Musikvideoclips im Fremdsprachenunterricht. Ausgangspunkt authentischer Kommunikation?


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung ...
2.
Musikvideoclips als Unterrichtsgegenstand? ...
2.1
Definition eines komplexen Genres ...
2.2
Didaktische Legitimation und Lehrplanbezug ...
3.
Musikvideoclips als Sprechanlass? ...
3.1
Vor- und Nachteile ...
3.2
Methodische Hinweise ...
4.
Unterrichtsbeispiele ...
4.1
Kommunikative Aktivitäten zum Füllen von Informationslücken...
4.2
Aktivitäten für die pre-, while- und post-viewing-Phase ...
5.
Fazit ...
6.
Literaturverzeichnis ...
7.
Anhang ...
2

1.
Einleitung
Es gibt kaum einen Menschen, der nicht gerne Musik hört. Dies wird durch zahlreiche
Studien bewiesen, die belegen, dass Musik hören zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen
gehört (vgl. Faulstich 2004, S. 403). Im Zeitalter von MTV, VIVA und youtube haben sich
auch Musikvideoclips
1
zu einem ,,integralen Bestandteil jugendlicher Freizeitkultur" (Blell
2002, S. 195) entwickelt. MVC sind heutzutage außerdem durch die Entwicklung der Neuen
Medien schnell, einfach und, im Prinzip, permanent zugänglich. Zudem sind Musik und MVC
individuelle Ausdrucksformen der Jugendkultur und, in einem größeren Kontext gesehen, ein
wichtiger Teil der Landeskultur (vgl. Haag 2009, S. 38). Man kann also davon ausgehen, dass
die Beschäftigung mit MVC im Fremdsprachenunterricht motivierend auf die Schülerinnen
und Schüler wirken dürfte. So ergab eine von Engelbert Thaler (1999) durchgeführte
Umfrage, dass der Großteil der befragten Schülerinnen und Schüler ,,gerne bis sehr gerne mit
MVC im Englischunterricht arbeiten würde" (S. 133).
Die Motivation der Schülerinnen und Schüler sollte jedoch nicht das einzige Kriterium bei
der Auswahl von Unterrichtsmaterialien sein. Betrachtet man den aktuellen hessischen
Lehrplan
2
für das Fach Englisch, stellt man fest, dass die Entwicklung von ,,kommunikativer
Kompetenz" als erstes und somit wichtigstes Ziel genannt wird. Also gilt es herauszufinden,
ob die Arbeit mit MVC im Fremdsprachenunterricht dazu dienen kann diese und andere im
Lehrplan definierte Kompetenzen zu verbessern. Dazu ist zunächst eine Beschreibung des
Unterrichtsgegenstandes notwendig. Anhand dieser Definition ergibt sich dann, mit Blick auf
den Lehrplan, ein allgemeiner Überblick über die Einsatzmöglichkeiten von MVC im
Fremdsprachenunterricht.
Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit liegt jedoch auf der Frage, ob sich MVC dazu eignen
eine authentische Kommunikation zwischen Schülerinnen und Schülern zu initiieren, bei
welcher die in der zwischenmenschlichen Kommunikation ausgedrückten Persönlichkeit des
Lernenden im Vordergrund steht(vgl. Essen 2002, in: Rumianowska 2009, S. 39).Im Rahmen
dessen werden Vor- und Nachteile des Mediums erläutert. Aus diesen positiven und negativen
Aspekten ergeben sich dann wichtige methodische Hinweise für die Unterrichtspraxis sowie
Beispiele, wie man MVC konkret als Kommunikationsanlass nutzen kann.
1
Musikvideoclips sind im Folgenden als ,,MVC" abgekürzt
2
Lehrplan Englisch, Gymnasialer Bildungsgang: Jahrgangsstufen 5G bis 12G, Hessisches Kultusministerium
2008.
3

