Der Künstler und sein Werk

Über die Möglichkeit ästhetischer Erfahrung beim Schöpfungsprozess


Hausarbeit, 2007

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über die Frage nach der Kunst

Über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Künsten

Über die Erfahrung des Künstlers mit seinem eigenen Werk

Literaturverzeichnis:

Einleitung

Diese Arbeit fragt nach der Möglichkeit von Künstlern, mit ihren eigenen Werken ästhetische Erfahrungen zu machen. Um diese Frage in einem dritten Teil dieser Arbeit beantworten zu können, muss zunächst einmal in einem ersten Teil geklärt werden, was der Begriff der Kunst aussagt, wie nach ihm zu fragen ist und welche Berechtigung die Philosophie hat, sich mit dem Begriff der Kunst auseinanderzusetzen, um dann in einem zweiten Teil die Künste in ihren Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten in Bezug auf den zuvor erarbeiteten Kunstbegriff zu betrachten, damit alles Nötige geklärt ist, um die oben formulierte Kernfrage zu beantworten.

Zu Beginn des ersten Teils wird intuitiv die Frage „Was ist Kunst?“ gestellt, um ihre Inadäquatheit aufzuzeigen und dadurch zu der eigentlichen Frage nach der Kunst zu kommen: „Was ist der Wert der Kunst?“ Diese Frage wird am Ende dieses ersten Teils beantwortet sein.

Der zweite Teil befasst sich mit der Unterschiedlichkeit und den Gemeinsamkeiten der einzelnen Künste und wird aufzeigen, dass die Künste in einem Spannungsfeld ästhetischer Medien und Verfahrensweisen, unter einem Begriff der Kunst als Beziehungsgefüge der Künste, bestehen.

Letztendlich wird im dritten Teil die Kernfrage dieser Arbeit erstmalig aufgegriffen und anhand der Vorarbeit aus den ersten beiden Teilen schnell zu beantworten sein. Die zu beweisende These lautet: Wenn ein Künstler seine Werke während des Schöpfungsprozesses als ästhetisches Selbstverständigungsgeschehen erfahren will, sollte er seine Werke der bloßen Handlung des Schöpfens wegen und aus keinem anderen Zwecke schaffen. Um sein eigenes Schaffen als Werk ästhetisch erfahren zu können, muss dieses Schaffen frei von jedem gesetzten Zweck und das Werk beim Künstler selbst als solches umstritten sein.

Sowohl die Systematik als auch die Argumentation der ersten beiden Teile dieser Arbeit sind angelehnt an die ersten beiden Kapitel aus Georg W. Bertrams Kunst – Eine philosophische Einführung und wurden ergänzt durch Argumente aus Martin Heideggers Über den Ursprung des Kunstwerks, sowie durch eigene Gedanken und Erläuterungen. Da Bertram selbst sehr oft auf Autoritäten zurückgreift, um Kritik an diesen zu äußern und dadurch Prämissen für seine Argumentation zu erhalten, wurde hier in vielen Fällen die Theorien, der von Bertram zu Hilfe genommenen Autoritäten, in dem Verständnis wiedergegeben, wie sie in seiner kunstphilosophischen Einführung verstanden werden.

Über die Frage nach der Kunst

Die Frage, die es zuerst zu beantworten gilt, lautet: „Was ist Kunst?“ Zunächst muss jedoch nach der Adäquatheit dieser Frage in Bezug auf die Erstellung eines Begriffes der Kunst gefragt werden. Intuitiv scheint die Frage nach dem Wesen der Kunst angemessen, weil es des Öfteren vorkommt, dass Menschen vor Kunstwerken stehen und sich fragen: „Ist das Kunst?“ Es kann sowohl die Art der künstlerischen Ausdrucksweise (z.B. die Improvisationsfreiheit im Free-Jazz), als auch der dargestellte Gegenstand (z.B. eine Karikatur eines Propheten oder Gottes) Stein des Anstoßes sein, der den Betrachter sich die Frage stellen lässt, ob das, was er betrachtet oder hört, denn nun Kunst ist oder nicht.

