Cumbia Villera

Eine Analyse der Umgangssprache von Buenos Aires anhand von Liedtexten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Spanisch in Argentinien
2.1. Die Eroberung Argentiniens
2.2. Einflüsse auf die Entstehung des argentinischen Spanischs
2.2.1. Die Ausgangslage
2.2.2. Die Eroberer und weitere Einflüsse
2.2.3. Masseneinwanderung und europäische Kontaktsprachen
2.2.4. Sprachliche Besonderheiten

3. Lunfardo und Tango

4. Cumbia Villera
4.1. Tango und Cumbia Villera
4.2. Deutlichkeit und Degradation der Sprache
4.3. Selbstbild und Selbsterfahrung des villeros

5. Analyse ausgewählter Liedertexte
5.1. Verrat des villero-Daseins
5.2. Sozialkritische Thematik
5.3. Der Alltag einespibe chorro in der Cumbia Villera
5.4. Frauen und Cumbia Villera

6. Tumberos und täglicher Sprachwandel

7. Schlussfolgerung

8. Bibliographie

1. Einleitung

Buenos Aires, Stadt am Rio de la Plata, deren abgeblätterte imposante Fassade von längst vergangenem Reichtum erzählt. Wo einst vor allem Tangoklänge durch die Gassen und Straßen ertönten und sich Matrosen und Geschäftsmänner in Bordellen und später in riesigen Tangosälen mit den Frauen auf einen Tanz trafen, hat sich das Gesicht der Stadt geändert. Wer genau hinsieht, erkennt die sogenannten Villas miserias, zum Teil riesige Slums aus Wellblechhütten und ausgetretenen Pfaden, die sich durch die ganze Stadt und ihre Provinzen ziehen.

Hier ertönen ganz andere Klänge, es ist die Cumbia Villera, Musik der Ärmsten der Stadt, die heute die Rolle des Tangos übernommen hat. Ihre Sprache bezieht sich vor allem auf den Lunfardo.

In dieser Arbeit möchte ich die Herkunft und Kultur der Cumbia Villera beschreiben, die Etymologie verschiedener Worte in den Liedtexten erläutern und somit den Wandel der Umgangssprache in Buenos Aires in den letzten Jahren verdeutlichen. Alle angeführten Definitionen sind, soweit nicht anders vermerkt, dem Novisimo diccionario lunfardo von Jose Gobello entnommen.

2. Spanisch in Argentinien

Argentinien ist räumlich gesehen das größte spanischsprachige Land und besitzt eine große Vielfalt an regionalen und sozialen Dialekten, allen voran die berühmte habla portena aus Buenos Aires, Prototyp des argentinischen Spanischs für den Rest Hispanoamerikas.

2.1. Die Eroberung Argentiniens

Obwohl sich das Territorium Argentiniens seit der Unabhängigkeit 1810 nicht groß verändert hat, wurden während der Kolonialisierung verschiedene Umgestaltungen im Verwaltungsbereich vorgenommen, was großen Einfluss auf die regionalen Dialekte hatte. Insgesamt lässt sich die Kolonialisierung Argentiniens in drei Stufen einteilen, von denen jede einzelne einen anderen Sprachkontakt mit sich brachte und damit nachhaltig Einfluss auf die sprachliche Entwicklung hatte.

Von Europäern wurde die La Plata Mündung zuerst durch Juan Diaz de Solls im Jahre 1516 entdeckt, doch dieser traf wahrscheinlich auf die einheimischen Charrua und kam mit den meisten seiner Männer ums Leben. Zwanzig Jahre später sandte Spanien seine größte Expedition (11 Schiffe, 1500 Mann) unter Pedro de Mendoza. Dieser gründete 1536 die Festung “"Puerto de Nuestra Senora del Buen Ayre“, Buenos Aires, und die breite trichterförmige Mündung des Rio Parana und Rio Uruguay bekam den Namen Rio de la Plata, da man hoffte flussaufwärts riesige Vorkommen des begehrten Metalls zu finden.

Nach der Vertreibung aus Buenos Aires und Rücksiedlung nach Asuncion durch feindlich gesinnte Indios aus der Pampa einige Jahre später, wurde Buenos Aires erst 1580 von einer Handvoll spanischer Siedler neugegründet. Aus Asuncion heraus folgte die Errichtung der Stützpunkte Santa Fe (1573) und Corrientes (1588). Eine weitere Expedition kam aus Peru, welche die Städte Cordoba (1573), Salta (1582) und Jujuy (1593) nach gleichem Muster gründete. Von Santiago de Chile heraus wurden die heutigen Provinzen Mendoza, San Juan und San Luis erobert und die fehlenden Landstriche in Patagonien und dem Süden des Landes folgten im 19. Jahrhundert durch die Feldzüge des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires, Juan Manuel de Rosas (Güida 1993: 14ff).

1617 wurde Buenos Aires Hauptstadt der Rio-de-la-Plata-Provinz, wodurch sie immens an Bedeutung und Einfluss gewann und als zweitgrößte Stadt der westlichen Hemnisphäre zum sozialen und kulturellen Zentrum Südamerikas wurde (Lipski 1996: 185).

