Möglichkeiten und Grenzen in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Der lösungsorientierte Ansatz nach Steve de Shazer


Bachelorarbeit, 2010

44 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil A Vorstellung des lösungsorientierten Ansatzes
1. Geschichte
2. Theoretische Überlegungen
3. Fachliche Werte
3.1 Menschliche Würde respektieren
3.2 Visionen der KlientInnen fördern
3.3 Normalisierung begünstigen
4. Beziehungstypen als Stadien eines Entwicklungsprozesses zwischen KlientIn und PraktikerIn
4.1 Beziehungen vom Typ BesucherIn
4.2 Beziehungen vom Typ KlagendE
4.3 Beziehungen vom Typ KundIn
5. Phasen des Lösungen - Findens
5.1 Beschreibung des Problems
5.2 Wohlformulierte Ziele entwickeln
5.2.1 Die Wunder-Frage
5.3 (Unter)Suchen nach Ausnahmen
5.4 Rückmeldung am Ende der Sitzung
6. Skalierungsfragen

Teil B Geistige Behinderung
1. Was ist Trisomie 21
2. Klinische Grundlagen
2.1 Phänotypische Entwicklung
2.2 Fehlbildungen
2.3 Medizinische Probleme
3. Prävalenz
4. Sprachentwicklung

Teil C Die Anwendung des lösungsorientierten Ansatzes in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung
1. Fallbeispiel
2. Gedanken zur Bedeutung der Haltung des lösungsorientierten Ansatzes
3. Praktische methodische Überlegungen zur Anwendung des lösungsorientierten Ansatzes bei Menschen mit Trisomie 21

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wer ist nicht interessiert an Lösungen?

Lösungsorientierter Ansatz - dies weckte meine Neugier. Was steckt hinter diesem Ansatz? Was ist der Unterschied zum Problem-Lösungs-Ansatz? Könnte dieser Ansatz hilfreich sein für meine, seit relativ kurzer Zeit begonnene, Tätigkeit in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung?

In dieser Einrichtung arbeiten zurzeit rund 260 MitarbeiterInnen mit Behinderung, für die nach §9 der Werkstättenverordnung (WVO) eine SozialarbeiterIn oder eine SozialpädagogIn im Schlüssel 1:120 zur Verfügung stehen soll. Dies bedeutet, täglich unzählige Gespräche mit allen an der Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben1 beteiligten Personen zu führen. Ein Teil davon sind Gespräche mit den MitarbeiterInnen mit Behinderung, die ich in dieser Arbeit KlientInnen nenne. Die unterschiedlichsten Anlässe führen sie in das Büro des Sozialdienstes. Hier eine kleine Auswahl der Themen: Konflikte in der Arbeitsgruppe mit KollegInnen oder dem Fachpersonal, gesundheitliche oder familiäre Sorgen und Nöte, die eigene Zukunftsplanung wie beispielsweise der Wunsch nach Ausgliederung aus der Werkstatt oder auch das „Geschicktwerden“ durch das Fachpersonal, wenn keine Arbeitsmotivation vorhanden ist.

Das Ziel der Einrichtung ist, schnell wieder Arbeitsfähigkeit herzustellen, um dem gesetzlichen Auftrag nachzukommen. Erschwerend kommt dazu, dass fast jedes Gespräch unangemeldet stattfindet, da die meisten KlientInnen Probleme in dem Moment klären müssen, wenn sie auftreten. Einen Gesprächstermin zu akzeptieren, fällt ihnen erfahrungsgemäß schwer. Es schien mir unmöglich, alle 260 Menschen so kennen zu lernen, dass mir ihre jeweilige „Geschichte“ und ihre besondere Situation präsent sind. Wie kann ich als Sozialarbeiterin auf die unterschiedlichen Anliegen eingehen und dabei auch möglichst gut die Besonderheiten jeder KlientIn berücksichtigen? Was bietet mir der lösungsorientierte Ansatz zu diesem Zweck? Welche

Anwendungsmöglichkeiten gibt es in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung? Wo liegen die Grenzen?

