Formale Semantik und mögliche Welten - erste Schritte in Richtung einer Modalsemantik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Probleme einer extensionalen Semantik

2 Mögliche Welten: erste Schritte in Richtung einer intensionalen Semantik
2.1 In der Welt von Sherlock Holmes
2.2 Bezüge zur Bewertungswelt und Qualifikation über mögliche Welten

3 Modalsemantik
3.1 Modalverben als Quantoren über mögliche Welten
3.2 Kontingenz, Ambiguität und Kontextabhängigkeit
3.3 Das Samariter-Paradox

4 Schluss

1 Einleitung: Probleme einer extensionalen Se­mantik

Eine rein extensionale Semantik, wie sie in Heim u. Kratzer (1998) entwickelt wird, ist mit Problemen konfrontiert, die schon Frege erkannte und durch die Spaltung in Sinn und Bedeutung aufzulösen versuchte:

(1) Das Problem des unterschiedlichen Erkenntniswertes für Identitätssätze mit korefenten Ausdrücken:

a. Der Morgenstern ist der Morgenstern.
b. Der Morgenstern ist der Abendstern.

(2) Das Problem der Nicht-Ersetzbarkeit koreferenter Ausdrücke in propo- sitionalen Einstellungssätzen:

a. Lois Lane glaubt, dass Clark Kent Clark Kent ist.
b. Lois Lane glaubt, dass Clark Kent Supermann ist.

Morgenstern und Abendstern referieren auf denselben Gegenstand, die Ve­nus. Doch während (1a) eine bloße Tautologie ausdrückt, ist (1b) für einen astronomischen Laien durchaus informativ - beide Sätze haben unterschied­lichen Erkenntniswert. Propositionale Einstellungssätze - d.h. Sätze, die die Einstellung (glauben, wissen, hoffen, wünschen etc.) einer Person gegenüber einer Proposition ausdrücken - werfen ähnliche Probleme auf: Obwohl die Eigennamen Clark Kent und Superman denselben Referenten besitzen und beide eingebetteten Sätze wahr sind, sind sie in „ungeraden“ bzw. intensio- nalen Kontexten wie (2a) und (2b) nicht salva veritate ersetzbar. Dass Lois Lane glaubt, ihr Kollege Clark Kent sei Clark Kent, ist eine Tautologie, eine logische Wahrheit. Dass sie darüber hinaus glaubt, ihr Kollege Kent besitze Superkräfte und rette in unregelmäßigen Abständen die Einwohner von Me­tropolis vor dem sicheren Tod, ist eine kontingente Behauptung, die sich als falsch herausstellen kann. Hier liegt scheinbar eine Verletzung des Kompo- sitionalitätsprinzips vor: Der Wahrheitswert eines komplexen Satzes ergibt sich aus den Wahrheitswerten seiner Teilsätze sowie der Art ihrer syntakti­schen Verknüpfung. Wie ist es also möglich, dass (2a) und (2b) verschiedene Wahrheitswerte besitzen können, obwohl die eingebetteten Nebensätze beide wahr sind und der Einbettungskontext sich nicht ändert?

Eine rein extensionale Semantik, die die Bedeutung von Eigennamen (und definiten Kennzeichnungen) mit ihrem Referenten und jene von Sätzen mit ihrem Wahrheitswert identifiziert, kann intensionalen Phänomenen wie in (1) und (2) nicht gerecht werden, weil sie weder den offensichtlich unter­schiedlichen Informationsgehalt von (1a) und (1b) noch den ungerechtfertig­ten Schluss von (2a) auf (2b) zu erklären imstande ist. Frege trug den oben geschilderten Problemen Rechnung, indem er vorschlug, zu jedem sprachli­chen Ausdruck neben seiner Bedeutung „noch das verbunden zu denken, was ich den Sinn des Zeichens nennen möchte.“ (Frege, 1892, S. 24) Obwohl Mor­genstern und Abendstern, Clark Kent und Superman gleichbedeutend (kore- ferentiell) sind, unterscheiden sie sich in ihrer Art des Gegebenseins - dem „individuellen Konzept“, welches ihren Referenten festlegt. Wenn man der Co­micserie glaubt, erfasst Lane zwar den Sinn sowohl des Eigennamens Clark Kent, der den bebrillten Journalisten des Daily Planet als seinen Referenten herausgreift, als auch jenen des Namens Superman; ist jedoch nicht in der Lage, die Koreferenz beider Namen festzustellen.

