West-östliche Stereotypen? Das Beispiel der deutschen Ostforschung


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I. Peter-Heinz Seraphim – zu seinem Leben und Werk
1.1. Kurze Biographie
1.2 „Deutschtum und Judentum in Osteuropa“

II. Deutsches Selbstbild und jüdisches Feindbild in Seraphims Werk

III. Polarisierte Bilder: deutsche Kolonisatoren und jüdische Einwanderer
3.1. Gründe und Ablauf der Wanderungsbewegung bei Deutschen und Juden
3.1.1 Das wirtschaftliche Motiv
3.1.2. Der Stereotyp des jüdischen Wanderers
3.2. Deutsche Gründer und Schöpfer neuer Werte und jüdische Unproduktivität
3.3. Deutsche Wegbereiter und Pioniere und der Stereotyp des Parasitentums

IV. Der „Kampf ums Dasein“ - deutsch-jüdische Verhältnisse im Wirtschaftsleben
4.1. Der Stereotyp vom jüdischen Aufsteigertum
4.2. „Deutsche Wirtschaftspioniere und jüdische Finanzmänner“
4.3. Wirtschaftliche Position von Deutschtum und Judentum nach dem Ersten Weltkrieg

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Ursache für die Herausbildung und Verwendung von Stereotypen und Feindbildern sieht die historische Forschung in politische Krisen, Kriegen und damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüchen. Kennzeichnend für solche Extremsituationen ist, dass sie verunsichernd, bedrohlich und desorientierend auf die Menschen wirken können, was ihr Verhalten und ihre Denkweise besonders anfällig für Stereotype macht.[1]

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die deutsche Gesellschaft, einerseits, durch die Niederlage und die Auflösung des Deutschen Reiches und anderseits durch die Gebietsverluste im Osten schwer erschüttert. Aus dem Wunsch nach Revision des Versailler Friedenvertrages und den Nachkriegsgrenzen entstand die Ostforschung, die sich nicht nur auf das Gebiet der Geschichtswissenschaft beschränkte, sondern auch andere Disziplinen wie Soziologie, Geographie, Wirtschaft und andere auffasste. Kennzeichnend für die deutsche Ostforschung war ihre starke Politisierung und deutschzentrierte Sicht der Geschichte, wobei das deutsche Volk in den Vordergrund der historischen Ereignisse gestellt wurde und die osteuropäischen Völker nur für die eigenen Forschung eine Relevanz hatten.[2]

In den neu entstandenen Staaten Osteuropas, sowie in allen Ländern, die nach dem Krieg Teile ihres Territoriums verloren hatten, war die Zwischenkriegszeit durch eine Schwäche der Demokratie und zugleich durch eine Radikalisierung des Nationalismus und Antisemitismus gezeichnet. Da das Judentum in Osteuropa im Vergleich zu Westeuropa eine bedeutende Minderheit bildete,[3] war es, einerseits, dem Antisemitismus der Staatsvölker ausgesetzt und wurde, anderseits, als Hindernis von den Ostforschern für die geplante deutsche Neuordnung des Raumes betrachtet. All dies kam zum Ausdruck durch zahlreiche antisemitische Publikationen in der Weimarer Republik, in denen das Judentum aus deutschzentrierter Sicht und anhand stereotyper und verzerrter Bilder dargestellt wurde.

In dieser Hausarbeit werden solche west-östliche Stereotype im Aufsatz „Deutschtum und Judentum in Osteuropa“ untersucht, dessen Autor Peter-Heinz Seraphim als Ostforscher in der Zwischenkriegszeit tätig war und aufgrund seiner Beschäftigung in der Judenforschung als „Judenexperte“ während des nationalsozialistischen Regimes bekannt war.

I. Peter-Heinz Seraphim – zu seinem Leben und Werk

1.1. Kurze Biographie

Peter-Heinz Seraphim wurde 1902 in Riga geboren. Sein Vater, der Historiker und Journalist Ernst Seraphim, war als Vertreter des deutschbaltischen Bürgertums in seinen politischen Überzeugungen sehr deutschnational und antidemokratisch orientiert.[4]

Nach dem ersten Weltkrieg ist die Familie Seraphim nach Königsberg in Ostpreußen umgezogen, das zur deutschen Exklave im Osten laut des Vertrages von Versailles geworden war. 1921 wurde er an der Albertus-Universität in den Fächern Ökonomie und Staatswissenschaften immatrikuliert und promovierte 1924 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau. An beiden Universitäten verkehrte Seraphim in denselben völkisch-akademischen Kreisen, die für seine politische Orientierung große Rolle spielten. Er verstand sich als „selbstverständlich 'national'“[5], antidemokratisch und strebte nach einem deutschvölkischen autoritären Reich. In seinem gesellschaftlichen Umfeld waren Begriffe wie „Volk“ und „Deutschtum“ zentral.[6]

Nach seinem Studium war Seraphim drei Jahre als Assistent in der Wirtschaftsabteilung an der Breslauer Osteuropa-Institut beschäftigt. Zurück in Königsberg wurde er 1930 Referent in dem „Institut für Ostdeutsche Wirtschaft“, wo sein Zuständigkeitsbereich Polen war. Kennzeichnend für die Jahre nach der Machtergreifung Hitlers ist sein Eintritt in die NSDAP in April 1933, sowie in die SA später desselben Jahres und 1934 in den „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ und „Bund Deutscher Osten“. In beruflicher Hinsicht hat sich Seraphim1936 an der Universität Kiel habilitiert und im Oktober 1939 wurde er zum Dozenten an der Albertus-Universität ernannt.[7]

Nach dem Kriegsausbruch hat er als Kriegsverwaltungsrat in Krakau gewirkt. Seine Aufgabe war die „Beobachtung der Wirtschaftspolitik“ im Generalgouvernement. Gleichzeitig arbeitete Seraphim für das Krakauer Referat „Judenforschung“ am „Institut für Deutsche Ostarbeit“, sowie für die „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ in Frankfurt am Main. Hier noch zu erwähnen ist seine Tätigkeit als Schriftleiter der Zeitung „Weltkampf“. Im Juli 1941 wurde er zum Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität in Greifswald ernannt und nur ein halbes Jahr später wieder zum Wehrdienst als Kriegsoberverwaltungsrat in der Ukraine eingezogen. Ab Mai 1943 leitete er das „Oder-Donau-Institut“ in Stettin.[8]

Am Kriegsende ist Seraphim in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, in die USA transportiert und aufgrund seines Fachwissens als „Ostexperte“ eingestuft worden. Nach seiner Rückkehr in Deutschland war er für die Organisation „Gehlen“ tätig und konnte seine frühere Arbeit für die Ostforschung, allerdings mit Schwerpunkt Sowjetunion, wiederaufnehmen. 1950 nahm Seraphim einen Lehrauftrag an der Münchner Universität für „Osteuropäische Wirtschaft“ an und vier Jahre später wechselte er an die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Bochum, wo er die Studienleitung bis seine Pensionierung 1967 übernommen hat. Peter-Heinz Seraphim ist 1979 in Rosenheim gestorben.[9]

1.2 „Deutschtum und Judentum in Osteuropa“

Der Aufsatz „Deutschtum und Judentum in Osteuropa“ erschien 1943 während Seraphims Greifswalder Professur in dem zweibändigen Werk „Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg“. Diese Aufsatzsammlung, an deren Verfassung viele andere Ostforscher teilnahmen, wurde als Festschrift zu dem 70. Geburtstag Albert Brackmanns von Hermann Aubin, Otto Brunner und anderen herausgegeben. Es ist zu beobachten, dass sein Artikel die einzige Arbeit zu jüdischer Thematik in der Aufsatzsammlung ist.[10]

„Deutschtum und Judentum in Osteuropa“ stützt sich, wie Seraphim selbst bemerkt, auf sein umfangreichstes Werk „Das Judentum im osteuropäischen Raum“, das 1938 publiziert wurde. Seine Veröffentlichung erfolgte nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema Judentum, das zu Seraphims Ruf als „Judenexperte“ in den politischen und wissenschaftlichen Kreisen beigetragen hat.

