Zur Wortbedeutung der Kultur
Der Begriff Kultur entstammt dem lateinischen Wort „cultura“ 1. „Cultura“ ist von „colere“ entlehnt, dessen Wortfamilie weit reichend ist und beispielsweise „praecolere“ (vorarbeiten), „recolere“ (wiederherstellen) oder „agri culta“ (bestellte Äcker) umfasst. „Cultura“ an sich bezieht sich auf die Agrartätigkeit und die dafür notwendige Basis, das Ackerland. Die lateinische Bedeutung, wie pflegen oder anbauen, impliziert, dass „Kultur“ als Gegensatz zur Natur bis ins 19. Jahrhundert gebraucht wurde. In Begriffen wie Obst-, Misch- oder Monokultur erkennt man heute noch den agrarischen Ursprung der Kultur 2. Allerdings wird heute mit Kultur vornehmlich die Kunst in all ihren Facetten in Verbindung gebracht. Grundlegend für das Entstehen einer „höheren“ Kultur ist die menschliche Begabung zu sinnhaftem und nicht allein triebgesteuertem Verhalten. 3 Dies ist der bedeutende Unterschied zur Tierwelt und macht den Menschen somit zu einem Kulturwesen, dessen Verhalten sich an Bedeutungen orientiert und welche darüber hinaus auch erst durch sein Verhalten generiert werden. In der Anthropologie entspricht Kultur den verschiedenen Werten, Normen, Bräuchen und Riten, die sich in den unterschiedlichen Gesellschaften entwickelt haben. Nach Sackmann (2002) lässt sich Kultur definieren als die von einer Gruppe gemeinsam gehaltenen grundlegenden Überzeugungen, die für eine Gruppe insgesamt typisch sind. 4 Die Kultur einer Einheit beeinflusst Wahrnehmung, Denken, Handeln und Fühlen der Gruppenmitglieder und kann sich in ihren Handlungen und Artefakten manifestieren. Die Überzeugungen der Individuen einer Kultur sind nicht bewusst gehalten, sondern haben sich aus der Erfahrung der Gruppe entwickelt, was impliziert, dass sie gelernt sind und an neue Gruppenmitglieder weitergegeben werden. Somit kommt es sukzessive zu Strukturwandlungen interdependenter Individuen in einer Gesellschaft.5 Dabei existiert generell keine „richtige“ oder „eindeutige“ Kultur, sondern es gibt nur eine, die zur Umwelt am besten passt.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Zur Wortbedeutung der Kultur
2. ZUR GESCHICHTE DES KULTURBEGRIFFS
2.1. Antike Kultur
2.2. Moderne Kultur
2.3. Kulturentwicklung in der Aufklärung
3. KULTURBEGRIFF NACH ELIAS UND GEERTZ
3.1. Der Kulturbegriff in Anlehnung an die Theorie Norbert Elias´
3.2. Der Kulturbegriff in Anlehnung an die Theorie Clifford Geertz
3.2. Kultur und soziale Struktur
4. KULTUR UND IHR WANDEL
5. ZUSAMMENFASSENDE ERKENNTNISSE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit unternimmt eine theoretische Annäherung an den komplexen Kulturbegriff. Ziel ist es, die historischen Wandlungen des Begriffs aufzuzeigen und durch eine vertiefende Analyse der theoretischen Ansätze von Norbert Elias und Clifford Geertz ein tieferes Verständnis für die Bedeutung von Kultur innerhalb sozialer Strukturen und im Kontext globaler Veränderungsprozesse zu entwickeln.
- Historische Entwicklung des Kulturbegriffs von der Antike bis zur Moderne.
- Prozess der Zivilisation und soziale Struktur nach Norbert Elias.
- Semiotisches Kulturverständnis und die Methode der "dichten Beschreibung" nach Clifford Geertz.
- Verhältnis zwischen Kultur und sozialer Struktur in Gesellschaften.
- Wandel von Kultur unter den Bedingungen von Globalisierung und Diversität.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Kulturbegriff nach Clifford Geertz
Clifford Geertz versucht in seinem Werk „Dichte Beschreibung- Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme“ den Kulturbegriff aus dem Blickwinkel der Ethnologie näher darzustellen. Er erklärt, dass die Bedeutung des Kulturbegriffs im Laufe der Zeit einem stetigen Wandel unterlegen ist. Wie in der Geschichte des Kulturbegriffes bereits angerissen, unterscheiden sich die Vorstellungen der Aufklärer wie Kant oder Rousseau in gewissem Maße bedeutend. Der Autor versucht den Begriff zu präzisieren und auf diese Weise das vielschichtige Konzept E.B. Taylors zu veranschaulichen27 Geertz übernimmt einen Kulturbegriff von Max Weber, den er für sinnvoller hält: „Ich meine mit Max Weber, dass der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht.“28
Der Autor erklärt Kultur als einen evolutionär übertragenen Komplex von Bedeutungen und Auffassungen in semiotischer d.h. symbolischer Form. Kultur gibt den Menschen die Möglichkeit, ihr gesammeltes Wissen und ihre Fähigkeiten zu kommunizieren und transformieren. Sie stellt somit ein System von Bedeutungen dar, die in Symbolen ausgedrückt werden. Symbole sind dabei „ (...) ineinandergreifbare Systeme auslegbarer Zeichen (...).29
Als Beispiel nimmt er das von Gibert Ryle ausgeführte Beispiel des schnellen Bewegens des Augenlides, das je nach Deutung der Bewegung ein einfaches Augenzucken darstellt oder Symbolhaftigkeit erlangen kann, durch die Absicht dem Interaktionspartner ein Signal bzw. Zeichen zu vermitteln.30 Man muss aber den „öffentlichen Code“, dem die Bewegung zu Grunde liegt, kennen, um das Verhalten richtig deuten zu können. Dieser Veranschaulichung legt er eine einfache Formel zu Grunde: „Ein bisschen Verhalten [Zucken des Augenlids], ein wenig Kultur [öffentlicher Code] und voilà eine Gebärde [Zuzwinkern] “31. In diesem Modell wird folglich der Unterschied zwischen „dünner Beschreibung“ und „dichter Beschreibung“ deutlich. Erst die „dichte Beschreibung“ ermöglicht es Aussagen zu der Bedeutung einer Interaktion zu machen, während die „dünne Beschreibung“ nur das Offensichtliche/Oberflächliche erkennt. Es geht darum, Strukturen zu erkennen und richtig zu interpretieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Dieses Kapitel führt in die etymologischen Wurzeln des Kulturbegriffs ein und definiert ihn als menschliche Begabung zur sinnhaften Orientierung.
2. ZUR GESCHICHTE DES KULTURBEGRIFFS: Hier wird der historische Bedeutungswandel von der antiken Agrikultur bis zum modernen, soziologischen Kulturbegriff während der Aufklärung dargelegt.
3. KULTURBEGRIFF NACH ELIAS UND GEERTZ: Dieses zentrale Kapitel analysiert die zivilisationstheoretische Sicht von Norbert Elias und das semiotische, interpretative Kulturmodell von Clifford Geertz im Vergleich.
4. KULTUR UND IHR WANDEL: Es wird untersucht, wie Globalisierung, Flexibilität und gesellschaftliche Durchmischung den Kulturbegriff in der heutigen Zeit zunehmend komplexer und diffuser machen.
5. ZUSAMMENFASSENDE ERKENNTNISSE: Das abschließende Kapitel resümiert, dass keine eindeutige Definition existiert und unterstreicht die Notwendigkeit, Kultur als ständig im Wandel begriffene, komplexe Dynamik zu verstehen.
Schlüsselwörter
Kultur, Zivilisation, Norbert Elias, Clifford Geertz, Dichte Beschreibung, Semiotik, Kulturwandel, Globalisierung, soziale Struktur, Symbolsysteme, kulturelle Identität, Aufklärung, Interdependenz, Bedeutungsgewebe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Annäherung an den Begriff „Kultur“ und beleuchtet dessen historische Entwicklung sowie unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven darauf.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind der Prozess der Zivilisation, die Beziehung zwischen Kultur und sozialer Struktur sowie die Frage nach dem Wandel von Kultur im Zeitalter der Globalisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch die Gegenüberstellung der Theorien von Norbert Elias und Clifford Geertz ein tieferes Verständnis für die Facetten und die Komplexität des Kulturbegriffs zu erlangen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die theoretische Ansätze der Soziologie und Ethnologie vergleicht und interpretativ in den aktuellen Kontext einordnet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung, eine detaillierte Analyse der Theorien von Elias und Geertz sowie eine Untersuchung der Auswirkungen von Globalisierungsprozessen auf moderne Kulturen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Kultur, Zivilisation, Dichte Beschreibung, Bedeutungsgewebe, soziale Struktur und globaler Kulturwandel.
Wie unterscheidet sich der Kulturbegriff von Norbert Elias von dem von Clifford Geertz?
Elias betrachtet Kultur primär prozessorientiert als Ergebnis historischer Entwicklungen und Zivilisationsprozesse, während Geertz einen semiotischen Ansatz verfolgt und Kultur als ein System von ineinandergreifenden Symbolen und Bedeutungen interpretiert.
Was versteht man nach Geertz unter „dichter Beschreibung“?
Dichte Beschreibung bezeichnet eine Methode, bei der nicht nur das oberflächliche Verhalten (dünne Beschreibung), sondern der dahinterliegende „öffentliche Code“ und die symbolische Bedeutung einer Handlung im Kontext interpretiert werden.
Wie beeinflusst die Globalisierung den Kulturbegriff?
Die Globalisierung führt laut der Arbeit zu einer zunehmenden Vermischung und Differenzierung von Kulturen, was den klassischen Konsensbegriff von Kultur als in sich geschlossene Einheit problematisiert.
- Citation du texte
- Iris Kuckelberg (Auteur), 2009, „Was ist Kultur?“ Eine Annäherung an den Kulturbegriff unter Bezugnahme auf die Theorien von Clifford Geertz und Norbert Elias, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154592