Als Sinn eines Satzes identifiziert Frege den Gedanken: Gleichbedeutende Sätze, d.h. Sätze von demselben Wahrheitswert, können verschiedene Gedan­ken oder Propositionen ausdrücken. Entsprechend drücken die beiden Iden­titätssätze in (1), die die Form a = a und a = b aufweisen, verschiedene Gedanken aus, obwohl die in ihnen enthaltenen Eigennamen auf denselben Gegenstand, die Venus, referieren. Für in intensionale Kontexte eingebettete Sätze ist deshalb nicht die Extension (= Wahrheitswert), sondern ihre In­tension (= Sinngehalt) relevant. Ein Kontext ist intensional (opak), wenn koreferente Determinansphrasen oder äquivalente Teilsätze nicht austausch­bar sind, ohne den Wahrheitswert des vollständigen Satzes zu beeinflussen. Doch wie lassen sich Intensionen im Rahmen einer formalen Semantik reprä­sentieren?

Die vorliegende Arbeit versucht, diese Frage zu beantworten. Abschnitt 2 erläutert an einem Beispiel aus dem Bereich der Fiktion, wie die extensionale Semantik nach Heim u. Kratzer (1998) schrittweise erweitert werden kann, um Äußerungen in intensionalen Kontexten handhaben zu können. Abschnitt 3 behandelt mit Modalverben intensionale Phänomene, die nicht dem Bereich des Fiktiven angehören. Es wird gezeigt, dass Modalverben starke logische Parallelen zu Quantoren aufweisen und als All- und Existenzoperatoren über mögliche Welten analysiert werden können, die in zweifacher Hinsicht kon­textabhängig sind. Die Arbeit orientiert sich in Inhalt und Aufbau an von Fintel u. Heim (2005); die Beispiele wurden nur geringfügig verändert.

2 Mögliche Welten: erste Schritte in Richtung einer intensionalen Semantik

Die Beispiele in Abschnitt 1 beschreiben intensionale Phänomene bei weitem nicht erschöpfend, aber sie lassen den Reichtum unserer Sprache an ähnlichen Konstruktionen erahnen. Die natürliche Sprache verfügt über die Eigenschaft des Displacement. (Vgl. von Fintel u. Heim, 2005, S. 1f.) Ihre Ausdrucks­möglichkeiten erschöpfen sich nicht im Diskurs über das faktische Hier und Jetzt, sondern ermöglichen die Bezugnahme auf vergangene Ereignisse (tem­poral displacement), kontrafaktische oder bloß mögliche Situationen (modal displacement). Einige Beispiele für modales Displacement:

(3) Kontrafaktische Konditionale:

Wenn Frank-Walter Steinmeier die Bundestagswahl gewonnen hätte,

wäre der Bundeskanzler der BRD ein Sozialdemokrat.

(4) Modale Hilfsverben:

a. In Karlsruhe und Umgebung muss es wohl schneien.
b. Marianne muss heute Abend zum Geschäftsessen.
c. Damit das Wasser siedet, musst du es auf 100° C erhitzen.
d. Nach dem „Sandmännchen“ musst du ins Bett gehen.
e. Ich muss niesen.

(5) Modaladverbien:

a. Möglichervjeise wird es morgen in Stuttgart schneien.
b. Notvjendigervjei.se erschien Karl mit Krawatte beim Sektempfang.

(6) Einstellungverben (Propositionale Einstellungssätze):

a. Hans glaubt, dass er von einem Spion observiert wird.
b. Peter wünscht sich, dass an seinem Geburtstag die Sonne scheint.

(7) Substantive:

Es besteht keine Notwjendigkeit, Tierversuche für die Kosmetikindustrie durchzuführen.

