Jeder Geschichtslehrer oder Dozent an einem Historischen Institut einer Hochschule hat schon einmal den Satz gehört: "So hab ich mir das nicht vorgestellt" oder "Ich kann mir das aber nicht richtig vorstellen". Wenn man den semantischen Kern des Wortes "vorstellen" bedenkt, so liegt es in der Natur der Sache, dass die Schüler oder Studenten sich ein eigenes Bild im Kopf erstellen müssen. Die Geschichtswissenschaft besitzt im Gegensatz zu den Naturwissenschaften keinen gegenständlichen Charakter. So ist es die Aufgabe des Geschichtslehrers, bzw. des Dozenten durch geeignete Mittel es den Schülern bzw. den Studenten zu ermöglich, sich diesen historischen Gegenstand selbst vorzustellen. Wenn aber die Rezipienten durch die Re-Konkretisierung des historischen Gegenstandes nicht in der Lage sind, sich von diesem ein Bild im Kopf herzustellen, so kann es zwei Gründe haben. Zum einen wurde der historische Sachverhalt unplastisch dargestellt oder die Faktenlage ist zum anderen so unbefriedigend, dass der Schüler Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Dargestellten zeigt. Dies ist nur ein Weg, wo es zur Trennung zwischen Fakten und Fiktionen kommen muss.
Im zweiten Kapitel der vorliegenden Arbeit werden wir uns daher die Frage stellen, was historische Fakten sind. Dem gegenüber beschäftigt sich das nachfolgende Kapitel mit den Fiktionen in der Geschichte, bevor die Sagen um Klaus Störtebeker und die Vitalienbrüder in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Abschließend wird der Versuch unternommen ein Unterrichtsbeispiel zu entwickeln, indem die geschichtswissenschaftliche Thematik der Fakten und Fiktionen am Beispiel der Vitalienbrüder einer 11. Klasse dargelegt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fakten und Fiktionen
3. Sinn und Unsinn von Fiktion
4. Fakten und Legenden über Störtebeker
4.1. Geschichtliches über die Vitalienbrüder
4.2. Die Legenden und Ihre Herausbildung
4.3. Das Abbild Störtebekers, eine historische Fiktion
4.4. Ein Unterrichtsbeispiel für die Vernetzung zwischen der Geschichtsdidaktischen Theorie zum Thema „Fakten und Fiktionen in der Geschichte“ und der spätmittelalterlichen Piraterie in der Ost- und Nordsee am Beispiel der Vitalienbrüder und Klaus Störtebekers.“
5. Schlusswort
8. Anlage
8.1. Abbildungen
8.2. Die Stundenübersicht für das Unterrichtsbeispiel aus Kapitel 4.2
8.3. Das Störtebekerlied
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen historischer Faktizität und fiktionaler Überformung im Geschichtsunterricht. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie Schüler zwischen historisch belegbaren Ereignissen und nachträglich konstruierten Mythen unterscheiden können, wobei die Figur des Klaus Störtebeker und die Vitalienbrüder als zentrale Fallbeispiele dienen.
- Analyse des historischen Wahrheitsbegriffs und der Objektivität in der Geschichtswissenschaft.
- Untersuchung der Entstehung von Legenden und Mythen am Beispiel der Vitalienbrüder.
- Reflexion über die mediale Inszenierung und Romantisierung historischer Piraterie.
- Entwicklung eines didaktischen Konzepts zur Vermittlung von Quellenkritik im Geschichtsunterricht.
- Diskussion der psychologischen Bedeutung von Mythenbildung im Geschichtsbewusstsein der Bevölkerung.
Auszug aus dem Buch
4. Fakten und Legenden über Störtebeker
Es gibt viele Legenden um die berühmten Seeräuber Störtebeker und Goedeke Michels. Doch wie entstanden die Legenden vom „Robin Hood der Meere“, wie Puble ihn nannte, und welcher Anteil hat zu einer hohen Wahrscheinlichkeit Authentizität? Zum Abschluss dieses Kapitels wird ein Unterrichtsbeispiel geliefert, indem man zum einen die Vitalienbrüder unterbringen, uns als auch die geschichtswissenschaftliche Thematik der Fakten und Fiktionen den Schülern näher bringen kann.
Das erste festgehaltene Lebenszeichen des angeblich späteren „Klaus Störtebekers“ ist auf 1380 in Wismar datiert. Der dort im Verfestungsbuch eingetragene „Nicolae Stortebecker“ war Opfer einer Schlägerei geworden. Auch wenn es sich hier um einen historischen Fehler handelt, diese beiden Männer als ein und dieselbe Person zu identifizieren, gibt es doch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Klaus Störtebeker und Goedeke Michels aus Wismar kamen. Seit 1394 – zum Ende des Kaperkrieges – wurden Klaus Störtebeker, Goedeke Michels und Klaus Scheldt Hauptmänner der Vitalienbrüder. Nachdem der mecklenburgisch-dänische Krieg vorbei war, hielten nur noch die ersten beiden genannten Kontakte zu einander. Goedeke Michels wurde 1397 in Wismar aktenkundig, als er aus der Stadt gewiesen wurde, da die legitime Freibeuterei nicht mehr erlaubt war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit, im Geschichtsunterricht zwischen objektiven Fakten und subjektiven Vorstellungen zu trennen und führt in die Thematik der Vitalienbrüder ein.
2. Fakten und Fiktionen: Dieses Kapitel diskutiert den theoretischen Rahmen der Geschichtswissenschaft und die Unmöglichkeit absoluter Objektivität bei der Rekonstruktion historischer Ereignisse.
3. Sinn und Unsinn von Fiktion: Der Fokus liegt hier auf der gesellschaftlichen Rolle von Mythen und der Frage, warum historische Fakten zunehmend durch fiktionale narrative Elemente im öffentlichen Bewusstsein ersetzt werden.
4. Fakten und Legenden über Störtebeker: Dieses Hauptkapitel untersucht die reale historische Figur Störtebekers im Gegensatz zu seiner mythischen Überhöhung als "Robin Hood der Meere".
4.1. Geschichtliches über die Vitalienbrüder: Hier werden die historischen Ursprünge und das politische Umfeld der Vitalienbrüder im Kontext des mecklenburgisch-dänischen Krieges dargelegt.
4.2. Die Legenden und Ihre Herausbildung: Dieser Abschnitt analysiert, wie sich über die Jahrhunderte hinweg psychologische und soziale Faktoren zu einem komplexen Legendennetz um die Person Störtebeker verwoben haben.
4.3. Das Abbild Störtebekers, eine historische Fiktion: Es wird aufgezeigt, wie ikonographische Darstellungen – wie der vermeintliche Störtebeker-Kupferstich – historisch fehlinterpretiert wurden.
4.4. Ein Unterrichtsbeispiel für die Vernetzung zwischen der Geschichtsdidaktischen Theorie zum Thema „Fakten und Fiktionen in der Geschichte“ und der spätmittelalterlichen Piraterie in der Ost- und Nordsee am Beispiel der Vitalienbrüder und Klaus Störtebekers.“: Dieses Kapitel präsentiert ein konkretes didaktisches Modell für den Geschichtsunterricht der 11. Klasse.
5. Schlusswort: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer multiperspektivischen Herangehensweise an Quellen zusammen, um ein geschärftes Geschichtsbewusstsein zu fördern.
8. Anlage: Der Anhang enthält visuelle Materialien, didaktische Stundenübersichten und das Störtebekerlied als Quellenmaterial für den Unterricht.
Schlüsselwörter
Geschichtsunterricht, Störtebeker, Vitalienbrüder, Fakten, Fiktionen, Quellenkritik, Geschichtsbewusstsein, Piraterie, Hanse, Legendenbildung, Didaktik, Mittelalter, Historische Wahrheit, Objektivität, Unterrichtsbeispiel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert das Verhältnis von historisch belegbaren Fakten zu fiktionalen Elementen im Kontext der Geschichtsschreibung und deren Vermittlung im Unterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Rekonstruktion von Lebensläufen im Mittelalter, die kritische Analyse von Mythenbildungen sowie die Anwendung geschichtsdidaktischer Methoden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, aufzuzeigen, wie Schüler durch die methodische Auseinandersetzung mit der Figur Klaus Störtebeker lernen können, zwischen geschichtlichen Fakten und populärwissenschaftlichen Fiktionen zu differenzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Kombination aus historischer Quellenanalyse, theoriegeleiteter Reflexion der Geschichtswissenschaft sowie der Entwicklung eines fachdidaktischen Unterrichtsentwurfs.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über "Fakten und Fiktionen", die historische Untersuchung der Vitalienbrüder und die praktische Umsetzung in einem Unterrichtsmodell für die 11. Klasse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Geschichtsunterricht, Störtebeker, Vitalienbrüder, Quellenkritik, Mythenbildung und Geschichtsdidaktik.
Inwiefern beeinflussen moderne Medien die historische Wahrnehmung Störtebekers?
Die Arbeit argumentiert, dass mediale Inszenierungen und eine zunehmende Romantisierung der Piraterie den historischen Kern der Figur Störtebeker überlagern und eine klare Trennung für den Rezipienten erschweren.
Welche Rolle spielt die im Anhang enthaltene Stundenübersicht?
Sie dient als konkrete methodische Handreichung für Lehrkräfte, um die theoretischen Überlegungen zur Quellenkritik direkt in den Unterrichtsalltag zu übersetzen.
- Quote paper
- Matthias Widner (Author), 2003, Fakten und Fiktionen im Geschichtsunterricht am Beispiel der Vitalienbrüder in Ost- und Nordsee, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15344