„Der Mensch muss wie alle Tiere jagen um zu überleben. Im Unterschied zu den Tieren, jagt er allerdings seine eigene Sorte. Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens entweder Jäger oder Gejagter. Manchmal auch Beides zur gleichen Zeit.“ (Luk Perceval)
Der Kampf um Respekt und Ansehen von Menschen in ihrem sozialen Umfeld ist laut Theatermacher Luk Perceval eines der wichtigsten Themen seiner Inszenierung von ‚Maria Stuart’, die am 11. Februar 2006 in der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere feierte.
Nach einer Projektpräsentation von Bühnenbildstudenten aus Straßburg, hatte ich das Glück, ihn persönlich kennenzulernen und nutzte die Gelegenheit, um mit ihm über seine aktuelle Inszenierung zu diskutieren.
In unserem Gespräch beschrieb Perceval die Elisabeth unter anderem als „ewige unermüdliche Kämpferin“ und bezeichnte sie als „die Starke und Mächtige“ in seiner Inszenierung. Über diese Aussage war ich sehr überrascht, da ich Elisabeth im Stück ganz und gar nicht als reine Kämpfernatur empfunden habe. Die Behauptung hat micht dazu inspiriert, zu untersuchen, wie Percevel die Figur der Elisabeth (gespielt von Jule Böwe) konzipiert hat und mich insbesondere mit dem Aspekt des „Kämpferischen“ in Elisabeth kritisch auseinanderzusetzen. Meiner Meinung nach wird Elisabeth durchgängig auch als schwach und verletzlich dargestellt.
In der folgenden Arbeit werde ich zunächst Aspekte des Stückes betrachten, durch die Elisabeth als mächtig und stark gezeigt wird. Dazu gehe ich von der Szene aus, in der sie ihren ersten Bühnenauftritt hat und betrachte diese näher. Andererseits sehe ich in derselben Szene auch viele Anzeichen der Schwäche, die im zweiten Teil meiner Hausarbeit angeführt werden sollen. In Bezug auf die Konzipierung, betrachte ich Elisabeths Auftreten, d.h. Kostüm und ihre Stimme.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. These: Elisabeth, die „Starke, Mächtige“ und „unermüdliche Kämpferin“ des Stückes
1.1 Der erste Auftritt
1.2 Macht
1.3 Elisabeths Erscheinungsbild
1.4 Präsenz
2. Antithese: Die Schwäche der Elisabeth
2.1. Erster Auftritt
2.2 Angst vor Verantwortung
2.3 Elisabeths besondere Beziehung zu Leicester
2.4. Weitere Momente der Schwäche
2.5. Kleidung
3. Synthese und Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Charakterisierung der Figur Elisabeth in Luk Percevals Inszenierung von „Maria Stuart“ an der Berliner Schaubühne (2006) und hinterfragt, ob die vom Regisseur betonte Rolle als „starke und mächtige Kämpferin“ mit der tatsächlichen Bühnendarstellung übereinstimmt.
- Analyse der Inszenierung von Macht und Stärke bei Elisabeth.
- Untersuchung von Anzeichen der Schwäche und Verletzlichkeit der Figur.
- Bedeutung von Kostüm und äußerem Erscheinungsbild für die Charakterzeichnung.
- Der Einfluss der Beziehung zu Leicester auf die innere Zerrissenheit der Königin.
- Die Rolle der Verantwortung und die Abhängigkeit vom Volk als Schwachpunkt.
Auszug aus dem Buch
1.1 Der erste Auftritt
Baron von Burleigh (Ezart Haußmann) und Davison (Falk Rockstroh) befinden sich auf der Bühne, als nacheinander der Graf von Shrewsbury (Erhard Marggraf), Graf von Kent (Alexander von Hugo), Leicester (Bernd Grawert), Paulet (Rhomas Badig), Mortimer (David Ruland), der französische Gesandte Graf Aubespine (Patrice Luc Doumeyrou) und Graf Bellievre ( Jean Chaize ) von links die Bühne betreten und sich auf dem immensen Holzbalken, der den wichtigsten Teil des Bühnenbildes ausmacht, niederlassen. Als Elisabeth (Jule Böwe) erscheint und mit ihrem Schwert in den Balken sticht wird es augenblicklich totenstill. Ein Lichteffekt lässt die Bühne erstrahlen.
Davison wirft sich ihr zu Füßen, Graf Kent reicht ihr die Hand. Die Königin von England steigt in ihren High Heels über den Rücken von Davison und mit Hilfe von Kents Hand auf den Balken. Hoch über den Lords stöckelt sie diesen entlang. Sie tritt die Männer, wie zum Beispiel Baron von Burleigh leicht in den Rücken, wenn diese sie nicht sofort vorbeigehen lassen. Als sie Graf Leicester erreicht, zögert sie kurz, blickt ihn lange an und geht anschließend zurück zur Mitte des Balkens, wo sie eine Zeit lang wortlos stehenbleibt. Graf Bellievre schmeichelt ihr, doch sie wendet sich mit gelangweiltem Blick ab. Die Gesandten erwarten, dass sie ihnen das Versprechen gibt, den französischen Prinzen Franz von Anjou zu heiraten. Sie betont, dass die Könige nur Sklaven ihres Standes seien, nicht dem eigenen Herzen folgen dürften und dass sie das Versprechen nur des Volkes wegen gäbe. Des Öfteren unterbricht sie Bellelievre. Anschließend geht sie den Balken entlang nach links zurück und verlässt die Bühne.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor erläutert die Motivation für die Analyse, die aus einem Gespräch mit Regisseur Luk Perceval über dessen kontroverse Charakterisierung Elisabeths als „unermüdliche Kämpferin“ entstand.