Wie die Beispiele (3) - (7) zeigen, ist unsere Sprache reich an modalen Kon­struktionen, die intensionale Kontexte erzeugen. Modale Hilfsverben wie müs­sen, können, wjolien, sollen, dürfen oder brauchen können einer Proposition verschiedene Arten modaler Bedeutung verleihen. Wie die Beispielsätze in (4) zeigen, scheinen[1] modale Hilfsverben ambig zu sein; das Modalverb müs­sen erlaubt verschiedene Lesarten: In (4a) ist die epistemische Lesart na­heliegend. Unter Voraussetzung von physikalischem Hintergrundwissen und verfügbarer Evidenz - beispielsweise Schneereste auf einem PKW mit Karls­ruher Kennzeichen - kann eine Person der gerechtfertigten Überzeugung sein, dass es in Karlsruhe schneien muss. (4b) drückt eine Verpflichtung aus; das muss hat DEONTISCHE Bedeutung. (4c) nennt das notwendige Mittel zu ei­nem Ziel oder Zweck; hier erzeugt das Hilfsverb eine TELEOLOGISCHE Moda­lität. Betrifft die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Handlung oder eines Zustands die Wünsche oder Vorlieben einer Person, so spricht man von BU- letischer Modalität. (4d), von einer besorgten Mutter gegenüber ihrem Sprössling geäußert, erzeugt eine buletische Lesart. Wird vor dem Hinter­grund einer bestimmten kontingenten Menge von Umständen von Notwen­digkeit oder Möglichkeit gesprochen, so bezeichnet man dies als CIRCUM- STANTIELLE oder dynamische Modalität. Wird (4e) beispielsweise von einem Allergiker an einem Frühlingstag geäußert, so weist der Satz auf den Um­stand des starken Pollenflugs hin, der das Niesen für einen Pollenallergiker notwendig macht. Von alethischer oder metaphysischer Modalität schließlich spricht man vor dem Hintergrund des logischen Status von Aussagen: Ein logisch wahrer Satz (eine Tautologie) ist notwendig wahr, eine kontingente Aussage ist möglicherweise wahr und eine Kontradiktion notwendigerweise falsch bzw. unmöglich wahr.[2]

Verben wie glauben, hoffen, wünschen, wähnen oder meinen drücken die Einstellung einer Person gegenüber einer Proposition aus und erzeugen - wie die Adverbien notwendiger- und möglicherweise sowie modale Adjekti­ve und Substantive - intensionale Kontexte. Aber was ist die Intension eines Satzes? Einer weithin akzeptierten Auffassung zufolge sind Intensionen Funk­tionen, die jeder möglichen Welt w die Extension (= Wahrheitswert) eines sprachlichen Ausdrucks a in der jeweiligen Welt zuweisen: Aw.|aJw’“. Alter­nativ kann man die Intension eines Satzes auch als charakteristische Menge darstellen, deren Elemente jene möglichen Welten bilden, in denen die Pro­position wahr ist. Am Beispiel der kontrafaktischen Konditionale (3) wird der Begriff der möglichen Welt deutlich: Häufig nehmen wir auf bloß mög­liche Sachverhalte Bezug - wir formulieren Antworten auf die Frage „Was wäre gewesen, wenn ...?“ Eine mögliche Welt ist also ein Modell dessen, wie unsere Wirklichkeit hätte beschaffen sein können; sie ist eine rational denk­bare Alternative zur aktualen Welt, die sich von unserer wirklichen Welt in einem Detail oder in mehreren Aspekten unterscheidet, ihr andererseits im Hinblick auf fundamentale logische Prinzipien gleicht. Chaotische Welten, in denen die Gesetze der Aussagenlogik außer Kraft gesetzt werden, sind also kein Element der Menge möglicher Welten - dennoch sind potentiell unend­lich viele verschiedene Welten denkbar.

2.1 In der Welt von Sherlock Holmes...

Auf welche Weise können wir unsere extensionale Semantik[3] erweitern, um auch intensionale Kontexte handhaben zu können? Wie können wir beispiels­weise Sätze wie

(8) In der Welt von Sherlock Holmes wohnt ein Detektiv in der Baker Street 221.

(9) Superman liebt Lois Lane.

interpretieren? Nach von Fintel u. Heim (2005) können wir das bestehen­de System aus Ontologie, Lexikon und semantischen Kompositionsregeln in wenigen Schritten erweitern:

I. Ontologie:

Wir erweitern unsere bestehende Ontologie - (Mengen von) Individuen, Wahrheitswerte und Funktionen verschiedener Komplexität - um die Menge aller möglichen Welten W. Jede mögliche Welt besitzt eine eige­ne Domäne von Entitäten, die sich von jener anderer möglicher Welten sowie der wirklichen Welt unterschiedlich stark unterscheiden kann. D ist die (Vereinigungs-)Menge aller Individuen aller möglichen Welten. Unser Beispielsatz (8) beschreibt eine mögliche Welt - nämlich jene Welt, wie sie in den Romanen Sir Arthur Conan Doyles beschrieben wird. In jener Welt, so behauptet (8), lebt ein Detektiv in der Baker Street.

