Im Jahr 2003 wurden fast 214.000 Ehen geschieden. Das ist von 1000 bestehenden Ehen jede Elfte. In 107.888 dieser Familien, also von knapp über der Hälfte dieser Scheidungen, waren minderjährige Kinder betroffen. Diese Zahl beinhaltet allerdings nicht die unverheirateten Paare, die sich auch zu einer Trennung entschließen. Über diese Paare liegen keine genauen Angaben vor, da ihre Trennungen meist ohne staatliche Interventionen verlaufen. Somit kann auch die Zahl der ehelichen und unehelichen Kinder, deren Eltern sich trennen, nur erahnt werden. Doch ob verheiratet oder nicht, eine Trennung bzw. Scheidung eines Elternpaares zieht immer starke Veränderungen nach sich, die nicht nur das (ehemalige) Paar selber betreffen. Auch, oder ganz besonders die Kinder und Jugendliche solcher Paare sind den Auswirkungen einer Trennung unterworfen. Mit dem Kindschaftsrechtsreformgesetz (KindRG), das 16.12.1997 in Kraft getreten ist, soll einem Kind die Möglichkeit gegeben werden, auch nach der Trennung der Eltern mit beiden Elternteilen in Kontakt zu bleiben. Dabei spielt für den Gesetzgeber keine Rolle mehr, ob es sich dabei um eheliche, oder nichteheliche Kinder handelt. Laut einer Studie von Maccoby und Mnookin leben in nur 10 % der Fälle die Kinder, nach der Trennung der Eltern, bei ihrem Vater - wobei in einem Großteil dieser Fälle die Mutter physisch oder psychisch gar nicht in der Lage war, sich um die Kinder zu kümmern. Ca. 17 % der Familien entschieden sich für eine sog. „Doppelresidenz“. Das Kind lebt hier zu gleichen Teilen, meist im Wechsel von zwei Wochen, bei Mutter und Vater. In knapp 70 % aller untersuchten Familien lebten die Kinder nach einer Trennung bei der Mutter. Aufgrund dieser starken Mehrheit, wird im Laufe dieser Arbeit mit „Vater“ auch häufig der „nicht betreuende Elternteil“ gemeint. Um einem Kind den Kontakt zum nicht betreuenden Elternteil zu ermöglichen, hat jedes Kind, aber auch der betroffene Elternteil das Recht auf Umgang (§ 1684 (1)). Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass mehr als die Hälfte aller Kinder in den Jahren nach der Scheidung den Kontakt zu ihren Vätern verlieren. Diese alarmierend hohe Zahl veranlasste mehrere Studien die Umgangshäufigkeit genauer zu bestimmen und den Gründen für eine Reduzierung des Umgangs auf den Grund zu gehen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden im vorliegenden Text dargestellt und erläutert. Des Weiteren werden kurz die Vor- und Nachteile eines Umgangszwangs erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Umgangshäufigkeit
3. Gründe für Umgangsreduzierung
4. Sollte Umgang eine Pflicht sein?
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Umgangshäufigkeit zwischen Kindern und ihren nicht betreuenden Vätern nach einer Scheidung sowie die vielfältigen Gründe, die zu einer Reduzierung dieses Umgangs führen, um abschließend zu bewerten, inwiefern eine gesetzliche Umgangspflicht sinnvoll ist.
- Analyse der tatsächlichen Kontaktfrequenz zwischen Vätern und Kindern nach Trennungen.
- Untersuchung sozio-ökonomischer und persönlicher Einflussfaktoren auf das Umgangsrecht.
- Bewertung der Rolle des Kindeswohls im Kontext elterlicher Konflikte.
- Diskussion der Vor- und Nachteile eines staatlich verordneten Besuchszwangs.
Auszug aus dem Buch
3. Gründe für die Umgangsreduzierung
Warum aber verringern so viele Väter den Kontakt mit ihren Kindern, oder lassen diesen ganz abbrechen? Auch in diesem Punkt gibt es mehrere Studien, deren Ergebnissen sich zwar teilweise decken, aber zum Teil auch gänzlich voneinander abweichen. Fakt ist aber wohl, dass es sich im seltensten Fall nur um einen einzigen Faktor handelt, der die Reduzierung des Umgangs oder sogar dessen Verlust auslöst.
Eine neue Beziehung des Vaters wird von den meisten Studien mit als ein Hauptgrund für die Vernachlässigung des Umgangsrechts angegeben. Beginnt der Vater eine neue Beziehung, geht er auch häufig eine neue „familiäre“ Verpflichtung ein und möchte in dieser (neuen) Beziehung alles richtig machen. In manchen Fällen kommen zu einer neuen Frau auch neue eigene Kinder, oder Stiefkinder dazu, mit denen dann der Vater vermehrt Zeit verbringt und den Umgang zu seinen eigenen Kindern häufig vernachlässigt. Aber auch eine erneute Heirat der Mutter kann zu einer Verringerung des Umgangs führen. Die Kinder verbringen nun auch mal häufiger Zeit mit ihrem Stiefvater und ihr leiblicher Vater sieht sich dadurch teilweise von ihnen zurückgewiesen und/oder sieht den neuen Partner seiner Ex-Frau als Konkurrenten an. Ein Teil der leiblichen Väter ist aber (unbewusst) erleichtert über die neue Beziehung seiner geschiedenen Frau. Auf ihn wirkt es fast wie eine „Befreiung“ von seinen elterlichen Pflichten und Verantwortungen und er überträgt diese auf den anderen Mann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Scheidungsraten und der daraus resultierenden Herausforderungen für betroffene Kinder und Eltern ein.
2. Umgangshäufigkeit: Dieses Kapitel wertet verschiedene Studien aus, die belegen, dass der Kontakt der Väter zu ihren Kindern in der Zeit nach der Scheidung signifikant abnimmt.
3. Gründe für Umgangsreduzierung: Hier werden die diversen Ursachen für den Kontaktabbruch oder die Umgangsreduzierung beleuchtet, von neuen familiären Verpflichtungen bis hin zu sozio-ökonomischen Faktoren.
4. Sollte Umgang eine Pflicht sein?: In diesem Kapitel wird diskutiert, ob ein gesetzlicher Besuchszwang dem Kindeswohl förderlich ist oder eher zu einer weiteren Entfremdung führt.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst zusammen, dass die Qualität des Kontakts entscheidender ist als dessen Quantität und plädiert für eine konfliktfreie Elternebene.
Schlüsselwörter
Scheidung, Scheidungskinder, Umgangshäufigkeit, Vater-Kind-Beziehung, Umgangsrecht, Trennung, Kindschaftsrechtsreformgesetz, Kindeswohl, Besuchszwang, sozio-ökonomische Situation, soziale Vaterschaft, elterliche Konflikte, Doppelresidenz, Unterhaltszahlungen, Loyalitätskonflikt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation von Scheidungskindern, insbesondere den Kontakt zum nicht betreuenden Elternteil, meist dem Vater, und hinterfragt die Ursachen für abnehmende Kontaktfrequenzen.
Welche zentralen Themenfelder werden in dem Dokument behandelt?
Zentrale Themen sind die Häufigkeit des Umgangs nach der Trennung, die vielfältigen psychologischen, sozialen und ökonomischen Gründe für eine Reduzierung des Umgangs sowie die ethisch-rechtliche Frage nach einem Umgangszwang.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der rechtlichen Möglichkeit zum Umgang und der empirischen Realität abnehmender Kontakte zu ergründen und die Sinnhaftigkeit einer gesetzlichen Umgangspflicht kritisch zu reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse und den Vergleich verschiedener empirischer Studien, wie etwa von Maccoby und Mnookin sowie Napp-Peters.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Umgangshäufigkeit, die Analyse von Faktoren wie neuer Partnerschaft, Distanz oder Unterhaltszahlungen sowie die Debatte um die Kindeswohlgefährdung durch Besuchszwang.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Umgangsreduzierung, Scheidungsfolgen, Kindeswohl und die Dynamik der Eltern-Kind-Beziehung nach der Trennung charakterisiert.
Wie wirkt sich die „soziale Vaterschaft“ laut der Arbeit auf den Umgang aus?
Viele Väter betrachten Ehe und Elternschaft als Gesamtpaket; bricht die Ehe weg, geben einige Väter unbewusst auch ihre Vaterschaftsrolle weitgehend auf.
Warum wird im Dokument vor einem staatlich verordneten Besuchszwang gewarnt?
Ein Zwang kann den Druck auf das Kind erhöhen und zu Loyalitätskonflikten führen, was die Qualität der Vater-Kind-Beziehung eher verschlechtert, anstatt sie zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Friederike Glatzel (Autor:in), 2005, Scheidungskinder - Umgangshäufigkeit und Gründe für Umgangsreduzierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153866