Zum Streitpunkt:
Es soll eine rein formallogische, analytische, mit Hilfe der Mathematik betriebene, Wissenschaftsmethode gefunden werden. Sie soll zu einem axiomatischen System analytisch wahrer Sätze führen, die ausschließlich auf Grund empirischer Untersuchungen gewonnen werden. Doch schon hier, am Anfang, scheiden sich die Geister. Denn wenn auf Erfahrung aufgebaute Wissenschaft betrieben werden soll, dann muß man gewisse Sätze, die der Empirie nahestehen, isolieren können. Es geht also um das Problem der sogenannten Protokollsätze, oder, allgemeiner formuliert, um das Problem der Wahrheitstheorien, d.h. um die Form der Übereinstimmung von Empirie und Theorie.
Mögliche Varianten der Wahrheitstheorien:
• Man kann diese als Tatsachenwahrheit oder Korrespondenztheorie bestimmen, wobei das Abbild und die Tatsache sich entsprechen, dieser Auffassung sind Moritz Schlick und Rudolf Carnap.
• Andererseits gibt es Wahrheit vielleicht nur als Richtigkeit innerhalb eines bestimmten Systems, in dem die verschiedenen Teile in Relation und Bestimmung zueinander stehen, d.h. als Satzwahrheit bzw. Kohärenztheorie, so sieht es der Wiener Otto Neurath und Karl Popper.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Vorgeschichte
2. Zum Streitpunkt
3. Zunächst eine Übersicht über den Text Otto Neuraths: „Protokollsätze"
4. Rudolf Carnap: „Über Protokollsätze"
1. Die erste Sprachform. Protokollsätze außerhalb der Systemsprache
2. Zweite Sprachform: Protokollsätze innerhalb der Systemsprache
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der erkenntnistheoretischen Debatte über den Status von Protokollsätzen innerhalb des Wiener Kreises auseinander und analysiert die gegensätzlichen Positionen von Otto Neurath und Rudolf Carnap im Kontext des Physikalismus.
- Entwicklung des wissenschaftlichen Empirismus und die Rolle des Wiener Kreises
- Die Auseinandersetzung um die Letztbegründung wissenschaftlicher Sätze
- Unterscheidung zwischen verschiedenen Sprachformen und deren erkenntnistheoretische Implikationen
- Einordnung der Ansätze von Karl Popper und deren Einfluss auf die Überwindung des metaphysischen Absolutismus
Auszug aus dem Buch
3. Zunächst eine Übersicht über den Text Otto Neuraths: „Protokollsätze"
Am Beginn beschreibt er das gewünschte Fortschreiten zur wissenschaftlichen Sprache. Im Alltag wird die sogenannte „historische Trivialsprache" verwendet Sie enthält eine Menge unpräziser Termini, welche er Ballungen nennt. Reinigt man diese von den metaphysischen Bestandteilen, hat man die „physikalische Trivialsprache gewonnen. Als Krönung gilt die „physikalische hochwissenschaftliche Sprache". Sie ist von vornherein metaphysikfrei angelegt, allerdings ist sie, bis jetzt wie er meint, nur für Teile von Wissenschaften vorhanden. Dabei geht er nicht so weit, von der Fiktion einer „idealen Sprache aus sauberen Atomsätzen" zureden, diese unterstellt er Carnap: „Es gibt kein Mittel, um endgültig gesicherte saubere Protokollsätze zum Ausgangspunkt der Wissenschaften zu machen. [...] Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einen Dock zu zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können."1 Vielmehr muß eine Abhandlung, die das gesamte Gebiet der Einheitswissenschaft streift, einen „Slang" aus alltäglicher und wissenschaftlicher Sprache beherrschen, d.h. sie besteht, abgesehen von Tautologien (z.b. in der Mathematik) aus Protokollsätzen und Nichtprotokollsätzen. Eine streng wissenschaftliche Lehre muß außerdem, wenigstens in ihren Grundzügen, auch für den Laien verständlich sein, und dazu schreibt er mit einem Seitenhieb auf Zeitgenossen: „Einstein ist mit den Mitteln der Bantusprache irgendwie ausdrückbar, aber nicht Heidegger, es sei denn, das man an das Deutsche angepaßte Mißbräuche einführt"2.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Vorgeschichte: Der Abschnitt skizziert die Gründung des Wiener Kreises und die ideellen Grundlagen des Neopositivismus bzw. logischen Empirismus als Abgrenzung zur Metaphysik.
2. Zum Streitpunkt: Hier wird das Kernproblem der Wahrheitstheorien und der Übereinstimmung von Empirie und Theorie als Basis der wissenschaftlichen Methode eingeführt.
3. Zunächst eine Übersicht über den Text Otto Neuraths: „Protokollsätze": Dieses Kapitel analysiert Neuraths Kritik an der idealen Sprache und seine Forderung nach einer metaphysikfreien Einheitswissenschaft sowie seine Ablehnung unhinterfragbarer Protokollsätze.
4. Rudolf Carnap: „Über Protokollsätze": Dieser Teil untersucht Carnaps Entgegnung auf Neurath, wobei er zwei Sprachformen zur Behandlung von Protokollsätzen differenziert und Ansätze zur Systematisierung vorstellt.
Schlüsselwörter
Protokollsatzdebatte, Wiener Kreis, Rudolf Carnap, Otto Neurath, Physikalismus, Erkenntnistheorie, Logischer Empirismus, Metaphysik, Verifikation, Falsifikation, Wissenschaftssprache, Einheitswissenschaft, Korrespondenztheorie, Kohärenztheorie, Karl Popper
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die erkenntnistheoretische Kontroverse innerhalb des Wiener Kreises über die Bedeutung und Behandlung von sogenannten Protokollsätzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Sprachphilosophie, die Wissenschaftstheorie, die Kritik der Metaphysik und die Suche nach einer validen Methode für die empirische Wissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die unterschiedlichen methodischen Ansätze von Otto Neurath und Rudolf Carnap im Umgang mit wissenschaftlichen Basisdaten (Protokollsätzen) gegenüberzustellen und zu vergleichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-historische Textanalyse der zentralen Schriften von Neurath und Carnap zur Protokollsatzdiskussion.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung des Wiener Kreises, die theoretischen Differenzen zwischen den Protagonisten sowie Carnaps Vorschläge für zwei verschiedene Sprachformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Protokollsatzdebatte, logischer Empirismus, Physikalismus und Erkenntnistheorie erschließen.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Neurath von der Carnaps in Bezug auf die „letzte" Sicherheit?
Neurath lehnt die Idee eines absolut sicheren Ausgangspunktes ab, während Carnap in seinen frühen Überlegungen noch an einem solchen Absolutismus festhielt, diesen jedoch in der weiteren Diskussion durch Einflüsse von Popper revidierte.
Welche Rolle spielt der Begriff des „Schiffbaus auf offener See" bei Neurath?
Dieses Bild illustriert Neuraths Überzeugung, dass Wissenschaft nicht auf ein festes Fundament gesetzt werden kann, sondern eine kontinuierliche, im Prozess befindliche Anpassung und Korrektur erfordert.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen D-Sätzen und K-Sätzen bei Carnap eine Rolle?
Die Unterscheidung dient der Verbesserung der methodischen Zuverlässigkeit: Während D-Sätze eher alltagspraktisch orientiert sind, dienen K-Sätze der sichereren, wissenschaftlichen Überprüfung durch Rückgriff auf Zustandsbeschreibungen des Beobachters.
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- Janus Zudnik (Author), 1996, Protokollsatzdebatte zwischen Otto Neurath und Rudolf Carnap, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154258