II. Die Bewertungswelt:

Um den Wahrheitswert von (8) und (9) zu bestimmen, reicht kein Blick in die reale, unsere faktische Welt. Die Präpositionalphrase (PP) in der Welt von Sherlock Holmes fungiert als „Weltenverschieber“, als in- tensionaler Operator, der die Auswertung von (8) zu einer möglichen Welt [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] verschiebt, wobei w0 unsere wirkliche Welt ist. In Bei­spiel (9) wird die verschiebende PP in der Welt von Superman nicht overt ausgedrückt, kann aber kontextuell erschlossen werden. Beide Sätze müssen also in einer entsprechenden möglichen Welt - der Be­WERTUNGSWELT - evaluiert werden, weshalb wir zusätzlich zu unse­rem Belegungs-Superskript ein weiteres Welten-Superskript einführen: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die Wahrheitsbedingungen von (9) lauten entsprechend:

(9’) [Superman liebt Lois Lane]w,a = 1,

gdw. Superman Lois Lane in Welt w liebt.

III. Lexikon:

Einige sprachliche Ausdrücke haben weltabhängige Bedeutungen, an­dere nicht. Prädikate sind typischerweise weltabhängig, während der semantische Wert logischer Ausdrücke (Junktoren, Quantoren bzw. De- terminierer) und von Eigennamen kontextunabhängig ist.[4] Wir erwei­tern also unser Lexikon um „weltabhängige“ Prädikate:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während die Eigennamen Superman und Lois Lane als starre Designa­toren in allen möglichen Welten dieselben Individuen denotieren, ist die Menge der geordneten Paare, deren erste Komponente die zweite Komponente liebt, weltabhängig.

IV. Intensionen:

Zu jedem sprachlichen Ausdruck können wir seine Extension, seinen semantischen Wert in w, angeben: [a]wa. In Abschnitt 1 wurde dar­über hinaus bereits die Möglichkeit erörtert, einem sprachlichen Aus­druck seine Intension zuzuweisen: Xw.[a]wa = [a]a. Die Intension von a ist eine Funktion, die jeder möglichen Welt w die Extension von a in w zuweist; sie legt gewissermaßen den Referenten eines sprachlichen Ausdrucks entsprechend einem Kontext fest. Intensionen sind - im Ge­gensatz zur Extension - weltunabhängig, weil sie von der Bewertungs­welt abstrahieren. Entsprechend dem Verfahren der Prädikatsabstrak­tion kann die intensionale Dimension der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks a erzeugt werden, indem über seine Extension [a]wa ab­strahiert wird: Eine Funktion über mögliche Welten wird quasi wieder „aufgemacht“, sichtbar durch die Voranstellung des Xw.

V. Intensionale Operatoren (Shifter):

Intensionale Operatoren wie in der Welt von Sherlock Holmes, in der Welt von Superman, Modalverben etc. verschieben den Welten-Parameter; sie modifizieren einen Satz sowohl auf syntaktischer[5] als auch auf se­mantischer Ebene. Sie nehmen Intensionen von Sätzen, Propositionen, als Argumente und werten die Extension relativ zu einer bestimmten möglichen Welt aus. Die Lexikoneinträge der „Weltenverschieber“ in (8)

[...]


[1] Ob man bei Modalverben tatsächlich von einer Ambiguität ausgehen muss, wird in Abschnitt 3 diskutiert.

[2] Die hier vorgenommene Klassifizierung von Modalität orientiert sich an von Fintel (2006) und wird von einigen weiteren Autoren unterschiedlich vorgenommen. Beispiels­weise unterscheidet Kratzer (1991) nur epistemische, deontische und circumstantielle Mo­dalität.

[3] Wie in Heim u. Kratzer (1998) entwickelt.

[4] Kripke (1981) argumentiert für die These, dass Eigennamen als „starre Designatoren“ in allen möglichen Welten auf dasselbe Individuum referieren.

[5] Vgl. die Baumstruktur in Abbildung 1.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Formale Semantik und mögliche Welten - erste Schritte in Richtung einer Modalsemantik
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Linguistik)
Veranstaltung
HS Referenz und Quantifikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V152892
ISBN (eBook)
9783640649945
ISBN (Buch)
9783640649617
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intensionale semantik, mögliche welten, modalsemantik, formale semantik, heim kratzer, von fintel, modalverben
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts (B.A.) Inga Bones (Autor), 2010, Formale Semantik und mögliche Welten - erste Schritte in Richtung einer Modalsemantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152892

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