II. Deutsches Selbstbild und jüdisches Feindbild in Seraphims Werk

Mit der Verwendung von Vorurteilen und Stereotypen, die als verallgemeinernde, wertende und emotionalgeladene Worte oder Bilder für die Orientierung in einer schwer zu durchschauenden Welt definiert werden können,[11] werden Selbst- und Feindbildern herausgebildet. Stereotype sind außerdem immer realitätsbezogen, informationsstiftend und müssen nicht ausschließlich negativ sein. Das Gegensatzpaar Selbstbild-Feindbild entsteht durch den Kontrast bei der Verwendung negativer Stereotype, die zu Definition und Abgrenzung anderer Gruppen oder Nationen dienen und gleichzeitig die eigene Gruppe oder Nation in positivem Licht erscheinen lassen.[12]

In dem hier zu untersuchenden Aufsatz werden die deutschen und die jüdischen Volksgruppen von Seraphim auch als Gegner gegenübergestellt. Es ist zu beobachten, dass dieses dichotomes Strukturprinzip seiner Arbeit viele Parallele zu Werner Sombarts Schriften aufweist, wessen Werk „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ großen Einfluss auf Seraphim ausgeübt hat und Ausgangspunkt für viele Anregungen für seine eigene Forschungsarbeit war.[13] Wie Nicolas Berg bemerkt, stellt Werner Sombart in seinen Werken „dichotome Wertewelten in antagonistischer Form gegeneinander“,[14] was auch als grundlegendes Strukturprinzip im Aufsatz von Seraphim zu sehen ist.

[...]


[1] Vgl. Bernchardt, Hans-Michael: Voraussetzungen, Struktur und Funktion von Feindbildern. Vorüberlegungen aus historischer Sicht, in: Jahr, Christoph [u.a.] (Hg.): Feindbilder in der deutschen Geschichte. Studien zur Vorurteilsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1994(Dokumente, Texte, Materialien. Veröffentlicht vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Bd.10) , S.14.

[2] Vgl. Petersen, Hans-Christian: Bevölkerungsökonomie - Ostforschung – Politik. Eine biographische Studie zu Peter-Heinz Seraphim (1902-1979), Osnabrück 2007, S.15-16.

[3] Vgl. Bergmann, Werner: Geschichte der Antisemitismus, München 2002, S. 70, 84.

[4] Vgl. Petersen, Hans-Christian: Bevölkerungsökonomie - Ostforschung – Politik, S. 40 - 41, 46.

[5] Zitiert nach Petersen, S.74.

[6] Vgl. Ebda,S.71-82.

[7] Vgl. Ebda,S.82-85, 92, 103, 115,118.

[8] Vgl. Ebda,S.148-152,167-168,175,184, 204, 225.

[9] Vgl. Petersen, Hans-Christian: Bevölkerungsökonomie - Ostforschung – Politik,S.231-233,240,249, 269-274, 338, 341.

[10] Vgl. Ebda,S.209.

[11] Vgl. Henning Hahn, Hans: 12 Thesen zur Stereotypenforschung, in: Henning Hahn, Hans [u.a.] (Hg.): Nationale Wahrnehmungen und ihre Stereotypisierung. Beiträge zur Historischen Stereotypenforschung, Frankfurt am Main 2007 (Mitteleuropa-Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Bd. 9), S. 15-16.

[12] Vgl. Bernchardt, Hans-Michael: Voraussetzungen, Struktur und Funktion von Feindbildern, S. 11-12.

[13] Vgl. Petersen, Hans-Christian: Bevölkerungsökonomie – Ostforschung - Politik, S. 210-211.

[14] Berg, Nicolas: Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher. Göttingen 2008, S.122.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
West-östliche Stereotypen? Das Beispiel der deutschen Ostforschung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
„Polnische Wirtschaft“, „deutsche Ordnung“ und „russische Seele“? West-östliche Stereotypen in Geschichte und Gegenwart
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V154560
ISBN (eBook)
9783640673582
ISBN (Buch)
9783640673339
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
West-östliche, Stereotypen, Beispiel, Ostforschung
Arbeit zitieren
Valentina Slaveva (Autor), 2009, West-östliche Stereotypen? Das Beispiel der deutschen Ostforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154560

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