Die Bearbeitung der Fragen erfolgt in Form einer Literaturrecherche. Zunächst wird im Teil A der lösungsorientierte Ansatz dargestellt, seine Entstehungsgeschichte, die Haltung und besondere Techniken im Gegensatz zu problemorientierten Ansätzen. Hierbei wird sich hauptsächlich auf Literatur von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg und deren KollegInnen bezogen, welche dort auch näher vorgestellt werden.

Im Teil B geht es darum, einen Einblick in das Thema der geistigen Behinderung zu geben. Es gibt unzählig viele verschiedene, angeborene sowie auch erworbene, Formen und Schweregrade geistiger Behinderung, was den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Aus diesem Grund habe ich eine Form und zwar Trisomie 21 herausgegriffen, da sie die häufigste Ursache angeborener geistiger Behinderung ist. (Sperling in Schwinger, Dudenhausen, S.30) Die beiden Hauptquellen dazu sind einmal Etta Wilken mit dem Titel „Menschen mit Down-Syndrom in Familie, Schule und Gesellschaft“ (2004), sowie ein medizinisch ausgerichtetes Fachbuch mit dem Titel „Menschen mit Down-Syndrom. Genetik, Klinik, Therapeutische Hilfen.“ von Schwinger und

Dudenhausen (2007) als Herausgeber. Die Darstellung des Erscheinungsbildes von Trisomie 21 beschränkt sich auf die aus meiner Sicht wichtigsten Fakten, um ein Verständnis für die besondere Situation dieser Menschen zu bekommen und daraus auch entsprechende Schlussfolgerungen für die konkreten Anwendungsmöglichkeiten des lösungsorientierten Ansatzes ziehen zu können.

Diese Schlussfolgerungen und konkreten Anwendungsmöglichkeiten folgen im Teil C. Dazu fanden sich in der Literatur nur spärliche Ausführungen. In der neuesten Ausgabe des Werkstattbuches der lösungsorientierten Kurztherapie (De Jong / Berg, 2008) gibt es eine kleine Ausführung zu Menschen mit Behinderung. Daneben entdeckte ich im „Handbuch lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern“ von Therese Steiner und Insoo Kim Berg (2009) ein Kapitel über Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen. Unter KlientInnen mit besonderen Bedürfnissen verstehen die Autorinnen unter anderem auch Menschen mit Behinderung. Würde man hiervon auch Erkenntnisse für Erwachsene ableiten können?

Umso spannender war es nach diesen geringen Funden in der Fachliteratur, hier selbst zu recherchieren und das aktuelle Fachwissen zum lösungsorientierten Ansatz mit dem zu Trisomie 21 zu verknüpfen und so eine eigene Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung des lösungsorientierten Ansatzes in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung zu finden. Zur Veranschaulichung für die LeserInnen wurde noch ein kleines eigenes Fallbeispiel in diesen Teil eingefügt.

Teil A Vorstellung des lösungsorientierten Ansatzes

1. Geschichte

Der lösungsorientierte Ansatz beruht vor allem auf der Arbeit des Ehepaares Steve de Shazer (1940 - 2005) und Insoo Kim Berg (1940 - 2006), sowie ihren KollegInnen. De Shazer hat Kunst und Soziologie studiert, hat sich dann der Psychotherapie zugewandt und war Schüler Milton H. Ericksons (1901 - 1980). So gründet sich auch seine Arbeit viel auf Ericksons Prinzipien, zum Beispiel der Hypnotherapie, in der man davon ausgeht, dass sich alle Beteiligten so auf das Problem konzentrieren, dass sie - wie in einem Tunnel - keine anderen Möglichkeiten mehr wahrnehmen können.

Insoo Kim Berg war in Korea Pharmazeutin, siedelte in die USA über und begann dort eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin, wandte sich dann aber der Kurztherapie zu. Dabei traf sie mit de Shazer zusammen.

De Shazer und Berg hatten enge Beziehungen zum Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto2, welches ebenfalls Kurztherapie entwickelte, aber auf Basis des Problem-Lösungs-Ansatzes. Gegenseitiger Austausch fand auch mit dem „Mailänder Team“ um Mara Selvini Palazzoli3 (1916 -1999), deren systemischer Ansatz problemorientiert, auf Änderungen des “kranken“ Systems ausgerichtet, aber gleichzeitig radikal konstruktivistisch war, statt.

De Shazer und Berg waren immer davon überzeugt, „dass ein holistisches4 Beobachten und Reflektieren des aktuellen Arbeitsprozesses sie mehr darüber lehren kann, wie sie effektiv handeln können, als traditionelle wissenschaftliche Forschung, die sich bemüht, den therapeutischen Prozess in vermutete Komponenten zu zerlegen und dann Daten darüber sammelt und interpretiert“(De Jong / Berg 2008, S.39). So ist es nicht verwunderlich, dass sie mit ihren ungewöhnlichen Methoden auf Widerstände stießen. Zum

Beispiel bauten sie Einwegspiegel in den Beratungsraum ein, um durch Beobachten zu erkennen, welche therapeutischen Aktivitäten am hilfreichsten waren. Doch ihre Arbeitgeber waren mit diesem Spiegel nicht einverstanden. Da sie aber so überzeugt von der Wichtigkeit unter anderem dieses Arbeitsmittels waren und unbedingt weiter auf diesem Gebiet forschen wollten, gründete de Shazer 1978 mit Berg und KollegInnen das Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee. Neben dem Forschungs- bzw. Theorieerarbeitungsprogramm finden auch Therapie und Ausbildung dort statt.

Der entscheidende Unterschied zwischen de Shazer, Berg und KollegInnen und dem Problem-Lösen ist also die induktive Vorgehensweise, ein Betrachten dessen, was jeweils nützlich ist. Das Wesen und die Ursache des Problems werden möglichst beiseite gelassen. Demgegenüber leiten sich die meisten Vorgehensweisen deduktiv ab, es wird also interveniert, nachdem die TherapeutIn die Probleme einer bestimmten Theorie zugeordnet hat. De Shazer und Berg weisen darauf hin, dass sie ihre Vorgehensweise nur wenig wissenschaftlich begründen können, dass sie aber wissen, was ihren KlientInnen geholfen hat. Es gab im Jahr 1982 einen Schlüsselfall, bei dem de Shazer darauf gestoßen ist, dass Problem und Lösung nicht notwendigerweise verbunden sind. Damals kam eine Familie zu ihm und seinen KollegInnen in die Beratung, die sie mit scheinbar unendlich vielen Problemen überschüttete. Am Ende der Sitzung lagen 27 verschiedene, nicht klar definierte Probleme auf dem Tisch, was das Team um De Shazer ziemlich handlungsunfähig machte. Auf die aus dieser Hilflosigkeit geborene Frage, was denn überhaupt noch in ihrer Familie funktioniere, fand diese überraschenderweise jede Menge positiver Beispiele und Begründungen, warum sie eine gute Familie seien. (vgl. De Jong / Berg, 2008, S. 40)

Die überraschende Wendung ließ sich nicht mit dem Problem-Lösungs- Ansatz erklären, denn die PraktikerInnen5 hatten die Probleme noch gar nicht einzeln identifiziert, bewertet oder gedeutet. Da sich diese Erfahrung in weiteren Interviews6 wiederholte, wurde die Fokussierung auf die vorhandenen Stärken / Ressourcen der KlientInnen ausgebaut und vom Team weiterentwickelt, so dass daraus das „Lösungen-Finden“ wurde, auch Lösungsfokussierte Kurztherapie7 genannt. Die Erklärung für die Kürze der Therapie beschreiben Berg und Steiner, 2009, S.31 so:

Da man auf die Steigerung und Intensivierung der vorhandenen Ressourcen entweder der Klienten oder seiner Umwelt fokussiert und die Ziele ja vom Klienten bestimmt wurden, wird die Behandlung kurz und die Arbeitsbeziehung kooperativ. Der Klient wird optimistischer in Bezug auf sich selbst, und deshalb ist er hoch motiviert, die gewünschten Veränderungen zu realisieren; die Lösungsideen sind seine eigenen, und außerdem weiß er, was er zur Erreichung seiner Ziele braucht.

2. Theoretische Überlegungen

Genau so, wie wohl jeder Mensch in der westlichen Welt die Ursache seiner Probleme, Krankheiten bzw. die Bedeutung seiner Wahrnehmungen herausfinden will, so ergibt sich auch die Frage, warum der lösungsorientierte Ansatz funktioniert. Das Paradoxe ist aber, dass er wie oben beschrieben nicht aus einer bestimmten Theorie heraus entwickelt wurde, sondern allein aus der Beobachtung, was für die KlientInnen förderlich war. De Shazer selbst sagte laut De Jong und Berg, 2008, S. 496 immer wieder, dass er nicht erklären kann, warum dieser Ansatz hilfreich ist. Dennoch versucht der Mensch - und besonders der Wissenschaftler - immer wieder die Ursache und Bedeutung zu erforschen. So gibt es mittlerweile einige theoretische Implikationen zum lösungsorientierten Ansatz.

Matthias Varga von Kibéd (*1950)8, schreibt im Vorwort zu „Mehr als ein Wunder. Lösungsfokussierte Therapie heute“, dass sich De Shazer vom so genannten alten sokratischen Dialog abgekehrt hat, weil dieser dem Klienten zu wenig Freiraum für eigene Lösungen bietet (vgl. De Shazer / Dolan, 2008, S. 9). Im sokratischen Dialog geht man davon aus, dass immer eine reale Ursache der Wirkung vorausgeht, wogegen De Shazer im lösungsfokussiertem Dialog davon überzeugt war, dass sich alle Faktoren gegenseitig beeinflussen, so dass nicht mehr zwischen Ursache und Wirkung unterschieden werden kann. Des Weiteren wird im sokratischen Dialog der

Mensch quasi erzieherisch zu einem bestimmten Ziel geführt, während bei De Shazer die Haltung des Nichtwissens eingenommen wird und die KlientIn mithilfe der Fragen nach Ausnahmen und Stärken, sowie der Wunderfrage ihre eigenen Möglichkeiten erkundet und auch ihr eigenes Ziel bestimmt. Im lösungsfokussiertem Ansatz wird vor allem mit dem gearbeitet, was momentan an der Oberfläche liegt, die Interaktionen während des Dialoges, auch mit der PraktikerIn.

Geht man also im sokratischen Dialog davon aus, die Wirklichkeit zu kennen, beobachtete De Shazer und sein Team eine Veränderung der Wahrnehmung der KlientInnen im Verlauf des Lösungen-Findens. Diese Veränderung lässt sich nach Meinung von De Jong und Berg am ehesten mit dem sozialen Konstruktionismus erklären:

Diese Sichtweise behauptet, dass das Gefühl eines Menschen dafür, was real ist - einschließlich des Gefühls für das Wesen der Probleme, Kompetenzen und möglicher Lösungen -, in Interaktion mit anderen im Laufe des Lebens konstruiert wird. Man könnte auch sagen, Menschen bringen Bedeutungen hervor, indem sie mit anderen interagieren. (De Jong / Berg, 2008, S. 500)

Somit könnte man stark verkürzt behaupten, dass sich durch die Interaktion mit der lösungsorientierten PraktikerIn die Wahrnehmungen und Definitionen der KlientIn wandeln - weg von der Frage nach den Ursachen, hin zu CopingFragen und Lösungen für ein zufriedeneres Leben.

