Der Einfluss von Typen nationaler und europäischer Identifikationen auf die Befürwortung einer Erweiterung der Europäischen Union

Eine Untersuchung des Einflusses von Identität und weiteren Determinanten auf die Zustimmung zu einer Erweiterung der Europäischen Union


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Determinanten individueller Unterstützung der Erweiterung der EU
2.1 Utilitaristisches Modell
2.2. Institutionenbezogenes Modell
2.3 Kognitive Mobilisierung
2.4 Identitätsbezogenes Modell

3. Daten und Operationalisierung

4. Analyse und empirische Befunde
4.1 Identifikationstypen
4.2. Determinanten der Zustimmung zu einer Erweiterung der EU

5. Diskussion

6. Schluss

Literatur

Anhang A: Negative wirtschaftliche Erwartungen

Anhang B: Operationalisierung der Kontrollvariablen Bildung und Einkommen

1. Einleitung

Dass die europäische Integration nicht losgelöst von den europäischen Öffentlichkeiten ver- läuft, zeigt nicht nur der Nachhall gescheiterter Referenden sondern wurde mittlerweile von einer Reihe von Autoren betont (Eichenberg/Dalton 1993; de Vreese/Boomgaarden; Ga- bel/Whitten 1997; Inglehart 1970a). In den Worten von Gabel und Palmer „European integra- tion, it appears, is not merely an elite process, but depends on fluctuations in public senti- ments as well. Consequently, determining what factors influence Europeans’ attitudes towards the EC is essential to understanding the dynamics of European integration” (1995, 3). Einen Teilaspekt europäischer Integration und Gegenstand der vorliegenden Arbeit bildet der Bei- tritt neuer Mitglieder. Der Beitritt von zehn neuen Mitgliedern im Jahr 2004 stellt die bisher größte Erweiterung in der Geschichte der EU dar. Sie bildet insofern einen besonders markan- ten Forschungsgegenstand, an dem sich der Einfluss der öffentlichen Meinung auf diese Form der europäischen Integration feststellen lässt. Von besonderem Interesse ist dabei, inwieweit die Zustimmung zur EU-Erweiterung der EU-Bürger von spezifischen Determinanten ab- hängt. Die einschlägige Literatur bietet hierfür als Erklärungsansätze vor allem vier Modelle: ein identitätsbezogenes, ein utilitaristisches und ein institutionenbezogenes Modell sowie ein Ansatz, der das Wissen der Bürger und deren politische Fähigkeiten betrachtet. In dieser Ar- beit richtet sich der Fokus dabei auf das Identitätsbezogene Modell. In der Analyse wird hin- sichtlich dieses Modells eine Erweiterung bzw. Ergänzung von Arbeiten angestrebt, die dieses Modell ebenfalls im Zusammenhang mit dem Thema EU-Erweiterung mit einbeziehen. Iden- tität soll hier nicht in Form separater Dimensionen (z.B. national und europäisch) untersucht werden, vielmehr befasst sich die Analyse in der vorliegenden Arbeit mit Identifikationstypen als Kombinationen von Ausprägungen verschiedener Dimensionen.

Identität dürfte gerade im Zusammenhang mit einer EU-Erweiterung von besonderer Bedeu- tung sein, hat diese doch das Ziehen neuer Grenzen zum Inhalt und dürfte somit die Einstel- lungen der EU-Bevölkerung berühren. Erkenntnisse über den Einfluss von Identität auf die Einstellungen der EU-Erweiterung in der EU Bevölkerung tangieren auch andere Bereiche. Sie spielen vermutlich auch dann eine Rolle, wenn es um die Frage geht, inwieweit die euro- päischen Gesellschaften zusammenwachsen bzw. ob und wie eine europäische Öffentlichkeit oder gar ein europäischer Demos entstehen kann (siehe z.B. Cederman 2001). Vor dem Hin- tergrund der in der Literatur diskutierten Frage nach der Möglichkeit eines europäischen De- mos, insbesondere als Bedingung für eine legitime Ordnung der Europäischen Union (z.B. Decker 2002, 258; Newman 2006, 385), kann die zu verfolgende Fragestellung größere Rele- vanz beanspruchen.

