Die slawische Besiedlung Mitteleuropas umfassend quellenkritisch darzustellen, ist eine Aufgabe, die ohne weiteres eine Monographien-Reihe füllen könnte.
Eine vollständige Aufarbeitung der über 100jährigen Forschungstradition zwischen Panslawismus und deutsch-nationalem Chauvinismus, zwischen faschistischer Ideologie und intentioneller Revision derselben in der DDR-Altertumsforschung wäre dafür genauso dringend durchzuführen wie eine Aufarbeitung der zahlreichen archäologischen Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte.
Philologische und toponomastische Ansätze, insbesondere der Hydronomie, müssten genauso überprüft werden wie die oft zur absoluten Datierung frühgeschichtlicher Stätten herangezogenen Fundstücke. In einem engen Rahmen kann das nicht umfassend geschehen.
Im folgenden sollen deshalb zwei Modelle vorgestellt und kritisch diskutiert werden, die stellvertretend für die derzeitige deutsche Slawenforschung zum einen und jene der ehemaligen DDR zum anderen stehen.
Ausgehend von einer grundsätzlichen Einführung in die Quellenlage zur Besiedlung Mitteleuropas durch Slawen soll zunächst JOACHIM HERRMANNS Modell der slawischen Besiedlung vorgestellt werden.
Es wird in diesem Zusammenhang zu fragen sein, welche Methoden
und historischen wie archäologischen Argumente diesen Annahmen zu Grunde liegen.
Diese werden, so weit es möglich ist, in einem nächsten Schritt kritisch überprüft.
Daran schließt sich eine analoge Untersuchung am Modell SEBASTIAN BRATHERS an.
Durch diese Fallstudien soll auf die wesentlichen Probleme des Themas eingegangen werden – konkret sind das neben der relativen und absoluten Datierung der Einwanderung vor allem abstrahierende Modellvorstellungen zum Wesen der slawischen Ausbreitung sowie die äußerst strittigen Versuche, einzelne Elemente der materiellen Kultur ethnischen Gruppen zuzuweisen, beziehungsweise Ethnien durch solche zu benennen.
Was dadurch entstehen kann, ist eine exemplarische Abhandlung zu einem ausgewählten Problem der slawischen Besiedlung Mitteleuropas – gewissermaßen ein Stein im Mosaik.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellenlage.
2.1. Schriftquellen.
2.2. Archäologische Quellen.
2.3. Quellen der Sprach- und Naturwissenschaften.
3. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach JOACHIM HERRMANN.
3.1. Methoden und Konzepte
3.2. Das Modell der Besiedlung.
3.3. Argumentation und Kritik.
4. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach SEBASTIAN BRATHER.
4.1. Methoden und Konzepte.
4.2. Das Modell der Besiedlung.
4.3. Argumentation und Kritik.
5. Fazit und Ausblick. Aufgaben zukünftiger Forschung.
6. Verzeichnisse.
6.1. Quellen- und Literaturverzeichnis.
6.2. Abbildungsverzeichnis.
7. Abbildungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der wissenschaftlichen Erforschung der slawischen Besiedlung Mitteleuropas auseinander. Das primäre Ziel besteht in der quellenkritischen Analyse und dem Vergleich zweier maßgeblicher Forschungsansätze, um die methodische Entwicklung sowie die Problematik ethnischer Interpretationen in der archäologischen Frühgeschichtsforschung aufzuzeigen.
- Quellenkritische Bewertung archäologischer, historischer und naturwissenschaftlicher Daten.
- Vergleich der Besiedlungsmodelle von Joachim Herrmann und Sebastian Brather.
- Diskussion über die Identifizierbarkeit ethnischer Gruppen anhand materieller Hinterlassenschaften.
- Analyse der Dynamik slawischer Landnahme und Siedlungsgenese.
- Aufzeigen methodischer Unzulänglichkeiten und forschungsgeschichtlicher Paradigmenwechsel.
Auszug aus dem Buch
3.1. Methoden und Konzepte
Das hier vorgestellte Modell repräsentiert pointiert den Höhepunkt HERRMANN'schen Forschens. Die methodischen Ansätze dazu entwickelte er bereits in den 1960er Jahren. Grundsätzlich fanden alle zur Verfügung stehenden Quellen Eingang in die Bearbeitung. Die Schriftquellen wurden dabei unkritisch übernommen und nur in Frage gestellt, wo sie HERRMANNS Annahmen entgegen liefen.
Den Anachronismus, wesentlich jüngere Quellen auf Verhältnisse des 6. und 7. Jahrhunderts zu übertragen – so datiert HERRMANN im folgenden – ignoriert er. Archäologische Befunde werden kaum diskutiert, deren Datierung diktiert. Dendrochronologische, pollenanalytische oder philologische Erkenntnisse werden ohne Trennung zur Untermauerung seiner Thesen eingesetzt. Eine getrennte Analyse der verschiedenen Quellengattungen mit einer sich daran anschließenden Synthese ihrer Ergebnisse findet nicht statt.
Die dadurch komplexe und verwobene, Zirkelschlüsse riskierende, Argumentation ist im Detail nur schwer nachzuvollziehen. Methodisch liegt HERRMANNS Modell die siedlungsarschäologische Methode O. SCHLÜTERS zu Grunde. Die Kartierung aller seinerzeit bekannten Fundkomplexe in ihrer zeitlichen Differenzierung bei Unterscheidung der verschiedenen Fundkategorien stellt den ersten Schritt HERRMANNS dar. Die Funde sind so auf bodenkundlich-geologischen Karten verortet. Es zeichnen sich dadurch Siedlungskonzentrationen und -brachen ab. Im folgenden bemüht sich HERRMANN um die Abgrenzung der zahlreichen Siedlungskammern beziehungsweise -gebiete, wobei dichte Grenzwälder angenommen werden. Stark naturräumlich gegliederte Gebiete seien demnach bevorzugte Siedlungsgbiete gewesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Komplexität der quellenkritischen Aufarbeitung der slawischen Besiedlung Mitteleuropas und begründet die methodische Beschränkung auf zentrale Modelle.
2. Quellenlage.: Dieses Kapitel analysiert kritisch die historischen, archäologischen sowie sprach- und naturwissenschaftlichen Quellengattungen und deren begrenzte Aussagekraft für die Anfänge der slawischen Besiedlung.
3. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach JOACHIM HERRMANN.: Das Kapitel stellt das Modell Herrmanns vor, das auf einer ethnischen Identifizierung archäologischer Funde basiert, und unterzieht dessen Methoden sowie Schlussfolgerungen einer fundierten Kritik.
4. Die slawische Besiedlung Mitteleuropas nach SEBASTIAN BRATHER.: Hier wird der progressivere Ansatz von Brather beleuchtet, der ethnische Zuordnungen ablehnt und die Besiedlung als prozessuale Regionalentwicklung interpretiert.
5. Fazit und Ausblick. Aufgaben zukünftiger Forschung.: Das Fazit fasst die methodischen Fortschritte und verbleibenden Wissenslücken zusammen und skizziert künftige Anforderungen an die archäologische Forschung.
6. Verzeichnisse.: Auflistung der verwendeten Quellen, Literatur und Abbildungen.
7. Abbildungen: Sammlung der für die Arbeit relevanten Karten und Fundzeichnungen.
Schlüsselwörter
Slawische Besiedlung, Mitteleuropa, Quellenkritik, Archäologie, Joachim Herrmann, Sebastian Brather, Frühgeschichte, Keramik, Siedlungsgenese, Ethnogenese, Dendrochronologie, Modellbildung, Burgenbau, Forschungsgeschichte, Materielle Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie die Wissenschaft die Anfänge der slawischen Besiedlung in Mitteleuropa interpretiert und rekonstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die methodische Quellenkritik, der archäologische Vergleich zweier Forschergenerationen und die Problematik ethnischer Deutungen materieller Funde.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie unterschiedliche methodische Ansätze – von Herrmann bis Brather – zur Interpretation der slawischen Landnahme führten und welche Schwachstellen in der Argumentation liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative und quellenkritische Methode, um die Argumentationsmuster und Datenbasis der beiden besprochenen Forscher zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die spezifischen Besiedlungsmodelle von Joachim Herrmann und Sebastian Brather detailliert vorgestellt, analysiert und ihre jeweilige wissenschaftliche Belastbarkeit geprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Begriffen wie Slawische Besiedlung, Archäologie und Quellenkritik prägen Methodik, Ethnogenese und Forschungsgeschichte das Verständnis der Arbeit.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Brather von der Herrmanns?
Während Herrmann archäologische Funde eng an ethnische Gruppen und schnelle Einwanderungswellen koppelt, betont Brather regionale, prozessuale Entwicklungen und lehnt eine direkte ethnische Interpretation des Sachgutes ab.
Warum wird die Datierung des Feldberger Typs in der Arbeit als problematisch angesehen?
Weil die Datierung oft auf ungesicherten Fundzusammenhängen oder fragwürdigen Analogien basiert, die neuere naturwissenschaftliche Daten (Dendrochronologie) teilweise widersprechen.
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- Benjamin Nowak (Author), 2009, Kritik an historischen und archäologischen Quellen am Beispiel der slawischen Besiedlung Mitteleuropas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153397