In der Geschichtswissenschaft kommt seit einigen Jahren der Trend auf, sich mit Stiftungen zu befassen. Borgolte konstatiert, dass „neuerdings in der Geschichtswissenschaft erkannt worden [ist], dass Stiftungen einen hervorragenden Indikator abgeben für das soziale Gefüge ihrer Entstehungszeit. Sie beruhen auf rechtlichen Regelungen und wirtschaftlichen Substraten, verknüpfen religiöse und ethische Anliegen mit dem Streben nach Anerkennung und Ruhm, sollen ihr Umfeld verändern“. Dementsprechend gelten Stiftungen und private Wohltätigkeit nicht nur als „ein Mittel, der Armut entge-genzutreten, sondern ihre Analyse ist auch ein Schlüssel zu den kollektiven Mentalitäten“.
Aufbauend auf dem Seminar „Städtische Stiftungen und Bürgertum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ widmet sich die vorliegende Arbeit vorwiegend den karitativen Stiftungen des „langen 19. Jahrhunderts“, auch bekannt als „bürgerli-ches Zeitalter“. Dieses Jahrzehnt bietet sich im Besonderen an, da erstmals auch konfessionsunabhängige Stiftungen aufkamen und sich daher ein breites Feld an Motivationsaspekten auftat. Diesen geht die Arbeit im abschließenden Kapitel nach. Grundlegend orientieren sich die Fragestellungen daran, aus welchen Faktoren die Stiftungen entstanden, wer an ihnen maßgeblich partizipierte und welches Ausmaß sie hatten. Die Untersuchung baut auf einem Querschnitt der Stiftungsgeschichte über die vorangehenden Epochen auf. Einleitend soll eine Übersicht über die Begrifflichkeit und die aktuelle Forschungssituation einen einsteigenden Einblick in die Problematik liefern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitend
2. Forschungssituation
2.1. Zivilgesellschaft
3. Komplex der Stiftung
3.1. Begriffsdefinition
3.2. Charakteristika
3.3. Stiftungen als soziales Handeln
3.4. Das Bürgerliche und die Stadt
4. Entwicklungsverlauf der Stiftungskultur
4.1. Situation heute
4.2. Stiftungen über die Epochen
4.2.1. Zäsuren/Konjunkturen
4.3. Das 19. Jahrhundert
5. Städtisch-bürgerliche Stifterschaft
5.1. Integration der Stifter in soziale Netzwerke und Berufsgruppen
5.1.1. Honoratiorenschaft
5.1.2. Familiensache
5.2. Das Bürgertum
5.2.1. Typisierung und Eigenheit des Bürgertums
6. Motivation
6.1. Tradition
6.2. Statusrepräsentation und Selbstinszenierung von Stiftern
6.3. Elitenzirkulation im Stadtverband
6.4. Verhaltensprägendes Vorbild
7. Abschließend
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Stiftungsengagement im 19. Jahrhundert und beleuchtet dabei, inwieweit Stiftungen als Ausdruck bürgerlicher Identität und als Mittel zur Gestaltung städtischer Gesellschaft dienten. Im Zentrum der Forschungsfrage steht, aus welchen Faktoren sich diese Stiftungen entwickelten, wer an ihnen partizipierte und welche symbolischen sowie sozialen Funktionen das Stifterwesen innerhalb der städtischen Strukturen einnahm.
- Analyse der historischen Entwicklung von Stiftungen im 19. Jahrhundert.
- Untersuchung der Motive von Stiftern innerhalb des bürgerlichen Wertehorizonts.
- Einordnung des Stiftungsengagements in den Kontext der Zivilgesellschaft.
- Betrachtung der Rolle von Stiftungen als Instrumente sozialer Distinktion und Identitätsstiftung.
- Diskussion der Verknüpfung von Stiftungen mit städtischen sozialen Netzwerken.
Auszug aus dem Buch
3.4. Das Bürgerliche und die Stadt
Dieses konsensuelle Gedankengut ist für das 19. Jahrhundert vorwiegend im Bürgerlichen anzusiedeln. Dementsprechend deuten Untersuchungen darauf hin, dass unter den karitativen Stiftungen häufig die Tendenz herrschte, das Bürgerliche als das Allgemeine zu etablieren. Dies entspricht dem Versuch den bürgerlichen Normenkanon und Wertehorizont auf andere gesellschaftliche Schichten auszuweiten. Es resultierten daraus etwa Handlungsorientierungen durch Wohltätigkeitsvereine oder in konkreter Umsetzung beispielsweise feste Aufnahmekriterien und Hausordnungen in Wohnstiften. Man kann daraus gewissermaßen den Willen der Stifter ablesen, Menschen in materieller Not vor dem Verlust ihrer Bürgerlichkeit zu bewahren. Ebenfalls erscheint Bürgerlichkeit als die Voraussetzung für ordnungsmäßiges Zusammenleben – inklusive den bürgerlichen Tugenden von Fleiß, Selbsttätigkeit, Eigenverantwortung und Respektabilität.