2.2. Einflüsse auf die Entstehung des argentinischen Spanischs

2.2.1. Die Ausgangslage

Heutzutage wird oft angenommen, dass Argentinien keine indigene Bevölkerung hat. Betrachtet man das Land jedoch genauer, zeigt sich eine ganz anderes Bild. Der nordwestlichste Teil Argentiniens lag einst unter der Herrschaft der Inka. Deren Sprache, das Quechua, hatte sich in der Provinz Santiago del Estero weit ausgebreitet und die lokalen Sprachen verdrängt. Die indigene Bevölkerung in diesem Gebiet Argentiniens war den Besatzern friedlich gesinnt, und so entstand unter der spanischen Herrschaft ein starker sprachlicher Kontakt. Der Einfluss des Quechua ist daher bis heute noch in einigen regionalen Dialekten stark zu merken (Lipski 1996: 187).

Auch durch bolivianische Immigration hat sich das Quechua auf die Provinzen Salta und Jujuy ausgeweitet, und der sprachliche Einfluss auf das Spanische ist demzufolge in der nordwestlichen Region Argentiniens erhalten geblieben.

Während des Aufenthaltes in Asuncion kamen die Eroberer das erste Mal in Kontakt mit dem Guarani. Durch die folgenden Eroberungswege in den Süden des Landes wurde diese indigene Sprache bis nach Buenos Aires, Santa Fe und Entre Rios getragen. Im Nordosten Argentiniens, in den Provinzen Corrientes, Misiones und Resistencia, sowie im Osten der Provinzen Chaco und Formosa wird heute noch Guarani gesprochen. Den größten Einfluss hatte die Sprache auf die Lexik des argentinischen Spanischs (Güida 1993: 13).

Das Mapuche oder Araukanische erstreckte sich einst bis über die Provinzen Cordobas, La Pampa und Neuquen bis zur Grenze Chiles hin (Güida 1993: 14). Die in der Pampa ansässigen Indios wurden jedoch unter der Regierung von Präsident Julio Argentino Roca (1880-1886) während der "ethnischen Säuberung" der Pampa gnadenlos ausgerottet, um Platz für die vielen neuankommenden Siedler zu schaffen. So ist es auch zu erklären, warum das Mapuche sehr viel weniger Einfluss auf das argentinische Spanisch hatte, als die beiden anderen indigenen Sprachen.

2.2.2. Die Eroberer und weitere Einflüsse

Es lässt sich nicht genau bestimmen, wer die ersten Siedler in Argentinien waren. Sicher ist jedoch, dass die einzige Festung, die von Madrid aus gegründet wurde, die erste Gründung der Stadt Buenos Aires war. Insofern war die Anzahl der Spanier, die direkt von der Iberischen Halbinsel kamen, sehr gering. Es gab eine große Anzahl von Mischehen, aus denen Mestizen hervorgingen. Deshalb ist anzunehmen, dass die ersten Siedlungen durch

Criollos, Nachkommen spanischer Einwanderer, gegründet wurden. Diese wurden auf dem neuen Kontinent geboren und lernten Spanisch fern ihres Mutterlandes und mit einem starken Kontakt zu indigenen Sprachen. Eine Korruption des Spanischen blieb also demnach nicht aus.

Seit Beginn der Kolonialzeit wurden Sklaven nach Argentinien importiert. Durch ihren sozial niedrigen Status war ihr Einfluss auf das argentinische Spanisch eher gering. Trotzdem beeinflussten auch ihre Dialekte das heutige Spanisch, vor allem in Buenos Aires, wo die meisten Sklaven gehalten wurden. So ist beispielsweise das Wort mucama ('Hausmagd'), ein Wort afrikanischen Ursprungs, typisch für die Rio-de-la-Plata Region (Güida 1993: 18ff , Lipski 1996 :187f).

2.2.3. Masseneinwanderung und europäische Kontaktsprachen

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg gelangte eine riesige Zahl europäischer Einwanderer an den Hafen von Buenos Aires. Mit dem Einwanderungsgesetz von 1876, das die Immigration aus europäischen Ländern anregen sollte, gelangten zuerst einmal nicht-hispanophone Emigranten nach Argentinien. Laut einer Tabelle von Fontanella de Weinberg lag die Zahl der spanischen Einwanderer hinter der der italienischen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz der zahlenmäßigen Dominanz der italienischsprachigen Einwanderer, ersetzte Italienisch das Spanische nicht als Landessprache. Das lag daran, dass ein Großteil der Spanier aus Galizien, gefolgt von den Provinzen Asturien und Katalonien stammte und die Italiener hingegen aus allen Gebieten Italiens kamen. Italien hat eine enorm große dialektale Zersplitterung und die meisten der italienischen Einwanderer waren arm. Viele stammten aus der Arbeiterklasse, von denen die meisten Analfabeten waren, die regionale Dialekte und kein Hochitalienisch sprachen. All dies und die Tatsache, dass beides romanische Sprachen sind, trug dazu bei, dass Italienisch der Dominanz des Spanischen niemals gefährlich wurde.

Die Interferenzen zwischen Spanisch und Italienisch äußerten sich in beiden Richtungen. Am deutlichsten aber sind die gegenseitigen Einflüsse im 'Cocoliche rioplatense', einer italo-hispanischen Mischsprache, bestehend aus regionalen, italienischen Dialekten verbunden mit dem Pigeon-Spanisch, welches von den italienischen Einwanderern der ersten Generation gesprochen wurde, zu erkennen.

Mit der fortschreitenden Hispanisierung verlor das Cocoliche zunehmend an Bedeutung, bis es schließlich mit der zweiten Generation der Immigranten, die schon in Argentinien geboren wurden und Spanisch als erste Sprache lernten, verschwand. Geblieben ist der 'Lunfardo', eine ehemalige Gaunersprache und heute Jargon der Arbeiterklassen von Buenos Aires.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die Einwanderungszahlen rapide ab. Heute gibt es in Argentinien trotz wirtschaftlicher Instabilität Einwanderung aus anderen lateinamerikanischen Ländern wie Peru, Bolivien und Uruguay, sowie aus asiatischen Ländern wie Korea und Taiwan (Güida 1993: 21ff).

2.2.4. Sprachliche Besonderheiten

Typisch für das argentinische Spanisch ist der Zeismo: [3] statt [y]. Teilweise, und vor allem in den südlicheren Teilen von Buenos Aires, ist die desonorisierte Form, der seismo, vorherrschend: [j] statt [y]. Gleichzeitig ist ein durchgängiger seseo zu finden.

Für das /s/ gibt es unterschiedliche Realisierungen, zum einen als /s/ wie in vas a dejar. /vasadejar/. Zum andern wird, außer in der Region Santiago del Estero, das finale /s/ in ganz Argentinien aspiriert [h]; aus veras que wird demnach /verah’que/, oder elidiert [0], aus pilas wird /pila’/.

Die Oberschicht der portenos neigt eher zu einer Aspiration als einer Elision, da dies als Zeichen von Intellekt und einer habla culta angesehen wird. Ein weiteres Beispiel von Aspiration ist der Schwund des intervokalischen /d/: Aus /parado/ wird /para’o/.

Außerdem treten prosodische Unterschiede auf Grund des italienischen Einflusses auf, welche durch Fontanella de Weinberg untersucht wurden (1966, 1980). Die Intonation des argentinischen Spanischs, wie der singende Tonfall und die Vokaldehnung, ist vor allem typisch für Buenos Aires. Dieses Phänomen hat sich von der Hauptstadt ausgehend über das ganze Land verteilt, auch wenn weiterhin Unterschiede bestehen (Lipski 1996: 189ff).

Auf der morphosyntaktischen Ebene ist uniform in ganz Argentinien ein stabiler Voseo des Typ C mit seinen Verformen wie apretas oder sos anzustreffen (Lipski 1996: 194). Ein weiteres Merkmal ist der Indefinido der Vorgegenwart, welcher durch recien betont wird: “recien comi“ (Lipski 1996: 189ff).

Auf der lexikalischen Ebene finden wir Italianismen wie chau, Anglizismen wie panqueque, von pancake, Indigenismen vor allem aus Flora und Fauna sowie, an der Grenze zu Brasilien, Lusitanismen und die speziellen Varietäten wie das nicht mehr genutzte Cocoliche und der daraus entstandene Lunfardo (Lipski 1996: 197ff).

3. Lunfardo und Tango

Jose Gobello definiert den Lunfardo, Ergebnis italienisch-spanischer Interferenzen neben dem heute verschwundenen Cocoliche, folgendermaßen:

Repertorio de terminos que el pueblo de Buenos Aires tomo de entre los que, a fines del siglo XIX y comienzos del siglo XX, trajo la inmigracion, e incorporo a su propio lenguaje. (Gobello 1982: 124)

Einst eine Gaunersprache, “yerga” (Lipski 1996: 197) hat er Einzug in die hablaportena erhalten, vor allem in den Arbeiterklassen, aber auch in der Umgangsprache junger Leute der Oberschicht. John Lipski beschriebt es in seinem Aufsatz “El Espanol de la Argentina“ wie folgt:

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Cumbia Villera
Untertitel
Eine Analyse der Umgangssprache von Buenos Aires anhand von Liedtexten
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Español Atlántico - Spanisch in Amerika
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V152765
ISBN (eBook)
9783640646845
ISBN (Buch)
9783640647149
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Liedtexte und einige Zitate sind in spanischer Sprache verfasst.
Schlagworte
Sprachwissenschaft, Argentinien, Cumbia Villera, Lunfardo, Romanistik, Lateinamerika, Spanisch, cocoliche, Buenos Aires, Umgangssprache, Cumbia
Arbeit zitieren
Sarah Pabst (Autor), 2009, Cumbia Villera, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152765

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