Da Sprache das Medium menschlicher Interaktion ist, befasste sich De Shazer mit deren wechselseitiger Beziehung zu den Deutungen der KlientInnen und den Lösungen im Verlauf der Therapie. Dabei stieß er unter anderem auf den Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951). Eine wichtige Idee seiner Philosophie war, viele Probleme der Menschen „ als durch eine Art schlechte Philosophie entstanden anzusehen, entstanden über die „Verhexung der Sprache““ (Varga von Kibéd in De Shazer / Dolan, 2008, S. 11) Demzufolge müsste dann die Therapie darin bestehen, diese Verhexung durch offene Fragen aufzuheben. Noch einmal anders formuliert: Durch dogmatische Anwendung der Sprache oder aus dem Kontext gelöste Verwendung der Sprache entstehen Verwirrungen. Über Fragen wird der Betreffende in ein dialogisches Denken geführt und die Verschlingungen aufgelöst. Wittgenstein selbst geht aber nicht davon aus, dass er den einen richtigen Gebrauch / die richtige Deutung der Sprache kennt, analog dem lösungsfokussiertem Denken von Steve de Shazer.

Solche wittgensteinschen Wendungen, aufgefasst als kunstfertige Mittel im Rahmen des Therapiegesprächs, zeigen sich unter anderem in der Auflösung von verdichteten Vorstellungen über innere Zustände und Gefühle und in der Entwicklung neuer hilfreicher Handlungsgewohnheiten bei den Klienten. Gefühle sind für Wittgenstein und für Steve keine inneren Dinge, es sind problematische und irrige Denkgewohnheiten, die uns zu dieser Sicht immer wieder verleitet haben. (Varga von Kibéd in De Shazer / Dolan, 2008, S. 12)

Der lösungsfokussierte Ansatz beruht auf einer Systematik der Methode, nicht aber der Inhalte. Es gibt keine Generalisierung von einem Fall auf weitere Fälle, ebenso wie in Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“ eine generelle Regel im Regelfolgen nicht vorzufinden ist. (Wittgenstein, 1953, 217 ff.)

Aus diesen theoretischen Überlegungen ergibt sich unter anderem die so genannte Haltung des Nichtwissens der PraktikerIn. Man überlässt die Interpretationen und Deutungen - übrigens auch der Fragen der PraktikerIn - komplett der KlientIn und fordert mit den lösungsfokussierten Fragen und einer gewissen ahnungslosen und neugierigen Haltung den Dialog darüber heraus.

Hier eine kleine Zusammenfassung wesentlicher Inhalte der lösungsfokussierten Kurztherapie nach De Shazer / Dolan, 2008, S. 22 - 26:

Lehrsätze:

1. Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren.
2. Das, was funktioniert, sollte man häufiger tun.
3. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man etwas anderes probieren.
4. Kleine Schritte können zu großen Veränderungen führen.
5. Die Lösung hängt nicht zwangsläufig mit dem Problem direkt zusammen.
6. Die Sprache der Lösungsentwicklung ist eine andere als die, die zur Problembeschreibung notwendig ist.
7. Kein Problem besteht ohne Unterlass; es gibt immer Ausnahmen, die genutzt werden können.
8. Die Zukunft ist sowohl etwas Geschaffenes als auch etwas Verhandelbares.

Diese Lehrsätze fassen teilweise noch einmal den theoretischen Hintergrund zusammen, geben aber auch schon Einblicke in das praktische Vorgehen während des Therapie bzw. -Beratungsgesprächs.

Im dritten Kapitel soll es um eine detailliertere Beschreibung des Zusammenspiels der lösungsorientierten Kurztherapie mit den Werten in 10 sozialen Berufen, wie beispielsweise von TherapeutInnen oder von SozialarbeiterInnen, gehen.

