Michael Fischer - ein Neurotiker?

Über die Thematik des Wahns in Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume" (1913)


Seminararbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition „Neurose“ und „Schizophrenie“
2.1 Das Verständnis psychischer Störungen zu Lebzeiten Döblins
2.2 Aktuelle Definitonen der Neurose und Schizophrenie

3. Michael Fischer als seelisch erkrankter Mensch
3.1 Anlass der Wahnzustände = „Ermordung“ einer Blume
3.2 Eine schizophrene Episode: Der Protagonist schaut sich selbst bei der Tat zu
3.3 Ambivalenz zwischen Schuldgefühlen und Sadismus

4. Falsche Wahrnehmung der Natur als Zeichen von seelischer Zerrüttung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alfred Döblin (1878-1957) schrieb seine Erzählung Die Ermordung einer Butterblume im Jahre 1905.[1] Veröffentlicht wurde sie erstmals 1911 in der Zeitschrift „Sturm“, die von Herwarth Walden herausgegeben wurde und zunächst wöchentlich erschien. Im Jahre 1913 erfolgte die erste selbstständige Publikation in dem gleichnamigen Sammelband. Döblins wohl bekannteste Erzählung ist dem Expressionismus (ca. 1910-1925) mit dem Zentrum Berlin zuzuordnen. Da sie keinerlei psychologische Deutungen beinhaltet, sondern sich auf Beschreibungen konzentriert und die Natur eine wichtige Rolle einnimmt, gilt sie als exemplarisch für diese Epoche. Der Literaturwissenschaftler Joris Duytschaever lobte sie 1973 als eine „Pionierleistung des Expressionismus“[2]. In der expressionistischen Literatur werden ebenfalls Motive wie Ich-Zerfall, Angst und Wahnsinn häufig behandelt, so auch in Die Ermordung einer Butterblume.

Im Zentrum der Erzählung steht der Geschäftsmann Michael Fischer, dessen Leben sich angesichts eines unbedeutenden Ereignisses, der Beschädigung einer Pflanze, vollständig verändert. Im Verlauf der Erzählung wird die psychische und durch seine seelischen Leiden ebenfalls verursachte körperliche Beeinträchtigung immer stärker. Es häufen sich Halluzinationen und Stimmungsschwankungen, die mit Gewichtsabnahme und Selbstmordgedanken einhergehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die seelische Erkrankung Fischers zu untersuchen. Forscher wie etwa Joris Duytschaever[3] oder Leo Kreutzer[4] würdigten die Erzählung als realistische Beschreibung einer Zwangsneurose bzw. einer Schizophrenie. Diese Arbeit soll klären, ob die Aussagen zutreffend sind. Das erste Kapitel informiert über das Verständnis psychischer Störungen zu Lebzeiten Döblins. Um die Krankheitsbilder der Neurose und Schizophrenie besser verstehen zu können, behandelt das Kapitel ebenfalls aktuelle diagnostische Kriterien der jeweiligen Störungsbilder, von denen Duytschaever und Kreutzer ausgingen, die ihre Arbeiten in den 1970er Jahren verfassten. In einem zweiten Themenkomplex werden chronologisch die Textpassagen erläutert, in denen der Protagonist wahnsinniges Verhalten aufweist. Das dritte Kapitel verfolgt abschließend die Frage, inwiefern die seelische Zerrüttung Michael Fischers in der Naturbeschreibung Ausdruck findet.

2. Definition „Neurose“ und „Schizophrenie“

2.1 Das Verständnis psychischer Störungen zu Lebzeiten Döblins

Alfred Döblin besaß sehr gute psychiatrische Kenntnisse. Er studierte Medizin in Berlin und Freiburg und spezialisierte sich auf den Fachbereich Psychiatrie. Im Jahre 1905 promovierte er über Gedächtnisstörungen bei der Korsakoff’schen Psychose bei Alfred Hoche, einem Experten für psychiatrische und juristische Grenzprobleme[5]. Als späterer Anstaltsarzt hatte Döblin schließlich Zugang zu den Bereichen Klinik, Anstalt und Gefängnis.[6]

Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte der Irrenarzt Philippe Pinel, der als Klinikleiter seine Patienten in der Anstalt zu Bicệtre 1794 erstmals von den Ketten befreite, in dem abweichenden Verhalten des menschlichen Geistes eine Regelhaftigkeit. Er machte es sich zum Ziel, die Gleichartigkeit verschiedener psychischer Störungen zu erforschen, um eine Ordnung herzustellen. Für den Mediziner Johann Heinroth erschien es einige Jahre später schon selbstverständlich, dass psychische Erkrankungen ein System bilden.[7] Zu Lebzeiten Döblins fasste der Psychiater Emil Kraepelin psychische Krankheiten unter dem Begriff Dementia praecox zusammen. Jedoch erweist sich dieses „über alle Auflagen seines Lehrbuches hinweg verfolgte methodische Konzept [...] als bloße äußere Form, in der völlig willkürlich Gruppierungen, Um- und Neuordnungen vorgenommen werden.“[8] Diese Auffassung vertrat auch Döblins Mentor Hoche. Kraepelins Systematisierung „reduziert“ – um es mit Wolfgang Schäffner zu sagen – „die Vielzahl der Krankheitsformen auf die Einheit ‚Dementia praecox’“.[9] Vor der Jahrhundertwende existierte ein regelrechter Gruppierungszwang der Psychiatrie. Im Jahre 1911 formulierte der Psychiater Eugen Bleuler Kraepelins Dementia praecox durch die Namensgebung „Schizophrenie“ neu.[10] Charakteristisch für die Schizophrenie war nach Bleulers Auffassung eine „deutliche Spaltung der psychischen Funktionen“ sowie ein Verlust der Einheit der Persönlichkeit.[11]

Die Begriffe Neurose und Psychose, mit denen das Verhalten des Döblinschen Protagonisten Michael Fischer oftmals beschrieben wird, waren zu Lebzeiten des Autors weit verbreitet. Döblin, der sich als Psychiater mit klassifikatorischen Problemen auseinandersetzte,[12] kannte die Symptome dieser Störungen bestens, die damals wie nach heutiger Auffassung als Erkrankungen des Gehirns betrachtet werden. Als Arzt kam er außerdem häufig in Kontakt mit Betroffenen.

Psychiater verstanden unter dem Begriff der Neurose kein spezifisches Krankheitsbild, sondern vielmehr eine Anhäufung verschiedenartiger Symptome. Dies kommt etwa in dem Artikel über die Neurose aus einem renommierten Fachlexikon zum Ausdruck: „heute im DSM-IV nicht mehr verwendeter (da diskriminierender) Begriff, von dem schottischen Arzt W. Cullen (1776) eingeführt. [...] Der Umfang der damit gesammelten ps. Störungen wird von der theoretischen Position der Autoren bestimmt.“ Der promovierte Psychologe Lothar Schmidt, Verfasser des vorliegenden Artikels, definiert die Neurose weiter als „unbewussten Widerstand“ und die neurotischen Symptome als „Äußerungen psychodynamischer Konflikte“. Neurotische Konflikte seien Anzeichen des Nichtbewältigens fundamentaler Lebensaufgaben. Nach der grundlegenden Theorie der Neurose von Sigmund Freud (1856-1939), dem Begründer der Psychoanalyse – so konstatiert Schmidt weiter – sei die Neurose das Resultat einer unvollständigen Verdrängung von Impulsen aus dem Es durch das Ich. Der verdrängte Impuls drohe trotz der Verdrängung in das Bewusstsein und das Verhalten durchzubrechen. Zur erneuten Abwehr dieses Impulses werde das neurotische System entwickelt, das einerseits eine Ersatzbefriedigung für ihn, andererseits einen Versuch seiner endgültigen Beseitigung darstelle. Freud unterscheide sogenannte Aktualneurosen mit primär vegetativen Symptomen von Psychoneurosen. Letztere Form äußere sich in einer Verschmelzung psychischer wie somatischer Symptome und als Folge unvollständiger Verdrängung von inkompatiblen Triebimpulsen vor dem Hintergrund eines chronischen Triebkonfliktes. Hierzu seien unter anderem Charakterneurosen oder phobische Syndrome zu zählen. Schmidt fasst in seinem Artikel weitere gängige Definitionen der psychischen Erkrankung zusammen: Nach Carl Gustav Jung sei die Neurose eine Selbstentzweiung und gleichzeitig ein Signal für die Wiedervereinigung von Bewusstsein und Unbewusstem, bei dem Anthropologen Arnold Gehlen erscheine die Neurose als unfreiwillige Askese oder Lebensabsperrung, für den Psychiater Ludwig Binswanger handele es sich um einen existenziellen Konflikt zwischen Ich und Welt, wobei zu letzterem auch der eigene Leib und die Innenwelt gerechnet werden könne.[13]

Eng verbunden mit dem Störungsbild der Neurose ist das der Psychose. Der Begriff Psychose ist allerdings von gleicher Ungenauigkeit wie ersterer und fasst sämtliche schwerwiegende psychische Erkrankungen zusammen. Im Gegensatz zu Neurotikern fallen Psychotiker nach außen hin durch eigentümliches Verhalten auf. Diese Begrifflichkeiten wurden allerdings im Jahre 1980 mit der Einführung des DSM-III, einer dritten Ausarbeitung des Klassifikationssystems Diagnostic and Statistic Manual of Mental Dissorders, offiziell abgeschafft, da das Expertengremium die Auffassung vertrat, „dass die Begriffe Neurose und Psychose in ihrem Bedeutungsgehalt zu allgemein geworden waren, um als diagnostische Kategorien noch sinnvoll zu sein.“[14] Auch wurde „die Unterscheidung zwischen neurotischen und psychotischen Störungen aufgegeben“.[15] Der oftmals noch verwendete umgangssprachliche Ausdruck Zwangsneurose meint nach heutigem Verständnis eigentlich die Zwangsstörung.