1. These: Elisabeth, die „Starke, Mächtige“ und „unermüdliche Kämpferin“ des Stückes: In diesem Kapitel werden die Aspekte der Inszenierung beleuchtet, die Elisabeth als dominante und machtvolle Herrscherin inszenieren, insbesondere durch ihre physische Präsenz und ihr Auftreten gegenüber den Höflingen.
1.1 Der erste Auftritt: Eine detaillierte Szenenanalyse des ersten Erscheinens der Königin, in dem sie durch ihre physische Überlegenheit und das Schwert als Machtsymbol dominiert.
1.2 Macht: Dieses Kapitel erörtert, wie Elisabeth durch unnahbares Verhalten, tiefe Stimme und männlich konnotierte Gesten den Anspruch auf Macht und Kontrolle in einer von Männern dominierten Welt untermauert.
1.3 Elisabeths Erscheinungsbild: Die Analyse konzentriert sich auf die Kleidung und die äußere Erscheinung der Figur, wobei das enge Kleid als eine Art Rüstung interpretiert wird.
1.4 Präsenz: Hier wird untersucht, wie Elisabeth durch bloße Bühnenpräsenz, auch in wortlosen Momenten, die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
2. Antithese: Die Schwäche der Elisabeth: Das Kapitel kontrastiert die zuvor beschriebene Stärke mit Beobachtungen, die Elisabeth als unsichere, hilfsbedürftige und emotionale Person entlarven.
2.1. Erster Auftritt: Eine Gegenanalyse des ersten Auftritts, die subtile Zeichen der physischen und psychischen Instabilität identifiziert, wie etwa die Notwendigkeit, sich am Schwert oder an anderen Personen abzustützen.
2.2 Angst vor Verantwortung: Die Autorin zeigt auf, wie Elisabeth Entscheidungen zu vermeiden sucht und ihre Machtlosigkeit hinter vorgetäuschter Krankheit oder emotionalen Ausbrüchen verbirgt.
2.3 Elisabeths besondere Beziehung zu Leicester: Dieses Kapitel verdeutlicht, dass Leicester der einzige Mensch ist, vor dem Elisabeth ihre „Maske“ ablegt, wobei ihre Eifersucht und emotionale Abhängigkeit deutlich werden.
2.4. Weitere Momente der Schwäche: Eine Zusammenstellung weiterer Szenen, in denen Elisabeths Hilflosigkeit, etwa in Momenten der Verzweiflung oder bei der Flucht vor Verantwortung, offen zutage tritt.
2.5. Kleidung: Eine kritische Betrachtung der Kostümwahl, bei der die Autorin argumentiert, dass die gewählte Kleidung Elisabeths Verletzlichkeit eher betont als schützt.
3. Synthese und Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass Elisabeths Figur als ambivalente Persönlichkeit konzipiert ist, die gleichzeitig Jägerin und Gejagte, mächtig und doch zutiefst schwach ist.
Schlüsselwörter
Elisabeth, Maria Stuart, Luk Perceval, Schaubühne, Macht, Schwäche, Rolleninterpretation, Theateranalyse, Verletzlichkeit, Inszenierung, Geschlechterrollen, Bühnenpräsenz, Leicester, Verantwortung, Kostüm
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Figur der Elisabeth in Luk Percevals Theaterinszenierung von „Maria Stuart“ und hinterfragt die Diskrepanz zwischen ihrem offiziellen Image als mächtige Königin und ihrer tatsächlichen Darstellung als schwache, verletzliche Person.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Machtdemonstration, die psychologische Schwäche, die Bedeutung von Kleidung als Ausdruck von Identität sowie die komplizierte zwischenmenschliche Beziehung zu Leicester.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Charakter Elisabeths kritisch zu hinterfragen und zu belegen, dass die vom Regisseur behauptete „Kämpfernatur“ im Stück permanent durch Momente der Schwäche und Unsicherheit konterkariert wird.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin stützt sich auf eine detaillierte Szenenanalyse sowie die Beobachtung der schauspielerischen Performance (Mimik, Gestik, Kostüm, Stimme) bei mehreren Besuchen der Inszenierung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine These, welche Elisabeths Stärke betont, und eine Antithese, die ihre Schwächen (Ängste, Abhängigkeiten, Instabilität) gegenüberstellt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Macht, Verletzlichkeit, Inszenierung, Rollenbild und Abhängigkeit.
Welche Rolle spielt Leicester für die Figur Elisabeth?
Leicester fungiert als emotionale Schwachstelle; er ist die einzige Person, vor der Elisabeth ihre Fassade fallen lässt, was sie verletzlich und nackt erscheinen lässt.
Wie interpretiert die Autorin Elisabeths Kleidung?
Während die Kleidung oberflächlich als Rüstung oder Statussymbol dient, interpretiert die Autorin bestimmte Details (wie das Nachthemd oder das durchsichtige Federballkleid) als deutliche Anzeichen für Elisabeths Verletzlichkeit.
Was ist das Fazit der Untersuchung?
Elisabeth ist als ambivalente Figur konzipiert, die gemäß dem Zitat von Perceval („Jäger oder Gejagter“) beide Rollen gleichzeitig ausfüllt und am Ende in ihrer Machtausübung einsam und zerstört zurückbleibt.
- Quote paper
- Dipl. Jonathan Lecot (Author), 2006, Maria Stuart - Untersuchung der Rolle der Elisabeth, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153723