Der Handbewegung auf der Spur

Fachpraktische Prüfung im Fach Textilgestaltung


Studienarbeit, 2008
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theoretische Vorüberlegungen zur fachpraktischen Prüfung

2. Die Hand und ihr Zugriff

3. Aspekte der Kunst- und Kulturgeschichte der Hand

4. Umsetzung der praktischen Arbeit

5. Reflexion der Arbeit

6. Literaturverzeichnis

1 Theoretische Vorüberlegungen zur fachpraktischen Prüfung

Im Rahmen meiner fachpraktischen Prüfung habe ich mich mit dem Thema „Der Handbewegung auf der Spur“ auseinandergesetzt.

Hände können fast alles. Mit ihnen greifen und begreifen wir, mit ihnen können wir schlagen und weh tun, mit ihnen können wir streicheln und zärtlich sein. Unsere Hände sind fast immer im Spiel, mit ihrer Hilfe „begreifen“ wir die Welt, drücken in einer variantenreichen Gestensprache unsere bewussten oder unbewussten Gefühle aus und vollziehen den Austausch von Geben und Nehmen.

Dabei ist die Hand doch ein uns alle betreffendes, griffiges Thema, das in angenehmer Reichweite liegt. Es ist mit der Menschwerdung des Menschen eng verbunden, hat zu tun mit Hirn und Sprache, mit der Erfindung von Werkzeugen vom Faustkeil bis zur Cyberspace-Hand, mit Wahrsagerei, Fühlen und Tasten, Greifen und Schlagen, mit öffentlicher Geste, mit Denken und Begreifen - und natürlich mit Machen, Schaffen, Erschaffen, Schöpfen. Die Welt des Menschen ist letztlich handgemacht (Pfeifer, A., 1999, S. 7).

Wir heute nehmen sie umstands- und oft ahnungslos in Gebrauch, drücken die Klingel, wählen die Telefonnummer, zählen unser Geld, sägen, hobeln, schleifen, hämmern, steuern das Auto, lieben, essen, trinken, schreiben mit ihr, heben sie abwehrend, öffnen sie einladend, zeigen, weisen, deuten, blättern, wir erheben sie zum Gebet, ballen sie zur Faust, schwören, ziehen einen Faden durchs Nadelöhr, klimpern auf dem Piano oder der Fernbedienung und viele andere Beispiele.

Wir erleben unsere Hände meist in vielfältiger, ununterbrochener Aktion und machen uns kaum Gedanken über diese mit Tausenden von Tast-, Druck-, Temperatur- und Schmerzsensoren ausgestatteten Wunderwerke der Natur. Auf der ganzen Welt findet sich fast nichts, was nicht von der menschlichen Hand bereits berührt worden wäre. Alle Gegenstände, mit denen wir uns umgeben, tragen - wenn auch unsichtbar - diese Erinnerung in sich.

Die Aufgabe meiner fachpraktischen Prüfung lautet wie folgt: „Setzen Sie sich mit dem Thema „Die Spuren der Handbewegungen“ auseinander, erläutern Sie die Herangehensweise und begründen Sie alle verwendeten Gestaltungselemente. Dokumentieren und reflektieren Sie Fragestellung, Prozess und Produkt Ihrer Arbeit.“

Die Hand, mit der wir vornehmlich die Welt, die Mitmenschen und die Dinge, das Stoffliche aktiv erfühlen, begreifen und verändern, nehme ich zum Anlass, auf die hinterlassenen Spuren der Handbewegungen aufmerksam zu machen. In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit alltäglichen Phänomenen, die uns so vertraut sind, dass sie uns nicht mehr zum Nachdenken anregen. Gerade deshalb gerät die Hand, mit der wir gestikulieren, fühlen, begreifen oder andere Objekte verändern, zum Forschungsobjekt.

Die Bewegungen der Hände bewegen den ganzen Körper - Sehnen, feinstes Muskelspiel, die Körperspannung, Knochen, Gelenke.

Hände können die Welt erkunden und die Welt gestalten, sie sind Ausdruck unserer Gefühle und Werkzeuge unseres Geistes.

2 Die Hand und ihr Zugriff

„Die Hände sind das Werkzeug des Geistes“, schrieb Immanuel Kant und meinte damit das subtile Wechselspiel zwischen motorischer Steuerung, Sinnesempfindung der Hand, optischen Eindrücken und der Vernetzung all dieser Wahrnehmungen im Gehirn. Dieses einzigartige Werkzeug „Hand“ befähigt den Menschen zu seiner Kreativität, lässt ihn schaffen, formen, gestalten (Gröning, K., 2000, S. 16). Unsere Hände haben sich im Laufe von Jahrtausenden entwickelt und maßgeblich die Funktion unseres Gehirns beeinflusst. Noch vor dem Hören und dem Sehen bildet sich der Tastsinn bei einem Embryo im Mutterbauch aus. Nach der Geburt muss ein Kind "begreifen", um Erfahrungen zu sammeln und erwachsen zu werden. Über die gesamte Körpermotorik, aber insbesondere der Motorik der Hände, entwickelt sich unser Gehirn. Über das Greifen, Tasten und "Begreifen" entsteht Denken und Intelligenz.

Bei Aristoteles findet sich der von den Erforschern der Kulturgeschichte der Hand immer wieder gern zitierte Satz, die Hand sei das Werkzeug der Werkzeuge. Er erläutert das so: Die Hand ist aber nicht nur ein Werkzeug, sondern vereinigt in sich eine Mehrheit von solchen; sie ist gewissermaßen ein Werkzeug an Stelle von Werkzeugen. lm Gegensatz zu den Tieren habe der Mensch „die Möglichkeit, sich vieler Schutzmittel zu bedienen und diese immer zu wechseln, und jede Waffe, wie und wo er will, zu führen. Denn ihm dient die Hand als Kralle, als Klaue und als Huf, und er kann sie mit Schwert und Speer heuoffnen oder mit welcher Waffe und mit welchem Werkzeug er will“.

Die Hand ist zuallererst nacktes Werkzeug. Mit ihr stellte und stellt der Mensch sich sein riesiges Arsenal von immer spezielleren, feineren, stärkeren, funktionstüchtigeren Werkzeugen her. Mit ihr hat er sich seine Welt geschaffen.

Die schöpferischen Möglichkeiten der Menschenhand zeigen sich schon bei den ersten Anfängen der Menschwerdung: Einen Stein zu packen und zu benutzen oder auch einen Stock, dazu scheint nicht eben ein Übermaß an Griff-Geschicklichkeit und Intelligenz vonnöten, das können auch die Affen, denn das ist Verstärkung und Verlängerung des in Faust und Arm anatomisch Angelegten. Aber einen Stein planvoll zur Brauchbarkeit herzurichten und aus ihm etwa einen Faustkeil zu formen, dazu benötigt es eine Zielvorstellung, lange Erfahrung, viel Geduld und Geschicklichkeit - das weiß jeder, der es mal probiert hat.

Hände vermitteln zwischen den Dingen und dem Körper, wodurch beide Seiten nicht unverändert bleiben. Die Hand verändert zum einen die Gegenstände, indem sie sie bearbeitet, zum anderen wirkt bereits die reine Berührung von Gegenständen verändernd: Wenn wir die Dinge im taktilen Kontakt erkunden, erzeugt diese Berührung Bewusstsein über die Welt, in der wir leben (Gebauer 1997, S. 480)

3 Aspekte der Kunst- und Kulturgeschichte der Hand

Die Hand des Menschen hat als Organ der Erkenntnis und des Ausdrucks in der Geschichte der Kunst eine hervorragende Bedeutung. Die ersten isolierten Hände stammen aus der Zeit der frühesten künstlerischen Formulierungen überhaupt (Abb. rechts). Gideon sah in diesen farbigen Handabdrücken den Beginn der Malerei.

Rund 30 000 Jahre alt sind die frühesten Hände der frankokantabrischen Höhlenmalerei.

95% aller Handabdrücke sind in diesem Herstellungsprozess entstanden, indem man die Farbe um die aufgelegte Hand herum auf die Felswand blies. Hierbei handelt es sich um negative Handabdrücke und nicht um die mit weniger Mühe zu erlangenden positiven Handabdrücke, bei denen die Hand nur in die Farbe getaucht wird.

Die bedeutendste Manifestation der Hand in der christlichen Kunst ist die Hand Gottes, die das Symbol für Gottvater vom 4- bis zum 13. Jahrhundert ist. Das Motiv übernimmt das Christentum von der jüdischen Kunst der Spätantike, wo es zuerst in fünf Szenen der Wandmalereien der Synagoge von Dura-Europos um 245 erscheint. Für die jüdische Kultur ist das zweite Gebot: »Du sollst dir kein Gottesbild machen« bindend, deshalb wird hier die anthropomorphe Darstellung umgangen und die Hand als Stellvertreter Gottes eingesetzt (Krimmel, Babette, 1999, S. 39).

Der Hand wird in fast allen Kulturen eine Bedeutung beigemessen, die weit über ihre physiologische Funktion hinausgeht. Im Hinduismus existieren vielarmige Gottheiten, und bei den Religionsausübungen des Buddhismus sind den mudra genannten vielfältigen Finger- und Handstellungen symbolische Bedeutungen und magische Wirksamkeiten zugeordnet. Auch die selbständige Hand als Symbol einer Gottheit findet man in anderen Religionen, sie taucht bereits auf altassyrischen Rollsiegeln aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. auf (Krimmel, Babette, 1999, S. 39).

Die Darstellung der Hände im Porträt gewinnt an Bedeutung mit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, in einem Moment, als das Interesse des Künstlers nicht nur auf die äußerliche Erscheinung des Porträtierten gerichtet war, sondern auch auf den Seelenzustand des Dargestellten abzielte. Denn die Hände bieten ein wichtiges Instrumentarium bei einer eher psychologisierenden Sichtweise der Bildnisse. Schon Leonardo forderte von einem guten Maler, er solle einen Menschen in seiner Vorstellungswelt zeigen, indem er mittels Gesten und Bewegungen der Körperglieder den Seelenzustand des Dargestellten offen lege. Er unterstreicht gerade die Bedeutung der Hände, wenn er schriftlich fixiert: „Die Figur ist des größten Lobes wert, die mit ihren Gesten die Leidenschaft ihres Gemüts am besten ausdrückt.“ (...) „In allen ihren Verrichtungen sollen die Hände soviel wie nur möglich die Absicht des sie Bewegenden verdeutlichen; denn mit ihnen begleitet, wer lebhaft empfindenden Geistes ist, in allen Bewegungen, was seine Seele ausdrücken will."( Krimmel, Babette, 1999, S. 32).

Zu den berühmtesten Handzeichnungen gehören wohl die „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer. Diese Tradition setzt auch in der klassischen Moderne Fernand Leger fort, der für seine großformatigen Arbeiten eine Vielzahl von Handzeichnungen fertigte. Die Hand als Arbeitsgerät des Künstlers thematisiert M.C. Escher in seiner Lithografie „Zeichnen“, einem Spiel zwischen Abbildung und Wirklichkeit, Fläche und Raum.

Künstler des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, wie Friedrich Amerling, Wilhelm Leibl, Albin Egger-Lienz setzen die Hände als wichtigste Träger von inneren Spannungen und Emotionen zum Teil äußerst expressiv in Szene.

Die Plastiken des 20. Jahrhunderts stellen die Hände dar, die Signale setzen, die begreifen. Sie wachsen scheinbar aus dem Nichts - suchend, krallend, flehend, warnend. Es sind Gesten, die Eigendynamik entwickeln, denn sie sind nicht in ihrer Materialisierung erstarrt, sondern, Emotionen entfaltend, in ihr verlebendigt.

Für den Bildhauer Rodin waren die Hände Inbegriff der kreativen, göttlichen Schaffenskraft. Es gibt im Werke Rodins Hände, selbständige, kleine Hände, die ohne zu irgendeinem Körper zu gehören, lebendig sind. Hände, die sich aufrichten, gereizt und böse. Es gibt eine Geschichte der Hände, sie haben tatsächlich ihre eigene Kultur, ihre besondere Schönheit; man gesteht ihnen das Recht zu, eine eigene Entwicklung zu haben, eigene Wünsche, Gefühle, Launen und Liebhabereien. Eine Hand, die sich auf eines anderen Schulter oder Schenke! legt, gehört nicht mehr ganz zu dem Körper, von dem sie kam (Rilke, R. M., 2001).

Die künstlerische Fotografie entwickelte seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen neuen Blick für den menschlichen Körper. Sie wagte sich näher an ihre Motive heran, die Formen verständigten sich. Körperteile, insbesondere die Hände, wurden zu eigenständigen Objekten, die für die Person insgesamt stehen. So entstanden Bildkompositionen, die die Hand zur Metapher des Lebens erklären.

In meiner fachpraktischen Prüfung wird das "Werkzeug" Hand, mit dem wir fühlen, begreifen, gestalten oder andere Objekte verändern, zum Forschungsobjekt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Handbewegung auf der Spur
Untertitel
Fachpraktische Prüfung im Fach Textilgestaltung
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Kunst und Kunsttheorie)
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V153159
ISBN (eBook)
9783640655441
ISBN (Buch)
9783640656257
Dateigröße
4037 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fachpraktische Arbeit, Handmodelle, Gips, Fotoserie
Arbeit zitieren
Marina Lindekrin (Autor), 2008, Der Handbewegung auf der Spur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153159

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Handbewegung auf der Spur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden