Die Rolle der Religion in der sozialen und politischen Entwicklung Vietnams


Bachelorarbeit, 2008
43 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Überblick
2.1 Chinesische Fremdherrschaft und folgende vietnamesische Dynastien
2.2 Tay Son Rebellion und Beginn der Nguyen Dynastie
2.3 Nguyen Dynastie und französische Kolonialherrschaft
2.4 Teilung des Landes (1954) und Wiedervereinigung (1975)

3. Religionen und philosophische Lehren in Vietnam
3.1 Die religiösen Vorstellungen der Vietnamesen
3.2 Buddhismus in Vietnam
3.2.1 Einführung des Buddhi smus unter chinesi scher F remdherrschaft
3.2.2 Der Buddhismus ab 938
3.2.3 Buddhismus während der Ly Dynastie (1010-1225)
3.2.4 Buddhismus während der Trän Dynastie (1225-1400)
3.2.5 Buddhismus während der Le Dynastie (1428-1786)
3.3 Taoismus in Vietnam
3.4 Konfuzianismus in Vietnam
3.4.1 Vergleich der Staatsideologie in Vietnam und China
3.4.2 Einfluss des Konfuzianismus auf die Politik in Vietnam
3.5 Die christlich-europäische Missionierung
3.5.1 Die ersten Kontakte
3.5.2 Der Katechismus von Alexandre de Rhodes
3.5.3 Der Verlauf der christlichen Missionierungen
3.6 Religion während der Nguyen Dynastie

4. Religion während der französischen Kolonialherrschaft
4.1 Wiederbelebung des Konfuzianismus auf gesellschaftlicher Ebene
4.2 Revival des Buddhismus
4.2.1 Revival im Süden
4.2.2 Revival im Norden
4.2.3 Revival in Zentralvietnam
4.2.4 Erfolge des Revivals
4.3 Entstehung neuer buddhistischer Sekten
4.3.1 Cao Bai Sekte
4.3.2 Hoa Hao Sekte

5. Teilung des Landes 1954-1975
5.1 Situation im Norden
5.2 Situation im Süden
5.2.1 Zur Person Ngö Binh Diem
5.2.2 Diems Politik und der Widerstand der Buddhisten

6. Religion in der Sozialistischen Republik Vietnam
6.1 Die marxistisch-leninistische Religionskritik
6.2 Die christlichen Gemeinden
6.3 Die Buddhisten
6.4 Cao Bai und Hoa Hao
6.5 Volksglaube
6.6 Wachsende Bedeutung von Kultstätten seit Böi Moi
6.6.1 Der Kult um die Lady of the Treasury (Ba Chua Kho)
6.6.2 Der Umgang der Behörden mit dem Kult
6.7 Religiöse Feste und Ahnenverehrung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Arbeit ist die Rolle der Religion in der politischen und sozialen Entwick­lung Vietnams. Im zweiten Kapitel wird ein historischer Überblick gegeben, in dem die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Vietnams erläutert werden. Im dritten Kapitel wer­den die verschiedenen Religionen und philosophischen Lehren, die wir in Vietnam vorfinden, vorgestellt. Dabei wird darauf eingegangen, welche Rolle der Religion von den einzelnen Herrschern gegeben wurde und in wieweit diese die Religionsausübung und -verbreitung unterstützten oder einschränkten. Da Vietnam ein ganzes Jahrtausend lang unter chinesischer Fremdherrschaft stand, sprechen viele Wissenschaftler von einem sinisierten Vietnam. Des­halb soll auch die Frage geklärt werden, wie stark der Einfluss des Konfuzianismus in Viet­nam wirklich war. Konnte sich der Konfuzianismus neben seiner Funktion als Herrschaftsle­gitimation in der Gesellschaft verankern? Neben dem Konfuzianismus wurde unter der chine­sischen Fremdherrschaft der Buddhismus in Vietnam eingeführt. Es soll dargestellt werden, wie die buddhistische Lehre vom Volk aufgenommen wurde und unter den verschiedenen vietnamesischen Dynastien ihre Blütezeit erreichte. Wie konnte sich der Buddhismus neben dem Volksglauben der Vietnamesen und dem Konfuzianismus etablieren? Änderte sich seine Funktion nach der Unabhängigkeit Vietnams? Auch der Taoismus wird erläutert. Mit der An­kunft der französischen Missionare kam im 16. Jahrhundert das Christentum nach Vietnam. Hier soll erläutert werden, wie die Missionare, die bei der Verbreitung ihrer für die Vietnamesen fremden Lehre von den Herrschern nur bedingt geduldet wurden, Fuß fassen konnten und den Vietnamesen das Christentum näher brachten, so dass es bis zur heutigen Zeit bestehen konnte. In Kapitel vier liegt der Schwerpunkt auf der Wiederbelebung des Buddhismus und des Konfuzianismus während der französischen Kolonialherrschaft. Hier soll erläutert werden, welchen Einfluss die Kolonialherrschaft auf die Religionsgemeinschaften hatte und wie versucht wurde, neben den aufkommenden marxistischen Bewegungen den Buddhismus als Staatsideologie zu etablieren. Kapitel fünf schildert die Religionspolitik zur Zeit der Teilung des Landes, die im Süden unter dem Diktator Diem durch die Bevorzugung des Christentums und die Unterdrückung aller anderen Religionen gekennzeichnet war. In Kapitel sechs werden die Religionspolitik der Sozialistischen Republik Vietnams nach der Wiedervereinigung und die Auswirkungen auf die einzelnen Religionsgemeinschaften erläutert. Wie konnten diese trotz der marxistisch­leninistischen Staatsideologie weiter bestehen? Welchen Problemen waren sie ausgesetzt? Schließlich wird erläutert, welche Auswirkungen die Böi Moi Reformen auf die Religionspolitik der kommunistischen Partei hatten und welche Veränderungen wir seitdem in der Gesellschaft beobachten können. Anhand der aktuellen Veränderungen können wir erkennen, dass während der seit 1986 eingeleiteten Phase der wirtschaftlichen und bis zu ei­nem gewissen Grad auch politischen Erneuerungen die Religionen und vor allem der Volks­glaube nach Jahrzehnten der Unterdrückung eine Wiederbelebung erfahren.

2. Historischer Überblick

Um die Ereignisse, die in dieser Arbeit beschrieben werden, historisch einordnen zu können, ist es wichtig, einen kurzen Abriss der vietnamesischen Geschichte darzustellen.

2.1 Chinesische Fremdherrschaft und folgende vietnamesische Dynastien

Von 211 vor Christus bis 938 nach Christus war der nördliche Teil Vietnams unter chinesi­scher Fremdherrschaft. In der Schlacht von Bach Bäng besiegten die Vietnamesen unter Füh­rung von Ngö Quyen die Chinesen und erreichten so die Unabhängigkeit. Die nachfolgenden vietnamesischen Dynastien Ly (1009-1225), Trän (1225-1400) und Le (1428-1786)

erkannten die Suzeränität Chinas an und zahlten Tribut an China, wodurch Vietnam seine wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen zur Expansion und schrittweisen Eingliederung des hinduistischen Königreichs Champa einsetzen konnte (Salemink 2003: 26). Während des 17. und 18. Jahrhunderts war Vietnam politisch geteilt. Im Norden herrschten die Trinh und im Süden die Nguyen, wobei beide formell die Oberherrschaft der Le anerkannten. Diese Zeit war geprägt von andauernden Kämpfen zwischen den Trinh und den Nguyen um die Ausweitung der Herrschaftsgebiete. Die Nguyen weiteten ihr Territorium in den Süden aus und beherrschten nun auch Gebiete der Cham und Khmer. Nach ihrem siebten Kreuzzug gegeneinander (1672-1673) trennten sich die Nguyen und Trinh unentschieden und legten eine Grenze zwischen ihren Herrschaftsgebieten fest (VU 1973: 142).

