„Die Europäische Union ist eine Wertegemeinschaft.” So das propagierte Selbstverständnis der Union. Die zunehmend verstärkte Betonung von politischen Werten innerhalb der Rhetorik der Europäischen Union spiegelt sich auch auf theoretischer Ebene, das heißt in den Versuchen, die Rolle der EU auf der Weltbühne zu erfassen, wider. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung von Werten in der Theorie sowie in der Praxis, das heißt, in der EU-Außenpolitik. Es wird der Frage nachgegangen, welche Funktion politischen Werte innerhalb der drei meist diskutierten Rollenbildern – Zivilmacht, Normative Macht sowie Hegemonialmacht – einnehmen. Anhand einer Analyse der noch sehr jungen Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) wird überprüft, inwieweit die den politischen Werten in der Theorie zugeschriebenen Funktionen in der Praxis wieder gefunden werden können. Die ENP dient als Analyseobjekt, da hier die Betonung von „gemeinsamen Werten” als Grundlage der nachbarschaftlichen Beziehung besonders auffällig erscheint. Anhand von grundlegenden Dokumenten und den wichtigsten Instrumenten der ENP wird untersucht, welchen Aufschluss diese über die Wichtigkeit und Funktion von politischen Normen und Werten innerhalb der EU-Außenpolitik geben können.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE FUNKTION VON WERTEN IN DEN THEORETISCHEN ROLLENBILDEN
2.1 DAS MODELL DER ZIVILMACHT
2.2 DAS MODELL DER NORMATIVEN MACHT
2.3 DAS MODELL DER HEGEMONIALMACHT
3. DIE ROLLE VON WERTEN IN DER ENP
3.1 DIE ENP – FAKTEN
3.2 DIE ROLLE VON WERTEN IN DER ENP-RHETORIK
3.3 DIE ROLLE DER POLITISCHEN WERTE IN DER IMPLEMENTATIONSSTRATEGIE
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, welche Funktion politischen Werten innerhalb der drei theoretischen Rollenbilder der EU-Außenpolitik – Zivilmacht, Normative Macht und Hegemonialmacht – zukommt. Das primäre Ziel ist die Überprüfung, inwieweit diese theoretisch zugeschriebenen Funktionen in der praktischen Umsetzung der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) wiederzufinden sind.
- Rollenbilder der EU-Außenpolitik
- Bedeutung politischer Werte und Normen
- Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP)
- Durchsetzbarkeit von Werten durch EU-Instrumente
- Spannungsfeld zwischen Rhetorik und ökonomischen Interessen
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Modell der Zivilmacht
Das Zivilmachtmodell ist zurückzuführen auf François Duchêne. Er entwickelt dieses normativ geleitete, ursprünglich eher innengerichtete Konzept zur Beschreibung der EG im Kontext der Gründung der EPZ. Grundlage des Konzepts ist die Zivilisierungsthese von Norbert Elias. Das Modell beschreibt die EU als einen einzigartigen Akteur – stark in ökonomischer, schwächer in militärischer Hinsicht – dessen Stärke in der Fähigkeit liegt, Stabilität durch ökonomische und politische Mittel zu fördern.
Später erscheint dieser Ansatz geradezu als ideales Leitbild postmodernen politischen Handelns. So greift Christopher Hill das junge Modell auf und bezieht es auf externe Beziehungen. Die Etablierung des Modells erfolgt durch Hanns W. Maull. Er entwickelte einen komplexen Anforderungskatalog und erstellt die für heutige Studien grundlegende Definition:
„Eine Zivilmacht ist ein Staat, dessen außenpolitisches Rollenkonzept und Rollenverhalten gebunden sind an Zielsetzungen, Werte, Prinzipien sowie Formen der Einflussnahme und Instrumente der Machtausübung, die einer Zivilisierung der internationalen Beziehungen dienen.”
An Hand dieser Definition wird die Bedeutung politischer Werte und Normen innerhalb des Konzepts deutlich. Eine Zivilmacht benötigt demnach ein Reservoir an Normen, die ihr Wesen ausmacht, welches sie nach außen tragen kann. Häufig wird hier auf die Innen-Außenanalogie verwiesen: „[…] Staatenverbünde wollen ihre internationale Umwelt nach denselben Werten und Prinzipien geordnet sehen wie ihr eigenes politisches und gesellschaftliches System.” So würden die Eckpfeiler der EU-Außenpolitik Werte wie Demokratie und Menschenrechtswahrung darstellen. Hieraus folgt, dass die Eigeninteressen einer Zivilmacht direkt dem Einfluss von Werten und Normen unterliegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert die Bedeutung von Werten als Selbstverständnis der EU und stellt die Forschungsfrage nach deren Funktion innerhalb theoretischer Rollenbilder im Kontext der Europäischen Nachbarschaftspolitik.
2. DIE FUNKTION VON WERTEN IN DEN THEORETISCHEN ROLLENBILDEN: Dieses Kapitel stellt die drei maßgeblichen Rollenbilder der EU – Zivilmacht, Normative Macht und Hegemonialmacht – vor und analysiert deren jeweilige Verknüpfung von machtpolitischem Handeln mit politischen Normen und Werten.
3. DIE ROLLE VON WERTEN IN DER ENP: Dieser Hauptteil untersucht die praktische Umsetzung der ENP anhand von Strategiepapieren, Länderberichten und Aktionsplänen sowie die Effektivität der eingesetzten Instrumente hinsichtlich der Förderung politischer Werte.
4. FAZIT: Das Fazit wertet die Analyseergebnisse aus und stellt fest, dass in der Praxis ökonomische Interessen oft gegenüber politischen Werten dominieren und die Rhetorik der „gemeinsamen Werte“ ohne echte Anreize wie eine Beitrittsperspektive nur begrenzt wirksam ist.
Schlüsselwörter
Europäische Union, EU-Außenpolitik, Europäische Nachbarschaftspolitik, ENP, Zivilmacht, Normative Macht, Hegemonialmacht, Politische Werte, Konditionalität, Soft Power, Demokratisierung, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Interne Interessendivergenzen, Governance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion von politischen Werten in der Außenpolitik der Europäischen Union, speziell am Beispiel der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP).
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die theoretischen Rollenbilder der EU (Zivilmacht, Normative Macht, Hegemonialmacht), die Analyse von EU-Dokumenten zur ENP und die Effektivität von EU-Instrumenten bei der Durchsetzung politischer Werte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, welche Funktionen politische Werte innerhalb der genannten Rollenbilder einnehmen und ob diese Funktionen in der praktischen Umsetzung der ENP wiederzufinden sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Autorin verwendet eine dokumentenbasierte Analyse, bei der grundlegende EU-Strategiepapiere, Länderberichte und Aktionspläne auf ihre politische Wertedimension hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Rollenbilder, die Untersuchung der ENP-Rhetorik und die kritische Prüfung der Implementationsstrategie sowie der verwendeten Instrumente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind EU-Außenpolitik, Wertegemeinschaft, Normative Macht, Zivilmacht, ENP-Aktionspläne und das Demokratisierungs-Stabilitätsdilemma.
Warum spielt das "Demokratisierungs-Stabilitätsdilemma" eine zentrale Rolle für die Ergebnisse der Arbeit?
Es erklärt die Zurückhaltung der EU bei der Instrumentenwahl: Die Union zieht häufig eine stabile Nachbarschaft der konsequenten Umsetzung politischer Reformen vor, um eine Destabilisierung der Drittstaaten zu vermeiden.
Inwiefern beeinflusst das Fehlen einer Beitrittsperspektive die Wirksamkeit der ENP?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die propagierten "gemeinsamen Werte" ohne die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft als Anreiz für die Nachbarstaaten kaum ausreichen, um tiefgreifende Reformen durchzusetzen.
- Citar trabajo
- Anne-Sophie Schmidt (Autor), 2010, Die Funktion von politischen Werten in der EU-Außenpolitik am Beispiel der Europäischen Nachbarschaftspolitik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152735