Der Hispanist und durchaus informierte Alejo Carpentier-Kenner Hans-Otto Dill schildert in seiner 1993 publizierten Monographie Lateinamerikanische Wunder und kreolische Sensibilität folgendes über den als Vorwort zu der Erzählung El reino de este mundo publizierten Essay De lo real maravilloso americano:
Der Essay ist ein MANIFEST ersten Ranges, das sich in die beste Tradition jener Programme einschreibt, die im Lauf der universalen Geschichte von Kunst und Literatur bedeutsame Wendungen auslösten, in diesem Falle den Übergang von tradi- tioneller zu moderner lateinamerikanischer Prosa und die erstmalige Gestaltung der historisch-ethnischen Eigenheiten der Kreolen, Tendenzen, die in einer der Haupt- strömungen des Neuen Romans der 60er und 70er Jahre kulminiert. 1
In der Tat leitete dieser Aufsatz gewissermaßen eine neue Ära der latein- amerikanischen Epik ein und trug zweifelsohne entschieden zu dem späteren Boom des modernistischen Romans auf diesem Kontinent bei. Er basiert eigentlich auf einer Auseinandersetzung mit dem französischen Surrealismus, denn obschon Carpentier in seinem Schaffen von dieser Kunst- und Literaturanschauung sehr beeinflusst wurde und auf Drängen des Dichters und Kritikers André Breton beispielsweise gar zahlreiche feuilletonistische Beiträge für die Zeitschrift Révolution Surréaliste verfasste, stand er der gedankenlosen Anwendung surrealistischer Stilelemente auch äußerst kritisch gegenüber, wie Alexis Márquez Rodríguez treffend konstatiert: [...] No olvidemos, además, que en más de una ocasión el mismo Carpentier, al definir su concepto de lo real maravilloso, empleó como recurso metodológico el de su comparación y contraste [!] con el surrealismo.
Inhaltsverzeichnis
1. VORBEMERKUNG
2. EL „PATRIMONIO DE LA AMÉRICA ENTERA“: LEBEN UND WERK EINES GROßEN SCHRIFTSTELLERS
3. DAS „REAL WUNDERBARE“ – DIE HISTORIE EINES LITERARISCHEN MODERNEOBJEKTS
3.1 Die Entstehung des „real maravilloso“
3.2 Carpentier vs. Asturias: Der Unterschied zwischen dem „real maravilloso“ und dem „realismo mágico“
4. DIE UMSETZUNG DES „REAL MARAVILLOSO“: DIE ERZÄHLUNG EL REINO DE ESTE MUNDO
4.1 Die Genesis von El reino de este mundo
4.2 Die Gegensätze zwischen den Europäern und den haitianischen Afroamerikanern
4.3 El reino de este mundo – Ein Roman, eine Erzählung oder eine essayistische Abhandlung?
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit analysiert das Konzept des „real maravilloso“ (das „Real Wunderbare“) von Alejo Carpentier und untersucht dessen literarische Umsetzung in seinem Werk „El reino de este mundo“. Ziel ist es, die ästhetischen Grundlagen dieses Konzepts sowie die Abgrenzung zum „Magischen Realismus“ anderer Autoren darzulegen und die soziale sowie mythologische Symbolik in Carpentiers Erzählung zu beleuchten.
- Biografische Einflüsse und die Entwicklung von Carpentiers literarischem Schaffen
- Analyse der Theorie des „real maravilloso“ und deren Entstehungsgeschichte durch Haiti-Reisen
- Kritische Abgrenzung des „real maravilloso“ gegenüber dem „Magischen Realismus“ (Asturias)
- Untersuchung der sozio-kulturellen Gegensätze zwischen europäischen und haitianischen Akteuren
- Literarische Gattungseinordnung von „El reino de este mundo“
Auszug aus dem Buch
Die Gegensätze zwischen den Europäern und den haitianischen Afroamerikanern
Die Romanfiguren sind auf der einen Seite haitianische Neger mit ihren Stammesbräuchen und vorkapitalistischen Traditionen, denen andererseits weiße Europäer, genauer Franzosen, gegenüberstehen, die wahrscheinlich noch im Geiste des „ancien régimes“ aufwuchsen, jedoch inzwischen klar der Moderne zuzuordnen sind. Es soll damit vor allem der Unterschied zwischen den desintegriert erscheinenden und vom rationalistischen Denken geprägten Weißen und der über magisches Bewusstsein verfügenden afrokaribischen Bevölkerung deutlich gemacht werden.