2.2 Tay Sffn Rebellion und Beginn der Nguyen Dynastie

Im 18. Jahrhundert kam es zu vermehrten organisierten Aufständen des Volkes, die sich den Missständen im Lande widersetzen wollten. Das Volk hatte unter den Steuerreformen, einer korrupten Beamtenschaft und despotischen Herrschern zu leiden (Vu 1973: 143). Der Auf­stand, der die Herrschaft der Nguyen und Trinh beenden sollte, ist als Tay Son Rebellion be­kannt geworden. Die Brüder Nguyen Nhac, Nguyen Lü und Nguyen Hue stammten aus dem Ort Tay Son im Süden Vietnams und begannen 1771 mit der Aufstellung und Aufrüstung von Truppen, denen sich die Bevölkerung schnell anschloss (Vu 1973: 144). 1973 besetzten sie die Orte Qui Nhon, Quäng Ngäi und Binh Thuan. Die Trinh im Norden nutzten die unruhige Lage im Süden, um die Hauptstadt der Nguyen (Hue) zu besetzen. Daraufhin floh der Nguyen Herrscher nach Saigon (Vu 1973: 145). 1776 schließlich eroberten die Truppen der Tay Son Rebellion Saigon und brachten die Nguyen Familie um. Nur der Neffe des Nguyen Herr- schers - Nguyen Phuc Anh - überlebte und konnte nach Siam fliehen. Die Brüder der Tay Son Rebellion wollten ihre Macht in ganz Vietnam ausweiten und besiegten die Armee der Trinh im Norden. Nachdem der im Norden nominell herrschende Le Kaiser den Mandschuren Kaiser in China um Hilfe bat, fiel die Armee der Mandschuren 1788 in Hanoi ein. Nguyen Hue konnte durch einen Überraschungsangriff bei der Neujahrsfeier die Mandschuren besie­gen und ernannte sich selbst zum Quang Trung Herrscher von Vietnam. Er wurde von den Chinesen als legitimer Herrscher Vietnams akzeptiert, musste jedoch regelmäßig Tribut an China zahlen, um nicht wieder angegriffen zu werden (Dutton 1998: 27). Als Quang Trung 1772 die letzte übrig gebliebene Basis der Nguyen Herrscher südlich von Saigon einnehmen wollte, starb er vorzeitig und das von ihm eroberte Reich musste unter Machtkämpfen einen Großteil seiner Stärke einbüßen. Nguyen Phuc Anh, der Neffe des letzten Nguyen Kaisers, hatte nach seiner Flucht weiterhin das Ziel, das Land zurückzuerobern. Mit Hilfe der Franzo­sen, die ihm Waffen zur Verfügung stellten, gelang es ihm, 1802 Hanoi einzunehmen und die Tay Son Dynastie nach nur 24 Jahren zu beenden. Er gründete die Nguyen Dynastie, die for­mell bis 1945 bestehen blieb, und ernannte sich zum Kaiser Gia Long (Vu 1973: 147-151; Dutton 1998: 30-34).

2.3 Nguyen Dynastie und französische Kolonialherrschaft

Während der Nguyen Dynastie wurden weitere westliche Territorien im heutigen Laos und Kambodscha erschlossen. Mit der Kolonialherrschaft der Franzosen wurden klare Grenzen zwischen dem französischen Indochina und Siam festgelegt. 1854 kamen die Franzosen nach Südvietnam und errichteten ihre Kolonialherrschaft in Cochinchina (Südvietnam) und ver­hängten einige Jahre später ein Protektorat über Annam (Zentralvietnam) und Tongking (Nordvietnam), wodurch die Herrschaft der Nguyen im Norden und in Zentralvietnam zwar formell bestehen blieb, in der Praxis aber das gesamte Land der französischen Kolonialregie­rung unterstand. Die Franzosen wollten durch ihre Kolonialherrschaft in Vietnam am Handel mit China und Südostasien profitieren und versprachen den Schutz der französischen Missio­nare, die bereits seit dem 16. Jahrhundert in Vietnam aktiv waren (Osborne 2004: 76) (vgl. Kap. 3.5). Ein weiterer Grund für den Beginn der Kolonialherrschaft der Franzosen in Viet­nam war die Konkurrenz zu Großbritannien. Im Gegensatz zu den Briten, die eine so ge­nannte ,open door policy’ und damit freien Handel anstrebten, waren die Franzosen in Viet­nam am exklusiven Recht zur Missionierung und zum Handel interessiert (Duncanson 1968: 83). Die Lebensbedingungen unter den Franzosen gestalteten sich für die Vietnamesen zu­nehmend schlechter, so dass es vermehrt zu Widerstandsbewegungen kam, die von den Fran- zosen allerdings niedergeschlagen wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte man sich in Vietnam mit neuem Gedankengut, darunter auch nationalistischen und kommunistischen Ideen auseinander, das dem Volk zur Unabhängigkeit verhelfen könnte (McHale 1995: 330). Eine der wichtigsten Personen im vietnamesischen Befreiungskampf ist Hö CM Minh (1890­1969), der 1929 alle in Vietnam tätigen kommunistischen Parteien zu einer Einheitspartei zusammenschloss, die allerdings nach missglückten Aufständen geschwächt wurde. Als Hö CM Minh 1941 aus dem Exil zurückkehrte, gründete er die kommunistische Viet Minh als politische Organisation, der sich jeder anschließen konnte, der für die Unabhängigkeit Vietnams kämpfen wollte (Osborne 2004: 169). Zu dieser Zeit expandierte Japan in Südostasien. Das französische Vichy Regime in Hanoi gestattete den Japanern, Indochina als militärisches Aufmarschgebiet zu nutzen, unter der Bedingung, dass Vietnam nominell unter französischer Oberhoheit bestehen blieb. Sechs Monate vor dem Ende des 2. Weltkriegs stürzten die Japaner die französische Kolonialregierung und erklären Vietnam unter dem Kai­ser Bäo Bai (der letzte Kaiser der Nguyen Dynastie) für unabhängig. Die Vietnamesen waren sich darüber im Klaren, dass diese Unabhängigkeit nur einen Schein für die japanische Herr­schaft darstellte; sie ermöglichte es aber den Gruppen der Viet Minh, sich politisch und mili­tärisch organisieren zu können. Nach der Kapitulation der Japaner am 15.08.1945 und der erfolgreichen Augustrevolution, in der die Viet Minh Truppen alle wichtigen vietnamesischen Städte besetzten, erklärte Hö CM Minh am 02.09.1945 die Unabhängigkeit Vietnams (Osborne 2004: 174-175). Die Franzosen wollten das Kolonialreich allerdings nicht aufge­ben. Der Norden Vietnams wurde zu dieser Zeit von nationalchinesischen Kuomintang Truppen besetzt. Hö CM Minh verhandelte mit den Franzosen, um Hilfe bei der Vertreibung der Chinesen zu erhalten. Er schloss einen Kompromiss mit den Franzosen, der Vietnam weitgehende Selbstbestimmung im Rahmen einer lockeren französischen Union gewährleistete. Da die Franzosen diesen Kompromiss jedoch nicht einhielten und ihre Truppen weiterhin in Vietnam stationiert waren, kam es 1946 zum ersten Indochinakrieg, der unter dem General Vö Nguyen Giap als Volkskrieg propagiert wurde und in der Schlacht bei Bien Bien Phu am 07.05.1954 mit einem Sieg der Vietnamesen beendet wurde (Osborne 2004: 190-193).

2.4 Teilung des Landes (1954) und Wiedervereinigung (1975)

Nach dem Sieg über die Franzosen legte das Genfer Abkommen im Juli 1954 fest, dass die Viet Minh nördlich des 17. Breitengrads regieren durften. Im Süden regierte der von den USA unterstützte Diktator Ngö Binh Biem. Das Genfer Abkommen sah vor, dass spätestens 1956 freie Wahlen in ganz Vietnam zur Entscheidung über die Zukunft des Landes stattfinden sollten, die aber von Ngö Binh Biem verhindert wurden. 1959 kam es nach vergeblichen Kompromissversuchen zum Kampf der Nationalen Befreiungsfront Vietnams gegen das Biem Regime. Die Amerikaner verstärkten ihren Einsatz zur Unterstützung der antikommunisti­schen Regierung und sendeten vermehrt Truppen, so dass schließlich der zweite Indochina­krieg ausbrach, der als Kampf der Amerikaner gegen den Kommunismus betrachtet werden kann. Erst mit dem Pariser Friedensabkommen von 1973 kam er zum Abschluss. Der Versuch der Amerikaner, eine konkurrierende Regierung in Vietnam aufzubauen, scheiterte daran, dass es neben den Kommunisten keine andere rivalisierende politische Gruppe gab, die eine starke Regierung hätte aufbauen können (Osborne 2004: 256). Mit der Einnahme Saigons am 30.04.1975 war das Land als Sozialistische Republik Vietnams wiedervereint. Der Sieg der Kommunisten gelang durch die Kombination von herausragender Führung und starken politischen Fähigkeiten (Osborne 2004: 220-222, 256). Die Kommunisten waren die Einzige der verschiedenen Bewegungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Kampf für die Unabhän­gigkeit entstanden waren und sich durch entsprechende Propaganda die Unterstützung der einfachen Bevölkerung sichern konnte.

3. Religionen und philosophische Lehren in Vietnam

In Vietnam finden wir eine Vielzahl von Glaubensvorstellungen. Auffallend ist, dass die ver­schiedenen Religionen, die in Vietnam eingeführt wurden, mit dem bestehenden Glauben einen Synkretismus eingegangen sind, so dass wir keine klar abgegrenzten Religionen - außer dem Christentum - vorfinden. (Vu 1973: 33, 36). Salemink (2003: 35-36) beschreibt sehr anschaulich, dass es in Vietnam keineswegs unüblich ist, dass ein Staatsbeamter den Tag mit der Ahnenverehrung zu Hause beginnt, in seinem Alltag konfuzianische Werte wie Respekt und Einhaltung der Hierarchien in der Familie und bei der Arbeit einhält, sich bei der Aus­wahl eines neuen Büros von einem Spezialisten der Geomantie beraten lässt und am 15. Tag des Mondkalenders die Pagode zum Beten besucht. In diesem Kapitel sollen die verschiede­nen Religionen, ihre Einführungsgeschichte und die Rolle, die ihnen von den verschiedenen Herrschern gegeben wurde, dargestellt werden.

3.1 Die religiösen Vorstellungen der Vietnamesen

Die ursprüngliche Glaubensvorstellung der Vietnamesen geht auf zwei Prinzipien zurück, die in der Gestaltung allen Daseins zusammenwirken: das geistige Prinzip (fmk) und das univer­sale, vitale Prinzip (kki). Diese beiden Prinzipien durchdringen alle Menschen, die Natur und auch Gegenstände und sind somit die Grundlage für den Geisterkult, den wir in Vietnam vor­finden (Vu 1973: 34). Ein weiterer wichtiger Aspekt des vietnamesischen Glaubens ist die Totenverehrung. Laut Vu (1973: 35) besitzt die Seele des verstorbenen Menschen große Macht, sie wacht über ihre Nachkommen, schützt sie und steht ihnen mit Rat zur Seite; der Ahnenkult dient dazu, die vergangene Generation mit der jetzigen zu verbinden und die Seele der Verstorbenen auf geistige Weise in die Familiengemeinschaft zu integrieren. Cadiere be­zeichnet die Glaubensvorstellungen der Vietnamesen als Animismus, in dem eine geistige und universale Anima das ursprüngliche Prinzip der Welt bilden (Cadiere in Vu 1973: 35). Im Kult des Himmels-Herrn (Ong Trat) spiegelt sich dieses animistische Prinzip der Vietna­mesen wieder: Der Himmel wird als Himmels-Herr personifiziert, ist Ursprung und Ursache Allens, was auf der Erde geschieht und wird als der Höchste aller Geister angebetet (Vu 1973: 36). Mit der Einführung religiöser und philosophischer Lehren u.a. aus Indien, China und Europa wurde die animistische Glaubensvorstellung nicht abgelöst, sondern um ausge­wählte Aspekte der neuen Lehren ergänzt. Vu (1973: 36) hebt hervor, dass hauptsächlich sol­che Lehren, die den vietnamesischen Vorstellungen nicht widersprachen, übernommen wur­den. Dies führte dazu, dass die verschiedenen Religionen und Vorstellungen nebeneinander existieren konnten, und keine Lehre als allein gültige Anschauung betrachtet wurde. Salemink (2003: 35) erläutert, dass „in practice, all these religions blend into one national brand characterized by syncretism“.

3.2 Buddhismus in Vietnam

3.2.1 Einführung des Buddhismus unter chinesischer Fremdherrschaft

Der Buddhismus fand seinen Weg vermutlich schon im zweiten Jahrhundert vor Christus nach Vietnam. Das dritte buddhistische Konzil unter König Ashoka in Indien soll die Mönche zur Verbreitung des Buddhismus aufgerufen haben (NguyEn Täi ThV et al. 1992: 11). Die buddhistischen Mönche kamen auf dem Land- und Seeweg von Indien nach Vietnam, um von dort nach China weiterzureisen. Zunächst verbreitete sich der Mahayana Buddhismus in Viet­nam, der für alle Menschen, auch wenn sie nicht ins Mönchsleben eintreten, die Erlösung ermöglicht (NguyEn Täi ThV et al. 1992: 20). In den ersten Jahrhunderten gab es im chine­sischen Han-Reich bereits drei große buddhistische Zentren. Eines dieser Zentren war Luy Lau, das im Delta des roten Flusses in der heutigen Provinz Bäc Ninh in Nordvietnam liegt und eine wichtige geografische, wirtschaftliche und politische Position einnahm (NguyEn Täi ThV et al. 1992: 21). Es galt zu der Zeit als administratives Zentrum der Provinz und trug stark zur Entwicklung und Verbreitung des Buddhismus bei (NguyEn Täi The et al. 1992: 24). In den offiziellen chinesischen Aufzeichnungen wird die Verbreitung des Buddhismus zu dieser Zeit nicht erwähnt; die Region um Luy Lau wurde von der herrschenden Dynastie als „remote and barbaric area on the Southern border not worthy of attention“ angesehen (Nguyen Täi The et al. 1992: 17).

Zur Zeit der Einführung des Buddhismus gab es zwei Gruppen in der Gesellschaft: Die Ober­schicht der chinesischen Mandarine, die konfuzianisch ausgebildet waren und die Bauern, die an die Macht des Himmel glaubten. Obwohl der Buddhismus für beide Gruppen anfangs et­was Fremdes darstellte, entwickelte sich bald bei beiden eine große Offenheit für diese neue Lehre (NguyEn Täi The et al. 1992: 2). Die buddhistische Lehre, die sich von hier ins ganze Land verteilte, war nicht rein buddhistisch, sondern wurde von Beginn an mit Elementen des Taoismus und des Volksglaubens vermischt (NguyEn Täi The et al. 1992: 25).

3.2.2 Der Buddhismus ab 938

Mit der Unabhängigkeit von 938 wurde der Mahayana Buddhismus die dominante Religion in Vietnam und die buddhistischen Tempel stellten die wichtigsten Lernzentren des Landes dar (Salemink 2003: 33). Der Buddhismus expandierte zu dieser Zeit stark. Der Staat brauchte eine ideologische Basis und stützte sich somit auf die buddhistische Orthodoxie (NguyEn Täi The et al. 1992: 98). Der König Binh Bo Linh (reg. 968-979) führte eine Standardisierung der verschiedenen Grade für Mönche ein, die bis zur Le Dynastie beibehalten wurden. Mön­che wurden als Berater der Königs eingesetzt und hatten, auch wenn sie nicht aktiv im Ver­waltungsapparat eingesetzt wurden, Einfluss auf die Politik (NguyEn Täi The et al. 1992: 100-101). Auch der Einfluss des Buddhismus in der Gesellschaft stieg an. Der Sieg über die Chinesen nach eintausendjähriger Fremdherrschaft scheint das Vertrauen des Volks in den Buddhismus gestärkt zu haben. NguyEn Täi The et al. (1992: 102) halten fest, dass „Buddhism still retained a strong syncretic character, routinely adapting to accommodate older indigenous popular beliefs“.

3.2.3 Buddhismus während der Ly Dynastie (1010-1225)

Der Begründer der Ly Dynastie, Ly Cöng Uän, war in einer Pagode aufgewachsen und unter­stützte während seiner Herrschaftszeit den Buddhismus. Er und die nachfolgenden Herrscher waren selbst Anhänger des Buddhismus und stärkten durch den vermehrten Bau von Pagoden im ganzen Land die soziale Stellung des Buddhismus. Es wurde sogar im Volk dazu aufgeru- fen, den Mönchsorden beizutreten, wodurch die Anzahl der buddhistischen Anhänger enorm anstieg. Um die große Zahl an Mönchen ernähren zu können, wurden den Pagoden Reisfelder zur Verfügung gestellt. Der Reichtum der Pagoden vermehrte sich durch Spenden und Land­besitz, so dass vom Herrscher Offiziere als Finanzverwalter der Pagoden eingesetzt werden mussten. Der wirtschaftliche Einfluss der Pagoden führte zu einer weiteren Stärkung des Buddhismus in der Gesellschaft. Die Mönche waren während der Ly Dynastie jedoch von politischen Angelegenheiten ausgeschlossen und wurden nur für Diskussionen die buddhisti­sche Doktrin betreffend vom Herrscher eingeladen (NguyEn Täi Thü et al. 1992: 117-123). Die Pagoden entwickelten sich während der Ly Dynastie zu Zentren der kulturellen Aktivitä­ten und des Studiums, in denen auch der Unterricht für die Kinder stattfand (NguyEn Täi Thü et al. 1992: 127). Auch wenn seit Ende des 11. Jahrhunderts ein verstärkter Einfluss des Konfuzianismus vorhanden war, hemmte dies nicht die weitere Verbreitung des Buddhismus (NguyEn Täi Thü et al. 1992: 117).

3.2.4 Buddhismus während der Trän Dynastie (1225-1400)

Trän Thai Töng (reg. 1218-1277), kam im Alter von acht Jahren bereits auf den Thron. Er studierte die Schriften und Lehren des Buddhismus und verfasste Texte, in denen er die Leh­ren des Buddhismus, des Taoismus und des Konfuzianismus kombinierte und sie als eine Einheit darstellte. Folgendes Zitat zeigt die Bedeutung der Symbiose der drei Lehren für ihn: „When one doesn’t understand yet, he must separate in three doctrines. After having sepa­rated, the three are in the heart“ (Trän Thai Töng, zit. nach NguyEn Täi Thü et al. 1992: 195).

Viele Historiker sprechen von der Blütezeit des Buddhismus in der Trän Dynastie (McHale 2004: 147; Vu 1973: 30). Der Buddhismus verlor zwar auf staatlicher Ebene seinen Einfluss, gewann auf Volksebene jedoch an Bedeutung (McHale 2004: 147). McHale (2004: 148, 150) führt aus, dass die Vietnamesen eine Vielzahl lokaler Gottheiten in ihren buddhistischen Pantheon integrierten und dass der Buddhismus in Vietnam seit jeher inklusiv, d.h. durch­tränkt mit populärem Glauben und Praktiken gewesen war. Einer der Gründe für den Verfall des Buddhismus auf politischer Ebene lag darin, dass viele Mönche in ihrem Mönchsleben keinen Weg zu besserer Religiosität sahen, sondern eher einen Weg zu einem bequemen Le­ben. Die extreme Vermischung von Buddhismus und Taoismus mündete in manchen Regio­nen in eine abergläubische Gebetspraxis, so dass die Herrscher, die den Buddhismus selbst gut kannten, ihre Achtung vor den Mönchen verloren (Vu 1973: 33).

3.2.5 Buddhismus während der Le Dynastie (1428-1786)

Le Lgi begründete nach dem zehnjährigen Krieg gegen die Ming Dynastie der Chinesen die Le Dynastie. Die Herrscher der Le Dynastie etablierten den Konfuzianismus als Staatsideolo­gie und waren sehr darum bemüht, den Einfluss des Buddhismus zu reduzieren (NguyEn Täi The et al. 1992: 230). Salemink (2003: 35) beschreibt, dass sich die herrschende Elite dem Konfuzianismus als moralische und organisatorische Basis des Staates zuwandte. Obwohl der Buddhismus schrittweise seinen Einfluss auf die herrschende Schicht und auch die Unterstüt­zung der Herrscher verlor, blieb er bei der ländlichen Bevölkerung, die sich wenig unter der konfuzianischen Philosophie vorstellten konnte, weiterhin stark. Die konfuzianischen Ge­lehrten, deren Anzahl schnell anstieg, äußerten Kritik am Lebensstil der Mönche. Der Ge­lehrte Truang Han Sieu beschrieb, dass „the following generations did not follow Buddhism as they should have, but instead only enchant living creatures. (...) Monks pay no need to mo­rality, wasting money in pleasure“ (Truang Han Sieu, zit. nach NguyEn Täi The et al. 1992: 235). Laut Vu (1973: 31) begann der Verfallsprozess des Buddhismus bereits im 14. Jahrhun­dert, der auf das Fehlen von klarer Organisation und Führung der Mönchsgemeinde zurückzu­führen ist. Die Ausbildung der Mönche war mangelhaft, so dass sie sich teilweise abergläubi­sche und komplizierte Zeremonien ausdachten, um das Volk unter ihrem Einfluss zu halten.

3.3 Taoismus in Vietnam

Laut Salemink (2003: 33) ist „Taoism (...) a philosophy and particular understanding of the world and the cosmos rather than a religion per se.“ Der Begründer Lao Tzu lebte während des 6. Jahrhunderts vor Christus in China, seine Schriften wurden jedoch erst drei Jahrhun­derte später verfasst. Das Tao beschäftigt sich mit dem Gleichgewicht des Kosmos und dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur, Geist und Körper und den verschiedenen Kräf­ten, aus der die Erde geformt wird. Um Harmonie zu erreichen, müssen die sich ergänzenden Prinzipien yin und yang ausgeglichen sein. Dieses Gleichgewicht führt zu Gesundheit und stärkt den eigenen Platz im Kosmos (Salemink 2003: 33).

Der Taoismus wurde während der chinesischen Besatzungszeit in Vietnam bekannt und wurde in die Lehre des Buddhismus integriert (Salemink 2003: 35). Vu (1973: 33) hebt her­vor, dass der Taoismus schon bei seiner Einführung in Vietnam großen Anklang beim Volk fand und seine Praktiken „schnell mit den Sitten und Gebräuchen der primitiven Agrargesell­schaft Vietnams“ verschmolzen. Das Volk beschäftigte sich hauptsächlich mit den magischen und animistischen Ritualen und nicht mit der Ideologie des Taoismus (Vu 1973: 33). Der Taoismus kann während seiner Verbreitung und Entwicklung in Vietnam daher nicht als eine für sich allein existierende Lehre gesehen werden, sondern stellt einen Teil der synkretisti- schen Glaubensvorstellung aus Animismus, Buddhismus und Taoismus dar.

3.4 Konfuzianismus in Vietnam

3.4.1 Vergleich der Staatsideologie in Vietnam und China

Auch wenn es sich beim Konfuzianismus eher um eine moralische und politische Doktrin als um eine Religion handelt, ist es im Zusammenhang mit der Entwicklung Vietnams wichtig, auf sie einzugehen. Sie wurde von Konfuzius in China in der Zeit um 600 vor Christus begründet und beschreibt die Beziehungen innerhalb der Familie, der Gesellschaft und des Kosmos. Auf politischer Ebene definiert sie die Beziehung zwischen Volk und Herrscher, die durch die Autorität des Herrschers und dem ihm entgegengebrachten Respekt des Volkes gekennzeichnet ist (Salemink 2003: 34-35). Der Konfuzianismus ist durch fünf grundlegende Beziehungen gekennzeichnet: Güte des Herrschers - Loyalität des Untertanen; Liebe des Vaters - Pietät des Sohnes; Wohlwollen des Älteren - Ehrfurcht des Jüngeren; Ge­rechtigkeit des Mannes - Gehorsam der Frau, Treue des Freundes - Treue des Freundes (Lulei 2001: 2).

Das konfuzianische Staatsmodell wurde während der chinesischen Herrschaftszeit in Vietnam eingeführt. Heute noch stehen viele Wissenschaftler der Rolle, die der Konfuzianismus in Vietnam gespielt hat, ambivalent gegenüber. Durch den lange andauernden chinesischen Ein­fluss spricht man oft von einem sinisierten Vietnam. Viele vietnamesische Forscher behaup­ten, dass der Konfuzianismus seit mehr als eintausend Jahren das intellektuelle und ideologi­sche Rückrad gewesen ist (Nguyen Khäc Vien in McHale 2004: 66). Woodside beschrieb in seinem Werk von 1971, dass Vietnam eine Variante des chinesischen konfuzianischen Staatsmodells darstellte und sich nicht selektiv chinesische Praktiken aneignete (Woodside in McHale 2004: 69). In seinem späteren Werk revidiert er seine Ansicht und erläutert, dass Vietnam mehr von seiner eigenen Vergangenheit als vom chinesischen Konfuzianismus geprägt war. Als Grund für die fehlende Dominanz des Konfuzianismus gibt er an, dass Vietnam in seiner Vergangenheit innenpolitisch eher ein schwaches Land gewesen ist und die Regierung sich daher nicht wie andere Länder Asiens auf den Konfuzianismus als Herrschaftslegitimation stützen konnte (Woodside in McHale 2004: 70).

[...]

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Religion in der sozialen und politischen Entwicklung Vietnams
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Orient- und Asienwissenschaften)
Note
1,1
Autor
Jahr
2008
Seiten
43
Katalognummer
V153217
ISBN (eBook)
9783640655496
ISBN (Buch)
9783640655953
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historischer Überblick Vietnam, Buddhismus, Missionierung 16./17.Jh., Konfuzianismus, Volksglauben, Kommunismus, Christlich-europäische Missionierung
Arbeit zitieren
Shalimar Krautscheid (Autor), 2008, Die Rolle der Religion in der sozialen und politischen Entwicklung Vietnams, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153217

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