Einleitung und Standortbestimmung der Diplomarbeit
Berichterstattung in Kriegs- und Krisenzeiten stellt die Presse vor eine besondere Herausforderung. Journalisten haben die Macht, eine Realität zu konstruieren, die von den Rezipienten hingenommen werden muß, da ihnen meist die Möglichkeit fehlt, das von der Presse postulierte Geschehen anhand eigener Erfahrungen zu überprüfen. Dies gilt nicht zuletzt in der Kriegsberichterstattung. Die Gefahr, die von dem Kriegsgebiet ausgeht, die Bedrohung des eigenen Lebens läßt vor dem Krisengebiet zurückschrecken und weckt in den Rezipienten nicht unbedingt den Wunsch, sich an Ort und Stelle von dem Geschehen
zu überzeugen. Auch für Kriegsberichterstatter ist es schwierig, sich im Kriegsgebiet frei zu bewegen und adäquate Informationen zu sammeln und zu überprüfen. Alle Kriegsparteien versuchen, ein möglichst vorteilhaftes Bild von sich selbst zu zeichnen und
es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Als Vermittler dienen dazu Kriegsberichterstatter, die sich im Geflecht von Zensur und Manipulationsversuchen von militärischer Seite her zurechtfinden müssen. Kriegsberichterstatter und ihre Berichte sind deshalb so wichtig, weil ein Krieg oder ein militärischer Eingriff in eine Krise, wie z. B. die Einmischung der USA und ihrer Alliierten in den Kosovo-Konflikt, publizistisch legitimiert oder entlegitimiert wird.
Es stellt sich die Frage, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Journalisten für eine Seite Partei ergreifen und pro oder kontra eines militärischen Angriffs publizistisch Stellung beziehen. Es greift zu kurz, nur den einzelnen Journalisten für seine
Berichterstattung verantwortlich zu machen. So wie schon Winfried B. Lerg feststellte, ist es mit der Untersuchung der Rolle des Kommunikators nicht abgetan, denn ebenso müssen die publizistischen Rahmenbedingungen, unter denen Journalisten ihrer Arbeit nachgehen
im Rahmen der Medienforschung mitberücksichtigt werden.(1)
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1 Vgl. Winfried B. Lerg: „Geschichte der Kriegsberichterstattung – Ein Literaturbericht“, in: Publizistik,
Heft 3, Juli-September 1992, S. 405.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung und Standortbestimmung
II. Die politischen Voraussetzungen für die Akzeptanz einer militärischen Intervention
II. 1. Internationale Politik und „ethnischer Konflikt“
II. 2. Krieg als akzeptierte und institutionalisierte Möglichkeit der Konfliktlösung
II. 3. Die „neue Weltordnung“
III. Die Strategien der Clinton-Administration
III. 1. Neoisolationism
III. 2. Selecitve Engagement
III. 3. Cooperativ Security
III. 4. Primacy
III. 5. Der Clinton-Strategiemix
IV. Die Beziehung zwischen Medien und Militär in lokal begrenzten Konflikten
IV. 1. Korea
IV. 2. Vietnam
IV. 3. Falkland
IV. 4. Grenada
IV. 5. Lateinamerika
IV. 6. Irak
IV. 7. Somalia
IV. 8. Ex-Jugoslawien
IV. 8. 1. Die „neue NATO“ und der Krieg in Jugoslawien
IV. 8. 2. Bosnien
IV. 9. Zusammenfassung von Kapitel IV.
V. Der Kosovo-Konflikt, die Propagandalinie der NATO, der Aufbau und die Weiterverbreitung der Kriegsagenda
V. 1. Vom Berliner Kongreß zur Konferenz von Rambouillet
V. 2. Die NATO-Pressekonferenzen
V. 3. Die Sprachmanipulation während der Konferenzen
V. 4. Der Aufbau einer Kriegsagenda mit Hilfe der journalistischen Elite
V. 4. 1. Instrumentelle Aktualisierung im Kosovo-Konflikt
V. 4. 2. PR im Vorfeld der Nachrichtenselektion
V. 4. 3. Nachrichtenwerte und Relevanzkriterien der Kriegsberichterstattung
V. 4. 4. Die Verbreitungsmechanismen im Nachrichtengeschäft
V. 4. 5. Journalistische Selektivität und ihre Folgen
V. 5. Zusammenfassung von Kapitel V.
VI. Bedingungen für eine pro-interventionistische Berichterstattung
VI. 1. Die Konstruktion von Scheinrealität oder „Public opinion wins war“
VI. 2. Beschränkung und Kontrolle der Journalisten
VI. 3. Wahl und Aufrechterhaltung von Bedrohungsszenarien
VI. 4. Massaker und Greueltaten als Anlaßfall zum militärischen Eingreifen
VI. 5. Der Kampf um die höheren Werte: Demokratie und Menschenrechte
VII. Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die strukturellen Rahmenbedingungen und mediale Strategien, die während militärischer Interventionen westlicher Eliteländer zur publizistischen Legitimierung von Konflikten wie dem Kosovo-Krieg führen. Zentral ist dabei die Frage, wie einheitliche Tendenzen in der Kriegsberichterstattung erzeugt und genutzt werden, um eine pro-interventionistische Agenda zu verbreiten.
- Beziehung zwischen Militär und Medien in lokalen Konflikten
- Militärisches Informationsmanagement und die Steuerung von Nachrichten
- Die Rolle von Propaganda und moralischer Rhetorik bei der Kriegslegitimation
- Einfluß US-amerikanischer Elitemedien auf die globale Nachrichtenagenda
- Strategien zur Disziplinierung der Berichterstattung (z. B. "National Media Pool")
Auszug aus dem Buch
Die Beziehung zwischen Medien und Militär in lokal begrenzten Konflikten
Die Beziehung zwischen Journalisten und Militärs kann unter dem Aspekt der Erfahrungsverwertung gesehen werden. Die Militärs erkannten anhand von bereits geführten Kriegen, wo die Schwachstellen in der Beziehung zwischen ihnen und den Journalisten lagen. Die Militärs lernten, sich die Strukturen des Nachrichtengeschäftes zunutze zu machen. Vertreter der Militärs entwickelten im Laufe der Kriegsgeschichte verschiedene Strategien, um Journalisten in ihrem Sinne zu beeinflussen. Zu diesen Strategien gehören die Beschränkung von Journalisten in ihrer räumlichen Mobilität, die Konstruktion und Aufrechterhaltung einer Scheinrealität, die Aufrechterhaltung von Bedrohungsszenarien und die Verbreitung von Greuelgeschichten über die gegnerische Seite sowie die Aufrechterhaltung der Überzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Diese gerechte Sache beinhaltet heute den Kampf um die höheren Werte, Demokratie und Menschenrechte.
Nach dem Ende des „Kalten Krieges“ traten an die Stelle des ersten und des zweiten Weltkrieges geographisch enger begrenzte Konflikte. Diese begrenzten Konflikte äußerten sich meist in Ausschreitungen unter den Bewohnern eines Staates, die verschiedenen Volksgruppen angehörten oder zwischen den Angehörigen von Nachbarstaaten. Neu an diesen regionalen Konflikten, die meist unter das Paradigma des „ethnischen Konflikts“ subsumiert werden, ist die Forderung nach einer offenen militärischen Intervention einer Elitenation. Umberto Eco hält Krieg zur Lösung von Konflikten für eine Unmöglichkeit aufgrund der Tatsache, daß der Krieg von heute nicht mehr zwischen zwei klar getrennten Fronten verläuft.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung und Standortbestimmung: Die Einleitung führt in die Problematik der Kriegsberichterstattung ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Bedingungen für eine pro-interventionistische Stellungnahme von Journalisten.
II. Die politischen Voraussetzungen für die Akzeptanz einer militärischen Intervention: Dieses Kapitel analysiert internationale politische Konzepte, den "ethnischen Konflikt" als neues Paradigma und die Rhetorik der "neuen Weltordnung".
III. Die Strategien der Clinton-Administration: Hier werden die verschiedenen außenpolitischen Grand Strategies der USA (Neoisolationism, Selective Engagement, Cooperative Security, Primacy) detailliert erörtert.
IV. Die Beziehung zwischen Medien und Militär in lokal begrenzten Konflikten: Das Kapitel betrachtet die historische Entwicklung der Beziehung zwischen Medien und Militär anhand zahlreicher Konfliktbeispiele, von Korea bis hin zu den Kriegen in Ex-Jugoslawien.
V. Der Kosovo-Konflikt, die Propagandalinie der NATO, der Aufbau und die Weiterverbreitung der Kriegsagenda: Dieses Hauptkapitel untersucht spezifisch die Propagandataktiken der NATO im Kosovo-Krieg, die Rolle der Konferenzen und die Beeinflussung der journalistischen Elite.
VI. Bedingungen für eine pro-interventionistische Berichterstattung: Das Kapitel systematiert die Mechanismen, die zu einer einseitigen und pro-interventionistischen Berichterstattung führen, wie etwa die Konstruktion von Scheinrealität und die Kontrolle von Journalisten.
VII. Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse: Das abschließende Kapitel resümiert die wesentlichen Ergebnisse der Diplomarbeit hinsichtlich der medialen Konstruktion von Kriegslegitimation.
Schlüsselwörter
Kriegsberichterstattung, Medien und Militär, NATO-Propaganda, Kosovo-Konflikt, neue Weltordnung, journalistische Selektivität, humanitäre Intervention, Scheinrealität, Nachrichtenagenturen, Kriegsagenda, politische Rhetorik, Krisenkommunikation, Elitemedien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die publizistischen Rahmenbedingungen, unter denen Journalisten über militärische Interventionen berichten, und analysiert, wie diese Bedingungen zu einer pro-interventionistischen Haltung der Medien beitragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit beleuchtet die historische Entwicklung des Militär-Medien-Managements, die Strategien der Clinton-Administration sowie die gezielte Nutzung von Propaganda und moralischer Rhetorik in modernen Konflikten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Journalisten pro oder kontra eines militärischen Angriffs publizistisch Stellung beziehen, und wie militärische Akteure diese Entscheidung beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine beziehungsgeschichtliche Aufarbeitung und eine inhaltsanalytische Betrachtung der journalistischen Praxis in kriegerischen Konflikten unter Berücksichtigung kommunikationswissenschaftlicher Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der historischen Beziehung zwischen Medien und Militär, der Analyse der NATO-Propaganda im Kosovo-Konflikt sowie der Untersuchung von Mechanismen der Nachrichtenselektion und -aufbereitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Kriegsberichterstattung, Medien und Militär, NATO-Propaganda, Kosovo-Konflikt, humanitäre Intervention und Nachrichtenwerttheorie.
Welche Rolle spielt die NATO im Kosovo-Konflikt aus Sicht der Autorin?
Die Autorin zeigt auf, wie die NATO durch ein strategisches Medienmanagement und gezielte Pressebriefings ein spezifisches Feindbild (Milosevic) konstruierte, um den Luftkrieg publizistisch als humanitäre Notwendigkeit zu legitimieren.
Welche Bedeutung haben PR-Agenturen bei der Kriegslegitimation?
PR-Agenturen fungieren laut Autorin als aktive Informationsproduzenten, die durch gezielte Kampagnen und die Manipulation von Narrativen in der Berichterstattung die öffentliche Meinung maßgeblich im Sinne ihrer Auftraggeber beeinflussen.
- Quote paper
- Judith Pillitsch (Author), 2000, Ermöglichung einer pro-interventionistischen Berichterstattung während militärischen Interventionen westlicher Eliteländer am Beispiel des Kosovo-Konflikts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154