"Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull": Radikale Werktreue oder filmästhetische Adaption?

Filmische Erzählstruktur und literarische Vorlage im Vergleich


Seminararbeit, 2009
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. STRUKTURANALYSE
2.1 DIE ADAPTION DES INHALTS
2.2 DIE DRAMATURGISCHE FORM
2.3 DAS ERZÄHLVERHALTEN

3. SZENISCHE ADAPTION
3.1 FELIX ALS SELBSTINTENDANT - DIE MUSTERUNGSSZENE

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Natürlich ist es mir lieb, dass das Buch neben dem Film fortbesteht. Aber ich glaube nicht daran, dass ein guter Roman durch die Verfilmung notwendig in Grund und Boden verdorben werden muss. Dazu ist das Wesen des Films demjenigen der Erzählung zu verwandt… Er ist geschaute Erzählung - ein Genre, das man sich nicht nur gefallen lassen kann, sondern in dessen Zukunft man schöne Hoffnungen setzen kann.1

Mit diesen Worten nahm Thomas Mann im Jahre 1955 Stellung zur Verfilmung klassischer literarischer Werke. Er betonte insbesondere die Fähigkeit des Films Erzählungen visualisieren zu können, eine Fähigkeit, mit der der Film weiter gehen kann, als es den symbolischen Zeichen der geschriebenen Sprache möglich ist. Auch andere Fachautoren weisen wiederholt auf diese Andersartigkeit des relativ neuen Mediums Film hin und propagieren seine klare Abgrenzung von den traditionellen Kunstformen wie Literatur und Theater. Vor allen Dingen in der Eigenschaft, die Erzählungen nicht nur abstrakt in der Fantasie des Lesers, sondern tatsächlich konkret sichtbar zu machen, ist der Film der Schrift weit voraus - und er überrundet mit dieser Eigenschaft sogar die Fotografie, indem sich seine Bilder systemimmanent "bewegen“ können, während das Foto sie nur für alle Ewigkeit einzufrieren vermag. Trotzdem bleibt er jedoch auf die geschriebene Sprache angewiesen, denn nur mit Hilfe von Drehbüchern kann einem Werk Inhalt verliehen werden.2

Helmut Kreuzer entwickelte methodologische Typologien, um die filmische Umsetzung literarischer Werke zu kategorisieren. Demnach unterscheidet er die "Aneignung von literarischem Rohstoff", die eine Erzählung ergänzende Bebilderung oder "Illustration", die einfache filmische "Dokumentation" z.B. eines Theaterstücks und die "Transformation", bei der in der Umsetzung des literarischen Textes und eventuelle Veränderungen entsprechend der spezifischen Bedingungen des Mediums durchgeführt werden.3 In der Betrachtung einzelner Literaturverfilmungen gilt es herauszufinden, welcher Typologie die vorliegende Vorgehensweise entspricht. Besonders charakteristisch zur Veranschaulichung des Sachverhalts erscheint Kurt Hoffmanns Verfilmung der BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL von Thomas Mann aus dem Jahr 1957 mit Horst Buchholz in der Hauptrolle, weshalb nun im Folgenden dieses Beispiel näher untersucht wird.

In vielen Fällen ergeben sich in der Literaturverfilmung große inhaltliche und dramaturgische Differenzen gegenüber dem literarischen Vorbild auf Grund anderer gesellschaftlicher Verhältnisse, fortgeschrittener Technik und veränderten Bedürfnissen der Zuschauer zum Entstehungszeitpunkt des Films. Michael Almereydas HAMLET (USA, 2000) mit Ethan Hawke in der Hauptrolle weist beispielsweise ein hohes Maß an Verfremdung auf, da die originale Sprache Shakespeares zwar beibehalten, der Schauplatz jedoch in das moderne New York des Jahres 2000 versetzt wurde.4 Der Vorspann der BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL macht durch den Schriftzug "frei nach dem Roman von…" bereits die eindeutige Bezugnahme des Films zu seiner literarischen Vorlage Thomas Manns deutlich, schließt dabei aber die Möglichkeit einer freien künstlerischen Adaption nicht aus.

Die zeitliche Konstellation von Filmentstehung und Beendigung des dritten Buches der Memoiren lässt zwar nicht das direkte Mitwirken Thomas Manns selbst zu, da dieser kurz nach der Buchpublikation und damit zwei Jahre vor der Fertigstellung des Film im Jahre 1957 verstarb. Dennoch wird im Film die Mitarbeit Erika Manns, der ersten Tochter Thomas Manns, kenntlich gemacht und somit der unmittelbare zeitliche und inhaltliche Zusammenhang betont. Der eingangs genannte Effekt der Verfremdung bleibt also bei Kurt Hoffmanns Adaption des Mann-Filmes weitestgehend aus, da in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Erscheinen der Romanvorlage und der Entstehungszeit des Films keine großen gesellschaftlichen und filmtechnischen Fortschritte stattfanden.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie nah sich Drehbuchautoren und Regisseur an die literarische Vorlage gehalten haben und welche Änderungen trotz großer zeitlicher Nähe im Zuge des Medienwechsels vorgenommen wurden. Zunächst werden dabei auf der makrostrukturellen Ebene von Buch und Film inhaltliche Abweichungen, dramaturgische Veränderungen und Besonderheiten des Erzählverhaltens vergleichend betrachtet, bevor Felix Krulls Techniken der Selbstinszenierung an Hand des detaillierten Beispiels der Musterungsszene untersucht werden.