Induktiv lässt sich daraus also schließen, dass Kunst umstritten ist. Diese Umstrittenheit der Kunst besteht in zwei Qualitäten: (1) Die Umstrittenheit der Kunst in den Augen des Betrachters, der sich (wie oben erläutert) die Frage stellt, ob das, was er gerade betrachtet, nun Kunst sei oder nicht und (2) die Umstrittenheit der Kritiker, welche in der Geschichte bei vielen Entscheidungen über Verifikation von Gegenständern als Kunst (z.B. Zwölftonmusik) in einem nicht auflösbaren Dissens verblieben sind.

Kunst ist also umstritten, da sie von Grund auf mit der Frage danach verbunden ist, was als Kunst gilt und was nicht. Bei einem Rasenmäher hingegen fragt niemand danach, ob dieser Gegenstand nun ein Rasenmäher sei oder nicht, da es sich bereits daran feststellen lässt, ob man mit diesem Gegenstand den Rasen mähen kann oder nicht. Einen weiteren Grund für die Umstrittenheit der Kunst findet man also darin, dass der Umgang mit Kunstwerken nicht von den Selbstverständlichkeiten (wie z.B. das Rasenmähen des Rasenmähers) geprägt ist, die unsere außerkünstlerische Lebenswelt weithin kennzeichnet.

Martin Heidegger unterscheidet die materiellen Gegenstände in bloße Dinge, Zeug und Werke. Jedes Zeug hat einen ihm eigenen Zweck, seine Dienlichkeit. Der Zweck des Rasenmähers ist es z.B., damit den Rasen zu mähen. Diese Dienlichkeit, d.h. den ihnen eigenen Zweck, für den sie gemacht worden sind, besitzen nach Heidegger alle materiellen Gegenstände, die keine Werke sind.[1] Zeug lässt sich also über seine Dienlichkeit identifizieren und ist somit nicht umstritten. Bloße Dinge (z.B. Stein) sind ebenfalls nicht umstritten, da sie anhand von ihren wesentlichen Eigenschaften (z.B. ihrer organische Zusammensetzung) beschrieben werden können.

Also können wir als erstes positives Kennzeichen der Kunst bestimmen, dass Kunst umstritten ist, d.h. dass Kunst eine mangelnde Selbstverständlichkeit besitzt. Georg W. Bertram bezeichnet die These der mangelnden Selbstverständlichkeit der Kunst als guten Einstieg in das Nachdenken über Kunst. Theodor W. Adorno sagt über diese mangelnde Selbstverständlichkeit:

>>Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr, noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht<<.[2]

Aus dem bisher Erläuterten lässt sich nun folgern, dass der Frage nach dem Wesen der Kunst, die Frage nach den Eigenschaften der Kunst voranzustellen ist. Die Frage nach den Eigenschaften wird gestellt, da die Eigenschaften einer Entität es sind, die ihr Wesen überhaupt erst erfassen lassen. Der Begriff des Wesens stammt vom lateinischen Wort essentia. Die Frage nach den Eigenschaften der Kunst fragt also nach einem essentialistischen Kunstbegriff.

Doch wie lauten die Eigenschaften der Kunst und lassen sie sich überhaupt bestimmen? Gibt es überhaupt Eigenschaften, anhand derer man ein Werk objektiv als Kunstwerk bestimmen kann? Mögliche Eigenschaften von Kunstwerken sind „wohlklingend“, „harmonisch“, „schön“, „grün“, etc. Bei jeder möglichen Eigenschaft, welche sich an Beispielen von Kunstwerken festmachen lässt (z.B. das „Traurige“ in George Gershwin´s Summertime von 1933-35), findet sich mindestens ein Kunstwerk (z.B. Joe Cockers Interpretation des Beatles Stückes With a little help from my friends von 1969), welches diese mögliche Eigenschaft mit dem Werk, aus dem diese Eigenschaft durch Induktion als mögliche Eigenschaft bestimmt wurde, nicht teilt.

