Zu Beginn der Novelle trifft der Leser auf eine im Einklang lebende Familie, bald muss er jedoch feststellen, dass diese Einheit -einer Fassade gleich- so schnell zerstört wie aufgebaut werden kann. Der zweifelhafte und unbeständige Charakter der dargestellten Familie, der sich nach der Aufnahme des kleinen Nicolo immer deutlicher manifestiert, führt letztendlich zu einer versuchten Vergewaltigung und einer brutalen Mordszenerie. Der Rezipient gewinnt beim unkritischen Lesen schnell den Eindruck, dass Kleists Findling die Geschichte eines jungen Mannes namens Nicolo erzählt, dessen Charakter sich im Handlungsverlauf als durch und durch boshaft entpuppt. Damit wäre auch die Frage nach der Schuldigkeit an der Gewaltentwicklung eindeutig geklärt: Nicolo, das Findelkind, dankt seinen Adoptiveltern die freundliche Aufnahme in den Kreis der Familie mit Hass und Gewalt. Diese negative und einseitige Einschätzung des Protagonisten ergibt sich vor allem aus den zahlreichen Bewertungen des Erzählers, die der Leser schnell geneigt ist zu übernehmen. Bis in die 1970er Jahre wurde in der Forschung die Ansicht vertreten, dass Nicolo das absolut Böse verkörpere. Erst in den 80er Jahren wurde diese Auffassung hinterfragt und Nicolo wurde vom Status des ewigen Sündenbocks befreit. Jürgen Schröder diskutiert in seinem Aufsatz Kleists Novelle <Der Findling>. Ein Plädoyer für Nicolo die Frage, ob eine klare Schuldzuweisung überhaupt von Kleist intendiert war. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass die Mehrdeutigkeit ein typisches Merkmal für den kleistschen Stil ist, erhält die Anzweiflung der Hauptschuldigkeit Nicolos erst recht eine Berechtigung. Ist es überhaupt möglich, eine spezifische Quelle, z.B. ein bestimmtes Ereignis, für das gewaltvolle Ende auszumachen oder liegt die Triebfeder für den Gewaltakt vielleicht in der vielschichtigen Figurenkonstellation und in der allmählichen Verkettung diverser „Vorfälle“ ? In vorliegender Arbeit soll herausgearbeitet werden, in welchem Verhältnis die Familienmitglieder zueinander stehen und inwiefern diese Konstellation den Nährboden für die grauenvolle Entwicklung darstellt. Dabei wird die Sonderrolle Nicolos von zentralem Interesse sein, der als Letzter in den Kreis der Familie aufgenommen wird und damit die Künstlichkeit derselben komplettiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Schuldigkeit Nicolos: Ein Einblick in die Forschungsgeschichte
3 Familiäre Strukturen im Findling
3.1 Das piachische Stellvertretersystem
3.2 Nicolo, das Findelkind
4 Piachi und Nicolo – Eine hochaktive Verbindung
4.1 Nicolo, das Substitut für den verlorenen Sohn
4.2 Die gestörte Emotionalität als Handlungsmotor
5 Elvire und Nicolo - Mehr als Adoptivmutter und Sohn
5.1 Nicolo das Substitut für den verlorenen Geliebten
5.2 Die Kommunikationslosigkeit als Handlungsmotor
6 Das gewaltige Finale als Sinnbild für die gebrechliche Einrichtung der Welt
7 Fazit
8 Bibliographie
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die familiäre Konstellation in Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“ und analysiert, inwieweit das künstliche Stellvertretersystem innerhalb der Familie Piachi den Nährboden für die eskalierende Gewalt am Ende der Erzählung bildet, wobei insbesondere die Identitätskrise des Adoptivsohnes Nicolo im Zentrum steht.
- Analyse des piachischen Stellvertretersystems und seiner Auswirkungen auf die Familienmitglieder.
- Untersuchung der psychischen Deformationen durch rigide Erwartungshaltungen.
- Die Rolle der Kommunikationslosigkeit und Tabuisierung als Motor für den Handlungsverlauf.
- Hinterfragung der einseitigen Schuldzuweisung an die Figur des Nicolo.
- Interpretation des gewaltvollen Finales vor dem Hintergrund der „gebrechlichen Einrichtung der Welt“.
Auszug aus dem Buch
Nicolo, das Findelkind
Nicolo wird von Piachi in den Kreis der Familie aufgenommen und besetzt ab diesem Zeitpunkt den Platz des verstorbenen Sohnes Paolo. In Anbetracht der Tatsache, dass Nicolo als Überträger der Pest für den Tod seines Vorgängers in gewisser Hinsicht verantwortlich ist, erscheint es umso seltsamer, dass Piachi seinen verstorbenen leiblichen Sohn ausgerechnet durch Nicolo ersetzt, statt seiner ersten Intuition zu folgen und in einer „Regung des Entsetzens den Jungen weit von sich [zu] schleudern“ (229). Aber da Nicolo ein Sohn Gottes und noch frei von Schuld ist, verkörpert dieser in den Augen Piachis die Leerstelle par excellence, die er als Adoptivvater mit seinen Erwartungen füllen kann, um ihn zu seinem geschäftlichen Nachfolger zu erziehen. Aber die Rechnung geht nicht auf und Nicolo entwickelt einen eigenständigen Charakter, der zunehmend von einer Verkettung enttäuschender Erfahrungen geprägt ist, die er durch seine Adoptiveltern erfährt.
