Das Lebensideal anakreontischer Dichter. Das „Anakreon“ Gleims und das „Anacreon“ von Hagedorns


Hausarbeit, 2003
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Betrachtung und Analyse von Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“

II. Betrachtung und Analyse von Friedrichvon Hagedorns „Anacreon.“

III.Vergleich der beiden Gedichte
III.1. in Bezug auf die Adaption eines Anakreon-Bildes
III.2. bezugnehmend auf das Dichterleben unter anakreontischen Leitgedanken

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Gedichte „Anakreon“ von Johan Wilhelm Ludwig Gleim und „Anacreon.“ von Friedrich von Hagedorn stehen stellvertretend für die literarische „Modedichtung“[1] in der Mitte des 18. Jahrhunderts, der Anakreontik. Nach Auseinandersetzung mit der antiken Figur des Anakreon und verschiedener Bemühungen um gehaltvolle Anakreon-Übertragungen bildet die Gedichtsammlung Gleims „Versuch in Scherzhaften Liedern und Lieder“[2] aus den Jahren 1744/45, den Beginn einer literarischen Periode der schöpferischen Gestaltung einer eigenständigen deutschen Dichtkunst. Diese war um Nachahmung in Geist und Form des antiken Vorbilds Anakreons aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus bemüht.

Ein Rückbezug auf einen antiken Dichter war in dieser Form keine Seltenheit, doch wurde das Ausmaß dieser sich im 18. Jahrhundert entwickelnden anakreontischen Bewegung schon 1854 in der Art gesehen, dass die Anakreon-Begeisterung der Generation um Hagedorn und Gleim viel mehr war als eine der üblichen, immer wieder sporadisch auftauschenden Imitationswellen seit der Frühen Neuzeit. Noch nie wurde einem antiken Dichter [aber] ein so exponierter Einfluß auf alle Lebensbereiche „weit über das eigentliche Kunstgebiet hinaus“ eingeräumt.[3]

Der Dichter Gleim war Teil dieser anakreontischen Bewegung, er gehörte dem Kreise der Hallenser Anakreontiker an, einem lockeren Zusammenschluss unter anderem mit den Hallenser Studenten Johann Peter Uz und Johann Nicolaus Götz.

Der weder dem Hallenser Kreise noch einem anderen Literatenkreise zugehörende Friedrich von Hagedorn schreibt 1747 sein Gedicht „Anacreon.“, und leistet damit einen andersartigen Beitrag zur allgemeinen Beschäftigung mit der Figur des Anakreon, indem sein „Anakreon“ von dem Umgang der Dichter mit den anakreontischen Gesängen handelt.

Die vorliegende Hausarbeit wird sich anhand dieser zwei Gedichte gleichen Titels mit den verschiedenen Zugängen sowohl zur anakreontischen Dichtung als auch zu dem anakreontischen Lebensideal befassen. Der zentrale Aspekt ist hierbei die Untersuchung sowie der Vergleich der Aussageabsichten beider Autoren hinsichtlich ihres Dichterbildes. Dieser Vergleich schließt sich an die separate Untersuchung der zwei Gedichte an.

I. Betrachtung und Analyse von Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“

Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“ erscheint erstmals als das eröffnende Gedicht seiner Sammlung „Versuch in Scherzhaften Liedern“ aus dem Jahre 1744. Gleim spricht von seinen Gedichten als Lieder, und gebraucht hierbei den Begriff des Liedes und der Ode synonym. Viele seiner „Lieder sind auf gesellschaftliche Wirkung bedacht, „[wobei] Vertonungen (unterlegte Melodien) [...] diese Absicht nur unterstützen [konnten].“[4]

Der Inhalt des Gedichtes kann in den ersten und letzten beiden der insgesamt 18 Verse zusammengefasst werden, in denen das (dichtende) lyrische „Ich - das ohne weiteres mit dem Autor gleichgesetzt werden darf – [...]“[5] unter Berufung auf das Vorbild seines Lehrers Anakreon „[...] das gleiche poetische Recht für sich reklamiert“[6], „von Wein und Liebe“ (V.2) zu singen.