Des Weiteren ist es so, dass selbst wenn ein Betrachter an allen von ihm betrachteten Werken eine bestimmte Eigenschaft (z.B. „traurig“) feststellt, dieser Umstand aber noch lange nicht bedeutet, dass alle anderen möglichen Betrachter ebenfalls diese Eigenschaft all diesen Kunstwerken zusprechen. Also können wir sagen, dass Eigenschaften, die Betrachter den Kunstwerken zusprechen, immer nur subjektive Eigenschaften sein können und niemals objektive. Bertram sagt dazu:

>>Es gibt eine Geschichte des Entstehens und Vergehens von Kunstwerken und unterschiedliche Ordnungen, die aus dieser Geschichte resultieren<<.[3]

Damit meint er, dass es in der Geschichte viele objektive Klassifikationsversuche gegeben hat, die aber, wenn man aus ihnen einen gemeinsamen Kunstbegriff erschließen sollte, zu Widersprüchen führen würden. Als Beispiele lassen sich die epochalen Ordnungen in den Anwendungsbereichen Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaften aufzeigen.

Streitpunkte sind hier unter anderem Beginn und Ende von Epochen, sowie Eigenschaften einzelner Epochen. Kunst-Essentialisten sehen einen Kanon von Werken, der eine bestimmte Stabilität aufweist und schließen daraus eine Verwandtschaft von Kunstwerken, welche als Epochen, d.h. als Eigenschaftenmengen eines bestimmten Kanons von Werken in einer bestimmten Zeit, objektive Kriterien zur Bestimmung von Gegenständen als Kunstwerke geben sollen.

Bertram kritisiert solch einen essentialistischen Kunstbegriff auf folgende Art und Weise: Wenn ein Kunstwerk charakteristische Eigenschaften hat, dann können diese Eigenschaften nicht einfach erkannt werden, da man mit einem Kunstwerk Erfahrungen machen muss. Wer einen Rasenmäher als Gegenstand zum Rasenmähen erfahren hat, wird auch jeden anderen Rasenmäher als solchen erfahren, doch wer die Eigenschaften eines Werkes erfahren hat, kann dennoch nicht die Eigenschaften anderer Werke erkennen, da diese subjektiv sind und an jedem Werk neu erfahren werden müssen. Im Folgenden muss also betrachtet werden, ob das Wesen der Kunst, welches wie begründet nicht im Werk selbst liegen kann, in den Erfahrungen liegt, die wir mit Werken machen.

Ergo: Ein Kunstwerk besitzt seine charakteristischen Eigenschaften, die ihn zum Kunstwerk machen erst dann, wenn tatsächliche Erfahrungen mit diesem Gegenstand als Kunstwerk gemacht werden, d.h. dass erst das Erfahren eines Gegenstandes als Kunstwerk uns die Erkenntnis darüber gibt, dass dieser Gegenstand ein Kunstwerk ist.

Mit Martin Heidegger lässt sich nun sagen, dass bloße Dinge und Zeug sich bereits dadurch vom Werk abgrenzen, dass sie sofort als das, was sie sind (z.B. Stein, Rasenmäher), erkannt werden, ohne dass mit jedem bloßen Ding oder Zeug neue Erfahrungen gemacht werden müssen. Die Eigenschaften eines Werkes werden erst durch die ästhetische Erfahrung mit diesem gegeben.

Die ästhetischen Erfahrungen definiert Bertram als die >>Erfahrungen, die Rezipienten in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken machen.<<[4] Demnach wäre das Wesen der Kunst in den Eigenschaften der ästhetischen Erfahrung zu suchen.