Dem folgenden Fragenkomplex soll also insgesamt nachgegangen werden: Allgemein soll untersucht werden, welche Faktoren die Unterstützung der EU-Bürger für eine EU- Erweiterungen erklären können. Dadurch wird in Teilen auch eine Replikation von Ergebnis- sen bisheriger Arbeiten erreicht. Im Besonderen gilt jedoch zu prüfen, wie sich Identitäts- Faktoren auf die individuelle Unterstützung einer EU-Erweiterung auswirken. Die leitende These geht davon aus, dass unterschiedliche Kombinationen von nationaler und europäischer Identifikation unterschiedliche Wirkungen auf die Unterstützung des Beitritts haben. Zur Ü- berprüfung dieser These werden die Einstellungen von Bürgern der 15 Mitgliedsländer vor der Erweiterungsrunde 2004 analysiert. Die empirische Grundlage der Untersuchung bildet der Eurobarometer Datensatz 60.1 aus dem Jahr 2003. Folgende Vorgehensweise liegt der erkenntnisleitenden Analyse zugrunde: Abschnitt Zwei diskutiert die vier oben genannten Erklärungsmodelle im Zusammenhang mit der Ableitung der Hypothesen. Abschnitt Drei befasst sich mit der Konzeptuierung des Untersuchungsmodells, beschreibt die verwendeten Daten und die Operationalisierungen der Variablen. Abschnitt Vier präsentiert die Analyseer- gebnisse. Nach einer kurzen Diskussion der Ergebnisse in Abschnitt Fünf schließt dann die Arbeit mit einer Zusammenfassung.

2. Determinanten individueller Unterstützung der Erweiterung der EU

Wie Schoen (2008, 70) anmerkt existieren zwar keine genuinen Ansätze für die Erklärung der Einstellungen von Bürgern zur Erweiterung der EU, die einschlägige Literatur zur europäi- schen Integration in der öffentlichen Meinung allgemein bietet dennoch eine überschaubare Zahl von Ansätzen. Sie kommen bei verwandten, jedoch spezifischeren Themen, z.B. im Zu- sammenhang mit Referenden betreffs der europäischen Integration (Lubbers 2008) oder der EU Außenpolitik (Schoen 2008), aber auch für die Erklärung der Unterstützung zur Erweite- rung in bisherigen Mitgliedsstaaten zur Anwendung (Karp/Bowler 2008; Schoen 2008). Ne- ben drei in der Literatur prominenten Ansätzen, dem utilitaristischen, institutionenbezogenen, und identitätsbezogenen Ansatz, soll hier zudem ein wissensbasierter Ansatz zum Tragen kommen.

2.1 Utilitaristisches Modell

Der utilitaristische/instrumentalistische Ansatz hebt auf die Kosten und Nutzen der Bürger im Zusammenhang mit der EU Integration ab. Aus den vielen Arbeiten, die diese Perspektive aufnehmen, sei nur auf einige verwiesen, die zusammen bereits einen breiten Bereich dieses Theoriestranges im Zusammenhang mit europäischer Integration in der öffentlichen Meinung abdecken dürften. Eichenberg und Dalton (1993, 510-514) prüfen eine Reihe objektiver nati-onaler und internationaler ökonomischer Faktoren auf ihre Effekt auf die Unterstützung von Bürgern zur europäischen Integration. Die Autoren sehen auf Basis ihrer Ergebnisse den er- warteten positiven Einfluss günstiger wirtschaftlicher Umstände im Wesentlichen bestätigt (Eichenberg/Dalton 1993, 521-523). Der Status als Nettoempfängerland hat in ihrer Analyse jedoch keinen signifikanten Einfluss (Eichenberg/Dalton 1993, 524). Dieser Faktor dürfte allerdings gerade im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung von Bedeutung sein. Denn es lässt sich argumentieren, dass sich der vorteilhafte Status als Nettoempfänger mit der Erweite- rung negativ verändert (Schimmelfennig 2001, 52; Karp/Bowler 2008, 372). Ähnlich dürfte ein weiterer objektiver bzw. struktureller Faktor, nämlich Beschäftigung in der Landwirt- schaft, im Fall einer Erweiterung mit Kosten für die etablierten Mitgliedsländer einhergehen (Gabel/Palmer 1995, 7). Die Einbindung weiterer Länder könnte ja dazu führen, dass dort günstiger hergestellte Agrarprodukte nun im gemeinsamen Markt in Konkurrenz zu den Ag- rargütern der bisherigen Mitglieder treten (Schimmelfennig 2001, 52). Die beiden angeführten objektiven Faktoren seien in die folgenden Hypothesen überführt.

Hypothese 1a: Geh ö rt eine Person einem Nettoempf ä nger EU-Staat an, ist die Wahrschein lichkeit f ü r die Unterst ü tzung eines EU-Beitritts durch diese Person geringer.

Hypothese 1b: Ist eine Person in der Landwirtschaft besch ä ftigt, ist die Wahrscheinlichkeit f ü r die Unterst ü tzung eines EU-Beitritts durch diese Person geringer.

Gabel und Whitten (1997) knüpfen an die oben zitierte Arbeit von Eichenberg und Dalton (1993) an, indem sie die objektiven wirtschaftlichen Faktoren um subjektive wirtschaftliche Einschätzungen der Befragten erweitern. Sie kommen zu dem Schluss, dass die subjektiven Faktoren eine wichtigere Rolle für die Unterstützung der europäischen Integration seitens der EU-Bevölkerung spielen (Gabel/Whitten 1997, 92). Auch wenn bezweifelt werden kann, dass Bürger ihre wirtschaftlichen Einschätzungen in wesentlichem Maß an die EU koppeln, sollten positive Bewertung der wirtschaftlichen Lage potentielle Kosten durch eine Erweiterung eher ertragbar erscheinen lassen. Bei einer negativen Einschätzung ist im Gegenteil von einer hö- heren Verwundbarkeit, also höheren potentiellen Kosten auszugehen (siehe auch Karp/Bowler 2008, 372). Eine direktere Kosten-Nutzen Erwartung von der europäischen Integration auf Seiten der Bürger schlägt Gabel vor: „[C]itizens’ support for integration is positively related to their welfare gains from integrative policy“ (Gabel 1998, 336). Wenn, wie Gabel und Pal-mer annehmen, der wahrgenommene Nutzen aus der EU-Mitgliedschaft allgemein die Befür-wortung der Integration fördert (1995, 5), könnte dies auch für einen Teilbereich der Integration, die EU-Erweiterung, gelten (siehe auch Karp/Bowler 2008, 371).

Zu den subjektiven ökonomischen Faktoren soll hier auch die wahrgenommene Gefahr durch Immigranten gezählt werden. De Vreese und Boomgaarden führen neben anderen diesen Fak- tor in ihrer Untersuchung der Unterstützung für die Ost-Erweiterung in der dänischen und niederländischen Öffentlichkeit ein, um Wahlverhalten anlässlich von Referenden vorherzu- sagen (2005, 64ff.). Schimmelfennig zufolge induziere die Ost-Erweiterung Migration niedri- ger bezahlter Arbeitskräfte in die „alten“ EU-Länder und verursache auf diesem Wege Kosten (Schimmelfennig 2001, 52). Wenngleich Schimmelfennig (2001) dieses Argument für das Verhalten von Staaten bzw. Regierungen verwendet und damit auf der Makroebene situiert, können analog auch bei Individuen wahrgenommene durch Immigration implizierte Kosten geltend gemacht werden. Es entbehrt allerdings nicht der Plausibilität, die Wahrnehmung von Immigranten in die Nähe von identitätsbezogenen Faktoren zu rücken. Nach den Ergebnissen von Sniderman et al. scheinen Fragen nach der Akzeptanz von Immigranten neben ökonomi- schen Motiven v.a. von einer wahrgenommenen Bedrohung der kulturellen Identität abzuhän- gen (Sniderman et al. 2004, 41). In der schon zitierten Arbeit von de Vreese und Boomgaar- den behandeln die Autoren den Faktor Immigranten eng verknüpft mit Identität, merken je- doch an, dass er damit nicht gleichgesetzt werden kann: Befürchtungen von Immigration „are not a proxy measure for national identity“ (2005, 65). Der Faktor Immigration soll aus mehre- ren Gründen unter die Nutzen-Motive subsumiert werden. Erstens werden identitätsbezogene Faktoren in der vorliegenden Arbeit gesondert untersucht. Zweitens lässt sich mit Schimmel- fennig (2001) Immigration den Nutzenkalkülen zurechnen, zumal gerade durch die mit der Erweiterung verbundene Immigration mit erwarteten Auswirkungen auf Löhne und einer wirtschaftlichen Komponente zu rechnen sein dürfte. Drittens wird dieser Faktor bei Schoen (2008, 75) in einer Analyse von Determinanten der Einstellungen zum Beitritt der Kandida- tenlands Türkei auf Individualebene ebenfalls unter die utilitaristischen Faktoren gerechnet. Aus den Ausführungen über die subjektiven utilitaristischen Faktoren ergeben sich somit die folgenden Hypothesen.

Hypothese 1c: Je schlechter die materiellen Erwartungen einer Person eines EUMitgliedslandes f ü r die Zukunft sind, desto weniger wahrscheinlich ist deren Unterst ü tzung eines EU-Beitritts.

Hypothese 1d: Je gr öß er der wahrgenommene Vorteil einer Person eines EU-Mitgliedslandes durch die Mitgliedschaft in der EU ist, desto h ö her ist die Wahrscheinlichkeit f ü r die Unter st ü tzung eines EU-Beitritts.

Hypothese 1e: Je h ö her die Akzeptanz von Immigranten einer Person eines EU Mitgliedslandes ist, desto h ö her ist die Wahrscheinlichkeit der Bef ü rwortung eines EU Beitritts durch diese Person.

2.2. Institutionenbezogenes Modell

Als institutionenbezogene oder politische Faktoren lassen sich die politischen Einstellungen von Bürgern gegenüber Institutionen (im weiteren Sinn) im Zusammenhang mit der europäi- schen Integration betrachten. In der einschlägigen Literatur lassen sich zwei wesentliche Fak- toren oder Ebene hinsichtlich der Bewertungen von Institutionen ausmachen. Diese sind die Zufriedenheit mit Institutionen, Politik und Demokratie auf der erstens nationalen und zwei- tens europäischen Ebene. Anderson vertritt das Argument, dass sich EU-Bürger für die Eva- luation der Integration im Allgemeinen auf Bewertungen der nationalen Institutionen bzw. Politik stützen, weil es den EU-Bürgern an für die Bewertung der EU-Institutionen relevanten Informationen mangelt (Anderson 1998, 574-575). Seine Befunde zeigen die Bedeutsamkeit eher diffuser Einschätzungen des nationalen politischen Systems für die Unterstützung der europäischen Integration (Anderson 1998, 591). Allerdings bleiben direkte Bewertungen der europäischen Demokratie und Institutionen in seiner Analyse unberücksichtigt.

Demgegenüber legt Rohrschneider neben den wirtschaftlichen Outputs der EU als substantiel- ler Komponente von Demokratie den Fokus auf die prozedurale Komponente der EU- Demokratie als Determinante für die Unterstützung für die europäische Integration in der Öf- fentlichkeit: „[C]itizens not only assess the EU’s economic outputs but also hold views about how well the EU articulates their interests […] These evaluations, in turn, may shape mass support for political integration“ (Rohrschneider 2002, 464).1 Karp et al. (2003) finden kon- krete Hinweise darauf, dass die EU-Bürger auch in der Lage sind, unabhängige Bewertung nationaler und der EU-Institutionen vorzunehmen. Karp und Bowler (2008) gehen in ihrer Arbeit der Frage nach, inwieweit die Zustimmung zur Erweiterung mit der Befürwortung ei- ner Vertiefung der EU-Integration unter den Bürgern kompatibel ist. Sie weisen auf die Mög-lichkeit der Inkompatibilität von Vertiefung und Erweiterung hin (Karp /Bowler 2008, 372-373). Schoen (2008, 72) geht in seiner Untersuchung ebenfalls davon aus, dass eine weitere Aufnahme von Staaten von der EU-Bevölkerung einer politischen Vertiefung als im Wege stehend empfunden werden könnte. Vor diesem Hintergrund können die folgenden vier Hypothesen formuliert werden. Die negativen Formulierungen der folgenden ersten drei Hypothesen sind an die Operationalisierung von Karp und Bowler (2008) angelehnt.

Hypothese 2a: Je gr öß er die Unzufriedenheit einer Person eines EU-Mitgliedslandes mit der nationalen Demokratie ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit f ü r die Unterst ü tzung des EU-Beitritts durch diese Person.

Hypothese 2b: Je gr öß er die Unzufriedenheit einer Person eines EU-Mitgliedslandes mit der EU-Demokratie ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit f ü r die Unterst ü tzung des EU Beitritts durch diese Person.

Hypothese 2c: Je mehr eine Person eines EU-Mitgliedslandes den EU-Institutionen misstraut, desto geringer ist die Unterst ü tzung dieser Person f ü r den EU-Beitritt.

Hypothese 2d: Die positive Unterst ü tzung einer Person eines EU-Mitgliedslandes f ü r die Vertiefung der EU hat einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Unterst ü tzung des EU-Beitritts durch diese Person.

2.3 Kognitive Mobilisierung

Inglehart stellte bereits 1970 die Vermutung auf, dass mit steigender Bildung und der Auswei- tung der Massenkommunikation die Unterstützung der europäischen Integration im Allgemei- nen steigt (Inglehart 1970b, 46). Er spricht in diesem Zusammenhang von „cognitive mobili- zation“, einem breiten Prozess, charakterisiert durch „the increasingly wide distribution of the political skills necessary to cope with an extensive political community“ (Inglehart 1970b, 47). Im Zuge steigender politischer Fähigkeiten bzw. Kapazität zur Verarbeitung eher abstrak- ten Wissens über die EU würden Individuen erstens ein stärkeres Bewusstsein von der euro- päischen Integration entwickeln und zweitens aufgrund überwiegend positiven Inhalts der Informationen über die europäische Integration eine positive Haltung zu eben dieser heraus- bilden (Inglehart 1970b, 47-48). Somit führe jede Information über die EU zu einer positive- ren Haltung ihr gegenüber (siehe auch Inglehart/Rabier/Reif 1991).

Janssen findet schwache empirische Belege für einen positiven Einfluss politischer Fähigkei-ten auf die Unterstützung der europäischen Integration (Janssen 1991, 458). In der Arbeit von Gabel, die neben dem Ansatz der kognitiven Mobilisierung eine Reihe weiterer Ansätze bzw. Variablen miteinbezieht, taucht ein eigenständiger Einfluss politischer Fähigkeiten dagegen nur bei den Gründungsstaaten der EU auf (Gabel 1998). Vor diesem Hintergrund betrachtet scheint der Ansatz der kognitiven Mobilisierung für die Einstellungen zur europäischen Integ- ration allgemein eine geringe Rolle zu spielen. Für die Einstellungen von Bürgern zur Erwei- terung der EU ist er aber womöglich von Relevanz. De Vreese und Boomgaarden (2005, 61) haben in eben diesem Kontext den Einfluss kognitiver Mobilisierung auf die Einstellungen zur Ost-Erweiterung in der Öffentlichkeit Dänemarks und der Niederlande geprüft. Zumindest für Dänemark ließ sich ein signifikanter Effekt nachweisen (de Vreese/Boomgaarden 2005, 69).

