Die Entwicklung der Stärke Europas im internationalen Staatensystem zwischen 1848 und 1871


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Fragestellung und Relevanz
1.2. Begründete Vorgehensweise und Methodik
1.3. Forschungsstand

2. Die Industrialisierung als Machtmerkmal der europäischen Staaten

3. Der Beginn des Kolonialismus
3.1. Ursachen des Kolonialismus
3.2. Der Kolonialismus in Afrika und Asien

4. Der Aufstieg der USA
4.1. Wachstum in vielen Bereichen als Grund für die Stärke der USA
4.2. Die Verminderung europäischen Einflusses auf dem amerikanischen Doppelkontinent

5. Die Öffnung Japans als Ausgangspunkt für einen neuen Konkurrenten in der Weltpolitik

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Europa war zwischen 1848/49 und 1871 enormen politischen Veränderungen unterworfen. Neben der Vielzahl an nationalen Revolutionen war die Gründung des Deutschen Kaiserreiches das wohl bedeutendste Ereignis dieser Zeit. Die Zahl der europäischen Großmächte war so von vier auf fünf gestiegen.

Europa stellte im 19. Jahrhundert auch das Zentrum der Welt und der internationalen Beziehungen dar. Die beginnende Industrialisierung und die Kolonialisierung großer Gebiete sprechen eine eindeutige Sprache. Thema der folgenden Arbeit soll die Stellung der europäischen Mächte im internationalen Staatensystem zwischen 1848/1849 und 1871 sein.

1.1. Fragestellung und Relevanz

Die Arbeit beschäftigt sich mit der folgenden Fragestellung: Welche Ereignisse zwischen 1848/1849 und 1871 sprechen für die Machtzunahme der Staaten Europas in der Welt und welche dagegen?

Die Mehrzahl der Geschichtsforscher ist davon überzeugt, dass Europa im 19. Jahrhundert eindeutig das Machtzentrum der damaligen Welt darstellte. Es ist dennoch sinnvoll, zu überprüfen, ob die europäischen Staaten in dieser Zeit nicht schon an Einfluss in der Welt verloren haben. Dadurch ist die Relevanz des Themas gegeben.

1.2. Begründete Vorgehensweise und Methodik

Die oben aufgeworfene Problematik kann nicht pauschal beantwortet werden. Daher werden mehrere Ereignisse untersucht, um am Ende eine entsprechende Aussage generieren zu können, die einer Beantwortung der Fragestellung gerecht wird.

Im Punkt 2 wird die Industrialisierung bzw. Industrielle Revolution analysiert, inwiefern diese die Stärke Europas im weltpolitischen System beeinflusst hat. Im darauf folgenden Punkt wird der Kolonialismus thematisiert. Um den Rahmen nicht zu sprengen, wird das Hauptaugenmerk auf die beginnende Kolonialisierung in Asien und Afrika und die beiden wichtigsten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich gelegt. Der Gliederungspunkt 4 untersucht schließlich den Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika und inwiefern diese den europäischen Mächten Konkurrenz geboten haben. Hier sind die Konflikte zwischen den USA und Europa auf dem amerikanischen Doppelkontinent relevant. Im Punkt 5 wird abschließend die Modernisierung Japans betrachtet, an dessen Ende das japanische Kaiserreich zur bedeutendsten Macht in Südostasien und damit auch zu einem Konkurrent für die europäischen Staaten geworden ist.

Problematisch für die Arbeit ist die Eingrenzung der Analyse auf die Jahre zwischen 1848/1849 und 1871, weil dieser Zeitraum eher eine bedeutende europäische Phase beschreibt. Für die Außenpolitik der Staaten Europas oder andere weltpolitische Ereignisse ist dieser Rahmen jedoch nicht immer ausreichend. Bei der Themenbearbeitung muss daher teilweise vom Zeitraum 1848/1849 bis 1871 abgewichen werden.

Die Methodik der Arbeit ist die wissenschaftliche Hermeneutik: Die Fragestellung wird anhand einer objektiven Interpretation bearbeitet. Dabei wird von keiner bestimmten Theorie ausgegangen, der Leser soll dagegen in die Lage versetzt werden, die aufgeworfene Problematik und entsprechende Zusammenhänge zu verstehen.

