand von Bojunga).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Nibelungenrezeption, Nationalmythos, ideologische Erziehung, Siegfried-Figur, germanische Tugenden und schulische Identitätsbildung geprägt.
Wie unterscheidet sich die „Siegfried-Phase“ von der „Kriemhild-Phase“ in der schulischen Darstellung?
Während die Kriemhild-Phase eher bürgerliche und familiäre Tugenden betonte, rückte in der Siegfried-Phase ein heldisch-kämpferisches, national-aktives Germanenbild in den Vordergrund, das mit militärischem Tatendrang verknüpft wurde.
Welche Rolle spielt Hagen in der späteren Phase der Nibelungenpädagogik?
Hagen wandelte sich vom tückischen Verräter zum Inbegriff der bedingungslosen Gefolgschaftstreue, der in der Zwischenkriegszeit und im Nationalsozialismus als fanatischer Held des Untergangs instrumentalisiert wurde.
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- Maximilian Frisch (Author), 2010, Der Niederschlag der Rezeptionsphasen des Nibelungenliedes in der Nibelungenpädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152605