Das Krankheitsbild der Psychose findet sich aktuell in der Diagnose der Schizophrenie wieder. Diagnostisch wegweisend für die Schizophrenien ist gemäß der Lehrbücher der Klinischen Psychologie nicht ein einzelnes Symptom, sondern eine weitreichende Veränderung des Erlebens und Verhaltens, die auch als psychotisches Erleben bezeichnet werden kann. Für schizophrene Personen gebe es kaum Ereignisse, die sich nicht auf die eigene Person beziehen. Der Alltag wirke wie ein Film, in dem der betroffene Mensch die Hauptperson darstelle. In akut psychotischen Zuständen würden Halluzinationen, Wahnideen, Ich-Störungen sowie affektive und kognitive Veränderungen auftreten. Sehr oft höre die kranke Person Stimmen, fühle sich beeinträchtigt oder verfolgt und empfinde sich von einer fremden Macht gelenkt. Auch Größenwahn und religiöser Wahn treten häufig auf.[16] Die Grenze zwischen Innenleben und Außenwelt werde als durchlässig erfahren, sodass eigene Gedanken oder Bewegungen als fremd bzw. von außen eingegeben erscheinen. Der emotionale Ausdruck des Betroffenen sei oft eingeschränkt oder inadäquat.[17]

Schizophrenien lassen sich in verschiedene Typen unterteilen. Am häufigsten vertreten ist jedoch der undifferenzierte Typus, bei dem die Symptome der anderen Ausprägungen, sprich des desorganisierten (unangemessene Emotionen, unzusammenhängende Sprache), des katatonen (erstarrtes oder reizbares Verhalten) und des paranoiden Typus (Verfolgungs- oder Größenwahn) miteinander verknüpft sind.[18]

[...]


[1] Robert Minder: „Résumé des Cours de 1968-1969“, Annuaire du College de France, 69e Année, 1969-70, S. 590.

[2] Joris Duytschaever: Eine Pionierleistung des Expressionismus: Alfred Döblins Erzählung Die Ermordung einer Butterblume. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik Band 2 (1973), S. 33.

[3] Vgl. ebd., S. 33.

[4] Leo Kreutzer: Alfred Döblin. Sein Werk bis 1933. Stuttgart u.a. 1970, S. 32.

[5] Wolfgang Schäffner: Die Ordnung des Wahns. Zur Poetologie psychiatrischen Wissens bei Alfred Döblin. München 1995, S. 171.

[6] Ebd., S. 166.

[7] Ebd., S. 147.

[8] Ebd., S. 59.

[9] Schäffner, Ordnung des Wahns, S. 60.

[10] Ebd., S. 106.

[11] Eugen Bleuler: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien, Leipzig 1911, S. 6.

[12] Schäffner, Ordnung des Wahns, S. 55.

[13] Lothar Schmidt: Artikel „Neurose“. In: Dorsch. Psychologisches Wörterbuch“. Hg. von Hartmut Häcker u. Kurt-H. Stapf. Bern 142004, S. 643-644.

[14] Philip G. Zimbardo/Richard J. Gerrig: Psychologie. München 162008, S. 555.

[15] Vgl. ebd., S. 554.

[16] Zimbardo, Psychologie, S. 582.

[17] stellvertretend etwa Daniel Hell e.a.: Kurzes Lehrbuch der Psychiatrie. Bern 22007, S. 100-101.

[18] Zimbardo, Psychologie, S. 581.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Michael Fischer - ein Neurotiker?
Untertitel
Über die Thematik des Wahns in Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume" (1913)
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Seminar "Wahnsinn in der Literatur"
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V152778
ISBN (eBook)
9783640645794
ISBN (Buch)
9783640645534
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die seelische Erkrankung Michael Fischers zu untersuchen. Das erste Kapitel informiert über das Verständnis psychischer Störungen zu Lebzeiten Döblins. In einem zweiten Themenkomplex werden chronologisch die Textpassagen erläutert, in denen der Protagonist wahnsinniges Verhalten aufweist. Das dritte Kapitel verfolgt abschließend die Frage, inwiefern die seelische Zerrüttung Michael Fischers in der Naturbeschreibung Ausdruck findet.
Schlagworte
Michael, Fischer, Neurotiker, Thematik, Wahns, Alfred, Döblins, Erzählung, Ermordung, Butterblume
Arbeit zitieren
Kristina Scherer (Autor), 2010, Michael Fischer - ein Neurotiker? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152778

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