Die weißen Gutsherren werden als Gegensatz zu den Afroamerikanern von Carpentier auf eindrucksvolle Weise gestaltet. Lenormand de Mézy beispielsweise wird in seiner Rolle als Sklavenhalter fast schon überspitzt, allerdings auch unterhaltsam dargestellt: Indes seine Arbeiter produzieren, konsumiert er. Bei seiner Person handelt es sich also auf eine gewisse Weise um einen sich jeglichen Luxus gönnenden Gutsherren, weniger um einen hartnäckigen Kapitalisten, der jedoch die Sklaven ausbeutet und Überkonsumtion betreibt, während die Feldarbeiter nahezu unterhalb der Existenzgrenze zu überleben versuchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. VORBEMERKUNG: Einführung in die Bedeutung von Carpentiers Essay „De lo real maravilloso americano“ als Manifest für die moderne lateinamerikanische Prosa.
2. EL „PATRIMONIO DE LA AMÉRICA ENTERA“: LEBEN UND WERK EINES GROßEN SCHRIFTSTELLERS: Überblick über die Biografie des kubanischen Autors, seine Lektüregewohnheiten und den Einfluss seiner Kindheit auf sein Schreiben.
3. DAS „REAL WUNDERBARE“ – DIE HISTORIE EINES LITERARISCHEN MODERNEOBJEKTS: Analyse der theoretischen Fundierung des „Real Wunderbaren“ durch Carpentiers Haiti-Erfahrungen.
3.1 Die Entstehung des „real maravilloso“: Beschreibung, wie die Reise nach Haiti 1943 als Offenbarung für die Entwicklung seines literarischen Konzepts diente.
3.2 Carpentier vs. Asturias: Der Unterschied zwischen dem „real maravilloso“ und dem „realismo mágico“: Gegenüberstellung der Konzepte von Carpentier und Asturias, wobei der Fokus auf dem ethno-geographischen Gegensatz liegt.
4. DIE UMSETZUNG DES „REAL MARAVILLOSO“: DIE ERZÄHLUNG EL REINO DE ESTE MUNDO: Untersuchung des Romans als Anwendung der zuvor entwickelten Theorie.
4.1 Die Genesis von El reino de este mundo: Aufklärung darüber, dass das Vorwort zum Roman erst nach Fertigstellung der Erzählung entstand.
4.2 Die Gegensätze zwischen den Europäern und den haitianischen Afroamerikanern: Darstellung des sozialen und ideologischen Konflikts zwischen Sklavenhaltern und unterdrückter Bevölkerung.
4.3 El reino de este mundo – Ein Roman, eine Erzählung oder eine essayistische Abhandlung?: Diskussion über die Gattungszugehörigkeit des Werkes als Kurzroman.
Schlüsselwörter
Alejo Carpentier, real maravilloso, El reino de este mundo, Haiti, Magischer Realismus, Miguel Ángel Asturias, lateinamerikanische Literatur, afrokaribische Kultur, Vodú, Kolonialismus, Literaturwissenschaft, Surrealismus, Identität, Mythologie, Literaturtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literaturtheoretische Konzept des „real maravilloso“ des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier und dessen praktische Umsetzung in seinem Roman „El reino de este mundo“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Entstehung der Theorie des „Real Wunderbaren“, der biografische Hintergrund Carpentiers sowie die Analyse der sozialen und mythologischen Gegensätze im Roman.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Konzept Carpentiers von anderen Strömungen wie dem „Magischen Realismus“ abzugrenzen und aufzuzeigen, wie das „Real Wunderbare“ als ästhetisches Instrument fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primär- und Sekundärquellen, um Carpentiers Werk in den Kontext lateinamerikanischer Literaturgeschichte zu setzen.
Was wird im Hauptteil des Buches behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Begriffs, den Vergleich mit Miguel Ángel Asturias und die exemplarische Textanalyse der Haiti-Erzählung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „real maravilloso“, „Magischer Realismus“, die „Haiti-Reise“, „afrokaribische Identität“ und der Gegensatz zwischen „Rationalismus“ und „magisch-mythologischem Bewusstsein“.
Wie grenzt sich Carpentier von Asturias ab?
Carpentier verortet das Magische eher in einer geographischen und kulturellen Opposition zwischen Europa und Amerika, während Asturias das Magische primär an die indigene Bevölkerung koppelt.
Welche Rolle spielt der Vodú-Mythos im Roman?
Der Vodú-Mythos dient im Werk nicht nur der kulturellen Selbstbehauptung, sondern fungiert als politisches Instrument der Sklaven zur Kommunikation und zum Widerstand gegen die Kolonialmacht.
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- Wojciech Osinski (Author), 2003, Das "real maravilloso" im Werk Alejo Carpentiers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15436