Um jedoch dem Rezipienten einen breiten Einblick in das Leben des Lehrers zu geben, werden in den verbleibenden Versen „[…] die zentralen Themen Anakreons [ge]sammelt: eine Art `Schnittmuster` der Lebenswelt dieses fröhlichen Weisen“[7] wird dargestellt. Diese Themen weisen allesamt konkrete Bezüge zu den Hauptmotiven verschiedener Anakreonteen auf[8], denen eine allgemein eudämonistische und epikureische Lebensbetrachtung und -haltung zu Grunde liegt. Deshalb wird auf die Lebenskunst im Allgemeinen verwiesen[9], auf das erotische Spiel[10] und ferner auf eine spürbare Selbstgefälligkeit[11]. Diese Art der Paraphrasierung der anakreontischen Vorlagen, die durch die quantitative Übertreibung der verschiedenen ursprünglichen Gestaltungs- und Stilmittel parodierende Züge enthält, ist typisch für Gleim, der „[…] alle echten anakreontischen Motive verzerrt“[12], um durch diese Art der Nachahmung das antike Vorbild der griechischen Dichtung spürbar werden zu lassen. Absolut kennzeichnend für „Anakreon“ ist jedoch auch die Einbettung dieser informatorischen Präsentation Anakreons[13] in die sechsmalige Repetitio des Verses „Und singt von Wein und Liebe“ (Vv. 2, 4, 6, 8, 10, 16).

Das „Anakreon“-Gedicht Gleims ist als „[…] Nachdichtung[]“ im Geist und Stil der Anakreonteen“[14] anzusehen, und so ist Gleim sehr darum bemüht, den formalen Aufbau und Stil der Anakreonteen zu treffen[15]: Dies macht sich eindeutig im Wegfall des Endreimes und der tradierten Strophenaufteilung bemerkbar. Um auch ohne strophenartige Unterteilung ein Gliederungsprinzip deutlich werden zu lassen, verwendet Gleim das Stilmittel der gleichförmigen Wiederholung, welches in seiner „[…] Monomanie der Konzentration auf immer nur einen und alles andere auschließenden Vorgang […]“[16] auch ein typisches Gestaltungsmittel der Anakreonteen ist. Auch dort ist es „[…] oft eingebaut in eine argumentatio, die – mit einer rhetorischen Frage verbunden – eine zustimmende Antwort erwarten lässt“[17], so wie auch Gleim durch die pointierte Frage „Soll denn sein treuer Schüler / Von Haß und Wasser singen?“ (Vv. 17 f.) „ […] den sophistischen Wechsel zwischen Argumentation und Schlussfolgerung“[18] vollzieht. Klaus Bohnen erkennt in diesem Gedicht einen „[…] Argumentationsgang, der mehr durch eine naive Vielzahl anziehen als durch eine symbolhafte Vertiefung einstimmen will.“[19] Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die „[…] unkomplizierte, rein parataktische Reihung in der Vorführung der Tätigkeitsbereiche des lebensfrohen Lehrers“[20]: „Er salbt [...]“ (V. 3), „Er krönt [...]“ (V. 5), „Er paaret [...]“ (V. 7), „Er spielt [...]“ (V. 11), „Er lacht [...]“ (V. 12) und „Vertreibt sich [...]“ (V.13), „Verschmäht [...]“ (V. 14), „Verwirft [...]“ (V. 15). Durch den Gebrauch dieser parataktischen Reihung und Wiederholungen gliedert sich das Gedicht in einen ersten Teil (Vv. 1-10), in welchem sich die Repetitio des Verses „Und singt von Wein und Liebe“ stereotyp mit einem parataktisch aufgebautem Satz abwechselt, und einen zweiten Teil (Vv. 11 -18), in dem durch die Häufung der parataktischen Reihung in fünf aufeinanderfolgenden Versen eine ansteigende Bewegung erzielt wird. Diese wird dann in Vers 16 durch den Wiederaufgriff des Verses „Und singt von Wein und Liebe“ gestoppt, und durch Wiederaufnahme des im ersten Gedichtteil erprobten Argumentationsstils, wird der auf jener Argumentationskette aufbauenden, abschließenden rhetorischen Frage pointierender Charakter verliehen.

