Das Thema dieser Bachelor-Thesis Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung ist ein in der Sozialen Arbeit neu zu betrachtendes Phänomen, das wenig oder gar nicht im deutschsprachigen Raum wissenschaftlich und/oder empirisch erforscht wurde. Substanziell geht es hier um die Intersektionalität und das Zusammenwirken zwischen diesen zwei Kategorien von Differenzen. Präziser formuliert handelt es sich um Schwule und Lesben mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter, um ihre vielfältigen Krisen, die infolge der Sozialisations-, Entwicklungs-, Stigmatisierungs- und Coming-out-Prozessen geschlechtstypisch bewältigt werden können. Explizit betrachtet repräsentiert diese Gruppe eine Minderheit innerhalb der Minderheit (Homosexualität), und demzufolge unterliegt sie diesen Prozessen multiperspektivisch. An dieses Erkenntnisinteresse ist unsere Fragestellung geknüpft:
Mit welchen Krisen setzen sich Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter auseinander, wie können sie diese geschlechterspezifisch bewältigen und welche Relevanz hat die Soziale Arbeit dafür?
In Anlehnung an die vorliegende differenzierte wissenschaftliche Analyse zu diesem Themenkomplex, sind wir zu einer für die Soziale Arbeit relevanten These gelangt, welche die Erkenntnisse repräsentiert. Sie besagt, dass junge Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung infolge einer beschränkten Palette an Bewältigungsstrategien, einem geringeren sozialen Rückhalt und wegen psychosozialen Lebenskrisen, die durch das doppelte Coming-out und die mehrfache Stigmatisierung verstärkt werden, die Unterstützung bei der Krisenbewältigung von Angeboten und vor allem einer höheren Akzeptanz, Beachtung und Verständnis seitens der Professionellen der Sozialen Arbeit bedürfen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Vorverständnis
1.2 Gemeinsame Motivation
1.2.1 Motivation von Rahel Oehrli
1.2.2 Motivation von Nikol Lulgjuraj
1.3 Fragestellung und Thesen
1.4 Methode und Schwerpunkt
1.5 Aktueller kritischer Diskurs und Literatur
1.6 Aufbau
2 Begriffsklärung
2.1 Kognitive Beeinträchtigung
2.1.1 Vorbemerkung und Begriffswahl
2.1.2 Psychologische, medizinische, soziologische und pädagogische Sichtweise
2.1.3 Zum Begriff leichte kognitive Beeinträchtigung
2.2 Junges Erwachsenenalter
2.2.1 Zum Begriff junge Erwachsene
2.2.2 Zum Begriff junge Erwachsene mit leichter kognitiver Beeinträchtigung
2.3 Homosexualität
2.3.1 Zum Begriff Homosexualität
2.3.2 Zum Begriff Lesbe
2.3.3 Zum Begriff Schwule
2.4 Doppeltes Coming-out
2.4.1 Zum Begriff Coming-out
2.4.2 Zum Begriff doppeltes Coming-out
2.5 Mehrfache Stigmatisierung
2.5.1 Zum Begriff Stigmatisierung
2.5.2 Zum Begriff mehrfache Stigmatisierung
2.6 Krise und Bewältigung
2.6.1 Zum Begriff Krise
2.6.2 Zum Begriff Bewältigung
2.7 Soziale Arbeit
2.7.1 Zum Begriff Soziale Arbeit
2.7.2 Zum Begriff Sonderpädagogik
3 Gesellschaft und Soziale Arbeit vs. Beeinträchtigung und (Homo-)Sexualität
3.1 Soziale Probleme der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit bezüglich Sexualität
3.1.1 Gesellschaft in Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität
3.1.2 Soziale Arbeit in Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität
3.1.3 Befragung von sozialen Institutionen in Verbindung mit Sexualität
3.2 Gesellschaft in Verbindung mit weiblicher und männlicher Homosexualität
3.2.1 Historischer Abriss der Homosexualität aus gesellschaftlicher Perspektive
3.2.2 Befragung von Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung
3.3 Fazit
4 Grundmodelle geschlechtstypischer Sozialisation und geschlechtstypischer Bewältigung
4.1 Männliche und weibliche Sozialisation
4.1.1 Männliche Sozialisation
4.1.2 Weibliche Sozialisation
4.2 Männliche und weibliche Lebensbewältigung
4.2.1 Das Konzept der biografischen Lebensbewältigung
4.2.2 Das männliche Bewältigungsmodell
4.2.3 Das weibliche Bewältigungsmodell
4.3 Sozialisation und Bewältigung in Verbindung mit (Homo-)Sexualität und Beeinträchtigung
4.3.1 (Homo-)Sexuelle Sozialisation und Bewältigung
4.3.2 Sozialisation und Bewältigung bei Menschen mit Beeinträchtigung
4.4 Fazit
5 Die menschliche Entwicklung
5.1 Die Ökologie der menschlichen Entwicklung
5.2 Kognitive Entwicklung
5.3 Emotionale und soziale Entwicklung
5.4 Sexuelle Entwicklung
5.5 Geschlechtsspezifische Entwicklung
5.6 Fazit
6 Homosexualität
6.1 Sexuelle Orientierung
6.2 Das innere und äußere Coming-out bei Lesben und Schwulen
6.2.1 Das Prä-Coming-out bei Lesben und Schwulen
6.2.2 Das eigentliche Coming-out bei Lesben und Schwulen
6.2.3 Die Integrationsphase bei Lesben und Schwulen
6.2.4 Unterschiede im Coming-out zwischen jungen Lesben und Schwulen
6.3 Stigmatisierung seitens der Gesellschaft
6.4 Empirischer Überblick zur Lebenssituation junger Lesben und Schwulen
6.5 Fazit
7 Kognitive Beeinträchtigung
7.1 Geschlecht und kognitive Beeinträchtigung
7.2 Sexualität und kognitive Beeinträchtigung
7.3 Das innere und äußere Coming-out bei Menschen mit Beeinträchtigung
7.3.1 Das Prä-Coming-out bei Menschen mit Beeinträchtigung
7.3.2 Das eigentliche Coming-out bei Menschen mit Beeinträchtigung
7.3.3 Die Integrationsphase bei Menschen mit Beeinträchtigung
7.4 Stigmatisierung seitens der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit
7.5 Bewältigung und kognitive Beeinträchtigung
7.6 Fazit
8 Junge Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung
8.1 Relevante Merkmale
8.1.1 Unterschiedliche Merkmale
8.1.2 Gemeinsame Merkmale
8.2 Das doppelte innere und äußere Coming-out bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung
8.2.1 Das Prä-Coming-out bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung
8.2.2 Das eigentliche Coming-out bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung
8.2.3 Die Integrationsphase bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung
8.3 Mehrfache Stigmatisierung seitens der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit betreffend Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung
8.3.1 Mehrfache soziale Stigmatisierung
8.3.2 Mehrfache strukturelle Stigmatisierung
8.4 Mehrfache Krisen bei jungen Lesben und Schwulen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung
8.4.1 Sozialisationskrisen
8.4.2 Entwicklungskrisen
8.4.3 Krisen des doppelten Coming-out
8.4.4 Krisen der mehrfachen Stigmatisierung
8.5 Geschlechtstypische Krisenbewältigung bei jungen Lesben und Schwulen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung
8.5.1 Weibliche Bewältigungsstrategien
8.5.2 Männliche Bewältigungsstrategien
8.6 Eine Wirklichkeit des Themenkomplexes aus der gegenwärtigen Sicht
8.7 Fazit
9 Zusammenfassung und Erkenntnisse
9.1 Kurzfassung
9.2 Beantwortung der Fragestellung
9.3 Verifizierung der Thesen
10 Kritische Diskussion und Reflexion
10.1 Kritische Darlegung der Literatur
10.2 Erkenntnisse für die Soziale Arbeit
10.3 Gemeinsame Reflexion
10.3.1 Selbstreflexion von Nikol Lulgjuraj
10.3.2 Selbstreflexion von Rahel Oehrli
10.4 Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Lebenssituation von jungen Lesben und Schwulen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter. Dabei liegt der Fokus auf der Intersektionalität der Stigmatisierungen sowie den Prozessen des doppelten Coming-outs. Ziel ist es, professionelle Handlungsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit aufzuzeigen, um diese Personengruppe bei der Krisenbewältigung besser zu unterstützen.
- Intersektionale Stigmatisierung und Marginalisierung
- Prozesse des doppelten Coming-outs
- Geschlechtstypische Sozialisation und Krisenbewältigung
- Rolle der Sozialen Arbeit und Sonderpädagogik
- Lebensphase des jungen Erwachsenenalters bei kognitiver Beeinträchtigung
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
„Der moderne Mensch ist existentiell auf andere angewiesen und kann nur existieren, wenn er sozial irgendwie eingebunden ist“ konstatiert Lothar Böhnisch (2005: 29). Was aber ein homo sapiens in der Tat zu leisten oder zu tun bereit wäre, um sozial irgendwie eingebunden zu sein oder zu bleiben, damit er überhaupt zu existieren vermag, ist eine abstrahierende Philosophie eines Laien und keine genuine Wirklichkeit eines oder einer Professionellen. Das heißt, dass das Spannungsfeld, in dem sich das Individuum in die Richtung eines Bewältigungshandelns bewegt, so dass es in unserer individualisierten und globalisierten Gesellschaft zurecht kommen kann, sehr divergente Prototypen mit sich bringt. Es lässt sich keine Formel entwerfen, die per se jeden Habitus nach den gleichen Prinzipien erklären oder lösen kann.
Nun angenommen, dass das Existieren eine einfachere Version des Funktionierens bzw. der Lebensbewältigung repräsentiert, verlangt das Leben nach mehr als nur nach einem passiven Dasein. Die Welt und damit das Leben ist ein ewiger Konkurrenzkampf. Um diesen Kampf zu überstehen, muss der oder dem Schwächeren im besten Fall eine angemessene soziale Lebenslage (soziale, kulturelle und materielle Spielräume) zur Verfügung gestellt werden, in der er oder sie sich positiv entfalten kann. Ansonsten sucht das Individuum stets, wenn nicht auf Dauer dann wenigsten auf eine augenblickliche, sozusagen virtuelle Weise nach Lösungen, die ihr oder ihm zur Lebensbewältigung verhelfen sollen. Mit dem Ausdruck Schwächeren meinen wir die sich in einer kritischen Lebenssituation befindenden Person, die eher in Gefahr läuft, diese schwierige Situation nicht bewältigen zu können. Dieses Scheitern kann deviantes Verhalten hervorrufen und im worst case gar Gewaltverhalten auslösen, weil der Mensch permanent nach einem Ausweg sucht, um die Handlungsfähigkeit um jeden Preis zu erhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein, definiert die Zielgruppe der jungen Lesben und Schwulen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung und erläutert die Motivation sowie das erkenntnistheoretische Vorgehen der Autoren.
2 Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe der Thesis, insbesondere kognitive Beeinträchtigung, das junge Erwachsenenalter, Homosexualität, das doppelte Coming-out, Stigmatisierung sowie Krise und Bewältigung im Kontext der Sozialen Arbeit.
3 Gesellschaft und Soziale Arbeit vs. Beeinträchtigung und (Homo-)Sexualität: Dieses Kapitel beleuchtet das historische und aktuelle Verhältnis von Gesellschaft und Sozialer Arbeit bezüglich Sexualität und Homosexualität, ergänzt durch eine Umfrage in sozialen Institutionen.
4 Grundmodelle geschlechtstypischer Sozialisation und geschlechtstypischer Bewältigung: Es werden die theoretischen Modelle von Böhnisch und Funk zur geschlechtstypischen Sozialisation und Lebensbewältigung vorgestellt, um die Unterschiede im Umgang mit Krisen zwischen Männern und Frauen zu verdeutlichen.
5 Die menschliche Entwicklung: Das Kapitel erläutert Aspekte der menschlichen Entwicklung, wie die ökologische Systemtheorie nach Bronfenbrenner und die kognitive Entwicklung nach Piaget, unter besonderer Berücksichtigung der Verzögerungen bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.
6 Homosexualität: Dieses Kapitel analysiert die sexuelle Orientierung und die Coming-out-Prozesse bei Lesben und Schwulen, basierend auf den Modellen von Rauchfleisch, sowie deren Lebenssituation und Stigmatisierungserfahrungen.
7 Kognitive Beeinträchtigung: Das Kapitel vertieft die Problematik von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, untersucht Geschlechterdifferenzen und beleuchtet die Institutionalisierungsgeschichte sowie die Stigmatisierungsprozesse.
8 Junge Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung: Das Hauptkapitel führt die beiden Differenzkategorien zusammen, untersucht das doppelte Coming-out, mehrfache Stigmatisierungskrisen und spezifische Bewältigungsstrategien bei der Zielgruppe.
9 Zusammenfassung und Erkenntnisse: Die Ergebnisse der Thesis werden hier verdichtet, die eingangs formulierten Thesen verifiziert und die zentralen Erkenntnisse für das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit zusammengefasst.
10 Kritische Diskussion und Reflexion: Zum Abschluss reflektieren die Autoren ihre Literaturarbeit, diskutieren die Hürden des Forschungsprozesses und legen ihre persönlichen Reflexionen sowie weiterführende Schlussfolgerungen für die Praxis dar.
Schlüsselwörter
Intersektionalität, Homosexualität, Kognitive Beeinträchtigung, Soziale Arbeit, Doppeltes Coming-out, Mehrfache Stigmatisierung, Krisenbewältigung, Junges Erwachsenenalter, Geschlechtstypische Sozialisation, Lebensbewältigung, Sonderpädagogik, Normalisierungsprinzip, Copingstrategien, Identitätsbildung, Heteronormativität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelor-Thesis befasst sich mit der Lebenssituation junger Lesben und Schwulen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Intersektionalität von Sexualität und Beeinträchtigung, Coming-out-Prozesse, Stigmatisierung, geschlechtstypische Sozialisation und die Rolle der Sozialen Arbeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Autoren untersuchen, mit welchen Krisen sich diese Personengruppe auseinandersetzt, wie sie diese geschlechtsspezifisch bewältigen und welche Relevanz dies für die Soziale Arbeit hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die durch zwei eigene, nicht repräsentative Befragungen (einerseits von Institutionen, andererseits von betroffenen Personen) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil (Kapitel 8) analysiert die Zusammenführung der Kategorien "Homosexualität" und "kognitive Beeinträchtigung" und untersucht das doppelte Coming-out, mehrfache Krisen und spezifische Bewältigungsstrategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Intersektionalität, Coming-out, mehrfache Stigmatisierung, kognitive Beeinträchtigung und Lebensbewältigung charakterisiert.
Warum ist das "doppelte Coming-out" eine besondere Herausforderung?
Es stellt eine doppelte Krisensituation dar, da die Betroffenen sowohl ihre kognitive Beeinträchtigung als auch ihre homosexuelle Orientierung vor sich selbst und der Gesellschaft integrieren müssen, oft ohne ausreichende Unterstützung.
Welche Rolle spielt die Soziale Arbeit für die Zielgruppe?
Die Soziale Arbeit trägt eine Mitverantwortung bei der Stigmatisierung; die Autoren fordern eine Sensibilisierung, den Abbau von Tabus und die Schaffung inklusiver Unterstützungsangebote, die die sexuelle Identität respektieren.
- Citar trabajo
- Nick Lulgjuraj (Autor), Rahel Oehrli (Autor), 2009, Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153835