Warum die Menschen immer intelligenter, aber nicht klüger werden

Zur Wirkung der Geldwirtschaft auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen


Essay, 2010
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

ÄWerden die Menschen immer klüger - oder nur intelligenter?“ titelte der Journalist Matthias Becker auf dem Onlineportal telepolis am 20.05.2008 einen seiner Artikel. Hintergrund ist die Tatsache, dass das 20. Jahrhundert Ämassive IQ gains from one generation to another“ (Flynn 2008: 2) verzeichnen konnte. Angesichts des Umstandes, dass wir im Alltag Klugheit und Intelligenz faktisch gesehen als das Gleiche betrachten und im Gespräch auch oft so benutzen, stellt sich die Frage, ob der IQ-Gewinn für Intelligenz und Klugheit gleichermaßen gilt, erst einmal nicht. Denn beide Wörter beschreiben demnach die gleiche kognitive Fähigkeit. Der ÄFlynn-Effekt“ beschreibt genau das oben angedeutete Phänomen, nämlich dass die industrialisierten Staaten eine Steigerung des durchschnittlichen IQ verbuchen konnten - die Menschen wurden also intelligenter (Vgl. ebd.: 2). Doch heißt das nun auch, dass sie tatsächlich klüger werden und wenn nicht, wo ist der Unterschied zwischen diesen beiden Bezeichnungen? Diese Frage ist der Ausgangspunkt dieses Essays. Meine These lautet, dass die Menschen, geschuldet der Geldwirtschaft, intelligenter werden und dabei immer mehr den Bezug zum alltäglichen Konkreten verlieren. Ich werde nun zuerst den Charakter der Intelligenz nach Simmel beschreiben und seine Diagnose des Einflusses des Geldes auf die selbige. Dann werde ich die Test-Ergebnisse die Flynn ermittelt hat mit Simmels Intelligenzbeschreibung vergleichen. Anschließend zeige ich mit Simmel welche Folgen die steigende Intelligenz auf den Menschen und sein Leben haben kann. Hierzu werde ich auch einige Ergebnisse Flynns aufzeigen. Abschließend werde ich versuchen zu zeigen, warum es sinnvoll ist Klugheit und Intelligenz voneinander zu trennen und im Alltag entsprechend zu handhaben.

Nach Simmel verfügt die kognitive Fähigkeit des Intellekts über keine intrinsische Zielvorstellung. Sein Inhalt ist quasi leer. Es handelt sich bei ihm um eine leere Hülse, vergleichbar vielleicht mit einem Schienennetz, das einem zum Ziel bringen kann - sofern ein Zug fährt. Simmel sieht den Intellekt dadurch in Nachbarschaft mit dem Sollen und dem Hoffen. Ohne Inhalt sind diese psychologischen Formen Sollen, Hoffen und eben Intellekt leer. Ihnen fehlt das Telos, die Zwecksetzung. Diese Hülsen können in Anspruch genommen werden, vornehmlich vom Wollen. Ist es dazu gekommen, so wird die Hülse des Intellekts zum Mittel des Zwecks. Der Wille sorgt für ein Ziel, dem sich das Wollen mittels der Lok des Intellekts nähern kann. Der Intellekt ist nun das kausalverbindende Mittel und das Erreichen des Ziels geschieht über seine Kanäle und Bahnen. Die Berechnung der Mittel wird zentral. Was und in welcher Reihenfolge muss ich alles tun, um mein Ziel zu erreichen (Simmel 1989 1900: 455f.)? Simmel nennt die Gesamtheit der verschiedenen Zwischenhalte und Punkte auf der langen Linie der verschiedenen Mittel zum Ziel Äteleologische Mittelreihen“ (ebd.: 457). Diese Reihen werden laut Simmel immer länger. Bevor das Ziel erreicht wird, müssen immer mehr Zwischenstationen erfüllt werden. In der ÄGegenwart [1900 J.R.], in der die Umwege und Vorbereitungen (…) ins Endlose wachsen“ (ebd.: 457); wie sehr dann erst heutzutage? Zumindest hat das zur Folge, dass der Intellekt immer stärker beansprucht und folglich auch zentraler im Leben wird. Doch wieso werden die teleologischen Mittelsreihen länger, was prolongiert sie? Den Grund dafür sieht Simmel im Geld (Vgl. ebd.: 457). Denn Angelegenheiten die mit Geld zu tun haben, werden vom Menschen auf der Ebene des Verstandes und des Intellektes behandelt. Dies liegt wiederum am ÄMittelscharakter des Geldes“. Und alle Mittel haben zur Folge, dass Beziehungen und Verkettungen in der Wirklichkeit in unseren Willensprozess als objektives abstrahiertes Bild der Kausalverknüpfungen untereinander eingebettet werden. Daraus folgt, dass ein Verstand, der alle diese kausalen Zusammenhänge über- und durchschauen könnte, für jedes in ihn gesteckte Ziel, die perfekte Wahl der Mittel und Zwischenstationen treffen könnte (ebd.: 455). Doch wie kommt nun die Verlängerung der Reihen zustande? Wie genau wirkt die Geldwirtschaft darauf ein? Nun, das Geld bringt auseinanderliegende Interessen durch die Schaffung eines für beide zentralen Interesses in Verbindung. So dass das eine Interesse zur Vorbereitung eines gänzlich anderem, ihm sogar fremden wird. Braucht die Krankenschwester Feuerholz für den Winter, so muss sie erst Patienten verpflegen und Krankenakten verwalten, um den dafür erhaltenden Lohn gegen Feuerholz einzutauschen. Diese Tätigkeiten haben an sich aber rein gar nichts mit dem Feuerholz zu schaffen. Diese Verbindung besorgt die Geldwirtschaft. Doch das eigentlich Wesentliche für Simmel ist dabei, dass das Geld selbst eher als Zweck denn als Mittel empfunden wird und dadurch andere Dinge, welche eigentlich als Selbstzweck gedacht waren, zu Mitteln herabdrückt. Warum arbeitet die Krankenschwester, um den Menschen zu helfen, oder doch nur, um an die Lohntüte zu gelangen? Auch wenn die Antwort hierauf jeweils im Einzelfall abgewogen werden sollte; der eigentlich Clou ist, dass das Geld selbst immer noch Mittel zu allen Dingen ist, obwohl es eher als Endzweck der Tätigkeiten empfunden wird. Hieraus spinnt sich nun ein allesdurchdringendes Netz von teleologischen Zusammenhängen, wo kein Mittel das erste, keins das letzte ist (Vgl. ebd.: 457f.). Wir halten also fest, dass das Geld dafür sorgt, dass viele Dinge zu Mitteln werden und dass das Geld auch Mittel ist. Der Intellekt hat eine größere Auswahl an Mitteln, um an sein Ziel zu kommen. Es wundert also nicht, dass die Intelligenz durch dieses Fördern und Fordern ein Übergewicht gegenüber anderen psychischen Funktionen erlangt (Vgl. ebd.: 457). Stimmen wir Simmel zu, so stimmen wir auch der These zu, dass die Menschen immer intelligenter werden oder zumindest intelligenter geworden sind als ihre Vorfahren, die nicht in einer Finanz- und Berufswelt lebten. Kann das sein?

Um dies prüfen und auch um die Frage zu klären, ob unsere Vorfahren dementsprechend auch dümmer waren als wir, betrieb James Flynn Forschungen zur Intelligenz (Flynn 2008: 9). Aus den Daten aus verschiedenen Industrie- aber auch einigen Entwicklungsländern errechnete Flynn eine konstante Zunahme des IQ um 0,5 Punkte pro Jahr seit den 1950er Jahren. Aber auch schon früher wurden Untersuchungen angestellt, so von Reed Tuddenham. Er untersuchte und verglich IQ-Testergebnisse von US- amerikanischen Soldaten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges - letztere konnten höhere Punktzahlen erzielen (ebd.: 2, 8). Flynns kleine Probanden mussten den Wechsler Intelligence Scale for Children (WISC) ausfüllen. In den letzten 50 Jahren konnte der Teiltest über Sinnzusammenhänge und Gemeinsamkeiten (similarities subtest) einen Zugewinn von 24 IQ- Punkten erzielen (ebd.: 19). Die Frage dieses Tests lautete: ÄIn what way are ‚dogs‟ and ‚rabbits‟ alike?“ (ebd.: 5). Der Teiltest über Verständnis (comprehension subtest) konnte in den letzten 50 Jahren ein Zugewinn von elf Punkten verbuchen. Hier lautete die Frage: ÄWhy are streets usually numbered in order?“ (ebd.: 5, 19). Es scheint, dass Flynns Ergebnisse die Schlussfolgerung Simmels bestätigen: Die Menschen werden immer intelligenter, oder zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Ob der Trend anhält müssen künftige Untersuchungen klären. Auf der anderen Seite zeigt sich also auch vorerst die Vermutung bestätigt, dass die Menschen früher nicht so intelligent waren.

Kehren wir hiermit zurück zu Simmel und seinen teleologischen Mittelsreihen. Wenn das Geld durch seinen Mittelscharakter dafür sorgt, dass die Länge der teleologischen Mittel zunimmt, wie hat es sich dann zu Zeiten verhalten, als die Geldwirtschaft noch nicht so ausgeprägt war, wie zu Simmels Zeit? Simmel nimmt, um dies zu veranschaulichen, Bezug zum Mittelalter. Da die Menschen damals vor allem Subsistenzwirtschaft betrieben haben, war das Geld mit seinen verbindungsschaffenden Eigenschaften zwischen den Interessen nicht dermaßen zentral wie heute. Ergo lebten die Menschen damals nicht in einem allesdurchdringenden Netz aus teleologischen Zusammenhängen (Vgl. Simmel 1989[1900]: 457). Und das wiederum bedeutet, dass der Intellekt nicht so sehr gefordert und gefördert wird wie einige hundert Jahre später. Denn dort, wo die Umstände kurze Mittelreihen zulassen, kommt der Mensch viel häufiger in Genuss des Endzweckes. Und das Erreichen des Endpunktes ist verknüpft mit Emotionen. Jeder freut sich, wenn er etwas geschafft hat.

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Details

Titel
Warum die Menschen immer intelligenter, aber nicht klüger werden
Untertitel
Zur Wirkung der Geldwirtschaft auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziologische Theorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V153151
ISBN (eBook)
9783640652051
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Simmel, Simmel, Flynn, Flynn-Effekt, Intelligenz, Philosophie des Geldes
Arbeit zitieren
Jochen Rehmert (Autor), 2010, Warum die Menschen immer intelligenter, aber nicht klüger werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153151

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