Das Kulturargument in der Europadiskussion


Seminararbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Reizthema „Kultur“ in der aktuellen Debatte um den EU - Beitritt der Türkei

2. „Kultur“ als Mittel zum Zweck: Unterschiedliche Kulturargumente und unterschiedliche Europa - Konzepte
2.1 „Kultur“ als Hindernis für eine europäische Integration - nationalstaatliche Sichtweisen
2.2 Das Kulturargument im Kontinentalstaat
2.2.1 Vergleich der universalistischen mit der nationalstaatlichen Sicht
2.3 Der kosmopolitische Kulturbegriff im europäischen Empire
2.3.1 Vergleich der kosmopolitischen mit der nationalstaatlichen und der universalistischen Sicht

3. Zur kritischen Bewertung der vorgestellten Konzepte

4. Quellenverzeichnis

1. Das Reizthema „Kultur“ in der aktuellen Debatte um den EU - Beitritt der Türkei

Als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im Februar 2008 bei einem Deutschlandbesuch seinen Landsleuten zur Integration riet, Assimilation aber zu „einem Verbrechen an der Menschheit“ (Hermann 2008, faz.net) deklarierte, rief dies europaweite Kritik hervor. Es unterstrich zudem die Ansicht einiger Europäer, die Türkei sei für einen Betritt in die EU (noch) nicht bereit. Die Debatten, die Erdogans Rede ausgelöst hat, lassen schon ahnen von der gewaltigen Macht, die Kultur in der heutigen Europa-Diskussion besitzt. Denn Kultur kann sowohl als Hindernis für eine europäische Integration, als auch als Lösung europäischer Probleme gesehen werden. So ergeben sich anhand unterschiedlicher Auffassungen von Kultur unterschiedliche Konzepte, die entweder für oder gegen eine zunehmende Integration Europas sprechen und aus denen man schließen kann, wie ein zukünftiges Europa aussehen könnte.

Mittels einer Interpretation und Analyse ausgewählter Texte werde ich in dieser Arbeit versuchen, die verschiedenen Kulturargumente herauszuarbeiten. In einem weiteren Schritt werde ich aufzeigen, welche Entwicklung sich je nach dem verwendeten Kulturargument für Europa ergeben kann. Anschließend werden die unterschiedlichen Konzepte miteinander verglichen und diskutiert.

Zunächst möchte ich aber darstellen, mit welchem Kulturbegriff gearbeitet wird, also was Kultur denn eigentlich bedeutet. Ich verwende den Kulturbegriff der Volkskunde/Europäische Ethnologie, den so genannten erweiterten Kulturbegriff. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem, was traditionell unter Hochkultur oder schöner Kultur, also den bildenden Künsten, verstanden wird. Es geht demnach nicht um Werke der Literatur, des Theaters oder der Musik, die den menschlichen Alltag aufwerten, sondern um die „Gesamtheit menschlichen Symbolschaffens“ (Gerndt 1997, S. 35). Betrachtet wird die „gesamte Wirklichkeit im Spiegel des menschlichen Bewusstseins“ (ebd., S. 35), also alles das, was übrig bleibt, wenn man „Natur“ abzieht. Der erweiterte Kulturbegriff bezieht sich also auf materielle Gegenstände ebenso wie auf Verhaltensformen, Wert- und Normenvorstellungen bis über Glaubensansichten und Sprachmuster und erfasst ebenso traditionelle Kontinuitäten wie auch den Wandel der kulturellen Ausdrucksformen.

2. „Kultur“ als Mittel zum Zweck: Unterschiedliche Kulturargumente und unterschiedliche Europa - Konzepte

2.1 „Kultur“ als Hindernis für eine europäische Integration - nationalstaatliche Sichtweisen

Gerade Europa-Skeptiker berufen sich gerne auf den abgegrenzten Kulturraum der Nationalstaaten. Innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen hat sich demnach eine homogene Kultur herausgebildet, deren Ausdrucksmittel eine gemeinsame Sprache, Religion, aber auch die jeweilige Staats- und Regierungsform ist. Diese Homogenität nach innen führt zur Herausbildung von klaren Strukturen und Normen, die wiederum reglementierte Lösungsansätze bei Konflikten bereithalten. So werden die Nationalstaaten vielfach als Erfolgsmodell gefeiert, da sie einerseits Schutz im Inneren bieten und durch eindeutige Grenzziehung und die zunehmende Demokratisierung im 20. Jahrhundert Konflikte mit anderen Staaten andererseits immer unwahrscheinlicher werden.

Diese klaren Strukturen werden von der heutigen Transnationalisierung immer mehr bedroht. Grenzüberschreitendes Handeln in der globalisierten Welt durch die Telekommunikationstechnologien oder auch die wirtschaftliche Vernetzung lässt die Trennlinien der Nationalstaaten immer brüchiger werden. Doch das Bewusstsein der Bevölkerung ist nach wie vor anfällig für zwischenstaatliche Rivalitäten und Interdependenzen, hat die Unterscheidung von Innen und Außen stark verinnerlicht. (Vgl. Offe 2001, S. 429)

„Die Europäer fühlen sich (...)] ganz überwiegend Ländern oder Regionen und nicht der EU zugehörig. “ (Ebd., S. 428)

Kulturelle Einflüsse von außerhalb führen also zwangläufig zu Spannungen im Inneren und schüren die Angst der Bevölkerung, den festen nationalstaatlichen Rahmen aufgeben zu müssen und mit schlecht strukturierten Konfliktlagen konfrontiert zu werden. Eine zunehmende Transnationalisierung führt also demnach zu einer Entfesselung des Naturzustandes, des Kampfes aller gegen alle, in dem jeder Einzelne seine Kultur gegen andere verteidigen muss. (Vgl. Ebd., S.431)

„Es fehlt der verbindlich festgelegte institutionelle Rahmen, der es gestatten würde, die vieldimensionale, unübersichtliche und unkalkulierbare Gefahrenlage eines „Naturzustandes “ in fest umrissene soziale Konflikte zu transformieren, auf der sich verlässliche Regeln der Repräsentation und Verfahren der Kompromissbildung anwenden lassen. “ (Ebd., S. 431)

Vor diesem „Naturzustand“ verspricht nur der Rückzug zum Nationalstaat mit seinen festen Grenzen und Regeln wirklich Schutz.

Was ergibt sich daraus nun für Europa und eine europäische Integration? Die Gesellschaften der europäischen Länder zeichnen sich nicht nur durch geringe kulturelle Unterschiede aus, sondern man muss von komplett verschiedenen, historisch gebildeten kollektiven Identitäten sprechen. Man kann also innerhalb der Nationalstaaten homogene Kulturen ausmachen, innerhalb Europas dagegen ein buntes, heterogenes Sammelsurium verschiedenster kultureller Hintergründe. Für die europäische Integration bedeutet dies, dass man von keiner einheitlichen europäischen Gesellschaft sprechen kann.

„Da es kein europäisches Idiom gibt, gibt es keine europäische Öffentlichkeit, die durch europaweite Medien und ihr Publikum zu konstituieren wäre. “ (Ebd., S. 428)

Wie kann unter solchen Umständen ein europäisches Regierungshandeln möglich sein?

Nach Dieter Grimms Verfassungsverständnis muss die politische Legitimation einer Verfassung immer auf den „Akt eines Staatsvolkes zurückgehen“ (Kleger et al. 2002, S. 279). Europa kann nun aufgrund seiner kulturellen Unterschiede niemals ein Staat sein. Wenn es in Europa also kein europäisches Volk gibt, kann es auch keine Verfassung geben. Ohne Verfassung wiederum fehlt es der europäischen Gemeinschaft an einem klaren Regelwerk und die EU ist handlungsunfähig und uneffektiv. Ein uneffektives System, und hier schließt sich der Kreis, bietet der Bevölkerung keine ausreichende Legitimitätsgrundlage, auf Grund derer die Menschen entscheiden könnten, ihr Vertrauen in die EU zu setzen. Eine Abwendung von den Nationalstaaten hin zu Europa scheint für die Bürger nur dann sinnvoll, wenn Europa die Rolle der Staaten übernimmt, also den Naturzustand bändigt und den gleichen Schutz und Wohlstand bietet. Ein handlungsunfähiges Europa kann diesen Wünschen in keiner Weise entsprechen. Hier wird das Paradox deutlich, in dem die europäische Union gefangen ist:

„Benötigt wird jetzt schon ein effektives Regierungshandeln, aber dieses setzt Legitimitätsgrundlagen voraus, die (allenfalls) erst später zu gewinnen sind. “ (Offe 2001, S. 435)

Zusammenfassend kann man hier nachvollziehen, inwiefern Kultur als eines der größten Hindernisse für eine europäische Integration betrachtet wird. Die kulturellen Unterschiede in den Ländern führen zu einer Aufwertung der Nationalstaaten und einer damit einhergehenden Europa-Skepsis. Das Fehlen einer homogenen europäischen Gesellschaft wird als Hauptursache für die institutionellen Probleme der EU behandelt und führt in eine auswegslose Situation, welche die gesamte europäische Union lahm legt.

2.2 Das Kulturargument im Kontinentalstaat

Kultur wird nicht nur als Hemmnis, sondern ganz im Gegenteil auch als Ursache für eine europäische Annäherung behandelt. In diesem Ansatz bildet der zweite Weltkrieg den entscheidenden Einschnitt, der alle europäischen Staaten mehr oder weniger prägte. Obwohl jeder Bürger in jedem Land den Krieg anders wahrgenommen hat, produzierten die gemeinsame Geschichte des Krieges und die anschließende selbstkritische Reflektion eine gemeinsame Identität. Besonders die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen und deren Verhandlung an supranationalen Gerichten kann als erster Schritt in Richtung einer europäischen Zusammenarbeit gewertet werden. So führten kulturelle Ähnlichkeiten zunächst zu wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen den Nationalstaaten.

„Getragen von einer gemeinsamen Geschichte, insbesondere von gemeinsamen Traditionen der Glaubensüberzeugungen, der Rechtsauffassungen und der Kultur der Aufklärung, sowie befördert durch die transatlantische Partnerschaft hat diese Idee eines vereinten Europa (...) eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die ihr viele (...) wohl nicht zugetraut hätten. “ (Lutz-Bachmann 1995, S. 68)

Diese Kooperation hatte aber auch schnell eine Annäherung der zivilen Bevölkerung zur Folge.

„In ihrer alltäglichen Arbeit und ihrer Freizeit haben sie Gemeinsamkeiten entdeckt, ehemals tiefsitzende Vorurteile abgebaut und ein ausgeprägtes Bewusstsein der Zusammengehörigkeit entwickelt. “ (Ebd., S. 71)

Aufgrund dieser Zusammengehörigkeit, die in diesem Konzept als eine bereits bestehende Tatsache betrachtet wird, besteht eine Möglichkeit zur Rückkehr zu den alten Nationalstaaten nicht mehr.

„Die Alternative, (...) die ich als Entscheidungsproblem zwischen einem Europa der Nationalstaaten oder einem kontinental-staatlichen Europa beschrieben habe, ist durch die Realität in Europa schon längst überholt worden. “ (Ebd., S. 71)

Während die gemeinsame Kultur als historische Ursache einen europäischen Zusammenschluss vorantreibt, fungiert das Kulturargument gleichzeitig als Ausschlusskriterium. Staaten, die diese gemeinsame Vergangenheit nicht teilen, deren Glaubensrichtungen sich von denen der westlichen Welt unterscheiden und deren kulturelle Vorstellungen sich nicht mit denen der europäischen Länder vereinbaren lassen, haben demnach in der EU nichts verloren. Um Länder mit derartigen kulturellen Unterschieden in die europäische Union zu integrieren, bedarf es schon einer Homogenisierung, einer Vereinheitlichung der Kultur. Ich möchte diesen Konflikt in Anlehnung an Richard Münch anhand des Islam nachzeichnen. Während sich die Religion in den westlichen Ländern rein auf den privaten Alltag bezieht und keine konkreten Handlungsanweisungen bereit hält, umfasst der Islam den Menschen und den Staat komplett. Während in der westlichen Welt einzig die Verfassungstreue und die Menschenrechte universalen Anspruch erheben, gilt in den islamischen Ländern die Religion als über alles erhaben. Bleiben diese Kulturräume in sich geschlossen, bestenfalls wirtschaftlich oder politisch vernetzt, ergibt sich auch kein Konflikt. Treffen diese Kulturen aber innerhalb eines Kulturraumes aufeinander, muss es zwangsläufig zum Kulturkampf kommen, da beide universalen Anspruch erheben. (Vgl. Münch 1993, 311ff)

„Die multikulturelle Gesellschaft ist nur auf Kosten des langsamen Abschleifens der Kulturunterschiede lebensfähig, wodurch sie sich langsam selbst aufhebt. “ (Münch 1993, S. 311)

So ergibt sich etwa für einen möglichen EU-Beitritt der Türkei oder auch für die schon in Europa lebenden Türken, dass sie nur gegen Aufgabe der eigenen Kultur in den Genuss der Vorzüge der Europäischen Union kommen können.

„(...) dass das multikulturelle Zusammenleben unter dem Dach der westlichen Kultur nur zu verwirklichen ist, wenn sich die unterschiedlichen Kulturen dem absoluten Geltungsanspruch der westlichen Kultur fügen (...).“ (Münch 1993, S. 313)

Für das Konzept Europa lässt diese Argumentation auch nur wenig Spielraum. Sie zielt ab auf einen Kontinentalstaat, zugunsten dessen die Länder nicht nur einen Grossteil ihrer Souveränität sondern auch ihre kulturellen Eigenheiten aufzugeben haben.

2.2.1 Vergleich der universalistischen mit der nationalstaatlichen Sicht

Entgegen dem nationalstaatlichen Kulturargument wird hier sehr deutlich, dass feste Grenzen zwischen den Staaten, aber auch klare Trennlinien zwischen Kulturräumen schon längst nicht mehr existieren. Es wird zwar immer noch unterschieden zwischen der westlichen und der übrigen Welt, doch eine grenzübergreifende Vernetzung wird nicht mehr geleugnet. Da in dieser Realität der nationalstaatliche Rahmen überholt ist, wird der Zusammenschluss zu einem Kontinentaleuropa nahe gelegt. Weil dieses Kontinentaleuropa auf kultureller Ebene dem universalen Anspruch der westlichen Welt unterliegt und eine Homogenisierung notwendig macht, unterscheidet es sich aber zumindest in dieser Hinsicht kaum von den nationalstaatlichen Konzepten. So bietet eine Abschleifung der kulturellen Eigenheiten im Inneren zugunsten einer Universalkultur, bei gleichzeitiger klarer Abgrenzung nach außen, keinen wirklichen Lösungsansatz. Multikulturelle Transnationalität wird weiterhin geleugnet und unterbunden und eine scharfe Grenzziehung fördert Konflikte.

2.3 Der kosmopolitische Kulturbegriff im europäischen Empire

Auch die abschließend vorgestellte Argumentation erkennt die Realität der kulturellen Entgrenzung an. Die vielleicht einstmals abgegrenzten Kulturräume werden heute in vielfältiger Weise überwunden und es gibt keine Systeme mehr, die geschlossen zu betrachten sind.

„ Durchgängig gilt dementsprechend, dass Handlungs- und Erfahrungsräume nicht länger exklusiv sind. Wir leben (...) im Zeitalter der Ströme: Kapitalströme, kulturelle Ströme, Ströme von Menschen, Informationen und Risiken (...). “ (Beck/Lau 2004, S. 16)

Durch Medien wie Fernsehen oder Internet oder auch die zunehmende Mobilität eines jeden Einzelnen entsteht eine Dynamik, die an den Staatsgrenzen nicht mehr Halt macht. Es folgt nicht nur eine kulturelle Vermischung im europäischen Raum, wie im vorhergehenden Ansatz betrachtet, sondern ein Kulturaustausch, der die ganze Welt erfasst. Die hier behandelte Wirklichkeit sieht also nicht nur die Annäherung von Kulturen, die sich eh schon ähneln, sondern öffnet die Augen für die Transkulturalität von scheinbar unvereinbaren Kulturräumen wie dem der islamischen und der westlichen Welt. Welche Folgen hat es nun für die Gesellschaft, wenn ein fester kultureller Rahmen nicht mehr gegeben ist?

„Richtig ist im Gegenteil, (...) dass Entgrenzung Entscheidung erzwingt: je mehr Entgrenzung, desto mehr Entscheidungszwänge, desto mehr provisorisch-moralische Grenzkonstruktionen, das heißt Grenzpolitik. “ (Ebd., S. 15)

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Kulturargument in der Europadiskussion
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Nationale, kosmopolitische und imperiale Ordnungen im gegenwärtigen Europa – Zum Experimentalcharakter der Risikosemantiken im sozialwissenschaftlichen Europadiskurs
Note
1,8
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V153696
ISBN (eBook)
9783640659470
ISBN (Buch)
9783640659227
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europa, Kultur, europäische Integration, Universalismus, Nationalismus, Kosmopolitismus, Diskurs
Arbeit zitieren
Katharina Heinz (Autor), 2008, Das Kulturargument in der Europadiskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153696

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