1.3. Forschungsstand

Das 19. Jahrhundert, die Industrielle Revolution, der Kolonialismus und Handelsexpansionismus sowie der Aufstieg der USA sind in der Literatur vielfach thematisiert worden. Als Folge davon existiert zu diesen Themen kein Literaturüberblick.

Eine wichtiges Werk, das fast das gesamte Themenspektrum der Analyse umfasst und sich gut in den Argumentationsstrang der Arbeit integrieren ließ, ist die Monographie von Baumgart.[1] Darin wird gut argumentiert, inwieweit Europa seine Machtstellung in der Welt ausbauen konnte, aber auch enorme Konkurrenz durch die USA erfuhr.

Weitere wichtige Literatur, die wichtig für die Beantwortung der Fragestellung war, sind die Werke von Fieldhouse[2], Pelizaeus[3] und Wehler[4].

2. Die Industrialisierung als Machtmerkmal der europäischen Staaten

Der Beginn der Industrialisierung kann nicht genau datiert werden. In der Literatur wird oft die Zeit um 1750 genannt. Die Häufung von technologischen Innovationen[5], der sektorale Wandel der Gesellschaft[6] sowie das Auftreten starken und lang anhaltenden Wirtschaftswachstums[7] beschreiben die Kernmerkmale der Industrialisierung.[8]

Außer in den USA und teilweise auch Japan gab es in keinem Land außerhalb Europas vor 1914 ähnliche Industrialisierungsprozesse wie auf dem alten Kontinent. Als Grund dafür gilt der Mangel an politischen und kulturellen Rahmenbedingungen für Technologieinnovationen bzw. -importe in den außereuropäischen Staaten.[9] Zudem fehlten die Möglichkeiten des Staatsinterventionismus oder des Schutzes der heimischen Wirtschaft durch Außenzölle.[10]

Der wirtschaftliche Aufschwung, den die nordatlantischen Staaten so erfuhren, brachte ihnen ein größeres Gewicht in der Welt ein. Der Wettbewerb der europäischen Länder spielte dabei eine große Rolle: Der Machtzuwachs Großbritanniens während der Industriellen Revolution beeinflusste die übrigen Staaten Europas, dieser Entwicklung nachzustreben.[11] Es kann dementsprechend von einer Machtausweitung durch die Ökonomie ausgegangen werden. Dies wird deutlich, wenn die Wirtschaftsphasen betrachtet werden: Wachstum gab es bis zum Beginn der Industrialisierung in allen Regionen der Welt, hielt sich jedoch in Grenzen und kam durch exogene Einflüsse wie Kriege oder Naturkatastrophen zum Erliegen. Das Ergebnis war eine langfristige ökonomische Stagnation. Mit der Industriellen Revolution setzte jedoch ein Prozess eines stetigen Wirtschaftswachstums ein, der durch kurzfristige Rückschläge nicht mehr beeinträchtigt wurde. Die Folge davon war ein wirtschaftlicher Vorsprung Europas vor den anderen Regionen der Erde.[12]

In der Forschung besteht keine Einigkeit darüber, ob die Industrielle Revolution die Vorbedingung für den dynamischen kolonialen Expansionismus der europäischen Staaten war oder umgekehrt.[13] Fakt ist, dass die Industrialisierung zur Intensivierung der Handelsbeziehungen der Europäer mit anderen Staaten führte. Die Suche nach neuen Absatz- und Kapitalmärkten sowie nach Rohstoffquellen für die expandieren europäischen Industrien wurde zu einem bestimmenden Faktor der internationalen Beziehungen der damaligen Zeit.[14] Dennoch spricht vieles dafür, dass die Industrialisierung das koloniale Vordringen der Europäer bedingt hat und nicht umgekehrt. Erstens, hat der Industrialisierungsprozess der frühen Kolonialmächte Spanien und Portugal mit Verzögerung eingesetzt und auch erst dann, als die Kolonien verloren gingen. Zweitens, erworben viele europäische Staaten erst zu jenem Zeitpunkt Kolonien, als die Industrialisierung schon eingesetzt hatte. Ein Beispiel dafür stellt das Deutsche Reich dar, welches auch ohne Kolonien industrialisiert war. Und drittens, waren die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Kolonialmächten intensiver als zwischen den Mutterländern und ihren jeweiligen Kolonien.[15]