Das bevorzugte Betätigungsfeld der bürgerlichen Stifter lag und liegt bis heute in Städten. Demgemäß erscheinen nach Ludwig: „Stiftung, Stifter und Begünstigte, Stadt und Bürgertum [...] als aufeinander bezogenes Teilsystem von Stadt als Gesellschaft.“ Aus bürgerlichem Handeln entstand speziell in den Reichsstädten über die Jahrhunderte eine komplexe und mannigfaltige Stiftungslandschaft – als „gemeinbürgerliche Erscheinung“. Somit partizipierten Stiftungen auch nicht unerheblich an der Entwicklung der Stadt im Urbanisierungsprozess des 19. Jahrhunderts. Das Gefüge von Stadt und Stiftungstätigkeit ist als Teil eines institutionellen Geflechts zu verstehen. Dieses wurde unter anderem die Partizipation von Stadträten und anderem städtischem Personal an der Stiftungsverwaltung und in Vereinsvorständen realisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitend: Die Einleitung führt in das Thema des bürgerschaftlichen Engagements ein und verortet Stiftungen als soziale Indikatoren des 19. Jahrhunderts.
2. Forschungssituation: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand und definiert den Begriff der Zivilgesellschaft im Kontext des Stiftungswesens.
3. Komplex der Stiftung: Hier werden Definitionen, Charakteristika und die Einordnung von Stiftungen als soziales Handeln innerhalb der Stadtgesellschaft analysiert.
4. Entwicklungsverlauf der Stiftungskultur: Das Kapitel behandelt den historischen Wandel des Stiftungswesens und geht auf aktuelle Statistiken sowie historische Gründungswellen ein.
5. Städtisch-bürgerliche Stifterschaft: Die Analyse konzentriert sich auf die Akteure, insbesondere die Honoratiorenschaft und das Bürgertum, und ihre Integration in soziale Netzwerke.
6. Motivation: Es wird untersucht, welche persönlichen und symbolischen Beweggründe (wie Status oder Tradition) die Stifter zu ihrem Engagement motivierten.
7. Abschließend: Das Fazit fasst die Bedeutung des stifterischen Engagements als bürgerliche Alternative zur Politik und als stabilisierendes Element im städtischen Sozialgefüge zusammen.
Schlüsselwörter
Stiftungswesen, 19. Jahrhundert, Bürgertum, karitative Stiftungen, Zivilgesellschaft, Stifter, soziales Handeln, Honoratiorenschaft, Stadtgeschichte, Wohltätigkeit, Mäzenatentum, Statusrepräsentation, Elitenzirkulation, soziale Daseinsvorsorge, Stiftungszweck
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rolle und Bedeutung des sozialen Stiftungsengagements im 19. Jahrhundert, insbesondere innerhalb der bürgerlichen Stadtgesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Entwicklung der Stiftungskultur, die soziale Integration der Stifter in Netzwerke sowie die verschiedenen Motive – von der Traditionspflege bis zur Statusrepräsentation.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Stiftungen als Ausdruck kollektiver städtischer Identität fungierten und welches soziale Selbstverständnis des Bürgertums sich in der Stiftungspraxis widerspiegelte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer sozialgeschichtlichen Analyse, die Fachliteratur sowie historische Studien (u.a. von Frank Hatje und Andreas Ludwig) auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Definition und Charakteristika von Stiftungen, die soziologische Einordnung der Stifterschicht sowie die verschiedenen Motivationshintergründe für ein solches Engagement.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Kernbegriffe sind Stiftungsboom, bürgerliche Identität, Honoratiorenschaft, soziale Daseinsvorsorge und Elitenzirkulation.
Inwiefern spielte das Bürgertum eine Schlüsselrolle bei Stiftungen?
Das Bürgertum nutzte Stiftungen als Mittel zur Gestaltung des Gemeinwesens, zur Selbstinszenierung und zur Festigung des sozialen Status innerhalb der städtischen Elite.
Was bedeutete der Begriff der Elitenzirkulation in diesem Zusammenhang?
Damit ist das Zusammenspiel von Wirtschaftseliten und Führungsschichten gemeint, die durch Stiftungen ihre Position festigten und durch ehrenamtliches Engagement am sozialen Leben und der Armenfürsorge partizipierten.
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- Lena Maier (Author), 2009, Soziales Stiftungsengagement im 19. Jahrhundert im Spiegel städtischer Bürgerlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153402