Nicolo wird zunächst als unschuldiges Waisenkind eingeführt, der bereits mit elf Jahren auf sich allein gestellt ist, nachdem seine Eltern an der Pest gestorben sind. Er selbst hat sich ebenfalls angesteckt, weshalb ihn die Häscher verfolgen, die ihn in das Stadtkrankenhaus bringen wollen. Aus Angst davor dasselbe Schicksal wie seine Eltern erleiden zu müssen, bittet er den vorüberreisenden Piachi darum, ihn aufzunehmen. „Dabei fasste er des Alten Hand, drückte und küsste sie.“ (227) Piachi kommt dieser Bitte nach, was zur Folge hat, dass er und die beiden Kinder in Ragusas Krankenhaus interniert werden, wo Paolo schließlich dem schwarzen Tod erliegt. Nach der Beerdigung desselben setzt Piachi wehmütig seine Reise fort. Wieder steht der kleine Nicolo am Wagen „mit der Mütze in der Hand“ und „[wünscht] ihm eine glückliche Reise“. (230) Dieses emotionale, respektvolle und kindliche Verhalten steht in starkem Kontrast zu seinem Benehmen, nachdem Piachi ihm die Mitreise gewährt hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Novelle ein und hinterfragt die traditionelle, einseitige Schuldzuweisung an die Figur des Nicolo.
2 Die Schuldigkeit Nicolos: Ein Einblick in die Forschungsgeschichte: Der Abschnitt skizziert die wissenschaftliche Debatte, die sich von einer moralischen Verurteilung Nicolos hin zur Analyse der familiären Systembedingungen entwickelt hat.
3 Familiäre Strukturen im Findling: Dieses Kapitel erläutert das von Piachi geschaffene, künstliche System des Ersetzens, das auf mangelndem Urvertrauen basiert.
4 Piachi und Nicolo – Eine hochaktive Verbindung: Hier wird das belastete Verhältnis zwischen dem autoritären Vater und seinem als wirtschaftlichem Nachfolger instrumentalisierten Adoptivsohn beleuchtet.
5 Elvire und Nicolo - Mehr als Adoptivmutter und Sohn: Dieser Teil untersucht die emotionale Entfremdung und die fatale Wirkung des Geheimnisses um Elvires Vergangenheit auf die Mutter-Sohn-Beziehung.
6 Das gewaltige Finale als Sinnbild für die gebrechliche Einrichtung der Welt: Das Kapitel analysiert den finalen Gewaltausbruch als Konsequenz einer langen Kette von Missverständnissen und Unterdrückungen.
7 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass keine Einzelschuld vorliegt, sondern eine verhängnisvolle Verkettung von Konstellationen den Untergang der Familie herbeiführt.
8 Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der Findling, Familiäre Strukturen, Stellvertretersystem, Identität, Schuldfrage, Kommunikationslosigkeit, Tabuisierung, Gewalt, Adoptivkind, Erzählperspektive, Figurenkonstellation, Psychologie, Leidenschaft, Enttäuschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die familiäre Dynamik in Kleists Novelle „Der Findling“ und untersucht, wie die dort herrschenden Bedingungen zur tödlichen Katastrophe führen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Im Fokus stehen das Stellvertretersystem innerhalb der Familie Piachi, die Folgen mangelnder Kommunikation und der Einfluss autoritärer Erziehung auf die Persönlichkeitsentwicklung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab zu zeigen, dass die Katastrophe nicht durch die Bosheit eines Einzelnen verursacht wird, sondern durch die missgünstige Figurenkonstellation in einem künstlichen Familiensystem.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die den Primärtext unter Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur interpretativ untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Stellvertretersystems, die Analyse der Beziehungen zwischen Nicolo, Piachi und Elvire sowie die Betrachtung der Rolle von Missverständnissen und Kommunikationslosigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Identitätskrise, Stellvertretersystem, Kommunikationslosigkeit, psychische Deformation und die Unberechenbarkeit menschlichen Handelns.
Welche Rolle spielt das Motiv des „Nüsse-Knackens“ für die Interpretation?
Das Motiv wird als Metapher für den Versuch verstanden, das Geheimnis der Familie gewaltsam aufzubrechen, was letztlich die Zerstörung des künstlichen Systems einleitet.
Warum spielt das Anagramm aus „Colino“ und „Nicolo“ eine so entscheidende Rolle?
Das Anagramm verdeutlicht die fatale subjektive Lesart der Figuren: Nicolo bezieht die Liebesobjekte Elvires fälschlicherweise auf sich selbst, was seine Rachegelüste und das Bedürfnis nach Verführung anheizt.
- Citation du texte
- Amelie Prittwitz (Auteur), 2010, Familienstrukturen im Findling, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153606