Erwerbsarbeit entwickelte sich in der bundesrepublikanischen Gesellschaft nach 1945 zum zentralen gesellschaftlichen Integrationsmedium. In der neuen „Lohnarbeitsgesellschaft“, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der BRD etablierte, bedeutete Arbeit und Lohn mehr als nur die Vergütung verrichteter Aufgaben. Sie verschaffte Zugang zu elementaren Teilhaberechten, ermöglichte Leistungen außerhalb der Arbeit und war Voraussetzung für die Teilnahme am sozialen Leben. Im Rahmen eines allgemein relativ normierten Arbeitsverhältnis kam Erwerbstätigkeit dabei entscheidende integrative Funktionen zu.
Dieses Normalarbeitsverhältnis (NAV) erfährt seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts vermehrt einen Bedeutungsrückgang. Demgegenüber entsteht eine immer größere Anzahl nichtstandardisierter oder atypischer Beschäftigungsverhältnisse. Befördert durch Unternehmensstrategien, die sich immer stärker an den kurzfristigen Erwartungshaltungen der Kapitalmärkte orientieren, und dem systematischen Abbau gesetzlicher Rahmenbedingungen breiten sich seitdem Erwerbsverhältnisse aus, die wesentliche dieser integrativen Funktionen nur noch bedingt erfüllen.
Für viele der Betroffenen stellt diese Entwicklung vor allem die Rückkehr einer ständiger Unsicherheit dar, die man zur Hochzeit des „rheinischen Kapitalismus“ eigentlich für überwunden hielt. Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit der subjektivem Verarbeitung der dadurch entstehende Desintegrationsprozesse und mit ihren möglichen Einflüssen auf fremdenfeindliche Haltungen. Dabei wird von folgender Fragestellungen ausgegangen:
Hat die Erfahrung von Beschäftigungsverhältnisse, die wesentliche Funktionen von klassischer Erwerbsarbeit nicht mehr erfüllen, einen Einfluss auf mögliche fremdenfeindliche Einstellungen der Arbeitnehmer?
Die Arbeitshypothese lautet dementsprechend:
Erfüllt Erwerbsarbeit ihre zentralen integrativen Funktionen nicht mehr, können die daraus resultierenden Desintegrationsprozesse fremdenfeindliche Einstellungen der Betroffenen fördern.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Klassische Erwerbsarbeit und soziale Integration
3.) Atypische Beschäftigungsformen
3.1) Eingrenzung und Formen des Begriffs
3.2) Desintegrationseffekte atypische Beschäftigungsverhältnisse
4.) Auswirkungen auf mögliche fremdenfeindliche Einstellungen
4.1) (Des-) Integrationsparadoxon und Überintegration
4.2) Ausgrenzende Integrationsnorm
4.3) Relative Deprivation
4.4) Einschränkungen
5.) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse und der Entstehung fremdenfeindlicher Einstellungen bei Arbeitnehmern, wobei der Fokus auf Desintegrationsprozessen liegt.
- Bedeutung klassischer Erwerbsarbeit als soziales Integrationsmedium
- Definition und Formen atypischer Beschäftigungsformen
- Desintegrationseffekte durch unsichere Arbeitsverhältnisse
- Theoretische Verbindungsmodelle zur Fremdenfeindlichkeit (Relative Deprivation, ausgrenzende Integrationsnorm)
- Subjektive Verarbeitung von Arbeitsmarktunsicherheit und ihre Folgen
Auszug aus dem Buch
3.2) Desintegrationseffekte atypische Beschäftigungsverhältnisse
Die zunehmende Verbreitung von nicht standardisierten Erwerbsbeschäftigungen, die ihrer Form nach stärker marktgesteuert und zum Teil direkt nachfrageabhängig sind, hat gesamtgesellschaftliche Auswirkungen. In der Wissenschaft wurden in den letzten Jahren immer wieder ein Zusammenhang zwischen atypischer Arbeit und gesellschaftlicher Desintegration hergestellt. (vgl. beispielsweise Castel, 2000: 351ff.; Kronauer, 2008: 452ff. ; Bude, 2008: 435ff.) Dabei kann keinesfalls von einer linearen Korrelation von nicht standardisierte Arbeit zu sozialer Desintegration ausgegangen werden. Viele der nicht regulären Arbeitsverhältnisse bergen aber bestimmte Desintegrationspotenziale. Auf einige wesentliche davon soll im Folgenden kurz eingegangen werden.
Erstens ist festzuhalten, dass atypisch Beschäftigte im Vergleich zu Beschäftigten im NAV sehr viel häufiger Niedriglöhne beziehen. Oftmals handelt es sich dabei um ein nicht existenzsicherndes Einkommen und selbst wenn dies der Fall ist, ist es durch Befristung in vielen Fällen nicht auf Dauer gesichert. Dies wirkt sich auch negativ auf andere integrative Funktionen aus. So sind in diesem Lohnbereich die Möglichkeiten zur Teilnahme am soziokulturellen Angebot stark eingeschränkt. Auch können, gerade bei langfristiger atypischer Beschäftigung soziale Versicherungen unter dem vergleichsweise niedrige Einkommen leiden. So erhöht sich beispielsweise das Risiko auf Altersarmut, durch mangelnde Einzahlungen in die Rentenversicherung, bei atypisch Beschäftigten deutlich. (Keller/ Seifert, 2009: 45)
Zweitens befinden sich viele der nicht regulär Erwerbstätigen in ständiger Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatz und erleben somit starke Beschäftigungsunsicherheit. Durch Befristung und die Aushöhlung sozialer Sicherungsgarantien wie Kündigungsschutz und Abfindungsansprüche ist es ihnen quasi unmöglich davon auszugehen, auch mittelfristig noch beschäftigt zu sein. (Kraemer/ Speidel, 2004a: 12)
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Einführung in die Thematik des Bedeutungsrückgangs des Normalarbeitsverhältnisses und Aufstellung der Hypothese, dass daraus resultierende Desintegrationsprozesse fremdenfeindliche Einstellungen fördern können.
2.) Klassische Erwerbsarbeit und soziale Integration: Darstellung der ökonomischen und bürgerschaftlichen Integrationsleistungen, die ein stabiles Normalarbeitsverhältnis für die gesellschaftliche Teilhabe bietet.
3.) Atypische Beschäftigungsformen: Eingrenzung des Begriffs der atypischen Arbeit sowie Analyse der damit verbundenen Desintegrationspotenziale wie Lohnunsicherheit, Blockierung der Lebensplanung und Anerkennungsdefizite.
4.) Auswirkungen auf mögliche fremdenfeindliche Einstellungen: Untersuchung der theoretischen Ansätze der "ausgrenzenden Integrationsnorm" und der "relativen Deprivation" als Vermittlungsmechanismen zwischen atypischer Arbeit und Fremdenfeindlichkeit.
5.) Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Hypothese mit dem Ergebnis, dass atypische Beschäftigung zwar Desintegrationspotenziale birgt, die Entstehung fremdenfeindlicher Haltungen jedoch von einer Vielzahl weiterer Faktoren abhängt.
Schlüsselwörter
Atypische Beschäftigung, Normalarbeitsverhältnis, soziale Integration, Desintegration, Arbeitsmarktunsicherheit, Fremdenfeindlichkeit, Relative Deprivation, Integrationsnorm, Prekarisierung, Lohnarbeitsgesellschaft, soziale Anerkennung, Lebensplanung, ökonomische Integration, bürgerschaftliche Integration, Arbeitswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Zunahme unsicherer, atypischer Beschäftigungsverhältnisse und der Entstehung von fremdenfeindlichen Einstellungen in der deutschen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Integrationsfunktionen von Erwerbsarbeit, die Auswirkungen von Arbeitsunsicherheit auf das Individuum und die psychologischen Mechanismen, die zu Vorurteilen gegenüber anderen Gruppen führen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage ist, ob die Erfahrung atypischer Beschäftigungsverhältnisse, die wesentliche Funktionen klassischer Erwerbsarbeit nicht mehr erfüllen, fremdenfeindliche Einstellungen bei Arbeitnehmern fördert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die soziologische Konzepte wie die relative Deprivation und Integrationsnormen auf den Bereich der prekären Arbeitswelt anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert, warum atypische Arbeit desintegrierend wirkt, und wie diese Erfahrung durch Prozesse wie "Überintegration" oder Benachteiligungsempfinden (relative Deprivation) in politische Abwertung fremder Gruppen münden kann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind: Atypische Beschäftigung, Desintegration, Fremdenfeindlichkeit, Relative Deprivation und Normalarbeitsverhältnis.
Was versteht der Autor unter dem (Des-)Integrationsparadoxon?
Es beschreibt das Phänomen, dass Betroffene einer unsicheren Arbeitslage oft paradoxerweise versuchen, sich noch stärker durch unbedingte Konformität und Mehrarbeit in das Arbeitsregime zu integrieren, um eine Festanstellung zu erreichen.
Warum kann atypische Arbeit zu einer ausgrenzenden Integrationsnorm führen?
Wenn Menschen ihren sozialen Wert ausschließlich über ihre Arbeitsleistung definieren, neigen sie dazu, Gruppen, die sie als leistungsunwillig wahrnehmen (z. B. Migranten), moralisch abzuwerten, um ihre eigene, hart erarbeitete Integration abzugrenzen.
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- Nils Redeker (Author), 2010, Der Zusammenhang zwischen atypischen Beschäftigungsverhältnissen und fremdenfeindlichen Einstellungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154142