3. Fachliche Werte

„Wie passt lösungsorientiertes interviewen zu den Werten, die die Praxis helfender Berufe leiten sollte?“ (De Jong / Berg 2008, S.363) Sie beziehen sich dabei auf die Liste von Werten und daraus resultierenden Prinzipien für die Praxis von Sheafor und Horejsi (2007). Im Text werden elf Werte diskutiert: Menschliche Würde respektieren, Dienstleistungen individualisieren, Visionen der KlientInnen fördern, auf Stärken aufbauen, Beteiligung der KlientInnen ermutigen, Selbstbestimmung maximieren, auf Übertragbarkeit achten, Empowerment der KlientInnen maximieren, Vertraulichkeit schützen, Normalisierung begünstigen, Änderung kontrollieren.

Auf drei dieser Werte, die der Verfasserin im Umgang mit Menschen mit Behinderung besonders wichtig sind, wird nun näher eingegangen:

3.1 Menschliche Würde respektieren

Die Überzeugung, dass jedes menschliche Wesen ein Recht darauf hat, würdevoll behandelt zu werden, hat Auswirkungen auf den Umgang mit KlientInnen. „Nach BIESTEK (1957) sind alle Aspekte einer KlientIn zu akzeptieren - ihre Stärken und Grenzen, ihre positiven und negativen Haltungen, ihr augenscheinlich gesundes oder ungesundes Verhalten und ihre attraktiven und unattraktiven Qualitäten und Gewohnheiten.“(De Jong / Berg 2008, S.364, 365) Diese Akzeptanz ist nicht an Bedingungen gebunden, bedeutet aber nicht, dass man alles gutheißen muss. Des Weiteren verlangt der Respekt vor der Menschenwürde eine Haltung des Nicht - Urteilens über die KlientIn und deren Geschichte. Die Akzeptanz der KlientIn und die Haltung des Nicht - Urteilens sind wesentliche Grundlagen für das Entstehen einer vertrauensvollen Beziehung zwischen PraktikerIn und KlientIn.

Das Lösungen-Finden präzisiert diese fachlichen Werte, da es in jeder Phase die Wahrnehmung der KlientIn und ihren Bezugsrahmen akzeptiert. Die KlientInnen werden ermutigt, „ExpertInnen für sich und ihr Leben zu sein“ (De Jong / Berg 2008, S.366).

3.2 Visionen der KlientInnen fördern

Die Entwicklung wohlformulierter Ziele beim Lösungen-Finden ermutigt die KlientIn, ein eigenes Bild ihres Lebens ohne das Problem zu entwerfen. Visionen werden ausgiebig gefördert, indem das Wunderbild Schritt für Schritt erfragt und ausgemalt wird. Da die KlientIn dies selbst innerhalb ihres Bezugsrahmens tut, stärkt es Motivation und Selbstvertrauen und bleibt realistisch, weil es eigene Visionen sind und nicht die der PraktikerIn.

3.3 Normalisierung begünstigen

Dieser Wert ist erst in der überarbeiteten und erweiterten Auflage des Werkstattbuches der lösungsorientierten Kurztherapie von 2008 hinzugekommen. Er bezieht sich auf ein Arbeitsfeld Sozialer Arbeit, in welchem Menschen mit besonderen Bedürfnissen, beispielsweise bei geistiger Behinderung oder chronisch psychischer Erkrankung, Unterstützung angeboten wird. Da es in dieser Bachelorarbeit um genau den Tätigkeitsbereich geht, soll hier ausführlicher darauf eingegangen werden.