Bisher wurde festgestellt, dass es zwei mögliche Methoden zur Bestimmung des Wesens der Kunst gibt: (1) Die Werkästhetik, in welcher die Bestimmung der Eigenschaften in den Gegenständen versucht wird und (2) die Rezeptionsästhetik, in welcher die Bestimmung der Eigenschaften durch die Erfahrungen mit dem Gegenstand vollzogen werden soll. Wie bereits festgestellt, ist die werkästhetische Methode nicht adäquat zur Erstellung eines Kunstbegriffes. Demnach wird als nächstes der Versuch gemacht, Kunst rezeptionsästhetisch zu verstehen. Ist die Rezeptionsästhetik eine adäquate Methode zur Erstellung eines Kunstbegriffes, so könnten alle Gegenstände, die wir erfahren können, Kunst sein, da wir in dieser Methode die Erfahrungen als unabhängig von den Gegenständen begreifen - und so müssen wir sie begreifen, da ästhetische Erfahrung in einer Unabhängigkeit zu den wahrgenommenen Erfahrungen steht. Wir sehen also, dass die Rezeptionsästhetik ebenfalls keine angemessene Methode zur Bestimmung der Kunst ist.

Wenn nun weder die Werkästhetik, noch die Rezeptionsästhetik eine adäquate Methode darstellt, so ist die Frage berechtigt, ob die Frage nach dem Wesen der Kunst und ihren objektiven Eigenschaften, also „Was ist Kunst?“, etwa die falsche Frage sei, wenn es um die Analyse eines Kunstbegriffes geht. Da nun beide möglichen Zugangsweisen zur Erschließung eines Wesens der Kunst inadäquat sind, so kennen wir entweder nicht die richtige Zugangsweise zum Wesen der Kunst oder die Frage nach dem Wesen der Kunst ist die falsche, wenn es sich um die Erschließung eines Kunstbegriffes handelt.

Welcher Zugang zur Kunst und ihrem Wesen lässt sich denken, außer einem solchen, der von dem, was wir Kunst nennen, d.h. vom Werk, ausgeht und einem jenen, der da ansetzt, was wir von dem, was wir Kunst nennen, erfahren, d.h. der Erfahrung von Werken? Die Antwort lautet: „Keine.“, da man ein Wesen nur anhand des Wesensträgers oder der Erfahrung mit dem Wesensträger, erschließen kann.

[...]


[1] Heidegger, Martin: Über den Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart 2004

[2] Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie. Frankfurt a.M. 1973, S.9

[3] Bertram, Georg W.: Kunst – eine philosophische Einführung. Stuttgart 2005, S. 23 / 24

[4] Bertram, Georg W.: Kunst – eine philosophische Einführung. Stuttgart2005, S. 27

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Der Künstler und sein Werk
Untertitel
Über die Möglichkeit ästhetischer Erfahrung beim Schöpfungsprozess
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Was ist Kunst?
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V153683
ISBN (eBook)
9783640663538
ISBN (Buch)
9783640664108
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Ästhetik, Kunst, ästhetischer Essentialismus, Anti-Essentialismus, Kant, Hegel, Nietzsche, Benjamin, Bertram, Heidegger, Adorno, Wagner, Lessing, Selbstverständigung, ästhetische Erfahrung, Rezeption, Künstler, Kunstwerke, Kunstinstitutionen, Wert der Kunst, Spannungsfeld der Künste, Spannungsgefüge der Künste, Selbstzweck der Kunst, Beziehungsgefüge der Künste, ästhetische Medien, ästhetische Verfahrensweisen, Einheit der Künste, Unterscheidung der Künste, Unterschiedlichkeit der Künste, Umstrittenheit der Kunst, Ontologie der Kunst, Ideal der Kunst, System der Künste, Rezeptionsästhetik, Werkästhetik, auratische Kunst, nicht-auratische Kunst, apollinische Kunst, dionysische Kunst, Raumkunst, Zeitkunst
Arbeit zitieren
Florian Lütge-Varney (Autor), 2007, Der Künstler und sein Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153683

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Künstler und sein Werk



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden