Sed bono vinci satius est…? (42,3)

Eine Analyse der kontrovers diskutierten Äußerung Sallusts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
17 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Parteienexkurs (Jug. 41f.)

3. Sed bono vinci satius est?

4. Die politische Gesinnung Sallusts

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ et sane Gracchis cupidine victoriae haud satis moderatus animus fuit.

sed bono vinci satius est quam malo more iniuriam vincere”[1] (Jug. 42, 2-3)

Dieser Satz wird seit vielen Jahrzehnten von zahlreichen Altphilologen diskutiert. Dies legt die Vermutung nahe, dass der Satz eine besondere Bedeutung haben muss. Als Teil des Parteienexkurses im Bellum Iugurthinum beinhaltet die fragliche Stelle Sallusts abschließende Bewertung der Gracchen, die entweder positiv oder negativ ausfallen dürfte. Doch dies ist bis heute nicht geklärt. Ziel der Arbeit ist es die Unklarheit Sallusts Aussage zu entschlüsseln, um zu seiner Einschätzung der der gracchischen Politik zu gelangen. Zu diesem Zweck wird in dieser Arbeit zunächst der Parteienexkurs analysiert, bevor im darauffolgenden Punkt die verschiedenen wissenschaftlichen Deutungen verglichen und diskutiert werden. Um eine eigene Interpretation der fraglichen Stelle leisten zu können, wird in einem weiteren Punkt die Person Sallust näher beleuchtet und sein Lebenswandel in den Blick genommen werden. Schließlich erfolgt nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse ein Vorschlag für eine eigene Übersetzung, die mit einer sinnvollen Interpretation der fraglichen Textstelle die Arbeit abschließt.

2. Der Parteienexkurs (Jug. 41f.)

Der Parteienexkurs des Bellum Iugurthinum ist wie der des Catilina (Cat. 36, 4 - 39, 5) hinsichtlich des Aufbaus des Werkes von zentraler Bedeutung[2]. Er setzt an der Stelle ein, als der Volkstribun Gaius Memmius Limetanus in Rom nach der unrühmlichen Niederlage der Albini gegen Jugurtha im Jahre 110 v. Chr. seine Anklagen gegen diejenigen Mitglieder der Nobilität anstrengte, welche Jugurtha gegen den Senat beraten, unterstützt und von ihm Bestechungsgelder angenommen hätten. Sallust prangert in dieser Phase besonders die avaritia nobilitatis (Jug. 41, 9) an, die er Jugurtha als Außenstehenden so bezeichnen lässt: urbem venalem et mature perituram, si emptorem invenerit (Jug. 35, 10) und schließt an den Bericht über die unwürdigen, leidenschaftlichen Parteikämpfe in Rom eine Ursachenforschung zu dieser Erscheinung an, in dem er auch die Agitationen der Popularen nicht mit Kritik verschont: uti saepe nobilitatem, sic ea tempestate plebem ex secundis rebus insolentia ceperat (Jug. 40, 5).

Sallusts Argumentation im Parteienexkurs ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil (Jug. 41, 1-4) erinnert an einige Ausführungen der Coniuratio Catilinae (Cat. 10, 1-2), weil Sallust hier noch einmal die negativen Folgen der äußeren Sicherheit Roms nach dem Sieg über Karthago für die Ethik der Römer darstellt. Diesmal richtet er aber den Blick auf das Verhältnis zwischen dem Senat und der plebs, die vor der Zerstörung Karthagos noch besonnen miteinander Politik getrieben hätten (Jug. 41, 2). Das Unwesen der Parteiungen und Cliquen sowie die schlimmen Praktiken sind laut Sallust eine Folge der Untätigkeit und dem Überfluss an all dem, was die Sterblichen für das Wichtigste halten[3]: ceterum mos partium et factorum ac deinde omnium malarum artium paucis ante annis Romae ortus est otio atque abundantia earum rerum, quae prima mortales ducunt (Jug. 41, 1). Infolge der Friedensruhe seien aus der von den Menschen hochgeschätzten Muße und dem Überfluss an Gütern die ‚ malae artes’ lascivia atque superbia (Jug. 41, 3) entstanden, die zu einer Veränderung des politischen und damit auch moralischen Klimas geführt hätten.

Der zweite Teil berichtet, wie die Einheit des Staates durch die zwei Parteien auseinandergerissen worden sei (Jug. 41, 5-10). Sallust betont diesen Sachverhalt mit scharfen Worten: Das Gemeinwesen, das in der Mitte gelegen hatte, wurde zerfetzt[4]: res publica, quae media fuerat, dilacerata (Jug. 41, 5). Die Nobilität habe sich in factiones gespalten, während das Volk durch seine große, zersplitterte und unbewegliche Masse gegenüber der Nobilität geschwächt gewesen sei (Jug. 41, 5f.). Es darf hier allerdings nicht der Eindruck entstehen, dass Sallust der Nobilität als die alleinigen Schuldigen darstellt. Sallust verteilt die Schuld gleichmäßig auf die Nobilität und die Popularen[5]. Die Nobilität spielte willkürlich ihre Stellung, das Volk ihre Freiheit aus, jeder zog, schleppte, raubte für sich: namque coepere nobilitas dignitatem, populus libertatem in lubidinem vortere, sibi quisque ducere trahere rapere (Jug. 41, 5). Koestermann interpretiert diese gleichmäßige Verteilung der Schuld sogar als eine deutliche Korrektur bezüglich Sallusts anfänglicher Frontstellungen gegenüber der Nobilität[6]. Denn zu Beginn der Werkes schrieb Sallust, dass er das Kriegsgeschehen aus der Motivation heraus schildert, quia tunc primum superbiae nobilitatis obviam itum est (Jug. 5, 1). Am Ende dieses Prozesses hatte die Nobilität laut Sallust durch ihre Cliquenbildung mehr Kraft, die Gewalt der Plebs, aufgelöst und zerstreut in der Menge, vermochte weniger: ceterum nobilitas factione magis pollebat, plebis vis soluta atque dispersa in multitudine minus poterat (Jug. 41, 6). Während sich die Senatsnobilität bereichert und die Macht unter sich verteilt habe, habe das Volk alle Gefahren und Kosten tragen müssen. So drang mit der Habsucht ohne Maß und Bescheidenheit ein, besudelte und verwüstete alles, kannte nichts Wertvolles und Heiliges, bis sie sich selbst stürzte: ita cum potentia avaritia sine modo modestiaque invadere, polluere et vastare omnia, nihil pensi neque sancti habere, quoad semet ipsa praecipitavit (Jug. 41, 9). An dieser Stelle führt Sallust diejenigen Römer aus der Nobilität ein, die wahren Ruhm ungerechter Macht vorziehen: qui veram gloriam iniustae potentiae anteponere (Jug. 41, 10). Gemeint sind Männer mit einer tugendhaften Einstellung vom Schlage eines Cato, dem großen Vorbild Sallusts.

An dieser Stelle lässt sich Sallusts Argumentation wieder auf den Anfang des Exkurses zurückführen, in die Zeit zwischen den beiden letzten punischen Kriegen, die Sallust als diejenige Epoche idealisiert, in der concordia zwischen allen Volksschichten herrschte[7].

Sallust schließt den Exkurs über die Machtkämpfe innerhalb der Nobilität im dritten Teil (Jug. 42) mit einem Bericht über den Kampf der Gracchen gegen die Verbrechen der Senatsaristokratie in den Jahren 133, bzw. 123/22 v. Chr. ab. Sallust beschränkt sich mit dem Ablauf der Geschehnisse auf das Notwendigste, was teilweise eine so starke Raffung bedeutet, dass Verzerrungen die Folge sind. Beispielsweise wirft Sallust die verschiedenartigen Unternehmungen der beiden Brüder in einen Topf (Jug. 42, 1), was in der Historiographie eindeutig widerlegt wird. Die folgenden Sätze (Jug. 42, 2-3) haben in gewisser Weise eine Schlüsselstellung. Der korrekten Deutung dieser Sätze kommt die Aufgabe zu, ob Sallust das Wirken der Gracchen eher positiv oder negativ sieht. Besonders der Sinn des zweiten Satzes ist heftig umstritten. Die in der Wissenschaft ausführlich geführte Diskussion bezüglich der Interpretation dieser beiden Sätze wird im nächsten Kapitel folgen. Fest steht nur, dass Sallust das Bemühen der Gracchen um die Freiheit der plebs zwar gutheißt, aber auch als nicht maßvoll genug kritisiert. Dieses sei zwar zuerst erfolgreich gewesen, dann aber durch Bündnisse der Nobilität mit Bundesgenossen oder Rittern und durch die Ermordung beider gebremst worden. Nach ihrem Sieg schließlich habe die Nobilität durch Mord und Vertreibung mehr Angst als Macht erworben: sibi timoris quam potentiae addidit (Jug. 42, 4) und somit die Kette der gegenseitigen Rivalität verstärkt, anstatt einen versöhnlichen Kompromiss herbeizuführen.

[...]


[1] Büchner, Karl: Sallust. Bellum Iugurthinum – Der Krieg mit Jugurtha, Stuttgart 1971, S. 78.

[2] Syme, Ronald: Sallust, Darmstadt 1975, S. 165.

[3] Vgl. ebenda, S. 77.

[4] Vgl. ebenda, S. 77.

[5] Vgl. Koestermann, Erich: C. Sallustius Crispus. Bellum Iugurthinum. Kommentar, Heidelberg 1971, S. 169.

[6] Vgl. ebenda, S. 169.

[7] Vgl. ebenda, S. 169.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sed bono vinci satius est…? (42,3)
Untertitel
Eine Analyse der kontrovers diskutierten Äußerung Sallusts
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Sallust - Bellum Iugurthinum
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V154213
ISBN (eBook)
9783640665488
ISBN (Buch)
9783640665310
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sallust Bellum Iugurthinum Parteienexkurs
Arbeit zitieren
M. Ed. Torsten Gruber (Autor), 2009, Sed bono vinci satius est…? (42,3), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154213

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