In Anlehnung an die Operationalisierung von Gabel (1998) lässt sich eine Hypothese zur kog- nitiven Mobilisierung unter Bezug auf politisches Interesse formulieren. Als ein zweiter Fak- tor dient das Wissen über die EU, das politische Fähigkeiten gemäß Inglehart repräsentieren dürfte.

Hypothese 3a: Je h ö her der Grad an politischem Interesse einer Person eines EU Mitgliedslandes, desto h ö her ist die Wahrscheinlichkeit der Unterst ü tzung des EU-Beitritts durch diese Person.

Hypothese 3b: Je h ö her das Wissen einer Person eines EU-Mitgliedslandes ü ber die EU, desto h ö her die Wahrscheinlichkeit der Unterst ü tzung des Beitritts durch diese Person.

2.4 Identitätsbezogenes Modell

Im identit ä tsbezogenen Ansatz geraten gefühlte Zugehörigkeiten der Bürger in den Blick. I- dentität sei hier im Sinne von kollektiver Identität, d.h. „als spezifische, auf größere gesell- schaftliche Gruppen bezogene Formen der sozialen Identität“ (Westle 2003, 455) gefasst, wo- bei sich soziale Identität wiederum sehen lässt als “self-definitions in terms of social category memberships” (Turner 1999, 10). Im Folgenden stehen Identifikationen als Teilaspekte von Identität bzw. Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv im Vordergrund (Westle 2003, 455). In der Literatur zur europäischen Integration in der öffentlichen Meinung wird neben dem Faktor nationale Identifikation (Sniderman 2004; de Vreese/Boomgaarden 2005; de Vries/van Kersbergen 2007) unter dem Begriff Identität auch das Ausmaß der europäischen Bindung der

[...]


1 Die Bewertung der Qualität nationaler Institutionen nimmt dabei die Stellung einer intervenierenden Variablen ein. Die Qualität nationaler Institutionen würde nach Rohrschneider sozusagen den Maßstab für die Bewertung der EU-Institutionen bilden und so würden beispielsweise in Ländern mit hochqualitativen Institutionen pro-zedurale Defizite der EU-Institutionen stärker hervorstechen (Rohrschneider 2002, 465). Auf eine solche spezifische Analyse sei hier verzichtet.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Typen nationaler und europäischer Identifikationen auf die Befürwortung einer Erweiterung der Europäischen Union
Untertitel
Eine Untersuchung des Einflusses von Identität und weiteren Determinanten auf die Zustimmung zu einer Erweiterung der Europäischen Union
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Vergleichende Politische Verhaltensforschung)
Veranstaltung
Europäische Integration in der öffentlichen Meinung
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
31
Katalognummer
V153763
ISBN (eBook)
9783640662838
ISBN (Buch)
9783640662968
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäische Union, Erweiterung, Einstellungsforschung, Identität, Identitätstypen
Arbeit zitieren
Pascal König (Autor), 2009, Der Einfluss von Typen nationaler und europäischer Identifikationen auf die Befürwortung einer Erweiterung der Europäischen Union, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153763

Kommentare

  • Martin Hackethal am 6.12.2012

    Gut und verständlich geschrieben. Auch die Struktur sowie das theoretische Vorgehen ist gut. Nur leider Stimmen die Berechnungen auf dem das Ergebnis dieser Arbeit basiert hinten und vorne nicht

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