[...]


[1] Zeman, Herbert: Die deutsche anakreontische Dichtung. Ein Versuch zur Erfassung ihrer ästhetischen und literarhistorischen Erscheinungsformen im 18. Jahrhundert, Stuttgart 1972, S. 184.

[2] Gleim, Johann Wilhelm Ludwig: Versuch in Scherzhaften Liedern und Lieder; Nach den Erstausgaben von 1744/45 und 1749 mit den Körteschen Fassungen im Anhang kritisch hrsg. v. Alfred Anger, Tübingen 1964, S. 5.

[3] Cholevius, Carl Leo: Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen, 1. Teil, Leipzig 1854, S. 469, zit. nach: Adam, Wolfgang: Geselligkeit und Anakreontik, in: Ernst Rohmer und Theodor Verweyen (Hg.): Dichter und Bürger in der Provinz: Johann Peter Uz und die Aufklärung in Ansbach, Tübingen 1998, S. 45.

[4] Zeman: Anakreontische Dichtung, S. 193.

[5] Bohnen, Klaus: Der „Blumengarten“ als Quell von unserem Wissen. Johann Wilhelm Ludwig Gleims Gedicht Anakreon, in: Karl Richter (Hg.): Gedichte und Interpretationen Band 2: Aufklärung und Sturm und Drang. Stuttgart 1983 (RUB 7981). S. 118.

[6] Ebd., S. 118.

[7] Ebd., S. 117f.

[8] Zeman: Anakreontische Dichtung, S. 195.

[9] Vgl. V. 2: „Wein und Liebe“, vgl. V. 9: „Trunk“, Vgl. V. 12: „Er lacht mit seinen Freunden“.

[10] Vgl. V. 7: „Er paaret sich im Garten“.

[11] Vgl. Vv. 14f: „Verschmäht den reichen Pöbel / Verwirft das Lob der Helden“.

[12] Zeman: Anakreontische Dichtung, S. 200.

[13] Bohnen: Gleims Gedicht Anakreon, S. 117.

[14] Ebd. S. 116.

[15] Unter Berufung auf einen Brief Gleims an Ewald von Kleist aus Halberstadt vom 17. Oktober 1757 vertritt Zeman jedoch die Meinung, dass Gleim, nachdem seine Scherzhaften Lieder schon Anerkennung und Nachahmer gefunden hatten, „selbst zugegeben [habe], wie wenig seine Oden und Lieder im Geiste Anakreons geschrieben worden seien.“ (Zeman: Anakreontische Dichtung, S. 200).

[16] Bohnen: Gleims Gedicht Anakreon, S. 117.

[17] Zeman: Anakreontische Dichtung, S. 194.

[18] Ebd., S. 194.

[19] Bohnen: Gleims Gedicht Anakreon, S. 116.

[20] Ebd. S. 117.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Lebensideal anakreontischer Dichter. Das „Anakreon“ Gleims und das „Anacreon“ von Hagedorns
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V152794
ISBN (eBook)
9783640651689
ISBN (Buch)
9783640651924
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anakreontik, Lebensideal, Dichter, Beispiel, Gleims, Hagedorns
Arbeit zitieren
Philipp Erbslöh (Autor), 2003, Das Lebensideal anakreontischer Dichter. Das „Anakreon“ Gleims und das „Anacreon“ von Hagedorns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152794

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