„Die Gesellschaft tendierte bisher dazu, diese Menschen zu isolieren und eine Lebensweise aufzuzwingen, die das Stereotyp ihrer Behinderung widerspiegelt und unterhalb der Möglichkeiten dieser Menschen angesiedelt ist“ (De Jong / Berg 2008, 374) Die ersten Bestrebungen zur Normalisierung gingen vom dänischen Juristen und Verwaltungsbeamten N. E. Bank - Mikkelsen (1919 - 1990) aus. Er und einige andere Personen empfanden das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung in den großen Einrichtungen, abgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben als unwürdig. Ihre Ideen dazu fanden 1959 im dänischen „Gesetz über die Fürsorge für geistig Behinderte“ Eingang. Der Gedanke breitete sich langsam in anderen Ländern aus und so folgte 1969 die erste Darstellung in der Fachliteratur durch den Schweden Bengt Nirje (1924 - 2006). Er hatte Jura und Literaturwissenschaft studiert und wurde später noch Sozialarbeiter. „…Das Normalisierungsprinzip beinhaltet, allen Menschen mit geistiger Behinderung Lebensmuster und Alltagsbedingungen zugänglich zu machen, die den üblichen Bedingungen und Lebensarten der Gesellschaft so weit als möglich entsprechen…“ (Nirje in: Fischer, U. et al., 1994, S. 175 ff.). Keinesfalls bedeutet dies, die Menschen mit geistiger Behinderung zu „normalisieren“! Anhand folgender acht Bereiche schilderte Nirje, was das Normalisierungsprinzip beinhaltet:

- Normaler Tagesrhythmus: der gesamte Tagesrhythmus ist dem altersgleicher nicht behinderter Menschen anzupassen, z. B.: in einem Wohnheim mit Jugendlichen, die geistig behindert sind, kann nicht generell 22.00 Uhr Nachtruhe angeordnet werden, nur weil der Dienst des Personals endet.

- Trennung von Arbeit - Freizeit - Wohnen: Ortswechsel (beispielsweise nicht aus dem Wohnheim nach nebenan zur Werkstatt des Trägers) und Wechsel der Kontaktpersonen, tägliche Phasen von Arbeit und Freizeit, nicht nur eine Stunde pro Woche Beschäftigung

- Normaler Jahresrhythmus: Feiertage, Familienfeste, Ferien und Verreisen haben selbstverständlich ihren Platz

- Normale Erfahrungen eines Lebenszyklus: das bedeutet Angebote entsprechend des Lebensalters (z.B. keine Kinderlieder im Chor der Erwachsenen mit Behinderung, keine Kinderbasteleien im Kreativen Gestalten)

- Respektierung von Bedürfnissen: Wünsche, Entscheidungen und Willensäußerungen sind nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch zu berücksichtigen.

- Angemessene Kontakte zwischen den Geschlechtern: Menschen mit geistiger Behinderung sind Jungen und Mädchen, Männer und Frauen mit Bedürfnissen nach (anders) geschlechtlichen Kontakten. Diese sind ihnen zu ermöglichen.

- Normaler wirtschaftlicher Standard: …als Voraussetzung für ein möglichst normales Leben…ist im Rahmen der Sozialgesetzgebung sicherzustellen.

- Standards von Einrichtungen:…z.B. für Schulen, Werkstätten und Wohnheime sollen hinsichtlich Größe, Lage und Ausstattung dem entsprechen, was dem gewöhnlichen Bürger geboten wird.

Eine konsequente Umsetzung dieses Prinzips bedeutet nach Nirje räumliche, soziale und gesellschaftliche Integration der Menschen mit geistiger Behinderung entsprechend der Häufigkeit des Vorkommens in der Bevölkerung. Für das Wohnen hieße das zum Beispiel, kleine dezentrale Wohneinheiten „eingestreut“ in normale Wohngegenden und keine Anstalten und riesige Wohnheime am Rande der Stadt.

Nachdem man also das Normalisierungsprinzip kennengelernt hat, ist leicht festzustellen wie gut der Lösungsorientierte Ansatz dazu passt. Die KlientIn ist hier - ganz gleich welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Herkunft usw. - ExpertIn für ihr Leben. Der Fokus liegt nicht auf der Behinderung, sondern auf den Stärken und Erfolgen. Das Fragen nach Ausnahmen und Bewältigungsstrategien, sowie das Geben von Komplimenten weckt nach De Jong und Berg, 2008, S. 374 / 375 Hoffnung für die Zukunft und eigene kreative Gedanken zum Umgang mit den gegebenen Einschränkungen.

Lösungsorientiertes Arbeiten kann laut De Jong und Berg folglich die fachlichen Werte helfender Berufe ideal mit Leben füllen.

4. Beziehungstypen als Stadien eines Entwicklungsprozesses zwischen KlientIn und PraktikerIn

Die Erfahrung von De Shazer und seinen KollegInnen am BFTC, so wie an vielen anderen Einrichtungen zeigte, dass es hilfreich für die TherapeutIn sein könnte, die zu den KlientInnen entstehende Beziehung in drei Kategorien - BesucherIn, KlagendE, KundIn - zu unterteilen. Dies soll auf keinen Fall als eine Einteilung bzw. Bewertung der KlientInnen in zum Beispiel kooperativ und nicht kooperativ verstanden werden.

Ihre Aufgabe als Praktikerin an diesem Punkt der lösungsorientierten Arbeit bleibt dieselbe - eine kooperative, arbeitsfähige Beziehung zur KlientIn aufzubauen und zwar beim Entwickeln einer Definition dessen, was die KlientIn in ihrem Leben anders haben möchte und was sie motiviert, dies zu schaffen. (De Jong / Berg 2008, S.106)

Die Beziehungstypen können sich im Verlauf des ersten Gespräches oder weiterer Sitzungen ändern, auch kann eine KlientIn zu einer PraktikerIn eine Beziehung vom Typ KundIn entwickeln und zu einer anderen PraktikerIn vom Typ BesucherIn. Es ist also auch eine Reaktion der KlientIn auf die jeweilige PraktikerIn. Die Einteilung der Beziehungstypen im lösungsorientierten Ansatz hilft der PraktikerIn herauszufinden, was die KlientIn wollen könnte und ist wichtig für die Erteilung einer Aufgabe im Rahmen der Rückmeldung am Ende der Sitzung, worauf ich unter 5.4. näher eingehe. Zunächst eine kurze Schilderung der drei Beziehungstypen:

[...]


1 Laut Sozialgesetzbuch (SGB) IX

2 Mitarbeiter dort waren unter anderem Paul Watzlawick, Jay Haley, Virginia Satir, Gregory Bateson und John Weakland, mit dem de Shazer befreundet war.

3 Internistin, Psychiaterin, Psychoanalytikerin

4 Ganzheitliches, Anmerkung der Verfasserin

5 Bei De Jong und Berg werden so die Therapeuten, Sozialarbeiter, Ärzte usw. genannt, die das lösungsorientierte Gespräch führen

6 Interview meint in diesem Kontext Gespräch / Therapie / Beratung 7

7 International anerkannt ist die Bezeichnung Solution Fokused Brief Therapy (SFBT), im deutschsprachigen Raum wird es laut De Shazer und Dolan 2008, S. 17 sowohl als lösungsfokussierte, als auch als lösungsorientierte Kurztherapie bezeichnet. Diese unterschiedlichen Bezeichnungen der verschiedenen Autoren finden sich auch in dieser Arbeit wieder.

8 derzeit Professor am Institut für Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie der Universität München

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Der lösungsorientierte Ansatz nach Steve de Shazer
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
44
Katalognummer
V154689
ISBN (eBook)
9783668306172
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, grenzen, arbeit, menschen, behinderung, ansatz, steve, shazer
Arbeit zitieren
Helvi Geiger (Autor), 2010, Möglichkeiten und Grenzen in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Der lösungsorientierte Ansatz nach Steve de Shazer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154689

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Möglichkeiten und Grenzen in der Arbeit mit  Menschen mit geistiger Behinderung. Der lösungsorientierte Ansatz nach Steve de Shazer



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden