Kaum etwas auf dieser Welt bewirkt mehr als die Liebe. Sie macht krank und heilt, sie verursacht Schmerz und bringt Freude, sie hält jung und lässt altern, sie verschönt und vergrämt, aus ihr wächst Leben und manchem ist sie der Tod. Dabei kennt sie keine Grenzen, keine Vorurteile, kein Alter, weder Raum noch Zeit. Liebe ist das Ziel aller menschlichen Sehnsüchte. Unbestritten gehört sie zu den Dingen, die der Mensch notwendig zum Leben braucht. Die Liebe spricht immer aus sich selbst.
Und sie bewegt uns doch, möchte man frei nach Galilei sagen, wenn es um die romantische Liebe geht. Natürlich: in unserer durch die Aufklärung aufgeklärten Zeit, in der alles doppelt und dreifach reflektiert, zitiert und ironisiert wird, findet ein Bekenntnis zur romantischen Liebe in intellektuellen Kreisen – wenn überhaupt – nur noch gebrochen statt. Aber gerade weil mit postmoderner Einstellung „alles geht", funktioniert auch die romantische Liebe wieder. Kassenschlager des Kinos zeigen dies immer wieder: Herz und Schmerz, Sehnsucht und leidenschaftliches Verlangen auch tragischer Untergang – all das rührt uns, obwohl gerade hier der Kitsch so nahe liegt. Dabei ist sie ursprünglich alles andere als kitschig, die romantische Liebe. Denn sie impliziert auch einen enormen anti-bürgerlichen und sozialkritischen Effekt, der um so deutlicher zutage tritt, wenn ihre Verwurzelung in der Religion, speziell im Christentum gesehen wird. So wird auch erklärlich, warum die romantische Liebe im Zuge der Säkularisierung religiöser Überzeugungen und Wertvorstellungen mehr und mehr zum Religionsersatz werden konnte.Die erste Aufgabe der vorliegenden Arbeit besteht darin, die antike Theorie der Liebe und des Eros, welche in Platons „Symposion“ von Sokrates dargelegt wurde und welche er von der Priesterin Diotima empfangen hat, zu erläutern und zu interpretieren. Die zweite Aufgabe ist es, zu untersuchen, welche Folgen und Auswirkungen diese Theorie auf die deutschen Romantiker, konkret auf Friedrich Schlegel und Friedrich Hölderlin, gehabt hat und ob diese Theorie in ihren Romanen „Lucinde“ und „Hyperion“ verkörpert wurde. Des Weiteren werden die Romane unter der besonderen Berücksichtigung der antiken Theorie miteinander verglichen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Platons Ideenlehre
Liebe und Eros in der Antike
Platons Eros
Zusammenfassung
Die Figur der Diotima
Die verschiedenen Arten der Liebe
Der antike Liebesroman
Eros im antiken Liebesroman
Antike und Romantik
Platon in der Romantik
Charakteristik der Romantik
Deutsche romantische Lebensphilosophie unter dem Einfluß der Antike
Klassik und Romantik
Liebe und Eros in der deutschen Romantik
Die antike Begrifflichkeit vom Eros und von der Liebe bei Friedrich Schlegel in „Lucinde“
Einflüsse
Caroline Böhmer
Die neue Mythologie
Müßiggang
Der Begriff der Natur
Die Rolle der Frau als Naturwesen
Der „Diotima-Aufsatz“
Die Struktur des Romans
Rollentausch
Die Prometheusgeschichte
Die Synthese von Geist und Eros
Die Stufen der Liebe
Reaktionen der Freunde
Diotima-Lucinde – Die Auffassung der Liebe bei Friedrich Schlegel
Romantische Liebe
Die antike Begrifflichkeit vom Eros und von der Liebe bei Friedrich Hölderlin im „Hyperion“
Einflüsse
Die Struktur des Romans
Figurenkomposition
Diotima
Der Begriff der Liebe
Spinoza und seine Bedeutung für „Hyperion“
Das Wesen der Schönheit
Die Elemente der Romantik
Die Aspekte des Griechenlandbildes im „Hyperion“
Griechenland – Ideenreich unsterblicher Schönheit
Der Begriff der Natur
Eros bei Friedrich Hölderlin
Eros bei Friedrich Schlegel
Die Verständnisparallelen beider Romane
Romantische Liebe ist ganzheitliche Liebe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit analysiert die antike Eros- und Liebeskonzeption, wie sie in Platons „Symposion“ durch Sokrates und Diotima überliefert wird, und untersucht deren fundamentale Auswirkungen auf das Liebesverständnis der deutschen Romantiker Friedrich Schlegel und Friedrich Hölderlin.
- Interpretation der platonischen Eros-Theorie und ihrer philosophischen Grundlagen.
- Analyse der Rezeption der Diotima-Figur in den Romanen „Lucinde“ und „Hyperion“.
- Untersuchung der romantischen Lebensphilosophie und des Konzepts der „Romantischen Liebe“.
- Vergleich der unterschiedlichen dichterischen Umsetzungen bei Schlegel und Hölderlin.
- Formulierung einer Definition romantischer Liebe im Kontext der Epoche.
Auszug aus dem Buch
Die Figur der Diotima
Das Wissen Diotimas in Platons Symposion, in ihrer Eigenschaft als Seherin und damit Verkünderin göttlichen Wortes, entzieht sich dem willkürlichen und vor allem dem allzeit verfügbaren Zugriff. Diotimas Wirkungsbereich gleicht in mancher Hinsicht dem des Eros. Die Seherin ist einerseits Sokrates philosophische Lehrerin, anderseits aber auch Verwalterin und Bewahrerin eines nicht ohne weiteres zugänglichen Wissens, und steht damit auf Seiten der Gottheit.
„Diotima ist in diesem Miteinander von Logischem und Mystischen ein Spiegelbild des von ihr geschilderten Eros.“
Sokrates führt in ein von Männern abgehaltenes Symposion eine Frau ein. Eine Reihe von inneren Notwendigkeiten begründen diese Wahl. In erster Linie geht es hier um die Zeugung und Geburt, in zweiter Linie kann nur eine Seherin die Wahrheit verkünden und drittens, geht es um die Destruktion des Weiblichen. Es muss an dieser Stelle berücksichtigt werden, dass die Rolle der Frau in der Antike sich auf die Unterhaltung der Männer, Haushalt, ihre eigene Schönheit und die Rolle der Mutter beschränkt wurde. Die Frau als Gelehrte war eine Seltenheit.
„Wohl um die Demütigung seines Gegenübers zu mildern, aufkommende Erregung ins Leere zu lenken und seinen Diskurs darüber hinaus ins Unangreifbare zu rücken, führt Sokrates die Gestalt der Diotima ein, welche, wie er vorgibt, ihn unterrichtet habe über die Dinge der Liebe und die Wahrheit des Eros.“
Die Stimme der Frau verdrängt Eros endgültig aus seiner göttlichen Position.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Liebe als zentrales philosophisches und romantisches Thema ein und skizziert die methodische Untersuchung der antiken Eros-Theorie bei Schlegel und Hölderlin.
Platons Ideenlehre: Das Kapitel erläutert die platonische Teilung der Welt in Wahrnehmungs- und Ideenreich sowie den Stellenwert der Vernunft für die Erkenntnis ewiger Formen.
Liebe und Eros in der Antike: Hier wird der Ursprungsmythos der Liebe bei Aristophanes und die Rolle der Diotima als Vermittlerin göttlicher Weisheit dargestellt.
Platons Eros: Dieses Kapitel definiert Eros bei Platon nicht als sinnliches Verlangen, sondern als zielgerichtetes Streben nach dem Schönen, Guten und der höchsten Wirklichkeit.
Zusammenfassung: Eine komprimierte Darstellung der vorangegangenen Kapitel, die Eros als Symbol menschlichen Strebens nach dem Vollkommenen resümiert.
Die Figur der Diotima: Diese Analyse beleuchtet Diotimas Status als Seherin und deren Funktion bei der Einführung des Weiblichen in den männlich dominierten philosophischen Diskurs.
Die verschiedenen Arten der Liebe: Ein Überblick über soziologische und psychologische Klassifikationen von Liebesstilen, von Eros über Storge bis hin zu Mania und Agape.
Schlüsselwörter
Platon, Eros, Diotima, Friedrich Schlegel, Friedrich Hölderlin, Romantik, Lucinde, Hyperion, Ideenlehre, Romantische Liebe, Philosophie, Griechentum, Mythologie, Antike, Lebensphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rezeption der antiken platonischen Eros-Konzeption durch die deutschen Romantiker Friedrich Schlegel und Friedrich Hölderlin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das platonische Ideenreich, die Figur der Diotima, das romantische Frauenbild sowie die philosophische Grundlegung der Liebe bei Schlegel und Hölderlin.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu erörtern, wie die antike Theorie der Liebe die deutschen Romantiker beeinflusste und wie diese ihre eigenen Romanfiguren auf Basis dieser Theorie konstruierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche und philosophiehistorische Analyse der Primärquellen (Dialoge Platons, Romane von Schlegel und Hölderlin) und setzt diese in den Kontext der zeitgenössischen Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt tiefgehend die philosophischen Grundlagen (Ideenlehre), die literarische Adaption in den Werken „Lucinde“ und „Hyperion“ sowie die kritische Reflexion des Liebesbegriffs durch die Zeitgenossen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Platon, Diotima, Romantik, Eros, Lucinde, Hyperion, Liebe und Idealismus.
Inwiefern beeinflusste Caroline Böhmer das Werk von Friedrich Schlegel?
Caroline Böhmer wird als reale Inspirationsquelle für die Figur der Lucinde identifiziert; sie schärfte Schlegels Verständnis der frühgriechischen Diotima-Figur.
Wie unterscheidet sich Hölderlins Diotima von der bei Platon?
Während die platonische Diotima als philosophische Lehrerin fungiert, fungiert Hölderlins Diotima bei „Hyperion“ eher als eine in die Dichtung zurückkehrende, idealisierte Figur, die für die Einheit von Natur und Mensch steht.
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- Julia Lukjanova (Author), 2003, Die antike Eroskonzeption bei F. Hölderlin und F. Schlegel, ausgehend von der Theorie der Diotima in Platons Symposion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15293