Vor allem die Dampfschiffe machten andauernde Expeditionen möglich, die durch die früheren Segelschiffe nicht ohne größeres Risiko bewältigt werden konnten. Europa avancierte so zu einem gewaltigen technologischen und ökonomischen Machtzentrum. Die daraus entstehenden Impulse erleichterten die Expansion in andere Gebiete der Welt. Die Industrialisierung führte auch zu technologischen Neuerungen auf dem militärischen Gebiet, der das bis dahin vorherrschende Gleichgewicht zwischen industrialisierten und nicht-industrialisierten Staaten zerstörte. Dies ist eine Erklärung dafür, warum die asiatischen Völker das Vordringen der Europäer bis zum Zeitalter der industriellen Revolution weitestgehend abwehren konnten, es ihnen danach aber kaum mehr möglich war. Ein Beispiel dafür ist Indien, das durch den Einsatz geringen militärischen Aufwandes von Großbritannien unterworfen werden konnte.[16]

3. Der Beginn des Kolonialismus

3.1. Ursachen des Kolonialismus

Als Ausgangspunkt für den Kolonialismus werden in der Literatur vielfältige Ursachen genannt. Die ersten Kolonialisten in Afrika waren Mitglieder sogenannter Siedlungskolonien[17], die als Kleinunternehmer auf der Suche nach optimaler Nutzung ihrer Arbeitskraft und ihres Kapitals waren. Diese Form der Kolonisation beruhte auf Freiwilligkeit und unterlag nicht der Steuerung der Staaten.[18] Die spätere Durchdringung des Kontinents wurde dagegen hauptsächlich von Abenteurern, Forschern und Missionaren vorangetrieben, weniger von politischen Entscheidungsträgern oder Kaufleuten. Deren Motive waren die Ideen der Aufklärung und der Drang der Entdecker, die letzten unbekannten Gebiete Afrikas zu erforschen. Auch Christianisierungsgedanken spielten eine Rolle: Lange Zeit wurden die afrikanischen Einwohner als „gottlose Wilde“ betrachtet. Die Gedanken der Aufklärung änderten dieses Bild, wodurch sich die europäischen Kirchen für die Ausbreitung ihrer Religion auf dem Kontinent einsetzten. Erst in Folge der Entdecker und Missionare folgten die europäischen Kaufleute, die sich durch Handelsverträge mit den Einwohnern wirtschaftliche Monopole oder Vorrechte sichern wollten. Die Intensivierung des Wettbewerbs in Afrika hatte dann zur Folge, dass die Staaten Europas für ihre Händler Schutzabkommen mit den afrikanischen Einwohnern abschlossen. Viele einzelne Akteure übten massiven Druck auf ihre Regierungen aus, indem sie die Stimmung in ihren Ländern national aufheizten. Der Dynamik dieses Wettlaufes konnten sich die europäischen Mächte nicht entziehen.[19] Der Beginn der Inbesitznahme von fremden Ländereien ist in dem Sinne also nicht als Stärke der Staaten zu sehen, sondern eher als Ergebnis von Handlungen einzelner Individuen der späteren Kolonialmächte.

[...]


[1]Baumgart, Winfried: Europäisches Konzert und nationale Bewegung. Internationale Beziehungen 1830-1871 (= Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen; Bd. 6), Paderborn 1999.

[2]Fieldhouse, David K.: Die Kolonialreiche seit dem 18. Jahrhundert (= Weltgeschichte; Bd. 29), Augsburg 2000.

[3]Pelizaeus, Ludolf: Der Kolonialismus. Geschichte der europäischen Expansion, Wiesbaden 2008.

[4] Wehler, Hans-Ulrich: Der Aufstieg des amerikanischen Imperialismus. Studien zur Entwicklung des Imperium Americanum 1865-1900 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 10), Göttingen 1974.

[5] Kennzeichen ist hier die Verbesserung oder Erfindung neuer Maschinen. Diese wurden vielfach durch fossile Energieträger betrieben und steigerten so die Produktivität. Als Symbol der industriellen Entwicklung gilt dabei die mit Kohle angetriebene Dampfmaschine, die James Watt 1769 patentieren ließ.

[6] Durch den Einsatz neuer Maschinen entstanden neue Industriezweige. Als Folge davon nahm der Anteil der Bevölkerung im landwirtschaftlichen Sektor ab und der im industriellen Sektor zu.

[7] Bedingt durch den Produktivitätsanstieg durch den Einsatz technologischer Erfindungen setzte in den Industrieländern ein beträchtliches Wachstum von Wirtschaft und Wohlstand ein. Im Gegensatz dazu wirkten die vorindustriellen Gesellschaften eher statisch.

[8]Nonn, Christoph: Das 19. und 20. Jahrhundert (= UTB; Bd. 2942: Geschichte. Orientierung Geschichte), Paderborn u.a. 2007, S. 36-42.

[9]Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts (= Historische Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung), München 2009, S. 912.

[10]Nolte, Hans-Heinrich: Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme 15.-19. Jahrhundert, Wien/ Köln/ Weimar 2005, S. 325.

[11]Ebd., S. 324.

[12]Butschek, Felix: Industrialisierung. Ursachen, Verlauf, Konsequenzen (= UTB; Bd. 8338), Wien/ Köln/ Weimar 2006, S. 118f.

[13]Der Kolonialismus wurde von einigen Forschern als Möglichkeit für die Mächte Europas angesehen, neue Absatzmärkte durch die Überseeexpansion zu erschließen, wodurch erst die Industrialisierung ausgelöst wurde. Für dieses Argument wird oft das Beispiel England genannt, wo die Industrielle Revolution zuerst einsetzte. Dieser europäische Staat zeichnete sich dadurch aus, dass er schon vor der einsetzenden Industrialisierung viele Exportmärkte erschlossen hatte. Siehe dazu Elsenhans, Hartmut: Geschichte und Ökonomie der europäischen Welteroberung. Vom Zeitalter der Entdeckungen zum Ersten Weltkrieg (= Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsordnung; Bd. 20), Leipzig 2007, S. 161ff. Andererseits ist auch folgende Ansicht in der Literatur verbreitet: Die Ausbeutung anderer Kontinente sei die Grundlage für die Industrialisierung der europäischen Staaten gewesen. Rohstoffe wurden zum einen geraubt, europäische Fertigprodukte zum anderen überteuert verkauft. Den Kolonialgebieten wurde so die Grundlage für eine industrielle Entwicklung entzogen. Siehe dazu Nonn: 19. und 20. Jahrhundert (wie Anm. 8), S. 52.

[14]Schuerkens, Ulrike: Geschichte Afrikas. Eine Einführung (= UTB; Bd. 3116: Geschichte der Kontinente; Bd. 3), Köln/ Weimar/ Wien 2009, S. 183.

[15]Nonn: 19. und 20. Jahrhundert (wie Anm. 8), S. 52f.

[16]Fieldhouse: Kolonialreiche (wie Anm. 2), S. 139f.

[17] Eine Kolonie, die von Emigranten aus den Mutterländern gegründet wurde.

[18]Osterhammel: 19. Jahrhundert (wie Anm. 9), S. 536.

[19]Mair, Stefan: Ausbreitung des Kolonialismus, in: BpB (Hrsg.): Afrika I (= Informationen zur politischen Bildung; Bd. 264), München 1999, S. 13-17, hier S. 13f. Dennoch war die Konkurrenz zwischen den europäischen Mächten um Kolonien vor 1882 wenig ausgeprägt.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Stärke Europas im internationalen Staatensystem zwischen 1848 und 1871
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Das europäische Staatensystem von der Revolution 1848/49 bis zur deutschen Reichsgründung 1871
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V152699
ISBN (eBook)
9783640649297
ISBN (Buch)
9783640649075
Dateigröße
792 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europa, USA, Internationales Staatensystem, 19. Jahrhundert, Kolonialismus, Industrielle Revolution, Japan, Großbritannien
Arbeit zitieren
Felix Reibestein (Autor), 2010, Die Entwicklung der Stärke Europas im internationalen Staatensystem zwischen 1848 und 1871, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152699

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