2.
Musikvideoclips als Unterrichtsgegenstand?
Laut Daniela Sachs (2004) sind Videoclips, unter anderem durch ihre Vielfalt und Kürze,
besonders für den Einsatz im Fremdsprachenunterricht geeignet (vgl. S. 431). Um die Vor-
und Nachteile des Genres für den Einsatz im Unterricht festzustellen, erfolgt im ersten Teil
eine Beschreibung des Unterrichtsgegenstandes. Basierend auf dieser Definition werden dann
im zweiten Schritt, auf der Grundlage des aktuellen Lehrplans für das Fach Englisch,
mögliche Einsatzgebiete von MVC dargestellt.
2.1
Definition eines komplexen Genres
Musikvideoclips sind drei- bis fünfminütige Videofilme, die der Visualisierung eines
Musikstücks dienen (vgl. Rumianowska 2009, S. 39). Dabei spiegeln sie im unterschiedlichen
Maße ,,Lifestyle, Mode und Design" (Faulstich 2004, S. 426) eines bestimmten Zeitabschnitts
wider und gelten daher als Bestandteil der Populärkultur (vgl. Rumianowska 2009, S.
38).Darüber hinaus können MVC auch als Ausdruck der Landeskultur gesehen werden (vgl.
Haag 2009, S. 38). Generell weisen MVC, im Gegensatz zu Musikstücken ohne Bebilderung,
eine komplexe und somit polyseme Struktur auf(vgl. Haag 2009, S. 44). Im Hinblick auf die
Semiotik unterscheidet Engelbert Thaler
3
zwischen drei so genannten Codes, über welche die
Bedeutung eines MVC vermittelt wird: den verbalen, den musikalischen und den visuellen
Code
4
(vgl. S. 71f). Somit kann man MVC als ein ,,Zusammenspiel von Bild, Musik, Text
und Starinszenierung" (Rumianowska 2009, S. 39) definieren. Aufgrund der polysemen
Struktur werden im Gehirn des Rezipienten verbale, auditive, visuelle und affektive Kanäle
angesprochen (vgl. Thaler 1999, S. 117).
Es gibt unterschiedliche Typen von MVC, wobei je nach Theorie verschiedene
Einteilungsmuster verwendet werden.
5
Besonders eingängig ist die Typologie von Gabriele
Blell (2002). Sie unterscheidet, ebenso wie Heinrich Winter (2007), zwischen Performance-,
Konzept- und narrativen MVC (vgl. Blell 2002, S. 198f, Winter 2007, S.4f). Der
Performance-MVC zeigt den Künstler beziehungsweise die Musikgruppe beim Spielen des
Stückes, beispielsweise auf der Bühne oder an einem ungewöhnlichen Ort (vgl. Blell 2002, S.
198). Der narrative MVC hingegen besteht aus einer Handlung, beziehungsweise einer Art
Geschichte, passend zum thematischen Inhalt des Musikstücks. Dementsprechend besteht
eine Kohärenz zwischen den Codes des MVC. Im Gegensatz zum narrativen MVC, besteht
3
Engelbert Thalers Werk Musikvideoclips im Englischunterricht gilt allgemein als ,,fachdidaktischen
Pionierarbeit" (Blell 2002, S. 195) in diesem Bereich
4
Dieser Aspekt wirkt sich maßgeblich auf die Methodik von MVC aus (siehe 3.2)
5
Thaler unterscheidet zwischen neun bis dato definierten Typologien (vgl. S. 235)
4