2. Strukturanalyse

Der makrostrukturelle Vergleich soll die gesamtsemiotische Organisation der beiden zu untersuchenden Medien Buch und Film darlegen sowie mögliche erste Probleme bei der Transformation des Inhalts, des dramaturgische Aufbaus und der spezifischen Erzählerrolle von einem symbolischen zu einem ikonisch-indexikalischen Medium aufzeigen.

2.1 Die Adaption des Inhalts

Auf Grund der hinreichend unterschiedlichen Beschaffenheit des Mediums Films zu dem Medium Buch bzw. Schrift ergeben sich unterschiedliche Produktionsbedingungen, die nicht selten diverse Änderungen inhaltlicher Begebenheiten und Abfolgen der Geschehnisse bedingen. Eine große Rolle spielt neben den höheren Kosten, die die filmische Umsetzung einer Szenerie mit sich bringt, vor allen Dingen die aus Gründen der Rezeption begrenzte Länge eines Films5. Ein Filmemacher, dessen Ziel die Verfilmung eines literarischen Klassikers ist, muss folglich damit rechnen, dass die inhaltliche Ausführlichkeit der Romanvorlage den auf etwa 90 Minuten begrenzten Zeitrahmen eines Spielfilms sprengt.

Auch in Hoffmanns FELIX KRULL wurden einige kleine Veränderungen bzw. Auslassungen vorgenommen, welche inhaltlich aber abgesehen von der Kürzung keine gravierenden Auswirkungen haben, da sie ausschließlich dazu dienen, den Inhalt zu raffen und zu komprimieren. Der Roman ist in drei einzelne Bücher mit diversen Kapiteln gegliedert. Im ersten Buch berichtet Krull von seinen Kindertagen im Rheingau, von zahlreichen Episoden und Erlebnissen, die seine frühe Lust sich zu verkleiden und in fremde Rollen zu schlüpfen beschreiben. Einige Erlebnisse wie beispielsweise das Geigenspiel auf zwei Stöcken in Langenschwalbach6 und der Opernbesuch, bei dem Felix von der Ausstrahlung und Publikumswirkung des Sängers Müller-Rosé beeindruckt ist7, kommen im Film nicht zum Anklang, da sie für das Verständnis und die Vollständigkeit nicht zwingend notwendig sind. Sie bringen Krull in der literarischen Vorlage des Films zu der Erkenntnis, dass die Welt bzw. die Menschen begierig seien - sie wollen betrogen werden, was ihm wiederum selbst die Legitimation für seine Rollenspiele, Selbstinszenierungen und berechnenden Täuschungen schafft. Das erste Buch endet parallel zu Felix' Sozialisation mit dem Selbstmord seines Vaters und lässt die Hinterbliebenen in einem Tal von Schulden zurück. Was eigentlich eine Zeitspanne von 18 Lebensjahren und 55 geschriebenen Seiten einnimmt, wird im Film in Form eines Monologes des Protagonisten in aller Kürze von gut vier Minuten und doch in der erforderlichen Vollständigkeit abgehandelt.

Das zweite Buch beschreibt Felix' Weg von Frankfurt nach Paris. Es ist geprägt von einer Vielzahl lehrreicher Erlebnisse, die von diversen philosophisch-weltanschaulichen Reflexionen gerahmt werden.

[...]


1 Mann, Thomas: "Film und Roman", in: Bürgin, Hans (Hg.): Thomas Mann Werke, Das essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Frankfurt/Main Fischer-Bücherei 1968,S. 260

2 Die Aussage bezieht sich insbesondere auf den Kunst- bzw. Kinofilm. Ausgenommen werden müssen neue Formate wie Reality TV, Quizshows etc.

3 Vgl. hierzu Bohnenkamp, Anne (Hg.): Interpretationen. Literaturverfilmungen. Stuttgart, Reclam 2005, S. 35

4 Ebd. S. 37

5 Bohnenkamp, Anne: Interpretationen. S. 33

6 Mann, Thomas: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2006, 48. Auflage. S. 23 ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull": Radikale Werktreue oder filmästhetische Adaption?
Untertitel
Filmische Erzählstruktur und literarische Vorlage im Vergleich
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Medienwissenschaft)
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V153528
ISBN (eBook)
9783640659371
ISBN (Buch)
9783640659197
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bekenntnisse, Hochstaplers, Felix, Krull, Radikale, Werktreue, Adaption, Filmische, Erzählstruktur, Vorlage, Vergleich
Arbeit zitieren
Carina Dickhut (Autor), 2009, "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull": Radikale Werktreue oder filmästhetische Adaption?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153528

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