Die Gedichte „Anakreon“ von Johan Wilhelm Ludwig Gleim und „Anacreon“ von Friedrich von Hagedorn stehen stellvertretend für die literarische „Modedichtung“ in der Mitte des 18. Jahrhunderts, der Anakreontik. Nach Auseinandersetzung mit der antiken Figur des Anakreon und verschiedener Bemühungen um gehaltvolle Anakreon-Übertragungen bildet die Gedichtsammlung Gleims „Versuch in Scherzhaften Liedern und Lieder“ aus den Jahren 1744/45, den Beginn einer literarischen Periode der schöpferischen Gestaltung einer eigenständigen deutschen Dichtkunst. Diese war um Nachahmung in Geist und Form des antiken Vorbilds Anakreons aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus bemüht.
Ein Rückbezug auf einen antiken Dichter war in dieser Form keine Seltenheit, doch wurde das Ausmaß dieser sich im 18. Jahrhundert entwickelnden anakreontischen Bewegung schon 1854 in der Art gesehen,
dass die Anakreon-Begeisterung der Generation um Hagedorn und Gleim viel mehr war als eine der üblichen, immer wieder sporadisch auftauschenden Imitationswellen seit der Frühen Neuzeit. Noch nie wurde einem antiken Dichter [aber] ein so exponierter Einfluß auf alle Lebensbereiche „weit über das eigentliche Kunstgebiet hinaus“ eingeräumt.
Der Dichter Gleim war Teil dieser anakreontischen Bewegung, er gehörte dem Kreise der Hallenser Anakreontiker an, einem lockeren Zusammenschluss unter anderem mit den Hallenser Studenten Johann Peter Uz und Johann Nicolaus Götz.
Der weder dem Hallenser Kreise noch einem anderen Literatenkreise zugehörende Friedrich von Hagedorn schreibt 1747 sein Gedicht „Anacreon.“, und leistet damit einen andersartigen Beitrag zur allgemeinen Beschäftigung mit der Figur des Anakreon, indem sein „Anakreon“ von dem Umgang der Dichter mit den anakreontischen Gesängen handelt.
Die vorliegende Hausarbeit wird sich anhand dieser zwei Gedichte gleichen Titels mit den verschiedenen Zugängen sowohl zur anakreontischen Dichtung als auch zu dem anakreontischen Lebensideal befassen. Der zentrale Aspekt ist hierbei die Untersuchung sowie der Vergleich der Aussageabsichten beider Autoren hinsichtlich ihres Dichterbildes. Dieser Vergleich schließt sich an die separate Untersuchung der zwei Gedichte an.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Betrachtung und Analyse von Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“
II. Betrachtung und Analyse von Friedrich von Hagedorns „Anacreon.“
III. Vergleich der beiden Gedichte
III.1. in Bezug auf die Adaption eines Anakreon-Bildes
III.2. bezugnehmend auf das Dichterleben unter anakreontischen Leitgedanken
Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Zugänge zur anakreontischen Dichtung sowie zum anakreontischen Lebensideal anhand der beiden gleichnamigen Gedichte von Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Friedrich von Hagedorn, wobei insbesondere ihre jeweiligen Dichterbilder und Aussageabsichten vergleichend analysiert werden.