der Konzept-MVC aus ,,eine[r] Abfolge von schnellen fragmentarischen poetischen Bildern"
(ebd., S. 199). Diese Bilder passen entweder zum Textinhalt und haben somit eine
unterstützende Funktion oder sie bilden einen Kontrast zum verbalen Code des MVC, was
Gabriele Blell als ,,Ton-Bild-Schere" (vgl. ebd., S. 198) definiert. Agnieszka Rumianowska
(2009) bezeichnet Konzept-MVC als ,,Bildercollagen" (S. 39), die insbesondere die affektiven
Kanäle des Rezipienten ansprechen. Aus diesem Grund werden besonders Konzept-MVC
individuell unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert (vgl. ebd., S. 39).
Diese Typologie macht deutlich, dass es sich bei MVC um ein komplexes Genre
handelt. Besonders die Konzept-MVC unterscheiden sich maßgeblich von Filmen, die in der
Regel eine lineare und kausale Handlung aufweisen (vgl. Altrogge 2001, in: Rumianowska
2009, S. 39). Zudem führen die Kürze der MVC, die schnelle Aneinanderreihung von
teilweise kontrastierenden Bildern und das Fehlen von Dialogen zu einer größeren Offenheit
bei der Interpretation (vgl. Rumianowska 2009, S. 42). Gabrielle Blell bezeichnet diese
Offenheit als ,,Leerstellen" (S. 196), die vom Rezipienten durch eigene Assoziationen gefüllt
werden. Nach dieser Definition, welche die Vielschichtigkeit von MVC beweist, stellt sich
die Frage inwiefern die verschiedenen Charakteristika im Fremdsprachenunterricht genutzt
werden können und ob sie sich positiv auf das Sprachenlernen auswirken.
2.2
Didaktische Legitimation und Lehrplanbezug
Die Einsatzmöglichkeiten von MVC im Fremdsprachenunterricht sind genauso vielfältig wie
das Genre selbst. Schon seit circa 1986 besteht die Diskussion, ob der Einsatz von MVC im
Fremdsprachenunterricht sinnvoll ist oder nicht (vgl. Helbig 1988, S. 25; Blell 2002, S. 196).
Im Jahr 1999 stellt Thaler zahlreiche Gründe für den Einsatz von MVC im Englischunterricht,
wie beispielsweise die Popularität der MVC, dar (vgl. S. 249). Er betont jedoch, dass die
Arbeit mit MVC in erster Linie zielgeleitet sein sollte (vgl. ebd., S. 249). Doch was sind die
allgemeinen Ziele des Fremdsprachenunterrichts?
Im aktuellen hessischen Lehrplan wird die Förderung der kommunikativen
Kompetenz
6
als übergeordnetes Ziel des Englischunterrichts angegeben, welche auch als
,,konstituierendes Element" (INT1, S. 6) bezeichnet wird. Die kommunikative Kompetenz
umfasst die vier Grundfertigkeiten (Hören, Lesen, Schreiben, Sprechen), die Fähigkeit zur
Interaktion und Sprachmittlung sowie die Beherrschung elementarer sprachlicher Mittel, wie
die phonetische, lexikalische und grammatische Kompetenz (vgl. INT1, S. 10). Im Idealfall
werden die verschiedenen Fertigkeiten nicht separat sondern integrativ gefördert, was
6
Die Kompetenzen des Lehrplans orientieren sich am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER),
welcher eine detailierte Beschreibung von verschiedenen Niveaustufen bereitstellt.
5

bedeutet, dass eine Aufgabe oder Aktivität auf die Förderung verschiedener Kompetenzen
abzielt. Musik eignet sich generell zur integrativen Förderung der vier Grundfertigkeiten,
wobei das Hörverstehen die Basis zur Weiterarbeit, beispielsweise kreatives Schreiben oder
auch die Diskussion verschiedener Aspekte des Musikstücks, bildet (vgl. Haag 2009, S. 39).
Zudem eignen sich Musikstücke als Ausgangspunkt für Wortschatzarbeit oder als Übung zur
Sprachmittlung. Durch Musik erleben die Schülerinnen und Schüler phonetische und
grammatische Merkmale der jeweiligen Sprache anhand von authentischen Beispielen
7
,
,,womit der Unterricht an subjektiv wahrgenommener Relevanz gewinnt" (Thaler 1999, S.
152). Auch die Thematisierung von phonetischen, lexikalischen sowie grammatisch-
syntaktischen Normabweichungen in Musikstücken bietet sich an und bereitet die
Schülerinnen und Schüler ,,auf echte Kommunikationssituationen mit native speakers (...)"
(Thaler 1999, S. 151; vgl. Lüger 2009, S. 27) vor.
Neben der Entwicklung von kommunikativer Kompetenz verfolgt der
Fremdsprachenunterricht soziale und fächerübergreifende Ziele, wie beispielsweise die
Förderung von interkultureller Kompetenz (vgl. Rumianowska, S. 39). Musik ist ein
Ausdruck der Landeskultur und eignet sich somit zur Auseinandersetzung mit kulturellen
Besonderheiten sowie die Thematisierung kultureller Stereotype sowie inter- und
intrakultureller Konflikte.
Nach diesen Begründungen für den Einsatz von Musik im Fremdsprachenunterricht stellt
sich die Frage, weshalb man MVC zusätzlich integrieren sollte? Dafür sprechen vor allem
drei Gründe: Zum ersten heißt es im Lehrplan, dass die Themenwahl schülerorientiert sein
sollte, da dies eine wichtige Voraussetzung für Lernmotivation sei (vgl. INT1, S. 7). MVC
sind im Zeitalter von youtube, myvideo und MTV ein zentrales Element der Jugendkultur und
eignen sich daher besonders, um die Schülerinnen und Schüler zu motivieren (vgl. Thaler
1999, S. 131). Zweitens sind Jugendliche täglich mit Neuen Medien konfrontiert, weshalb der
Lehrplan die Relevanz von Medienkompetenz bei den Schülerinnen und Schülern betont (vgl.
INT1, S. 3). Insbesondere in der gymnasialen Oberstufe sollen die Schülerinnen und Schüler
einen ,,bewussten, kritischen Umgang mit Medien" (INT1, S. 8) entwickeln, weshalb im
Lehrplan explizit die Integration von Videoclips in den Unterricht empfohlen wird (vgl. INT1,
S. 8). Als dritter Grund für MVC ist die Forderung nach authentischen Materialien im
Fremdsprachenunterricht zu nennen (vgl. INT1, S. 11). MVC ermöglichen es, sprachliche
Phänomene anhand von ,,realen Sprachverwendungssituationen" (INT1, S. 4) zu
verdeutlichen.
7
Authentizität bedeutet laut Lüger (2009), dass die Materialien natürlich sind, also ,,nicht eigens für didaktische
Zwecke erstellt wurden" (S. 15).
6

3.
Musikvideoclips als Sprechanlass?
Die Veröffentlichung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) durch den
Europarat im Jahr 2000 führte dazu, dass die mündliche Kommunikation im
Fremdsprachenunterricht weiter an Relevanz gewann
8
(vgl. Lüger 2009, S. 19). Dies liegt
daran, dass in den Kann-Beschreibungen des Referenzrahmens in erster Linie alltagsnahe
Situationen beschrieben werden, die der Sprechlerner ab einer bestimmten Niveaustufe
beherrschen sollte (vgl. ebd., S. 19f). Doch wie soll man die Schülerinnen und Schüler auf
reale Kommunikationssituationen vorbereiten?
Der Schlüsselbegriff lautet Authentizität, was bedeutet, dass sich der
Fremdsprachenunterricht ,,vermehrt an Alltagssituationen, an der Lebenswelt der Schüler
(...)" (Lüger 2009, S. 18) orientieren sollte. Die Arbeit mit den authentischen MVC sollte
demnach ein idealer Sprechanlass für die Schülerinnen und Schüler sein. Es gibt jedoch auch
kritische Stimmen, die dies bezweifeln. Dieses Kapitel betrachtet zunächst den Nutzen von
MVC als Sprechanlass und stellt daher positive und negative Aspekte dar. Im zweiten Schritt
werden dann aus den Vor- und Nachteilen des Genres methodische Konsequenzen für den
Einsatz im Unterricht gezogen.
3.1
Vor- und Nachteile
Eine elementare Voraussetzung um die Sprechlust der Schülerinnen und Schüler zu steigern,
ist ihre Motivation. Laut Thaler sind MVC aufgrund ihrer Aktualität und Popularität
besonders geeignet, um Jugendliche zu Diskussionen anzuregen (vgl. Thaler 1999, S. 153,
249). Ein weiterer motivationsfördernder Aspekt ist die Abwechslung, die MVC vom
regulären Unterrichtsgeschehen bieten. Diesen Punkt gaben die Mehrzahl der von Thaler
befragten Schülerinnen und Schüler als positivsten Aspekt an der Arbeit mit MVC an (vgl.
ebd. S. 133). Diese Aspekte machen deutlich, dass die Arbeit mit MVC besonders
schülerorientiert ist und dadurch im Idealfall zu einer besonderen Involviertheit der
Schülerinnen und Schüler führt (vgl. Wolff/Rüschoff 1999, in: Haag 2009, S. 40). Darüber
hinaus bietet das Internet mittlerweile viele Möglichkeiten, um geeignete MVC sowie
Songtexte und weiterführende Lehrmaterialien zu erhalten (vgl. Haag 2009, S. 39).
Ein weiterer Aspekt, der für den Einsatz im Unterricht spricht, ist die polyseme
Struktur der MVC. Bei der Rezeption des MVC werden durch das Zusammenspiel von drei
8
Dieser Prozess begann Ende 1970 mit der sogenannten Kommunikativen Wende in der Fremdsprachendidaktik
(Decke-Cornill 2004, S. 17).
7
Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Musikvideoclips im Fremdsprachenunterricht. Ausgangspunkt authentischer Kommunikation?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Schulpädagogik)
Note
14
Autoren
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V154284
ISBN (eBook)
9783640688081
Dateigröße
1208 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikvideoclips, MVC, Kommunikation, Fremdsprachenunterricht, Engelbert Thaler
Arbeit zitieren
Lisa Sangmeister (Autor)Eva-Marie Großkurth (Autor), 2010, Musikvideoclips im Fremdsprachenunterricht. Ausgangspunkt authentischer Kommunikation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154284

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