Von der Bismarck-Rede zum Bismarck-Kult


Seminararbeit, 2006
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursachen des Bismarck-Kultes in Thüringen

3. Der Bismarck-Besuch in Jena
3.1 Wie kam der Besuch zustande?
3.2 Bismarcks Rede auf dem Markte zu Jena am 31. Juli 1892
3.3 Bewertung des Bismarck-Besuches in Jena im Jahre 1892

4. Der Bismarck-Kult

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, der aus märkischem Uradel stammte, gilt als der ritterliche Vasall seines Königs, der mit brutaler Gewalt und junkerhafter Selbstherrlichkeit, aber auch mit glasklarem Verstand sein Ziel erreichte und Preußen zum machtvollsten deutschen Staat und Deutschland zur beherrschenden Einheit in Europa machte. Der „Eiserne Kanzler“ Bismarck galt ohne Zweifel einer großen Bevölkerungsmehrheit als die herausragende Symbolfigur des Deutschen Kaiserreiches. In ihm sollte sich die Nation wiedererkennen und durch ihn zu Mut und Hoffnung finden.

Der „Schmied des Reiches“ wurde später zu einer mythischen Figur stilisiert, was in der Bismarck gewidmeten Denkmalsbewegung, in der Glorifizierung des Altreichskanzlers und dem damit verbundenen einsetzenden Bismarck-Kult stark zum Ausdruck kam. Somit zeigt sich, dass Bismarck auch nach seiner Entlassung durch den jungen Kaiser Wilhelm II. eine der besonderen Schlüsselfiguren der deutschen Politik geblieben ist.

Die enge Beziehung zwischen Thüringen und dem Helden Bismarck, der die Reichsgründung maßgeblich bewirkt hatte, trug nach dem Ausscheiden des Kanzlers aus der Politik und v.a. nach seinem Tode dazu bei, dass Thüringen zu einem Zentrum des Bismarck-Kultes wurde. Denkmäler im Allgemeinen dienen der Erinnerung an bedeutende Ereignisse oder an herausragende Persönlichkeiten wie beispielsweise Otto von Bismarck und werden deshalb in der Öffentlichkeit aufgestellt. In Thüringen ist ein dichter Bestand an Bismarck-Denkmälern und Bismarck-Türmen nachweisbar. Zum Bismarck-Kult zählen außerdem die Verleihungen von Ehrenbürgerschaften durch zahlreiche thüringische Städte wie zum Beispiel Jena, der Bau von Bismarck­Säulen, die Widmung von Straßen und noch einiges mehr. Die Bismarck-Gedenkstätten werden in Thüringen stark mit der „deutschen Einheit“ verbunden, obwohl die meisten Thüringer für lange Zeit komplett andere Vorstellungen von derselben hatten. Aber „die Erfolge aus der Kooperation mit Bismarck, vor allem aber die im Gefolge des wirtschaftlichen und sozialen Wandels bald aufbrechenden sozialen Konflikte zwischen Bürgertum und einer sich in Thüringen rasch ausbreitenden Arbeiterbewegung sorgten dann am Ende des 19. Jahrhunderts dafür, daß Thüringen innerhalb Deutschlands zu einem Zentrum bürgerlicher Bismarck-Verehrung wurde.“[1]

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll die Frage geklärt werden, wie es denn nun eigentlich zum Bismarck-Kult kam. Worin lagen die Ursachen? Wer waren die Träger des Bismarck-Kultes? Welche Bedeutung hatte die Rede des Altkanzlers, die er 1892 auf dem Marktplatz von Jena hielt, für die einsetzende Bismarck-Verehrung? Und schließlich, wie äußerte sich der Kult um den Mann, der durch „Blut und Eisen“ die Reichseinigung bewirkt hatte?

2. Ursachen des Bismarck-Kultes in Thüringen

Zu den Gründen für den Bismarck-Kult in Thüringen zählt die Tatsache, dass weite Teile Thüringens zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches der preußischen Provinz Sachsen angehörten. Außerdem gehörte Thüringen im 19. Jahrhundert zu den Kerngebieten der nationalen und liberalen Bewegung und somit erfuhr seit 1866 die Einigungspolitik Bismarcks große Zustimmung im Großteil des thüringischen Bürgertums. Besonders in Jena ist der Drang nach Einheit schon sehr früh erkennbar. Zunächst existierten allerdings tiefe Gegensätze in den politischen Zielsetzungen Bismarcks und denen des Bürgertums. Sein Konfliktkurs mit dem Abgeordnetenhaus stieß auf heftige Kritik ebenso wie die innen- und außenpolitische Strategie Bismarcks zunächst auf entschiedene Ablehnung stieß.[2] „Auch im Kriegsjahr 1866 trat die Skepsis der Thüringer gegenüber den Methoden der bismarckschen Politik sowohl auf Seiten der Monarchen als auch in der öffentlichen Meinung noch einmal deutlich zutage.“[3] Die zunächst ebenfalls noch skeptischen Liberalen begannen aber bald damit, sich auf die neuen Grundlagen einzustellen, welche Bismarcks Kriegspolitik geschaffen hatte, da sie darin zum Teil die Erfüllung eigener wichtiger Ziele ansahen.[4] Die einsetzende Bismarck-Verehrung nach der Entlassung des Altkanzlers legt die Tatsache offen, wie sehr man sich in Thüringen neuen Halt in der Person Bismarcks erhoffte. Die Gründe lagen zum Teil in den Enttäuschungen, die der neue Kurs unter Kaiser Wilhelm II. verursachte, und in dem Aufstieg der Sozialdemokratie in Thüringen. Durch die außenpolitischen Misserfolge wuchs die Sorge um die Stellung jenes Reiches, für dessen Gründung sich die Thüringer vehement eingesetzt hatten. „Und schließlich war es Bismarck selbst, der nach seinem aufgezwungenen Rücktritt ein gutes Gespür für die Stimmung im Lande besaß und den sich rasch ausweitenden politischen Massenmarkt geschickt nutzte, um auch als ,Kanzler ohne Amt’ die öffentliche Meinung in seinem Sinne zu beeinflussen.“[5] Dies zeigte sich zum Beispiel in einer Ansprache, die Bismarck auf dem Markte zu Jena im Jahre 1892 abgehalten hat.

3. Der Bismarck-Besuch in Jena

3.1. Wie kam der Besuch zustande?

Im Jahre 1890 hatte der junge Kaiser Wilhelm II. den langjährigen Reichskanzler Otto von Bismarck entlassen und seitdem war die Beziehung der beiden ziemlich frostig. Der Jenaer Bismarck-Besuch fand zu einem Zeitpunkt statt, als die Spannungen zwischen dem jungen Kaiser und dem Altkanzler Bismarck einen neuen Höhepunkt erreicht hatten, da Bismarcks Nachfolger Caprivi und auch der deutsche Kaiser sowohl den deutschen Botschafter in Österreich als auch den österreichischen Kaiser Franz Joseph dazu genötigt hatten, die in Wien stattfindende Hochzeit von Bismarcks Sohn Herbert mit einer ungarischen Gräfin, nicht zu besuchen.[6] Dies erregte großen Unmut in der deutschen Öffentlichkeit und somit verhalfen die offiziellen Peinlichkeiten Bismarck zum Triumph. Nach der Hochzeit seines Sohnes hielt Bismarck sich in Bad Kissingen auf und dort überbrachte ihm am 10. Juli 1892 eine Abordnung aus Jena die Einladung zu einem Besuch in der Saalestadt. An der Spitze der Delegation standen der Naturforscher Ernst Haeckel und der Jenaer Oberbürgermeister Singer.[7] Bismarck nahm die Einladung an.

Die Tatsache, dass der Altkanzler nach Jena kommen werde, schlug in der Universitätsstadt ein wie eine Bombe. Um dem Exkanzler einen Empfang zu bereiten, der ihm auch würdig war, bildete man Festausschüsse.[8] Am 30. Juli 1892 traf Bismarck dann schließlich in Jena ein und wurde dort von Professoren, Studenten, Jenaer Bürgern und anderen Besuchern gefeiert. „Schon auf dem Bahnhof wurde er durch Hunderte Bürger, Abordnungen von Sänger- und Kriegervereinen sowie studentische Korporationen in einem Fahnenmeer begeistert empfangen.“[9] Der Besuch in der Saalestadt bildete den Abschluss von einem regelrechten Triumphzug, den Bismarck durch Österreich und Deutschland geführt hatte.[10]

3.2. Bismarcks Rede auf dem Markte zu Jena am 31. Juli 1892

8000 Personen drängten sich auf dem Jenaer Marktplatz, als Otto von Bismarck am 31. Juli 1892 seine Rede hielt. In den angrenzenden Gassen befanden sich etwa ebenso viele. Und außerdem waren sämtliche Fenster und etliche Dächer der umliegenden Häuser besetzt.[11]

Der von den Bürgern nach Jena eingeladene Bismarck nutzte den dortigen Empfang dazu, sich öffentlich vom neuen Kurs der Reichspolitik zu distanzieren und traf mit seinen Stellungnahmen zur aktuellen Politik exakt die Empfindungen der Zuhörer. Mit der Bismarck-Feier wollte man einerseits Bismarck für die Reichseinigung danken und gleichzeitig Kritik am Wilhelminismus und Bismarcks Nachfolger Caprivi äußern, die eine Neuaufteilung der Welt und einen „Platz an der Sonne“ für Deutschland beanspruchten.

Bismarck begann seine Rede mit einer Art Liebeserklärung an Thüringen. Wörtlich hieß es: „In Thüringen habe ich als Kind zuerst Felsen, Berge und Burgen mit ihren geschichtlichen Erinnerungen kennengelernt, welche ich in unserem nordischen Flachland, Pommern und Brandenburg, noch nicht gesehen hatte. Diese Eindrücke der Kindheit haben in meinen Empfindungen um den Begriff Thüringen einen Nimbus der Romantik gewebt, der getragen wurde namentlich durch die Erinnerung an die Wartburg und ihre Vorzeit, in reiferer Kindheit auch durch die Erinnerung nicht nur an Luther und die Reformation, sondern auch an die Entwicklung unserer Sprache durch die hier zutage geförderte deutsche Bibelübersetzung.“[12] Er habe begriffen, „[...] welch große Bedeutung für unsere geistige und nationale Entwicklung das Thüringer Land in Gestalt von Weimar und Jena gehabt hatte[...]“.[13] Danach folgt ein Ausflug in die Geschichte. Besonders interessant an Bismarcks Ansprache ist, was er über die Schlacht bei Jena und Auerstedt äußerte. Er konstatierte: „Der Name Jena hatte für mich als Sohn einer preußischen Militärfamilie einen schmerzlichen und niederdrückenden Klang. Es war das natürlich, und erst in reiferen Jahren habe ich einsehen gelernt, welchen Ring in der Kette der göttlichen Vorsehung für die Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes die Schlacht bei Jena auf die gesamten Verhältnisse unseres Vaterlandes ausgeübt hat. Ich kann mich nicht freuen bei dieser Erinnerung, mein Herz kann es nicht, wenn auch mein Verstand mir sagt, daß, wenn Jena nicht gewesen wäre, Sedan vielleicht auch nicht in unserer Geschichte seinen glorreichen Platz gefunden hätte. Als Tatsache kann man annehmen, daß damals die friderizianische preußische Monarchie, eine großartige, in sich einige Schöpfung, ihre Zeit ausgelebt hatte, und ich glaube nicht, daß wir, wenn sie bei Jena gesiegt hätte, eine ähnliche gedeihliche Entwicklung aufzuweisen gehabt hätten. Ich weiß das zwar nicht. Aber die Zertrümmerung des morsch gewordenen Baues - morsch, wie die Kapitulationen unserer ältesten und achtbarsten Generäle aus jener Zeit erwiesen haben - war notwendig, um freien Platz zu schaffen für den erforderlichen Neubau, und das zerschlagene Eisen der altpreußischen Monarchie wurde unter dem schweren und schmerzlichen Hammer der Fremdherrschaft zu dem Stahl geschmiedet, der 1813 diese Fremdherrschaft mit starker Elastizität zurückschleuderte. Ohne diesen Druck der Fremdherrschaft und ohne den vollständigen Verzicht auf die Vergangenheit wäre das Erwachen des deutschen Nationalgefühls im preußischen Lande, welches aus der Zeit der tiefsten Schmach der Fremdherrschaft seine ersten Ursprünge zieht, kaum möglich gewesen.“[14] Bismarck stellte also die Schlacht bei Jena und Auersted in eine optimistische Perspektive. Er lobte in seiner Rede die politischen Verdienste Thüringens um die deutsche Einheit: „Ohne Jena kein Sedan“.

[...]


[1] Werner Greiling/ Hans-Werner Hahn: Die Rückkehr des Reichsgründers. Bemerkungen zu den Ansätzen und Ergebnissen eines Jenaer Forschungsseminars, in: Werner Greiling/ Hans-Werner Hahn (Hrsg.): Bismarck in Thüringen. Politik und Erinnerungskultur in kleinstaatlicher Perspektive, Rudolstadt 2003, S. 7-18, hier S. 10.

[2]

Hans-Werner Hahn: Bismarck in Thüringen. Politik und Erinnerungskultur zwischen Reichsgründung und Wiedervereinigung, in: Greiling/ Hahn (Hrsg.): Bismarck in Thüringen, S. 19-66, hier S. 22.

[3] Ebd. S. 22.

[4] Ebd. S. 23.

[5] Hahn: Bismarck in Thüringen. Politik und Erinnerungskultur zwischen Reichsgründung und Wiedervereinigung, S. 30.

[6] Hahn: Bismarck in Thüringen. Politik und Erinnerungskultur zwischen Reichsgründung und Wiedervereinigung, S. 31.

[7] Gerd Fesser: Bismarck hält eine Rede. Der Besuch des „Eisernen Kanzlers“ in Jena 1892, in: Reinhard Jonscher/ Gerd Fesser (Hrsg.): Thüringen seit der Reformation. Historische Streiflichter, Bucha bei Jena 2000, S. 156-160, hier S. 156.

[8]

Fesser: Bismarck hält eine Rede. Der Besuch des „Eisernen Kanzlers“ in Jena, S. 156.

[9] Hahn: Bismarck in Thüringen. Politik und Erinnerungskultur zwischen Reichsgründung und Wiedervereinigung, S. 32.

[10] Gerd Fesser: Von Jena nach Sedan? Zu Bismarcks Rede in Jena im Jahre 1892, in: Reinhard Jonscher/ Gerd Fesser (Hrsg.): Umbruch im Schatten Napoleons. Die Schlachten von Jena und Auerstedt und ihre Folgen, Jena 1998, S. 203-206, hier S. 203.

[11] Fesser: Bismarck hält eine Rede. Der Besuch des „Eisernen Kanzlers“ in Jena, S. 157.

[12] Otto von Bismarck: Die gesammelten Werke, Bd.13, Berlin 1930, S. 471.

[13] Ebd. S. 471.

[14] Bismarck: Die gesammelten Werke, S. 471 f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Von der Bismarck-Rede zum Bismarck-Kult
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Mindermächtige auf dem Weg in Moderne. Thüringen 1848/49 - 1920.
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V153814
ISBN (eBook)
9783640662692
ISBN (Buch)
9783640662753
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarck, Rede, Kult, Thüringen, Jena, Denkmal, Verehrung, Marktplatz, "Eiserner Kanzler", Deutsches Kaiserreich, 19. Jahrhundert, Mythos
Arbeit zitieren
Alumna Christin Oelmann (Autor), 2006, Von der Bismarck-Rede zum Bismarck-Kult, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153814

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