- Anakreontische Lyrik als Modedichtung des 18. Jahrhunderts
- Differenzen in der poetischen Umsetzung und formalen Gestaltung
- Das anakreontische Lebensideal zwischen Eudämonie und moralischem Anspruch
- Die historische Figur des Anakreon als Idealbild vs. literarische Konstruktion
- Der Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf die Dichter-Existenz
Auszug aus dem Buch
I. Betrachtung und Analyse von Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“
Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“ erscheint erstmals als das eröffnende Gedicht seiner Sammlung „Versuch in Scherzhaften Liedern“ aus dem Jahre 1744. Gleim spricht von seinen Gedichten als Lieder, und gebraucht hierbei den Begriff des Liedes und der Ode synonym. Viele seiner „Lieder sind auf gesellschaftliche Wirkung bedacht, „[wobei] Vertonungen (unterlegte Melodien) [...] diese Absicht nur unterstützen [konnten].“
Der Inhalt des Gedichtes kann in den ersten und letzten beiden der insgesamt 18 Verse zusammengefasst werden, in denen das (dichtende) lyrische „Ich - das ohne weiteres mit dem Autor gleichgesetzt werden darf – [...]“ unter Berufung auf das Vorbild seines Lehrers Anakreon „[...] das gleiche poetische Recht für sich reklamiert“, „von Wein und Liebe“ (V.2) zu singen. Um jedoch dem Rezipienten einen breiten Einblick in das Leben des Lehrers zu geben, werden in den verbleibenden Versen „[…] die zentralen Themen Anakreons [ge]sammelt: eine Art `Schnittmuster` der Lebenswelt dieses fröhlichen Weisen“ wird dargestellt. Diese Themen weisen allesamt konkrete Bezüge zu den Hauptmotiven verschiedener Anakreonteen auf, denen eine allgemein eudämonistische und epikureische Lebensbetrachtung und -haltung zu Grunde liegt. Deshalb wird auf die Lebenskunst im Allgemeinen verwiesen, auf das erotische Spiel und ferner auf eine spürbare Selbstgefälligkeit. Diese Art der Paraphrasierung der anakreontischen Vorlagen, die durch die quantitative Übertreibung der verschiedenen ursprünglichen Gestaltungs- und Stilmittel parodierende Züge enthält, ist typisch für Gleim, der „[…] alle echten anakreontischen Motive verzerrt“, um durch diese Art der Nachahmung das antike Vorbild der griechischen Dichtung spürbar werden zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der anakreontischen Bewegung Mitte des 18. Jahrhunderts ein und umreißt den Vergleich der Gedichte von Gleim und Hagedorn.
I. Betrachtung und Analyse von Johann Wilhelm Ludwig Gleims „Anakreon“: Dieses Kapitel analysiert Gleims Gedicht als „Programmerklärung“, das durch parataktische Reihungen und Wiederholungen ein provokatives Lebensideal der Sinnlichkeit entwirft.
II. Betrachtung und Analyse von Friedrich von Hagedorns „Anacreon.“: Hier wird Hagedorns Gedicht beleuchtet, das den Fokus auf Mäßigung, gesellige Freundschaft und die ethische Vorbildfunktion des antiken „Weisen“ legt.
III. Vergleich der beiden Gedichte: Dieser Hauptteil arbeitet die unterschiedlichen Aneignungen des Anakreon-Bildes sowie die Differenzen in der Lebenspraxis und literarischen Intention der beiden Autoren heraus.
Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass die Gedichte eine wesentliche literarische Diskussion über den Gehalt der tändelnden Anakreontik initiiert haben.
Schlüsselwörter
Anakreontik, 18. Jahrhundert, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Friedrich von Hagedorn, Anakreon, Lyrik, Literaturgeschichte, Lebensideal, Eudämonie, Geselligkeit, Rokoko, Nachdichtung, Motivik, Aufklärung, Dichterbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die anakreontische Dichtung des 18. Jahrhunderts am Beispiel der Gedichte „Anakreon“ von Gleim und „Anacreon.“ von Hagedorn.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die literarische Adaption antiker Vorbilder, die Konstruktion von Dichterbildern und die Darstellung eines anakreontischen Lebensideals.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Vergleich der unterschiedlichen Aussageabsichten beider Autoren hinsichtlich ihres jeweiligen Dichterbildes und ihrer Umsetzung des anakreontischen Ideals darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse der Gedichttexte unter Einbeziehung des historischen und kulturgeschichtlichen Kontextes der anakreontischen Bewegung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der einzelnen Gedichte sowie einen direkten Vergleich, der insbesondere die unterschiedliche moralische und ethische Ausrichtung der Autoren herausarbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Anakreontik, Lebensideal, Epikureismus, Geselligkeit, Nachahmung und das antike Dichtervorbild.
Wie unterscheidet sich Gleims Bild des Anakreon von dem Hagedorns?
Während Gleims Anakreon-Bild durch Exzess, Erotik und eine Provokation gesellschaftlicher Normen geprägt ist, stellt Hagedorn den „Weisen“ als Idealbild heiterer Gelassenheit und moderater Lebensführung dar.
Welchen Stellenwert nimmt die „Geselligkeit“ in der anakreontischen Dichtung ein?
Die Geselligkeit ist ein zentrales Element; anakreontische Dichtung wird als Ausdruck einer aufgeklärten, geselligen Lebenskultur verstanden, in der sich Dichter im Austausch und im gemeinsamen Genuss entfalten.
- Citation du texte
- Philipp Erbslöh (Auteur), 2003, Das Lebensideal anakreontischer Dichter. Das „Anakreon“ Gleims und das „Anacreon“ von Hagedorns, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152794